Marco Graf
Frau Aschwanden, was ist eine Lernstube?
Die Lernstube soll ein Ort sein, der nicht belastet ist mit Schulerinnerungen, ein Ort, wo man leicht den Wiedereinstieg ins Lernen findet. Bei den einen konzentriert sich das auf Alltagsfragen, andere merken nach einem Besuch der Lernstube: «Aha, ich kann ja etwas!» Eine unserer Lernstuben-Leitungen sagte: «Oft kommen die Menschen gebeugt zu uns und gehen aufrecht wieder hinaus.»
Wir möchten die Menschen bei ihren Fragen unterstützen und sie befähigen, in Zukunft diese Probleme selbst lösen zu können. Wir ermutigen deshalb immer wieder, unsere regelmässigen Lerntreffs zu Lesen und Schreiben oder zu Handy und Computer zu nutzen.
Wer kommt in die Lernstube?
Die Lernstuben sind für Erwachsene, die meisten sind zwischen 18 und 65 Jahre alt. Sowohl vom Alter wie von der Herkunft her ist das vielfältig. Das sind Menschen, die in der Schweiz aufgewachsen sind, wie auch Migrantinnen und Migranten. Die Besucherinnen und Besucher haben unterschiedliche Anliegen wie Bewerbungsunterstützung oder sie benötigen Hilfe bei Briefen und Formularen. Das können auch Fragen aus dem Berufsalltag sein, etwa wenn in einer Firma das digitale Rapportieren eingeführt wird.
Es kam einmal eine Frau, die den Laptop auf den Tisch stellte und sagte: «Den hat mir mein Sohn geschenkt.» Die Lernbegleiterin zeigte ihr zunächst, wie sie Fotos speichern und Kochrezepte im Internet suchen kann. Auf spielerische Weise lernte diese Frau den Computer zu nutzen, sodass sie schliesslich auch ihre Bewerbungen selbst schreiben konnte.
Was wollen die Leute in der Lernstube?
Sie kommen mit ihrem Anliegen, möchten etwa gute Bewerbungsunterlagen haben, Tipps bekommen, wie sie sich auf Stellensuchportalen besser organisieren oder wie sie Dokumente hochladen. Andere kommen mit Fragen zur Nutzung des Smartphones: Wie finde ich eine App? Wie lade ich sie runter? Wie mache ich ein Login oder wo lege ich meine Passwörter ab und wie finde ich sie wieder? Diese Fragen sind für viele Leute eine Herausforderung.
Wo besteht der grösste Bildungsbedarf?
Es besteht ein riesiger und wachsender Bildungsbedarf bei der Nutzung digitaler Medien. Der Kontakt mit der öffentlichen Verwaltung oder etwa die Wohnungssuche gehen nicht mehr ohne digitale Kenntnisse. An zweiter Stelle kommen sprachliche Fragen zu Texten und Dokumenten. Rechnen hingegen wird weniger nachgefragt. Rechnen ist zwar eine Grundkompetenz, aber eine etwas versteckte Kompetenz. Viele Leute sind sich nicht bewusst, wie oft man auch im Alltag rechnen müsste. Es kommt selten jemand in die Lernstube und sagt: Ich will besser rechnen können.
Was sind die Hauptschwierigkeiten für die Leute?
Probleme nicht nur punktuell zu lösen, sondern längerfristig. Sich auf den Weg zu machen und auch ein grösseres Ziel wie etwa den Lehrabschluss für Erwachsene anzustreben, überfordert viele. Da kommt oft das Leben dazwischen, denn zu uns kommen auch Menschen mit mehreren Belastungen. Wer in einen Schreibdienst kommt, sucht etwa verzweifelt einen Job oder eine Wohnung, hat vielleicht wenig Geld und familiäre Probleme. Bei unserem niederschwelligen Angebot sehen wir oft eine Kombination verschiedenster Probleme, aber auch viele Strategien und Fähigkeiten, die unsere Besucherinnen und Besucher entwickelt haben, um durchs Leben zu kommen.