Im Jahr 2026 werden erstmals die neuen «Arbeitsbeiträge Bildende Kunst» ausgeschrieben. Die Kulturabteilung antwortet damit auf die Herausforderungen, mit denen Künstler*innen im heutigen Kunstbetrieb konfrontiert sind. Dem Thema widmen sich auch aktuelle Publikationen.
«Smart Kunst kaufen» – «Poor artists», so lauten zwei der aktuellen Buchtitel in einer Ecke meines Pultes. Sie sind «special interest» für die Kunstförderung. Denn beide drehen sich um unser Kerngeschäft: Kunst und Geld. Oder genauer gesagt: Wie finden die beiden zueinander? Wie sehen die Spielregeln des Kunstbetriebs dafür aus, wer definiert sie. Vor allem: Welche Rolle kann und soll hier die öffentliche Kunstförderung einnehmen?
Die Perspektiven der beiden Bücher könnten zunächst unterschiedlicher nicht sein. Der als Dozent und Art Consultant tätige Magnus Resch, dessen Ratgeber sich vollmundig als «Internationaler Beststeller» anpreist, verrät unter anderem, «wie man in Kunst investiert – ohne grosses Budget»: Vor allem braucht man viel Zeit, um sich im Feld der Kunst zu orientieren – und grosse Reiselust. Was beides voraussetzt, dass man auch finanziell gut gepolstert ist.
Resch spricht aber nicht nur Sammler*innen an, die mit Millionenbudgets hantieren. Zwar sieht er den Kunstbetrieb als Erfolgspyramide, deren Spitze nur wenige erreichen. Auch weist er überdeutlich darauf hin, dass das Gros der Künstler*innen kaum je die üblicherweise prekären Einkommensverhältnissen hinter sich lassen wird. Doch er bricht auch eine Lanze für jene, die ihre Kunstankäufe nicht in erster Linie als Investition verstehen. Namentlich ermutigt er Sammler*innen, die mit ihren Kaufentscheiden bewusst Künstler*Innen unterstützen, deren Werk sie persönlich anspricht und interessiert.
Natürlich ist es für Künstler*innen schwierig, auf solche Sammler*Innen zu warten. Zwischendurch muss man schlicht von etwas leben. Wie das geht oder besser gesagt, oft nicht geht, illustriert «Poor artists».
«Poor artists» vom englischen Künstlerinnenduo Zarina Muhammad und Gabriella de la Puente, aka The White Pube (nach ihrem gleichlautenden Insta-Blog), gehört zu der Sorte Lektüre, die vor allem angehenden Künstler*innen die Augen gründlich öffnen kann für das Abenteuer, auf das sie sich einlassen. Fortgeschrittenere lesen es eher als Bestätigung bereits gemachter Erfahrungen. Das attraktive Cover bringt den Inhalt des Buches visuell auf den Punkt. Es zeigt eine gelbe Zitrone vor pinkem Hintergrund. Im Klartext: Alles so schön hier. Nur, dass Zitronen, aka Künstler*innen, halt oft ausgepresst werden und die Welt für sie dann vielleicht etwas säuerlich und weniger rosarot aussieht.
Illusionslose Innenansichten aus dem Kunstbetrieb
Zarina Muhammad und Gabriella de la Puente nehmen ihre Leser*innen mit auf einen wilden Ritt durch ihre Erfahrungen als Studierende und Absolventinnen einer sehr angesehenen Londoner Kunstakademie (Central St. Martins). Sie hatten die besten Startvoraussetzungen, sollte man meinen. Leider sind diese aber kein Freifahrschein, um sich einen Platz und ein Auskommen in der von Moden und Marktlaunen geprägten Aufmerksamkeitsökonomie der Kunstwelt zu sichern. Die beiden haben aber einen Weg gefunden: Ihr Instagram-Blog «The White Pube» (ironischer Bezug auf die wichtige Londoner Galerie The White Cube) mit über 100 000 Followern und das daraus hervorgegangene Buch haben ihnen dabei geholfen, im anschaulich geschilderten Kunstterrain – oder ist es gar ein «Sumpf» – zu überleben.
Das Buch lebt vom persönlichen Ton, der streckenweise ironisch, ja sarkastisch ist. Das trägt zum Unterhaltungswert bei, auch wenn es den beiden Autor*innen bitterernst ist mit ihren illusionslosen Innenansichten aus dem heutigen Künstler*innenleben. Einzelne Kapitel stimmen besonders nachdenklich. So wird etwa eine der beiden Künstlerinnen durch Long Covid für längere Zeit lahmgelegt – und muss feststellen, wie löchrig das Auffangnetz ist.
Die Fussnoten und Hinweise erlauben eine Vertiefung des Themas und weisen darauf hin, dass die oft prekäre Situation von Künstler*innen nicht individuell verschuldet ist, sondern mit den individuell kaum überwindbaren gewachsenen Strukturen zu tun hat.
Besonders deutlich vermittelt dies eine von Muhammad und de la Puente zitierte neuere englische Studie. Sie informiert detailliert und lösungsorientiert zu den Schwierigkeiten einer heutigen Künstlerexistenz, weswegen sie hier ebenfalls noch vorgestellt werden soll.
Unter dem Titel «Structurally F_cked» (zu Deutsch und etwas anständiger formuliert: «Auf total verlorenem Posten») werden zunächst die heutigen Arbeitsbedingungen von Künstler*innen offengelegt. Verbunden wird das mit dem nicht mehr ganz neuen, aber nach wie vor aktuellen Ruf nach Künstlerhonoraren und einer konkreten Liste mit praktischen Hinweisen für den Weg dahin. Die Studie versteht sich zugleich als Antwort auf die aktivistische Initiative «Art Leaks», die unter anderem die negativen Erfahrungen von Künstler*innen mit Institutionen oder Kurator*innen zusammenträgt und sie zu schonungsloser Offenheit hinsichtlich der Bedingungen im Kunstbetrieb ermutigt. Gerade ein breiteres Publikum, das in den Mainstream-Medien oft nur von «Rekorden» in der Kunst, von einer wachsenden Zahl neuer Privatmuseen und Kunst-Multimillionären liest, gilt es für die wahren Verhältnisse zu sensibilisieren.
Mehr Selbstverantwortung der Künstler*innen ist gefragt
«Structurally-f-cked» bietet weitere konkrete Handlungsvorschläge und spricht dabei die Rolle der Institutionen ebenso an wie jene der öffentlichen Förderer. Die Studie spricht auch die Selbstverantwortung der Künstler*innen an, sich nicht unnötig zu schaden. Konkreter führt das zu Tipps, etwa bei Arbeitsverhältnissen immer auf einem Vertrag zu bestehen oder ein Tagebuch über den tatsächlichen Arbeitsaufwand für Ausstellungen zu führen. Grundsätzlich ist es wichtig, sich nicht einlullen zu lassen durch die Erwartung eines vom Kunstsystem traditionell in Aussicht gestellten späteren Erfolgs infolge von Ausstellungen an «wichtigen» Orten, für den man nur leider im Moment erst mal gratis arbeiten sollte. «The winner takes it all», das ist ein Gesetz der Kunstökonomie, das sich nicht so leicht aushebeln lässt. Die englische Studie wird bestätigt durch die neueste Erhebung des Bundesverbands Bildender Künstler*innen in Deutschland. Demnach kann gerade mal ein Fünftel aller Künstler*innen zumindest einigermassen von ihrem Erwerb aus künstlerischer Arbeit leben.
All diese Erkenntnisse legen es nahe, die Realitäten des «Systems» noch offensiver in Frage zu stellen, als dies heute zum Teil schon geschieht. Nicht wenige Künstler*innen können sich die künstlerische Arbeit nur leisten, weil sie sich auf familiären Rückhalt verlassen können. Was aber ist mit jenen, die kein ererbtes Vermögen oder finanzkräftige Partner haben, wenn zugleich alle in einem knallharten Wettbewerb stehen? Das rührt an die grossen Tabus im Kunstbetrieb. An die Allgemeinheit gerichtet steht dahinter auch die Frage, was die Kunst uns wert ist. In Zürich bringt etwa die Initiative «Kunst braucht Kohle» von Jana Vanecek und Chantal Romani das Thema regelmässig auf.
Die Kulturabteilung der Stadt Zürich verfolgt solche Diskussionen eng und versucht schon seit geraumer Zeit, mit ihrem Förderangebot Verbesserungen zu schaffen. Zu nennen ist etwa die Verankerung von Sozialleistungen in der freien Kunstförderung.
Derzeit wird auch spartenübergreifend an der Antwort auf eine dringliche Motion zu Entschädigungen in Kulturinstitutionen aus dem Gemeinderat gearbeitet; hierbei geht es unter anderem um die (noch keineswegs übliche) Entschädigungen von Kunstschaffenden in Institutionen.
Neues Förderangebot für Künstler*Innen ab 1. Januar 2026
Für 2026 steht schliesslich im Ressort Bildende Kunst die mit dem Kulturleitbild 2024-27 in Aussicht gestellte Einführung eines neuen Förderformats an: «Arbeitsbeiträge». Die Arbeitsbeiträge sollen Zürcher Kunstschaffenden finanziell die Luft für eine Arbeitsphase geben, in der sie ohne unmittelbaren Produktionsdruck Neues erproben und entwickeln können. Zeit also, um das Hamsterrad wenigstens kurzfristig zu verlassen oder gar über eine neue Perspektive nachzudenken. Denn wie wir aus der Kunstförderung wissen, ist auch das ein Thema, das Künstler*innen aktuell bewegt: Soll ich in dem schwierigen Berufsfeld bleiben, weil ich von meiner Tätigkeit tief überzeugt bin – oder will und muss ich mich neu orientieren?
Die erste Ausschreibung für die Arbeitsbeiträge findet im März 2026 statt. Achtung: Da man im gleichen Jahr nicht für ein Kunststipendium (mit Ausstellungsperspektive im Helmhaus), ein Auslandatelier und einen Arbeitsbeitrag (für die künstlerische Weiterentwicklung ohne Zielvorgabe) eingeben kann, empfiehlt es sich, hier schon im Vorfeld gut zu überlegen, welche Gesuchsform gerade am besten zur eigenen künstlerischen Arbeitsphase passt. Dies vor allem, weil der Bewerbungsschluss für die Kunststipendien (sprich Werk- und Auslandatelierstipendien) der 1. Februar 2026 ist, der für die Arbeitsbeiträge jedoch der 1. April.
Zitierte Buchtitel:
- Zarina Muhammad, Gabrielle de la Puente, Poor Artists, Particular Books (Penguin), Dublin 2024 (bisher nur auf Englisch)
- Magnus Resch, Smart Kunst Kaufen. Magnus Books, Berlin/New York 2024.
Der Kunst-Newsletter ist ein gemeinsamer Informationsservice der Fachstelle Kunst und Bau, der Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum, der Kunstsammlung, des Helmhaus und der Kunstförderung der Stadt Zürich. Er wird viermal jährlich verschickt.