Mika – unter diesem Namen kennt ihn halb Zürich seit der Lancierung des «Stadtjägers» unter seinem Label «Mikas». Seine Trockenwurst aus 100 Prozent Stadtzürcher Biofleisch ist der urbanen, nachhaltig orientierten Kundschaft seit 2010 ein Begriff. Während seines Studiums der Lebensmittelwissenschaften begann er nebenbei bei der Macelleria Fulvi im Kreis 4 zu arbeiten – «Ich musste noch etwas mit den Händen tun» – und erlernte dort das Wursthandwerk. Nach dem Bachelor startete Mika seine eigene Produktion, zunächst zwölf Jahre lang im Keller einer Kirche in Oerlikon.
«Am Anfang wurde ich schon etwas schräg angeschaut», erinnert sich Mika. «Doch mein Produkt traf einen Nerv.» Kurze Transportwege, Qualität und transparente Herkunft überzeugten die Kundschaft – aus einer Nische wurde ein Trend. Heute erlebt urbane Produktion einen Boom: Immer mehr Herstellende fertigen lokal – ob Brot, Schokolade, Keramik, Schmuck oder sogar Kaffeemaschinen.
Deshalb wurde 2018 auch die «Made in Zürich Initiative» gegründet, ein Verein für das produzierende Gewerbe in der Stadt Zürich. Mika war eines der ersten Mitglieder und ist seit sechs Jahren im Vorstand. Diese Zeit hat in ihm das Bewusstsein geschärft, wie wichtig eine durchmischte Nutzung für die Entwicklung einer Stadt ist. Und so hat sich der Fokus von Mikas Tätigkeitsbereich erweitert. Er nutzt das kleine historische Pförtnerhäuschen des Schlachthofes als Bühne für eine Mission, die weit über seine Wurstwaren hinausreicht.
Bevor das Häuschen saniert und neu vermietet wurde, stand es mehrere Jahre leer. Mika bewarb sich auf die Ausschreibung und bezog die knapp 18 Quadratmeter im Frühling 2025. Während seine Würste – inzwischen in Kooperation mit der Angst AG, die ein breites Sortiment von Fleisch- und Wurstwaren bis zu pflanzlichen Produkten anbietet – im Gebäude nebenan entstehen, nutzt er das Pförtnerhäuschen als Büro und Verkaufspunkt. Doch der kleinste Firmensitz weit und breit ist mehr als das.
Wo früher uniformierte Pförtner streng über Einlass und Zugang wachten, versteht sich Mika heute als Brückenbauer. Anwohnende, Parkplatzsuchende, Restaurantwirte, Metzgereikundschaft, Passant*innen, Familien: Alle finden bei ihm einen Ansprechpartner. Der neue «Pförtner» des Schlachthofs ist zugänglich, vernetzend und inklusiv – genau so, wie er sich die Zukunft des Areals vorstellt.
«Essen verbindet», sagt Mika überzeugt – um dann nachzuschieben: «Eigentlich!» Denn Ernährung sei in den letzten Jahren zunehmend moralisch und ideologisch aufgeladen worden. Unterschiedliche Ernährungsüberzeugungen treffen heute oft mit Misstrauen aufeinander, statt dass man gemeinsam an einem Tisch sitzt und sich austauscht.
Mika hingegen will Gräben zuschütten statt vertiefen und Menschen zusammenbringen. Diese Haltung führte ihn aus seinem Produktionskeller in Oerlikon ins exponierte Pförtnerhäuschen am Eingang zum Schlachthof-Areal – ein Ort im Wandel, am Beginn einer neuen Zukunft.
«Das Schlachthof-Areal liegt mir am Herzen», sagt Mika bei einem Espresso über die 52 500 Quadratmeter grosse Fläche zwischen Hohl- und Baslerstrasse. Seit 1909 ist hier die Fleischwirtschaft ansässig – heute vor allem vertreten durch die Schlachtbetrieb Zürich AG, die Angst AG und verschiedene kleinere Betriebe. Sie sichern Arbeitsplätze und tragen dazu bei, dass Handwerk und manuelle Berufe in der Stadt erhalten bleiben.
«Eine Stadt sollte nicht nur aus Wohnen und Dienstleistungsbetrieben bestehen», betont Mika. «Sie braucht auch produzierendes Gewerbe, damit sie vielfältig und für alle attraktiv bleibt.» Verschwinde das Gewerbe, schwinde auch das Bewusstsein, woher unsere Produkte kommen und was es braucht, um sie herzustellen. «Wie soll ein junger Mensch auf die Idee kommen, eine handwerkliche Ausbildung zu machen, wenn er um sich herum nur Bürojobs sieht?», gibt Mika zu bedenken. Genau diesem Trend will der Lokalproduzent etwas entgegensetzen.
Ab 2030 wird der Schlachtbetrieb eingestellt und das Areal weiterentwickelt. Die Stadt Zürich erarbeitet die Grundlagen derzeit unter Einbezug der Öffentlichkeit und relevanter Anspruchsgruppen. Vorgesehen ist, den Standort als Gewerbestandort zu erhalten und mit öffentlichen Nutzungen wie Schulen und Freiraum zu ergänzen. In einer Test- und Masterplanung werden die Leitlinien für die künftige Entwicklung festgelegt. Mika wirkt als Mitglied der Spurgruppe aktiv am Prozess mit.
Mika engagiert sich gemeinsam mit anderen Produzierenden dafür, dass das Areal – wie er sagt – «seine DNA als Gewerbestandort mit Fokus auf Food behält». Im Rahmen eines runden Tisches mit Vertretungen aus Produktion, Stadtentwicklung, Zivilgesellschaft und Politik hat er die Vision eines Lebensmittel-Produktions-Hubs entwickelt: getragen von lokalen Betrieben, ergänzt durch öffentliche Nutzungen wie Gastronomie und Läden sowie niederschwellige Angebote – etwa eine Quartierküche oder einen Nutzpflanzengarten. So soll ein lebendiger Ort für Öffentlichkeit und Beschäftigte gleichermassen entstehen.
Mika setzt sich für einen behutsamen Wandel ein: keinen grossen Wurf auf einen Schlag, sondern eine schrittweise Entwicklung mit Raum für Experimente. «Ein lebendiges Areal lässt sich nicht auf dem Reissbrett planen», ist er überzeugt. «Wir haben hier einen einmaligen Bestand, der über Jahrzehnte gewachsen ist – und dazu gehören nicht nur die Gebäude, sondern auch die Menschen und Betriebe, die das Areal prägen.»
Die Miete des Pförtnerhäuschens ist für Mika ein kleiner, erster Schritt auf diesem langen Weg. Hier führt er seine Firma, arbeitet an Projekten, verkauft seine Würste – und steht zugleich Besuchenden Rede und Antwort und knüpft Kontakte in der Nachbarschaft. Der «Pförtner» des Schlachthofs gibt dem Areal ein neues Gesicht.