Kunst im öffentlichen Raum (KiöR) lädt jährlich Kunstschaffende ein, den «Münsterhof» zu bespielen.
Die international bekannte, dänische Künstlergruppe SUPERFLEX hat sich für ihre Installation «Cry Me A River» nicht nur vom Münsterhof, sondern auch von seiner Nähe zum Wasser, zum See und zur Limmat inspirieren lassen. Einmal mehr greift die Gruppe das Thema der Ökologie und der Klimakrise in ihrer Arbeit auf. Bereits 2010 hat SUPERFLEX in einem Wohnhaus an der Badenerstrasse in Zürich das Kunstprojekt «2000 Watt Gesellschaft» umgesetzt, bei dem sich die Bewohner*innen verpflichteten, ihren Energieverbrauch auf jährlich maximal 2000 Watt pro Person zu reduzieren. Ein damals visionäres Projekt, bedenkt man die heutige Klimastrategie der Stadt. Die Arbeiten von SUPERFLEX sind zugleich Kunstwerke, gesellschaftspolitische Statements und reale wirtschaftliche Initiativen.
SUPERFLEX wurde 1993 von Rasmus Rosengren Nielsen, Jakob Fenger und Björnstjerne Christiansen gegründet. Der öffentliche Raum ist für sie immer wieder Bezugspunkt und Handlungsraum: kein neutraler Ort, sondern ein Feld, auf dem aktiv interpretiert wird. «Wenn man im öffentlichen Raum arbeitet, lesen die Menschen, was sie sehen – auf ihre eigene Weise».
Auf dem Münsterhof setzt die Künstlergruppe im September dieses Jahres mit der temporären Installation «Cry Me A River» einen Kommentar zur ökologischen Krise. Dabei arbeitet SUPERFLEX bewusst mit Medien und Materialien, die einen Kontrast schaffen: Ein blauer LED-Schriftzug verweist auf Werbung, Konsum und Sichtbarkeit im urbanen Raum. Die Sandsäcke dagegen «stehen für einen Ausnahmezustand. Vielleicht gab es gerade eine Überschwemmung auf dem Platz oder man erwartet sie». In dieser Kombination entsteht ein ambivalentes Bild: zugleich beschützend und bedrohlich – ein Aufruf, die eigene Verantwortung in einem fragilen Ökosystem zu überdenken.
Ein klangliches und performatives Element erweitert die Installation: An zwei Abenden singt der lokale Chor Cantata Nova einen eigens für diese Installation komponierten Song. Die Komposition dauert über 20 Minuten. «Wenn man etwas stark in die Länge zieht, entsteht eine Traurigkeit, die etwas Schönes hat», so Jakob Fenger. Die Stimmen bewegen sich zwischen Pop und Kirchenmusik, zwischen Wiedererkennbarkeit und Auflösung einer Melodie.
Die Chorauftritte finden zur Blauen Stunde statt. «Alles verändert sich in diesem Moment, und dann beginnt etwas anderes», so die Künstler: Der Übergang vom Tag zur Nacht wird zum dramaturgischen Schlüssel, die Installation zur Bühne. Die Botschaft von «Cry Me A River» gewinnt dadurch an Dringlichkeit. «Das Thema – dass Dinge zu Ende gehen, dass wir loslassen und weitermachen müssen – liegt schon lange in der Luft.»
Ein zentraler Aspekt des Projekts ist der Einsatz von Sprache als Material. «Wir arbeiten schon seit Längerem mit Redewendungen der Alltagssprache und übertragen sie in einen anderen Massstab», erläutert SUPERFLEX. «Die Redewendungen werden dadurch zu etwas, das fast wie ein Werbeschild oder eine Leuchtreklame wirkt.» So auch bei «Cry Me A River»: Ein alltäglicher Ausdruck, im Englischen oft sarkastisch gebraucht, wird hier zum Titel eines öffentlichen Szenarios, wodurch weitere Bedeutungsebenen dazukommen. Eine eindeutige Lesart bietet «Cry Me A River» bewusst nicht. «Man kann nicht erwarten, dass alle eine Arbeit gleich lesen», sagen die Künstler, «die Installation ist Einladung, Irritation und Angebot zugleich – ohne didaktische Festlegung».
Hinter der poetischen Ebene steht jedoch auch eine grössere thematische Linie: das Verhältnis zwischen Menschen und Natur, «die wir als Trennung sehen und immer weiter vorantreiben. Selten kommt dabei die Natur selbst zu Wort» – in «Cry Me A River» wird die Erde zur Akteurin, die diese Trennung benennt. Zuhören wird so selbst zum Kipppunkt – auf dem Münsterhof wird dieser hörbar, wenn Stimmen den Platz in der Dämmerung füllen: «Die Blaue Stunde ist der Moment, in dem alles anders wird. Boop. Und dann beginnt etwas Neues.»
18. September bis 7. Oktober 2026
Eröffnung: Donnerstag, 17. September 2026, 18-21 Uhr
Ort: Münsterhof, 8001 Zürich
Mit Apéro
Auftritte Chor Cantata Nova: 21. und 28. September, 19 Uhr