Die Stadt Zürich hat mit dem Klimaforum die relevantesten Stakeholder aus der Bau- und Immobilienwirtschaft zu einem Strategie-Dialog eingeladen, um Zürich zukunftsorientiert weiterzubauen. Die Veranstaltung vom 5. Mai 2026 fand im Rahmen der Climate Week Zurich im Kraftwerk Selnau statt. Über 120 Fachleute aus der gesamten Wertschöpfungskette – von Investor*innen und Bauherrschaften über Architekt*innen und Planer*innen bis zu Vertreter*innen von Bauunternehmen, Baustofflieferanten und der Stadtverwaltung – diskutierten nach Inputs aus der Praxis gemeinsam über Herausforderungen, Hürden und Lösungen. In interdisziplinären Gruppen wurden Lösungsansätze zu Strategien weiterentwickelt.
- Klimakonforme Ausschreibung: Um klimafreundliche Entwürfe zu fördern, wird vorgeschlagen, im Wettbewerbsverfahren klare Vorgaben für die THG-Intensitäten von Flächen und Material zu machen, aber auch bezüglich der Flächennutzung pro Person. Insbesondere bei Umbauten solle die Strukturierung der Planungsphasen dem Design- &-Build-Ansatz angepasst werden.
- Potenzial Bestandeserneuerung: Um das Potenzial zu identifizieren und zu nutzen, wird angeregt, die Prüfung einer Bestandserneuerung obligatorisch einzufordern und ein niederschwelliges Vergleichstool dafür zu entwickeln. Auch könnten Anreizsysteme geprüft werden, zum Beispiel ein Arealbonus bei einem Bestandserhalt oder eine Mehrwertabgabe bei einem Neubau.
- Emissionsarme Baustoffe: Um die Anwendung von emissionsarmen Baustoffen zu skalieren, bietet sich an, die Nachfrage nach CSS-Zement durch die öffentliche Hand in einem Buyers-Club zu bündeln. Zudem wurde die Reduktion der Ansprüche an das Baumaterial sowie die Einführung eines Pfandflaschen-Systems für Beton-Recycling diskutiert.
- Dialog für die Umsetzung: Um dank optimalem Dialog zwischen Stadtverwaltung und Baubranche klimafreundliches Bauen zu fördern, wurde unter anderem die Digitalisierung von Bewilligungsprozessen diskutiert. Die Verbindlichkeit von Aussagen im Beratungsprozess während der Baueingabe soll klarer deklariert und erhöht werden.
- Effiziente Flächennutzung: Um mit Strategien der effizienten Flächennutzung mehr klimafreundlichen Wohn- und Arbeitsraum zu schaffen, wird vorgeschlagen, dass eine effizient organisierte Vermittlung die gemeinsame Raumnutzung sowie eine zeitliche Koordination ermöglichen soll. Dazu wurde ein System diskutiert, das durch jenes von Mobility inspiriert sein und von Immobiliengesellschaften betrieben werden könnte.
- Wiederverwendung (Re-Use): Für die Auflösung von Barrieren beim Re-Use von Bestand und Bauteilen, wird vorgeschlagen, dass die Erstellungsemissionen in die Gesamtbetrachtung beim GEAK Plus integriert werden und die Beratenden darauf geschult werden. Für die Lösung von Garantiefragen und Ausführungsrisiken, welche die Wiederverwendung von Bauteilen hemmen, wird eine Versicherung bzw. ein Fonds vorgeschlagen.
- Schlank bauen: Um das schlankere Bauen zu fördern, bietet sich eine konsequente Systemtrennung von funktionalen Bauteilen nach deren Lebensdauer und Austauschbarkeit an. Dazu brauche es einen Prozess für die phasenweise Zielüberprüfung mit allen Beteiligten.
Klimaforum mit Fokus klimakonformes Bauen
Stadtrat Andreas Hauri, Vorsteher des Gesundheits- und Umweltdepartements, legte den Grundstein mit einer klaren Anforderungsanalyse und lud zur Zusammenarbeit mit der Stadt ein. Er betonte, dass der Gebäudebereich für rund ein Viertel der Treibhausgasemissionen pro Kopf verantwortlich sei und für die angestrebte Reduktion der Treibhausgasemissionen um 60 % bis 2040 Massnahmen auf allen Ebenen an Schwung gewinnen müssen.
Andreas Haug, Co-Geschäftsleiter beim Baubüro in situ, inspirierte mit einer Analyse der Dringlichkeit und mit innovativen Ansätzen. Er zeigte am Beispiel des Projekts Werkstadt Areal auf, dass Strategien zur CO2-Reduktion am wirkungsvollsten sind, wenn sie den Bestand und die Wiederverwendung von Bauteilen konsequent priorisieren. Zudem betonte er, dass für die Wirtschaftlichkeit eine Bepreisung von CO2 nach dem Verursacherprinzip wichtig sei.
Regierungsrat Martin Neukom, Baudirektor Kanton Zürich, stellte eine politische Rückendeckung für den Bestandeserhalt in Aussicht. Er zeigte die geringe Effizienz von Ersatzneubauten für die innere Verdichtung auf und erläuterte, wie seine Direktion mit einer Vorlage das Weiterbauen im Bestand massiv vereinfachen möchte. Dabei sollen neun Paragraphen im Planungs- und Baugesetz angepasst werden – etwa zu Mindestflächen oder Mindesthöhen von Räumen.
Stefanie Kägi und Florian Suter, Umwelt- und Gesundheitsschutz Zürich, zeigten auf, welche Spielräume die Stadtverwaltung prüft, um klimafreundliches Bauen zu fördern: von finanziellen Anreizen und Regulierungsanpassungen über Innovationen und die Vorbildfunktion bei der Umnutzung eigener Gebäude bis zur Einflussnahme bei Bund und Kanton.
Adrian Eitle, Durable Planung und Beratung, Wüest Partner, richtete schliesslich den Fokus auf die Möglichkeiten, um graue Emissionen beim Neubau gezielt zu minimieren. Er verdeutlichte, dass rund 70 % der Treibhausgasmissionen bereits in der Vorstudienphase festgelegt seien. Sein Credo: Zuerst den Prozess optimieren, dann die Konstruktion und erst zuletzt das Material – mit Fokus auf Flächeneffizienz oder Flexibilität durch Systemtrennung.
- Johanna Hohenwarter, ETH Zürich, Professur für Baustatik, plädierte für eine Treibhausgasbilanzierung und Optimierung des gesamten Systems statt nur einzelner Baustoffe und Materialien.
- Lilia Barkaoui, Gesamtprojektleiterin, Losinger Marazzi, thematisierte den Umgang mit Risiken. Nachhaltigkeit solle in der DNA eines Projekts liegen: Eine geteilte Vision, die Entwicklung einer schlanken Architektur sowie die Wahl von Baustoffen im Einklang mit der Technik seien entscheidend.
- Patrick Wildberger, stellvertretender Leiter Nachhaltigkeit, Pensimo, zeigte auf, wie klimafreundliches Bauen in der Investmentstrategie verankert und Projekte in verschiedenen Nachhaltigkeitsdimensionen verglichen werden können.
- Michael Mettler, Architekt, SHIFT, Mettiss AG, präsentierte einen Low-Tech-Ansatz für Bestandsbauten. Durch die Nutzung der Baumasse als Temperatur-Puffer, hocheffiziente Wärmepumpen sowie Klimakonvektoren können Betriebsemissionen auf ökonomische Weise gegen Null gesenkt werden.
In einer Art Entwicklungslabor erforschten die Teilnehmenden zuletzt durch gegenseitige Interviews ihre Handlungsspielräume. Dabei identifizierten die einzelnen Berufsgruppen spezifische Knacknüsse: Architekt*innen sehen sich oft mit starren Normen konfrontiert, während Investor*innen Planungssicherheit benötigen. Eine Vertreterin der Stadtverwaltung legte dar, wie die Verwaltung zu mehr Planungssicherheit beitragen könnte, indem sie mehr Transparenz über die Entscheidungskriterien im Bewilligungsverfahren herstellt. Die Erkenntnis aller war einhellig: Nur durch das Verständnis der Zwänge des jeweils anderen können gemeinsame Wege gefunden werden.
Zum Abschluss planten die Teilnehmer*innen ihren eigenen nächsten Schritt, um in die Umsetzung zu kommen. Eine erste Auswertung verspricht viel Wirkung: So nahm sich jemand vor, sein Team für die THG-Berechnung in frühen Phasen zu befähigen. Eine andere Teilnehmerin plante, ihren Totalunternehmer um eine CO2-Bilanzierung zu bitten. Jemand anderes plant, Bauteile in die Bauteilbörse zu bringen.
René Estermann, Direktor Umwelt- und Gesundheitsschutz, schloss das Klimaforum mit motivierenden Worten ab. Am Ende des Events zeigte sich eindrücklich, dass das Engagement in der Branche gross ist: Ein Grossteil der Anwesenden erklärte sich bereit, Lösungsansätze in Netzwerken weiterzuentwickeln oder als Botschafter*in für klimafreundliches Bauen zu wirken und Kolleg*innen auf ihre Handlungsoptionen hinzuweisen.
Der Anlass wurde durch das Klimaforum Zürich organisiert (Co-Leitung durch Umwelt- und Gesundheitsschutz Zürich und Impact Hub Zürich). Das Klimaforum plant, die gesammelten Herausforderungen und deren Lösungen an einem Folgeanlass am 21. September 2026 zu vertiefen und weiterzuentwickeln.