Auf Plänen wirkt die Stadt eindeutig: hier ein Quartier, dort seine Plätze und Strassen. Als sich kürzlich im Zürcher Tram- und Busnetz Linien änderten, mussten viele ihre Wege neu finden und gewohnte Abläufe unterbrechen. In solchen Momenten wird erfahrbar, dass Stadt kein feststehendes Gefüge ist, sondern sich durch Nutzung, Aushandlung und Vision fortwährend verändert.
Auch Kunst im öffentlichen Raum greift in alltägliche Rhythmen ein. Sie setzt nicht ausserhalb der Stadt an, sondern mitten in ihren Abläufen, Routinen und Spannungen. Kunst im öffentlichen Raum ist deshalb keine Illustration städtischer Themen. Sie ist eine Praxis, die sich an konkreten urbanen Bedingungen messen lässt – und genau darin Fragen an unser urbanes Leben formuliert: an Erinnerung, Verantwortung und Zukunft.
2025 haben Künstler*innen auf Einladung von Kunst im öffentlichen Raum (KiöR) die Stadt als vielschichtigen Denk- und Handlungsraum untersucht: als gebaute Struktur ebenso wie als sozialen, kulturellen und infrastrukturellen Raum. Die realisierten Projekte nahmen das Verschwinden urbaner Erinnerungsorte sowie die sichtbaren und unsichtbaren digitalen Infrastrukturen des Alltags in den Blick.
Mit der Intervention «Die Unmöglichkeit zu teilen» thematisierte das Künstler*innenkollektiv PARA im Sommer den Umgang mit Wasser als gemeinschaftliche Ressource. Ausgangspunkt war die Frage, wie zukünftige Generationen auf unsere heutige Beziehung zu Wasser zurückblicken könnten. Während einer heissen Juliwoche wurde am Augustinerbrunnen auf dem Münzplatz Zürcher Brunnenwasser gemeinsam mit Besucher*innen, zufälligen Passant*innen und Tourist*innen aus dem Leitungsnetz entnommen, in kleine, gut transportierbare Portionen abgefüllt und aus der Stadt gebracht. Die Zielorte wurden im Gespräch mit den Beteiligten ausgehandelt und von den Kunstschaffenden akribisch dokumentiert; sie reichten von Albisrieden bis ins ferne Australien. Der historische Brunnen, auf dem nicht zufällig die Allegorie der Mässigung thront, wurde so temporär zu einem Ort kollektiver Aufmerksamkeit für Verantwortung, Rücksichtnahme und den Umgang mit gemeinsamen Ressourcen.
Im Herbst beschäftigten sich die Künstler Michael Meier & Christoph Franz mit dem Verschwinden kultureller Orte als Folge des städtischen Wandels. «The Rhythm of Design» zeichnete eine Topografie der musikalischen Erinnerung der Stadt nach. Proberäume, Bühnen und Clubs quer durch Zürich wurden Gegenstand künstlerischer Untersuchung und zeigten, welche sozialen und kulturellen Praktiken mit dem Rückgang von Räumen für alternative Musik verloren gehen. Aus Abbruchmaterialien sechs ehemaliger Musikorte entstanden Instrumente, auf denen Musiker*innen eigene Kompositionen spielten. Musik wurde dabei selbst zum Träger urbaner Erinnerung – direkt im öffentlichen Raum.
Andere Projekte nahmen jene Ebenen der Stadt in den Blick, die den Alltag unbemerkt prägen: Digitale Systeme, technische Netzwerke und automatisierte Prozesse bestimmten hier die Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Raum.
Lauren Lee McCarthy verwandelte den Münsterhof temporär in einen Erfahrungsraum für autonome Mobilität und machte automatisierte Systeme im Stadtraum unmittelbar erfahrbar.
Das Kollektiv Clusterduck arbeitete mit den verborgenen digitalen Infrastrukturen der Stadt und zeigte anhand symbolischer Eingriffe, wie Datenströme, Kabel und technische Netzwerke den urbanen Raum strukturieren und bestimmen. Über QR-Codes auf eigens gestalteten Kanaldeckeln können Besucher*innen bis Ende Februar 2026 virtuell in die digitalen Tiefen unter unseren Füssen eintauchen.
Die Auseinandersetzung mit der Stadt wird 2026 fortgeführt – mit neuen Perspektiven, Stimmen und Versuchsanordnungen. Der öffentliche Raum bleibt dabei ein Ort des Miteinanders, der Aushandlungen und zuweilen des Konflikts.
Im Frühling eröffnet die Künstlerin Riikka Tauriainen das sogenannte Lokalformat und damit die vertiefte Auseinandersetzung von KiöR mit den laufenden Veränderungen im Quartier Altstetten. Das Projekt «Altstetten Alphabet» übersetzt diese Beschäftigung in eine prägnante visuelle Form: Auf 26 Flaggen werden Pflanzen dargestellt, die für Altstetten eine ökologische oder kulturelle Bedeutung haben. So entsteht ein poetisches Porträt des vielstimmigen Quartiers, das lokale Geschichten, gegenwärtige Entwicklungen und ökologische Zusammenhänge miteinander verknüpft.
Über die Identität eines einzelnen Quartiers hinaus thematisiert das Projekt der Kuratorin Mirjam Varadinis im Frühsommer grundlegende Fragen des Zusammenlebens. Im Zentrum steht, was Gemeinschaften heute bedeuten und wie sie in Zukunft gelebt werden könnten. Ausgangspunkt sind die Schriften von Édouard Glissant, insbesondere seine Konzepte des Archipels und der Kreolisierung. Offenheit, Vielfalt und ein relationales Denken werden als Voraussetzungen verstanden, unter denen sich eine Stadt sinnvoll entwickeln kann.
Zum Jahresende greift die !Mediengruppe Bitnik mit «How To Undermine Work Better» erneut die Frage nach digitalen Infrastrukturen und Arbeitsweisen auf. In einer Lichtinstallation werden verbreitete Leistungs- und Effizienzlogiken dessen, was heute als produktive Arbeit gilt, in zeitgenössische Störsignale übersetzt – als Einladung zum Innehalten und zur Selbstermächtigung in einer zunehmend digitalisierten Welt.
In all diesen Projekten entsteht Kunst im öffentlichen Raum im direkten Kontakt mit der Stadt: mit ihren Routinen, ihren Brüchen und ihren offenen Fragen. Sie wirkt nicht von aussen auf den Stadtraum, sondern formt sich im Umgang mit konkreten Situationen und Nutzungen. Auch 2026 setzt KiöR diese Auseinandersetzung fort und begreift Zürich als einen Raum, der sich im Zusammenspiel von künstlerischer Praxis und urbanem Alltag immer wieder neu verhandelt.