Zürich verändert sich – sichtbar, spürbar, hörbar. Die Stadt wächst, verdichtet sich, wird ökonomisch effizienter genutzt. Doch mit jedem neuen Bauprojekt verschwinden nicht nur alte Gebäude, sondern auch Atmosphären, Orte der Begegnung, Räume für das Unvorhergesehene – und auch Räume für Musik wie Bühnen, Probekeller, Studios. Was aber geht verloren, wenn Musik aus dem Stadtbild gedrängt wird? Und wie lässt sich das hörbar machen?
Mit dem Projekt «The Rhythm of Design» spüren die Künstler Michael Meier & Christoph Franz genau diesen verstummenden Klangräumen nach. Sie bergen Materialien aus abgerissenen oder bedrohten Musikorten in Zürich (Metallprofile, Fensterläden, Baufragmente) und lassen daraus in Zusammenarbeit mit Instrumentenbauer*innen neue Instrumente entstehen. Zudem laden sie Musiker*innen mit persönlichem Bezug zu den Orten ein, je ein Stück zu komponieren. Mit Strassenkonzerten im öffentlichen Raum bringen sie die Musik zurück in die Stadt: als Erinnerung, als Frage, als öffentlicher Impuls.
Das Projekt entstand im Kontext des KiöR-Leitbilds, das danach fragt, wie Kunst im öffentlichen Raum auf städtische Transformationsprozesse reagieren und Fragen sozialer und ökologischer Gerechtigkeit verhandeln kann.
Eingeladen von KiöR, entschieden sich Meier & Franz, diese Fragestellung über das Verschwinden von Musikorten zu bearbeiten. In ihrer künstlerischen Praxis gehen die zwei stets vom konkreten Ort und dessen Dringlichkeit aus: «Zum Zeitpunkt der Anfrage war das Thema öffentlich stark präsent – in der Kulturszene wie in den Medien. Es spiegelte deutlich die zunehmende Homogenisierung des städtischen Raums. Damit bot sich für uns die Möglichkeit, die Stadt Zürich, in der wir leben und arbeiten, nochmals vertieft und aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.»
Dabei beobachten sie, dass in den letzten zehn Jahren immer weniger alternative Räume für Musiker*innen zur Verfügung stehen – ein Problem, das sich in den letzten Jahren nochmals zugespitzt hat. «Proberäume werden teurer, Auftrittsmöglichkeiten verschwinden, und Entfaltungsmöglichkeiten für Subkulturen gehen verloren.»
Mit dem konzeptionellen Kunstprojekt «The Rhythm of Design» reagieren die Künstler Meier & Franz auf diese Entwicklung: Sie machen sich auf die Suche nach den Orten in der Stadt, die verstummen – und bringen die Musik zurück.
Im Mittelpunkt des Projekts stehen sechs exemplarische Orte, verteilt über die ganze Stadt: besetzte Häuser, kleine Bühnen oder legendäre Clubs. Die Auseinandersetzung begann mit intuitiven Stadtspaziergängen: «Obschon uns Zürich sehr vertraut ist, hat sich uns durch diese gezielte Recherche vieles noch einmal anders erschlossen. Jedes Haus, jeder Raum, jedes Gespräch war wie der Eintritt in eine neue Welt.» Eine vertiefte Recherche sowie der Austausch mit Expert*innen und direkt involvierten Personen stehen für Meier & Franz am Anfang eines jeden Projekts. Ebenso zentral ist die dokumentarische Praxis: Sie begleitet den gesamten Prozess – nicht nur zur Archivierung, sondern als eigenständige Form der Annäherung und Reflexion. So verdichtete sich das Projekt allmählich zu einer Topografie des Verschwindens. Es geht um lauter Orte, an denen viele Musiker*innen in Zürich geprobt, gelebt oder performt haben: vom Club Zukunft, dem Stierli-Areal, dem Koch-Areal, dem Raum Mikro, der Manegg bis hin zum Giesshübel.
Gespräche, Artikel und gesammelte Geschichten bilden für die Künstler das Zentrum ihrer Dokumentation. Doch auch die baulichen Überreste der Bühnen und Proberäume tragen Erinnerungen in sich, als stille Zeugen einer verschwindenden Stadtkultur: «Die Bar eines Clubs hat über die Jahre so viel erfahren, erlebt, durchgemacht – wenn wir sie jetzt, wo der Club schliesst und das Gebäude abgebrochen wird, ausbauen, halten wir ein Stück Geschichte in den Händen.»
Die Materialien werden dabei nicht einfach bewahrt – sie werden in eine neue Form transformiert. Aus einem abstrakten verlorenen Raum entwickelt sich ein konkreter Körper, der Spuren trägt. Für die Künstler ist es wichtig, dass diese Objekte nicht nur als Skulpturen funktionieren, sondern auch als Musikinstrumente, auf denen tatsächlich gespielt werden kann. Deshalb arbeiten sie in enger Kooperation und in regem Austausch mit professionellen Instrumentenbauer*innen und Musiker*innen. Die Gestaltung der Instrumente ergibt sich aus dem konzeptuellen Rahmen, den die Künstler vorgeben. «Aus jedem Raum soll ein Instrument hervorgehen, das den Ansprüchen der jeweiligen Musikschaffenden entspricht, die es dann bespielen. Denn nicht nur die aus den Überresten gebauten Objekte transportieren die Geschichte, auch die darauf gespielte Musik lässt sie in ihrer Vielfalt weiterklingen. Durch die neue Form wird das Material zum Katalysator, der Erinnerungen aktiviert, neue Perspektiven eröffnet und dazu einlädt, die Geschichte dieser Orte weiterzudenken».
Die Idee, dass all diese Musikräume im Zuge des städtischen Wandels einem ähnlichen Prozess des Verschwindens ausgesetzt waren, jedoch jeder mit einer eigenen Stimme darauf antwortet, wird von Meier & Franz konzeptionell weitergetragen. Die Musikstücke erklingen an drei Tagen zeitgleich, doch räumlich fragmentiert. An den jeweiligen Schauplätzen ist immer nur eine einzelne Stimme zu hören, gespielt auf einem Instrument, gefertigt aus dem dort geborgenen Material. Erst in der gedanklichen Verbindung aller Linien wird die Komposition als Ganzes erfahrbar – in der Vorstellung der Stadt als vielstimmiger Klangraum. Im Anschluss an die Konzerte werden die Partituren als Bodenplatten dauerhaft in den Gehsteig eingelassen – stille Spuren, die an die frühere Nutzung erinnern.
Die musikalischen Interventionen im Rahmen des Kunstprojekts «The Rhythm of Design» finden vom 25. bis 27. September statt. Im Anschluss erscheint eine Schallplatte mit den sechs komponierten Stücken sowie eine begleitende Publikation mit Beiträgen von Autor*innen, die auf die jeweiligen Orte reagieren – und so die Auseinandersetzung in sprachlicher und diskursiver Form weiterführen.