Wir leben in einer spannungsgeladenen Zeit, in der populistische Bewegungen in vielen Ländern auf dem Vormarsch sind und zu Ausgrenzung und Konflikten führen. Wie können Räume entstehen, die die Möglichkeit bieten, sich Gemeinsamkeiten zu erinnern bzw. diese neu zu finden? Kunst hat das Potenzial, das Unmögliche zu denken und unterschiedliche Menschen zusammenzubringen. Wenn sie ausserhalb der klassischen Museumsmauern gezeigt wird, kann sie viele Menschen erreichen. «The Zurich Archipelago – Recreating Common Grounds» lotet dieses Potenzial aus und lädt die Öffentlichkeit dazu ein, aktiver Teil der Kunstwerke und eines gemeinschaftlichen Prozesses zu werden. Das Kunstfestival verteilt sich als Archipel künstlerischer «Inseln» über mehrere Orte im Stadtraum.
Wer kennt ihn nicht, den Platzspitzpark. Es ist eine der ältesten Grünanlagen der Stadt Zürich und liegt direkt hinter dem Nationalmuseum und dem Hauptbahnhof Zürich. Der Park wurde als Insel zwischen den beiden Flüssen Limmat und Sihl angelegt und schaut auf eine bewegte Geschichte zurück. Auf dieser grünen Insel errichtet das Künstler*innenkollektiv Britto Arts Trust aus Dhaka nun einen Pavillon aus Bambus, in dem eine «Social Kitchen» entsteht. An sechs Tagen in der Woche wird hier Mittagessen gekocht und an alle abgegeben, die probieren möchten. Die Rezepte sowie die Köch*innen kommen aus ganz unterschiedlichen Communities der Stadt Zürich und geben mit ihren kleinen Gerichten Einblick in ihre Geschichten und kulturellen Kontexte. «Pakghor» heisst die Arbeit, die das Herzstück von «The Zurich Archipelago» ausmacht und die auch 2022 an der «documenta 15» in Kassel gezeigt wurde. Der «Pakghor» ist in Bangladesch die Wohnküche der Familie. Britto Arts Trust transferieren diesen privaten Ort in den öffentlichen Raum und schaffen damit einen Treffpunkt und Ort des Austauschs für alle. Ebenfalls Teil des «Pakghor» ist ein Garten, in dem bestimmte Zutaten für das tägliche Kochen angebaut werden.
Die Idee, über Kunst Gemeinschaftsräume zu schaffen, zieht sich wie ein roter Faden durch «The Zurich Archipelago». Bereits vor Start der Ausstellung sind alle eingeladen, selber ein 30 x 30 cm grosses Quadrat in beliebigen Farben zu häkeln oder zu stricken. Die Beiträge können während des Festivals im Platzspitzpark abgegeben werden. Sie werden zu Decken zusammengefügt und als gemeinsamen Infrastruktur für Treffen, Picknicks und weitere Aktivitäten im öffentlichen Raum genutzt. Wer mitmacht, trägt aktiv zur Entstehung eines kollektiven Kunstwerks bei.
Eine zentrale Inspirationsquelle für «The Zurich Archipelago» war Édouard Glissant (1928-2011). In seinen Schriften nahm der Dichter, Denker und Philosoph aus Martinique wichtige Fragen unserer Zeit vorweg und verwendete den «Archipel» als eine metaphorische Figur, die er der Idee des «Kontinents» gegenüberstellte. Der Kontinent steht bei Glissant für Einheit, Zentralismus und Geschlossenheit, wie sie in westlich-europäischem Denken, Kolonialismus und Nationalismus vorherrschen. Der «Archipel» dagegen symbolisiert Vielheit, Offenheit und Bewegung. Die Inseln eines Archipels sind getrennt und zugleich verbunden, sie stehen in Relation zueinander, ohne sich zu einem festen Ganzen zu verschmelzen.
Die Idee des Austauschs und der ständigen Bewegung spiegelt sich auf künstlerischer Ebene, indem «The Zurich Archipelago» den Fokus auf performative und prozesshafte Formate legt, die oft im Kollektiv entstehen bzw. das Publikum direkt miteinbeziehen. Geplant ist eine Reinszenierung von Lygia Pape’s historischer Performance «Divisor», die die Künstlerin ursprünglich 1968 organisiert hatte. Die Künstlerin brachte damals Kinder aus ganz unterschiedlichen sozialen Kontexten in Rio de Janeiro zusammen – darunter auch Kinder aus den Favelas. Sie versammelte alle unter einem grossen weissen Tuch, in das sie Löcher schnitt und die Teilnehmenden dazu einlud, ihre Köpfe durchzustecken und zusammen einen mächtigen, beweglichen Körper zu bilden, in dem jeder Mensch sichtbar und doch Teil eines grösseren Ganzen war. Die Performance löste soziale Hierarchien auf und war ein starkes Zeichen gegen die Unterdrückung individueller Freiheiten nach dem Aufstieg der brasilianischen Militärdiktatur. Heute lädt sich die Performance mit Fragen von Ausgrenzung und Gemeinschaft sowie Wiederaneignung des öffentlichen Raums neu auf.
Weitere Performances und Veranstaltungen sind während der fünfwöchigen Laufzeit in regelmässigen Abständen geplant. So u. a. mit Akosua Viktoria Adu-Sanyah, Mirna Bamieh, Uriel Orlow, Hulda Zwingli.
Genauere Informationen zum Programm ab Mitte Mai 2026: zurich-archipelago.ch
Kuratiert von Mirjam Varadinis für Kunst im öffentlichen Raum (KiöR)