Mit unterschiedlichen Zielen und Herausforderungen trafen sich Anfang September rund 50 Vertreter*innen lokaler Gewerbe- und Dienstleistungsbetriebe, Genossenschaften, Stiftungen und Vereine zum Austausch auf dem Areal von Spross Transport & Recycling. Am zweiten Klimaforum im Pilotquartier Netto-Null im Gebiet Binz und Alt-Wiedikon wurde aufmerksam zugehört, sorgfältig mitgedacht und konstruktiv ausgetauscht: Wie lassen sich Liegenschaften ressourcenschonend sanieren? Wie lässt sich Abwärme quartierweit nutzen? Wo stösst man finanziell an Grenzen und wie kann die Stadt mit ihren Förder- und Beratungsangeboten gezielt unterstützen?
Ebenso offen wie die Beweggründe gestaltete sich die Methodik der Veranstaltung: das Open-Space-Format. Nach dem Prinzip einer strukturierten, produktiven Kaffeepause bestimmten die Teilnehmenden die Agenda selbst. Mitgebrachte oder aufgekommene Anliegen wurden in zwei intensiven Diskussionsrunden vertieft. Vorgegeben war die Leitfrage: «Was wollen wir als Unternehmen im Pilotquartier Netto-Null in den nächsten fünf Jahren gemeinsam erreichen?»
Dass im Pilotquartier bereits vieles in Bewegung ist, zeigten kurze Spotlights lokaler Akteur*innen gleich zu Beginn des Abends:
- Res Witschi, Swisscom, rückte die Frage ins Zentrum, wie zukunftsweisende Technologien wie künstliche Intelligenz pragmatisch für die Dekarbonisierung genutzt werden können. Sein Fokus lag dabei auf kleineren und mittleren Unternehmen (KMU): Wie lassen sich Ökobilanzierungen und datenbasierte Klimamassnahmen auch dort etablieren, wo grosse Budgets und spezialisierte Fachabteilungen fehlen?
- Ursina Mayor von Birdlife Zürich erinnerte daran, dass Klimaschutz und Biodiversität Hand in Hand gehen müssen, vor allem in der Planung. Sie unterstrich, dass die Bevölkerung der Stadt – gerade in Hitzesommern – von einer vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt profitiere.
- Micha Brunner, Holcim, stellte ressourcenschonende, vier Zentimeter dünne Carbonbeton-Platten (CPC) mit langer Lebensdauer vor. Beton werde im kollektiven Gedächtnis oft als nicht nachhaltig angesehen. Sein Appell: «Ein Bauchgefühl ist im Klimaschutz wichtig – manchmal muss es aber mit transparenten Daten und Fakten geeicht werden.»
- Patricia Wepfer vom Bauteillager betonte den grossen Hebel von Planenden zu Beginn eines Bauprojektes. Mit einem geplanten Lager auf circa 300 Quadratmetern in der Binz soll zirkuläres Bauen direkt vor der Haustür der vielen ansässigen Architekturbüros erfahrbar werden.
- Natalia Peroni zeigte auf, wie die Lebensmittelkooperative Binz über direkte Wege ohne Zwischenhandel lokale Versorgung stärkt. Ein grosser Hebel liege darin, Unternehmen in die Pflicht zu nehmen und Lieferwege zu verkürzen.
- Milosh Fink zeigte mit dem Projekt «PV-Matchmaking» auf, wie die Energiewende direkt auf den Dächern des Quartiers beschleunigt werden kann. Die Plattform soll Stromproduzierende und Interessierte gezielt zusammenbringen, Know-how vermitteln und die Hürden für gemeinsame Solarprojekte im Quartier senken.
Anschliessend konnten die Teilnehmenden auf einem «Themen-Marktplatz» ihre mitgebrachten Fragen und Anliegen zunächst auf Post-its festhalten. Die Themen wurden gemeinsam gesichtet und in zwei aufeinanderfolgenden Runden vertieft. Die Themen waren unter anderem:
Wasserkreisläufe und Nährstoffrecycling
Wasser muss im städtischen Raum ganzheitlich gedacht werden: Das Spektrum reicht von der Vorsorge gegen potenziell zunehmende Trockenperioden über die Schaffung von Sickerflächen bis hin zum Grauwasser- und Nährstoffrecycling. Diskutiert wurden standardisierte Lösungen für Bauherrschaften, potenzielle Speicherlösungen für regenarme Sommer sowie ein Neudenken von Anreizen und Gebühren.
Josy Light: Kreislaufwirtschaft im Quartier verankern
Inspiriert vom Kreislaufzentrum «Josy» im Kreis 5 beschäftigte sich eine Gruppe mit der Machbarkeit eines «Josy Light» im Pilotquartier als Umschlag- und Reparaturzentrum für Werkzeuge, Materialien und Gebrauchtgüter auf ungenutzten Areal- oder Tiefgaragenflächen. Noch offen blieb die Frage der Finanzierung.
Mobilität und Reisen neu ausrichten
Braucht jedes Unternehmen im Quartier eigene Firmenfahrzeuge? Und müssen alle Bewohnenden ein eigenes Auto besitzen? Zu dieser Frage fanden sich viele Interessierte zusammen. Die Teilnehmenden skizzierten Sharing-Konzepte für Gewerbefahrzeuge und das Entsiegeln von Firmenparkplätzen. Auch das Thema Geschäftsreisen kam auf: Neben betriebsinternen Reiserichtlinien braucht es Anreize, um zeitintensive, aber CO2-arme Bahnreisen attraktiv zu machen.
Was braucht es von der Stadt – und was von den Unternehmen?
«Die Stadt soll mutig sein und die Unternehmen auch.» Mit diesen Worten fassten die Teilnehmenden die gemeinsame Verantwortung treffend zusammen. In der Reflexion der Gruppe kristallisierte sich folgende zentrale Erkenntnis heraus: Ein Pilotgebiet entfaltet seine volle Wirkung, wenn wirtschaftliche und regulatorische Freiräume mutig erprobt werden. Subventions- und Abgabenmodelle müssen planetare Leistungen belohnen und Pilotprojekte sollten den Mut haben, neue Massstäbe bei Vergaben und Kooperationen zu setzen. Gleichzeitig braucht es den langen Atem lokaler Akteur*innen im Quartier.
Klimaforum mit Fokus Unternehmen im Pilotquartier Netto-Null
Die Teilnehmenden gingen mit persönlichen Vorhaben nach Hause: von der Prüfung der statischen Dachkapazitäten für Solaranlagen über die Überarbeitung betrieblicher Mobilitätsrichtlinien bis hin zu geplanten Gesprächen mit der eigenen Geschäftsleitung. Auch das Projektteam der Stadt Zürich nimmt klare Aufgaben mit – deponiert wurden Anliegen wie verstärkte Informationen über Stromnetzkapazitäten im Quartier, bessere Vernetzung der städtischen Fachstellen und die Prüfung flexiblerer Rahmenbedingungen für Projekte im Pilotquartier.
Der Abend hat gezeigt: Es wurden Brücken geschlagen, neue Kontakte geknüpft und bestehende Netzwerke aktiviert. Das Pilotquartier bringt mit, was es braucht, um als Pionier*in für ein klimafreundliches Zürich voranzugehen. Damit aus diesen Ideen reale Umsetzungen entstehen, helfen Plattformen wie das Klimaforum, bei denen die Menschen zusammenkommen.
Der Austausch geht nahtlos in die Praxis über: Im Pilotquartier steht am 26. September bereits die nächste Runde der Projektschmiede an. Das Klimaforum fokussiert sich nach zwei Anlässen im Pilotquartier wieder auf stadtweite Veranstaltungen. Für Unternehmen organisiert das Pilotquartier-Team Anfang 2027 einen nächsten Austausch. Zudem soll der Stadtkontrakt als Gefäss für Kontakt und Vernetzung zur Umsetzung im Quartier ausgebaut werden.