Das Atelier Haller wird nach Instandsetzung wiedereröffnet. Wie sich skulpturale Praktiken im Sog digitaler Möglichkeiten verändert haben, ist das Thema der diesjährigen Ausstellung im Atelier Hermann Haller. Werke von Fürer Nielsen, Thomas Julier, Lithic Alliance und Mélodie Mousset loten die Übergänge zwischen digitalem und physischem Raum aus und behandeln Fragen der Materialisierung, Reproduktion und Autorschaft.
Die diesjährige Ausstellung im Atelier Hermann Haller trägt den Titel *.sculptr und richtet den Blick auf die Veränderungen skulpturaler Praktiken im Sog der digitalen Möglichkeiten. Während die Skulpturen des Bildhauers nach der Instandsetzung des Ateliers noch im Lager schlummern, werden Werke aus der städtischen Kunstsammlung gezeigt, die mit neuen skulpturalen Praktiken zwischen Screen und Material experimentieren.
Neue Technologien haben jahrhundertealte Traditionen der Bildhauerei grundlegend verändert. Was Hermann Haller einst von Hand in Ton, Gips oder Englischzement formte, entsteht heute zunehmend am Bildschirm, über Scans, Animation und 3D-Druck. Der bildhauerische Akt verlagert sich so in virtuelle und hybride Räume.
Gezeigt werden in der Ausstellung Werke von Fürer Nielsen, Thomas Julier, Lithic Alliance und Mélodie Mousset, die Übergänge zwischen digitalem und physischem Raum ausloten und Fragen nach Materialisierung, Reproduktion und Autorschaft neu verhandeln.
Die Skulpturen Hallers selbst sind in seinem historischen Arbeitsraum nicht präsent. Ihre Abwesenheit öffnet den Raum für eine aktuelle Perspektive auf seine Praxis. Diese war geprägt von direkter körperlicher Arbeit am Material und einem klassischen Verständnis von Volumen, Raum und Körperlichkeit. Die Ausstellung nutzt den Moment, um zu fragen, wie sich diese Begriffe unter digitalen Bedingungen transformiert haben.
Heute sind digitale Technologien integraler Bestandteil künstlerischer Produktion. Der Begriff des Postdigitalen, der seit einiger Zeit diskutiert wird, beschreibt eine Situation, in der die Unterscheidung zwischen analog und digital zunehmend an Bedeutung verliert. Heute sind die beiden Sphären untrennbar miteinander verwoben. Viele Künstler*innen reagieren darauf mit einer Rückkehr zum Material, jedoch unter veränderten Vorzeichen. Screenshots werden dreidimensional gedruckt, Animationen als erweiterte Gestaltungsräume verstanden oder die Mechanismen und Tücken der neuen Logiken freigelegt, etwa Glitches und Fehler sichtbar gemacht.
Auch die Oberfläche wird neu verhandelt. Während bei Haller die direkte Bearbeitung durch die Hand seine Autorschaft bezeugte, erweitern Künstler*innen heute diese Technik durch neue industrielle Materialien wie Kunststoffe, Harze oder Silikone, deren Oberflächen teils roh, teils geschliffen und glänzend bearbeitet in Erscheinung treten. So entstehen Arbeiten, die digitale Glätte mit neuen Formen von Körperlichkeit verbinden. Ausgangspunkt ist eine Wahrnehmung, die durch berührungssensitive Interfaces geprägt ist und beeinflusst, wie wir Materialität und Körper heute lesen.
Skulptur erscheint weniger als abgeschlossenes Objekt denn als Prozess, als Transformation, Fragment oder Spur. Materialität und Immaterialität, Präsenz und Absenz sind keine Gegensätze, sondern Zustände innerhalb eines Kontinuums.
Die gezeigten Werke treten in einen vielschichtigen Dialog mit Hallers Praxis. Lithic Alliance spekuliert in einer Videoanimation über geologische Zeit und Materialität von Ton und Erde als Gestaltungsmaterial. Thomas Julier überführt digitale Fragmente einer Kugel oder eines verloren geglaubten und durch Animation rekonstruierten Handfragments einer klassischen Skulptur zurück in physische Körper. Mélodie Mousset denkt, geprägt durch den Begriff der Skins in der Animation, digitale Oberflächen als Haut, materialisiert sie in Silikon oder eröffnet mit einer VR-Arbeit virtuelle Interaktionen und Mitgestaltung für das Publikum, während Fürer Nielsen ein virtuelles Objekt aus dem Gaming-Kontext in eine bewusst unperfekte Skulptur transformieren, die verheissungsvoll leuchtet und die Mechanismen von Erwartung und Begehren in virtuellen Welten widerspiegelt.
Ein originaler Spiegel aus Hallers Atelier ist in der Ausstellung ebenfalls zu sehen. Als verbindendes Element reflektiert er den Raum und die Betrachtenden und macht Letztere selbst zum Teil der Ausstellung. Als Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Gegenwart verweist er auf die relationale Dimension von Skulptur – und erinnert zugleich an digitale Oberflächen, die uns auf uns selbst zurückwerfen.
*.sculptr – Zwischen Screen und Material stellt damit eine grundlegende Frage: Wie verändert sich unser Blick auf Skulptur im Zeitalter von Interfaces und Touchscreens? Und welche neuen Lesarten eröffnen sich für eine Praxis, die aus der unmittelbaren Arbeit der Hand hervorgegangen ist?
Die Vernissage findet am 5. Juni, ab 18 Uhr statt. Öffnungszeiten des Atelier Hermann Haller: Jeweils Fr-So von 12-18 Uhr.
Veranstaltungen und weitere Hinweise/Informationen finden sie hier.
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