Katja Lüthy
Für wen sind Arbeitsmarktstipendien gedacht?
Marco Graf: Arbeitsmarktstipendien sind für Berufsleute gedacht – also für Personen, die bereits Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt gesammelt haben. Junge Erwachsene, die erst am Anfang ihrer Laufbahn sind, werden nicht mit Arbeitsmarktstipendien gefördert. Bei ihnen greift das Instrument der kantonalen und städtischen Ausbildungsstipendien.
Raffaella Szarvas: Genau, wir unterstützen Berufsleute, deren Qualifikationen zu gering sind und die deshalb Gefahr laufen, ihre Stelle zu verlieren. Viele kennen die Angebote in der Weiterbildung nicht oder trauen sich eine Weiterbildung nicht zu. Auch haben viele kein Geld und keine Zeit oder meinen, sie bekommen sowieso nichts.
Woran erkennen Sie im Beratungsalltag, ob jemand anspruchsberechtigt ist?
Marco Graf: In der Beratung geht es darum, was will die Person erreichen? Was ist ihr Ziel? Wir besprechen, wie sie es erreicht und wer das finanziert. Ich unterscheide zwischen Ausbildungsstipendien oder Weiterbildungsstipendien. Wenn ich Kund*innen habe, die beispielsweise Sozialhilfe beziehen oder keinen Lehrabschluss haben, weise ich natürlich direkt auf die Arbeitsmarktstipendien hin. Ich zeige den Online-Service «Mein Konto» der Stadt Zürich und frage, ob sie das Gesuch selbst ausfüllen können. Wenn nicht, helfe ich beim Ausfüllen des Gesuchs.
Sie unterstützen auch beim Ausfüllen des Gesuchs?
Marco Graf: Ja, die Leute benötigen teilweise recht viel Unterstützung. Das Gesuch ist schnell ausgefüllt, aber um die richtigen Unterlagen zusammenzusuchen, dauert es oft länger. Aktuell habe ich einen Kunden, der zwei Monate brauchte, bis er alle Unterlagen zusammen hatte. Wir unterstützen, solange es dauert.
Raffaella Szarvas: Natürlich ist jeder Fall individuell. Manche Kund*innen benötigen technische Unterstützung, anderen reicht eine Auskunft am Telefon. Wir arbeiten extrem dienstleistungsorientiert und gehen stark auf die Situation unserer Kund*innen ein. Wenn wir merken, es hat jemand Mühe, laden wir die Person ein und füllen das Gesuch gemeinsam aus.
Für welche Weiterbildungen gehen die meisten Gesuche ein?
Raffaella Szarvas: Gefragt sind vor allem Fachkurse und Branchenlehrgänge, zum Beispiel als Pflegehelfer*in SRK (Schweizerisches Rotes Kreuz), Betreuungsassistent*in, Klassenassistent*in, aber auch in den Bereichen Finanzbuchhaltung, Rechnungswesen, Personalwesen, Sachbearbeitung. Daneben sehen wir viele Gesuche für Deutschkurse auf allen Sprachniveaus. Ungefähr jede vierte Weiterbildung wird für eine Neuorientierung (Umschulung) beantragt.
Welche Branchen dominieren?
Raffaella Szarvas: Viele Personen kommen aus den Branchen Pflege, Reinigung und Logistik. Sie sind irgendwann in die Branche «reingerutscht» und arbeiten als ungelernte Mitarbeitende. Deshalb unterstützen wir auch viele, die ihren Berufsabschluss nachholen wollen.
Welcher Fall hat sie besonders beeindruckt?
Marco Graf: Eine Kundin hatte bereits als Krankenschwester in Somalia gearbeitet und kam dann in die Schweiz. Inzwischen ist sie seit 20 Jahren in der Pflege tätig. Mit den Arbeitsmarktstipendien schaffte sie ihren Berufsabschluss für Erwachsene zur Fachfrau Gesundheit EFZ. Zudem besuchte sie in jeder freien Minute die Lernstube, um Deutsch zu lernen, oder nahm Nachhilfe. Parallel schickte sie ihrer Verwandtschaft Geld und unterstützte ihre Enkelkinder. Es ist beeindruckend, wie diese Leute zum Teil kämpfen, um ihren Abschluss zu bekommen.
Raffaella Szarvas: Ich freue mich für alle, die mir am Ende der Ausbildung schreiben, dass sie den Abschluss haben. Diese Personen sind glücklich, stolz auf sich selbst und dankbar, dass wir diese Unterstützung anbieten. Wir merken dann, wie erfolgreich unsere Arbeitsmarktstipendien sind.
Was braucht es noch, um arbeitsmarktfähig zu bleiben?
Raffaella Szarvas: Das ist individuell verschieden. Wir zeigen den Kund*innen, welche Grundkompetenzen sie brauchen oder welche Netzwerke es gibt, und wie sie sie nutzen. Natürlich unterstützen wir sie, aber es wird auch Eigenverantwortung verlangt. Und dass man am Ball bleibt.
Marco Graf: Aber Bildung allein ist keine Garantie dafür, auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen. Im Moment verlieren auch Hochqualifizierte ihre Stelle.
Wie erreichen Sie Menschen, die Ihre Angebote noch nicht kennen?
Marco Graf: Das ist eine Herausforderung. Gerade Personen mit geringen Qualifikationen kommen oft von sich aus nicht zu uns. Wenn jemand bereits bei uns in der Beratung ist, schauen wir genau hin: Wo steht die Person, was braucht sie und welche Unterstützung kommt infrage. Es reicht nicht immer, nur auf ein Angebot hinzuweisen. Beim Berufsabschluss für Erwachsene können wir beispielsweise mit einem Coaching auch Personen während der Umsetzung begleiten.
Welche Bedeutung hat die Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen für Sie?
Marco Graf: Wir sind darauf angewiesen, dass unsere Partner ihren Kund*innen von unseren Angeboten erzählen. Die Sans-Papiers-Anlaufstelle Spaz schickt zum Beispiel Kund*innen in die Beratung, bei denen wir prüfen, ob sie Arbeitsmarktstipendien beanspruchen können.
Raffaella Szarvas: Die Kooperation mit den Partnern ist extrem wichtig. Das Laufbahnzentrum schafft das nicht allein, so viele Einwohner*innen der Stadt Zürich wie möglich zu erreichen. Zu uns kommen zum Beispiel auch Personen von FloraDora, der Beratungsstelle für Sexarbeitende. Manche Kund*innen sagen nicht, wer sie geschickt hat. In einigen Fällen wissen wir Bescheid und freuen uns über die gute Vernetzung. Gemeinsam können wir etwas ins Rollen bringen. Kurz gesagt: Je mehr Vernetzung, desto besser!