Während sechs Monaten im Winter 2024/25 war der Künstler Stefan Burger Stipendiat der Stadt Zürich in der Cité internationale des Arts in Paris. Die Cité feiert dieses Jahr ihr sechzigjähriges Bestehen – und die Stadt Zürich gehört zu den Gründungsmitgliedern und ersten Mietern dieser als Kooperative organisierten Gastateliers im historischen Herzen der Stadt. Das modernistische Gebäude im Marais liegt direkt an der Seine auf der Höhe der Île Saint-Louis. Für Stefan Burger zählten vor allem regelmässige Besuche im Louvre zu den Höhepunkten seines Aufenthalts, wie er im Gespräch mit Barbara Basting unter anderem berichtet.
Barbara Basting (B): Warum hast Du Dich für das Pariser Atelier beworben?
Stefan Burger (S): Meine künstlerische Laufbahn hier in Zürich bewegte sich in eingespurten Bahnen. Da schien es mir sinnvoll, für einige Zeit wegzugehen. Hinzu kam, dass Paris derzeit eine sehr dynamische Kunstszene hat. In diese einzutauchen, hat mich gereizt.
B: Für die Auslandsateliers der Stadt Zürich in Genua und in Paris wird ein Motivationsschreiben verlangt, in dem auch ein an diesen Orten geplantes Projekt skizziert wird. Was war Dein konkretes Vorhaben?
S: Im Zentrum meines Projekts stand die erste Fotografie von Louis Daguerre, auf der Menschen abgebildet sind und auf die sich der Philosoph Giorgio Agamben in seinem Text «Tag des Gerichts» bezieht. Das Bild zeigt einen Schuhputzer auf dem Boulevard du Temple, der gerade einem Kunden die Schuhe putzt. Man sieht diese beiden Figuren aber heute nur, weil sie sich damals nicht zu stark bewegten. Denn für die zu jener Zeit noch nötigen langen Belichtungszeiten haben sich die anderen Menschen auf dem Boulevard zu schnell bewegt. Daher erscheint der Boulevard ansonsten menschenleer. Ich wollte immer schon etwas zu dieser Arbeit machen und mich an Ort und Stelle damit auseinandersetzen.
B: Was ist aus dem Projekt geworden?
S: Es kam ganz anders. Als ich nach Paris ging, war ich kurz zuvor zu zwei Wettbewerben für Kunst am Bau eingeladen worden, die ich nicht absagen wollte. In Paris habe ich dann zunächst hauptsächlich diese Wettbewerbsprojekte fertiggestellt. Allerdings ist der Pariser Kontext in die Arbeit eingeflossen: Der öffentliche Raum in Paris, der ja sowohl aus politischer wie auch aus architektonischer Perspektive sehr spannend ist, hat mir viele Anregungen für diese beiden Projekte gegeben
B: Das Atelier de la Ville de Zurich in der Cité ist eher einfach, es erinnert ein wenig an ein Wohnheim für Studierende. Wie hast Du den Ort erlebt?
S: Ich habe mich dort eingerichtet wie in einer Mönchsklause, um mich auf die Arbeit an den Kunst-am-Bau-Projekten vollumfänglich konzentrieren zu können. Es ist wirklich wertvoll, den alltäglichen Zürcher Kontext und die eigenen Routinen einmal hinter sich lassen zu können.
B: Die Leitung der Cité engagiert sich sehr für die Vernetzung der anwesenden Künstler*Innen innerhalb der Cité wie auch mit der Pariser Kunstwelt. Hast Du von diesem Angebot profitiert?
S: Bei mir hat das nicht so angeschlagen. Das hatte aber in erster Linie mit mir und der Deadline für meine Projekte zu tun. Erst im letzten Drittel meiner Zeit dort habe ich mich sozial mehr eingebracht. Zuvor schon habe ich an den Kunstanlässen und Eröffnungen teilgenommen, die es rund um die Kunstmesse Art Basel Paris gab. Regelmässig besucht habe ich auch das «open studio» in der Cité. Das findet dort jeweils mittwochs statt und ist für den Austausch unter den Künstler*innen gut.
B: Paris ist eine Stadt, in der immer etwas läuft. Das kann für konzentriertes eigenes Arbeiten eher schwierig sein. Wie bist Du mit dieser Spannung umgegangen?
S: Es war für mich gerade in dieser arbeitsintensiven Zeit eine praktische Form, Information und Inspiration abzuholen. Alles ist in Gehdistanz der Cité, der Louvre, das Centre Pompidou, die Bibliothèque nationale – und als Stipendiat kommt man dank seines Ausweises oft gratis und ohne Schlangestehen hinein. Wenn ich zum Beispiel eine Lösung für ein Sockelproblem suchte, ging ich kurz ins Musée d’Orsay rüber und sah mir das «Höllentor» von Rodin an. Oder ich machte einen Abstecher in die Bibliothek des Centre Pompidou oder zur Cité de l'architecture et du patrimoine im Trocadéro. Da ich mich in einem weiteren Sinne mit Parkanlagen und der Gestaltung öffentlicher Räume auseinandergesetzt habe, waren der Parc de Bercy, der Parc de la Villette, der Parc André-Citroën und der Désert de Retz im nahen Chambourcy Gegenstand meiner Untersuchungen. Da Paris mittlerweile sehr fahrradfreundlich ist, konnte ich alle diese Recherchen in der Stadt und im Umraum von Paris per Rad bewältigen.
B: Wie wichtig waren Französischkenntnisse?
S: Sie sind auf jeden Fall ein grosser Vorteil. Auch wenn natürlich im Café die Bedienung gleich zu Englisch übergeht, wenn man die Bestellung nicht glatt hinbekommt… Es heisst ja, die Pariser*innen seien eher etwas unzugänglich, das hat sich aber für mich nicht bestätigt.
B: In welchen künstlerischen Szenen hast Du Dich bewegt?
S: Ich war in der Kunstraum- und Galerienszene unterwegs. Die Galerievernissagen im Marais oder auch in Romainville habe ich stets besucht. Ich war regelmässig in Galerien wie Air de Paris, Jocelyn Wolff, Tadeusz Ropac, Chantal Crousel oder Emanuela Campoli. Kunsträume wie Notax Notax, Loner, Agence de Voyage und Profil zeigen ein eigenwilliges, junges Programm.
Ansonsten war vor allem der Louvre meine Lieblingsdestination. Ich fand die Wechselausstellungen toll (zum Beispiel «Fou!»), aber auch die Sammlungen. Ich habe mich dort regelmässig verloren. Man kann da sehr gut ziellos durch die Epochen spazieren, trotz der Menschenmassen.
B: Magst Du Geheimtipps verraten?
Die Abendöffnungszeiten im Louvre, einmal im Monat bis 22 Uhr. Da sind weniger Tourist*innen da, man sieht viele Pariser*innen, die gemeinsam durch die Säle flanieren und intensive Zwiegespräch vor der Kunst führen. Die thematischen Wechselausstellungen im Louvre, in der Bibliothèque Nationale oder im Centre Pompidou hatten ein ausgesprochen hohes Niveau und ich bekam in diesen Monaten wirklich viele tolle Exponate zu sehen. Ausserdem gibt es in Paris grossartige Buchhandlungen zu entdecken wie zum Beispiel Galignani, Le Monte en l’air und Yvon Lambert.
B: Wie hast Du Dir den Stadtraum erschlossen?
S: Ich war viel mit der Kamera und zu Fuss unterwegs – sternförmig habe ich die ganze Banlieue erlaufen und dabei sehr viel fotografiert. Die Wintermonate mit dem tiefstehenden Licht haben sich dazu bestens geeignet. Paris ist auch ganz anders als Zürich, nur schon von den Dimensionen oder der Vielfalt der Stadtzonen her, die sich abwechseln. Immer wieder begegnet man anderen Situationen und Konstellationen. Das wollte ich nutzen.
B: Hattest Du dabei einen bestimmten Fokus?
Diese fotografischen Spaziergänge habe ich verbunden mit der Besichtigung grösserer architektonischer Strukturen. Etwa Les Étoiles d'Ivry, eine Siedlung der Architektin Renée Gailhoustet aus den 1970er-Jahren, eines dieser utopischen Sozialwohnungsbauprojekte der Moderne. Oder ZAC Basilique in Saint-Denis, ein anderes Sozialbauprojekt etwa aus derselben Zeit.
B: Hattest Du mit der Zeit ein Lieblingscafé oder hast Du sonst einen kulinarischen Tipp?
S: Den Tipp für das beste Croissant habe ich von der Künstlerin Gritli Faulhaber bekommen. Im Süden der Île Saint-Louis, im Quartier Latin, befindet sich La Tour d'Argent, ein sehr bekanntes Nobelrestaurant mit einer Weinkarte so dick wie ein Telefonbuch. Dazu gehört eine kleine Bäckerei, die ausgezeichnete Croissants und ein sensationelles Sauerteigbrot zu angemessenen Preisen verkauft. Weiterempfehlen möchte ich auch Nodaïwa, ein kleines japanisches Restaurant, das nur Aal-Gerichte serviert.
Der Kunst-Newsletter ist ein gemeinsamer Informationsservice der Fachstelle Kunst und Bau, der Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum, der Kunstsammlung, des Helmhaus und der Kunstförderung der Stadt Zürich. Er wird viermal jährlich verschickt.