Michelle Grant ist Gründerin von The Great Full und Kochbuchautorin. Toya Bezzola ist Gründerin von Food of Change und Co-Gründerin des Elfenauhof in Bern. Zusammen haben sie FoodHaus ins Leben gerufen und führen das Programm seit 2025.
Was hat dazu geführt, dass ihr euch heute mit dem Thema Ernährung und Gesundheit auseinandersetzt?
Michelle Grant: Seit meiner Kindheit frage ich mich, wie wir eine gesunde Beziehung zur Natur aufbauen können. Ich habe Umweltingenieurwesen und nachhaltige Entwicklung studiert. Als ich ins Berufsleben einstieg, fiel mir auf, dass all die Themen, mit denen wir uns beschäftigten – vom Klimawandel über den Verlust der Artenvielfalt bis hin zu nachhaltigen Lebensgrundlagen – auf die eine oder andere Weise mit Ernährungs- und Agrarsystemen zusammenhängen. Mir wurde klar, dass Lebensmittel wie eine Lupe wirken, durch die wir viele der Herausforderungen unseres Planeten erkennen und angehen können. Wir alle haben eine einzigartige Verbindung zu Lebensmitteln, die durch unsere Kultur und Lebensweise geprägt ist. Deshalb sind Lebensmittel für viele Menschen ein zugänglicher Ansatzpunkt. Sie bieten auch eine freudvolle Möglichkeit, Menschen zusammenzubringen und sie wieder mit sich selbst, miteinander und mit dem Planeten in Verbindung zu bringen.
Toya Bezzola: Seit meiner Kindheit habe ich eine Leidenschaft für Gastronomie. Ich liebe es, Gastgeberin zu sein und den Menschen Freude zu bereiten. Essen ist für mich so viel mehr als Treibstoff. Essen hat die Kraft, Menschen zu berühren, sie zusammenzubringen, ihnen ein Gefühl von einem Daheim zu schenken - und sie für Neues zu begeistern. Meine Begeisterung entfachte sich als Kind in der Hotelküche meiner Tante in den Bündner Bergen. Von da hat mich meine Neugierde immer weitergebracht, bis hin zu einer vertieften Auseinandersetzung damit, wie wir Lebensmittel produzieren, konsumieren und was das für uns und unsere Zukunft bedeutet.
Was wäre euch wichtig, wohin sich unser Ernährungssystem in Zukunft entwickelt?
Beide: Uns ist wichtig, dass sich unser Ernährungssystem in Richtung mehr Vielfalt, Verbundenheit und Resilienz entwickelt. Wir wünschen uns ein System, das die natürlichen Grenzen unseres Planeten respektiert und gleichzeitig die Menschen in den Mittelpunkt stellt. Dabei glauben wir nicht an die eine grosse Lösung, sondern an viele unterschiedliche, lokal angepasste Ansätze, die aus den jeweiligen Regionen und Gemeinschaften heraus entstehen. Um diese Zukunft zu gestalten, brauchen wir wertschätzende Zusammenarbeit, gegenseitiges Vertrauen und die Bereitschaft, voneinander zu lernen. Denn die Herausforderungen sind gross, aber Lösungen entstehen dort, wo Menschen gemeinsam Verantwortung übernehmen und neue Wege ausprobieren.
Welchen Tipp würdet ihr jemandem geben, der*die seine*ihre Ernährung nachhaltiger gestalten möchte?
Michelle Grant: Eine abwechslungsreiche Ernährung mit viel frischem Obst und Gemüse, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten sowie pflanzlichen Proteinen und Fetten ist eine hervorragende Möglichkeit, die eigene Gesundheit und die Gesundheit unseres Planeten zu fördern. Drei Kulturpflanzen liefern allein fast 60 % aller weltweit konsumierten Kalorien. Daher ist der Verzehr einer vielfältigen Auswahl an Lebensmitteln – einschliesslich ungewöhnlicher und traditioneller Sorten – ein hervorragender Weg, um zum Aufbau biologisch vielfältigerer Produktionssysteme beizutragen. Zudem ist, soweit es dir möglich ist, so wenig tierische Lebensmittel wie möglich zu essen, ein wichtiger Schritt, um die erheblichen Klimaauswirkungen unseres Ernährungssystems zu verringern. Dies ist jedoch nicht nur eine persönliche Verantwortung. Es ist wichtig, dass wir unsere Politik und unsere Systeme so gestalten, dass diese Ernährungsweisen für die Menschen zugänglich, erschwinglich und genussvoll sind.
Toya Bezzola: Und vielleicht ist es dir wichtig, nachhaltige Betriebe und das lokale Handwerk zu unterstützen. Dies kann helfen, eine Vielfalt im Ernährungssystem zu pflegen und die lokale Wirtschaft zu stärken. Du kannst anfangen, Personen hinter den Produkten kennenzulernen und Fragen zu stellen. Beispielsweise, indem du auf einen Markt gehst, einen Workshop besuchst oder in einem Spezialitätenladen auf Entdeckungsreise gehst.
Bei eurer Ausbildung betrachtet ihr das Ernährungssystem als Ganzes. Wieso ist das für euch zentral?
Toya Bezzola: Ernährungssysteme sind hochkomplex. Wie wir Lebensmittel produzieren, verarbeiten, handeln, konsumieren und entsorgen, hat Auswirkungen auf gesamtgesellschaftlicher Ebene. Viele der heutigen Herausforderungen – vom Klimawandel über den Verlust der Biodiversität bis hin zu sozialen Ungleichheiten – lassen sich deshalb nicht isoliert lösen. Wir brauchen ein Verständnis für die grösseren Zusammenhänge, um langfristige und tiefgehende Lösungen zu finden. Sonst betreiben wir lediglich Symptombekämpfung.
Michelle Grant: Für uns gehört zu einem ganzheitlichen Verständnis aber nicht nur das System, sondern auch der Mensch selbst dazu – sowohl als System als auch als Teil eines Systems. Nachhaltige Transformation entsteht nicht nur durch innovative Ideen oder bessere Technologien, sondern auch durch die Fähigkeit, die eigene Rolle zu reflektieren, mit Unsicherheit umzugehen und konstruktiv mit anderen zusammenzuarbeiten. Wir unterstützen die Teilnehmenden dabei, die Dynamiken im Ernährungssystem sowie ihre eigenen Handlungsmuster besser zu verstehen. Denn echte Veränderung beginnt oft dort, wo persönliches Wachstum und systemischer Wandel zusammenkommen. Das spielt in unserem FoodHaus eine zentrale Rolle: Wir wollen Menschen befähigen, ihre Stärken und Ressourcen zu entdecken und zu nutzen, konstruktiv mit Unsicherheiten umzugehen und Vertrauen in ihre Fähigkeit zu entwickeln, die Zukunft gemeinsam mit anderen zu gestalten.
Eure Teilnehmenden kommen aus der ganzen Welt nach Zürich, was zeichnet diese internationale, sektorübergreifende Zusammenarbeit aus?
Michelle Grant: Unsere Teilnehmenden bringen Perspektiven aus unterschiedlichen Ländern, Kulturen und Berufsfeldern mit. Sie haben beispielsweise einen Hintergrund in Gastronomie, Landwirtschaft, Wissenschaft, Architektur, Entwicklungszusammenarbeit. Diese Vielfalt schafft einen einzigartigen Raum für Austausch und gemeinsames Lernen über den eigenen Tellerrand hinaus.
Toya Bezzola: Gleichzeitig verankern wir die globalen Perspektiven bewusst im lokalen Kontext. Gemeinsam mit Partnern wie Gut Rheinau oder dieCuisine erhalten die Teilnehmenden Einblicke in innovative Projekte aus der Region Zürich und erleben, wie nachhaltige Ernährungssysteme konkret gestaltet werden. Die Verbindung von internationalen Erfahrungen und lokaler Praxis macht die Zusammenarbeit besonders spannend.