28 Quadratmeter. Ein Raum, ein kleines Bad, eine Küchennische. Für viele zu wenig. Für ihn genau richtig. Seine grössere Wohnung im Stadtzentrum zu verlassen und an den Stadtrand zu ziehen, fällt ihm leicht. Ins Unbekannte zu treten, gehört zu seiner Lebensgeschichte. Anfang 2023 schlägt Peter Tobler in der Wohnsiedlung Unteraffoltern II ein neues Kapitel auf.
Bevor Peter Tobler nach Affoltern zieht, lebt er in Wipkingen. Mitten in der Stadt. Haus an Haus, viele Mauern, wenig Weite, viel Stein, wenig Grün. Die Limmat mit ihrem Uferweg bietet ihm zwar eine grüne Lebensader, doch der urbane Charakter überwiegt. In Affoltern hat er für Spaziergänge einen Wald direkt vor der Haustür und viel Grün rundherum, den Katzensee für den Sprung ins kühle Nass. Kurz: Er geniesst die Nähe zur Natur. In Affoltern findet er, wonach er insgeheim gesucht hat.
Ganz ohne Zweifel bewirbt er sich allerdings nicht auf die Wohnung: «Nach der Besichtigung überlegte ich mir schon, ob meine sieben Sachen hier Platz finden», erinnert er sich. Doch dann überwiegt die Vernunft. Er bewirbt sich und erhält wenig später den Zuschlag. «Ich war froh, weniger Miete bezahlen zu müssen», sagt Tobler rückblickend, der damals in einer Weiterbildung steckte und finanziell über die Runden kommen musste.
Toblers Bedürfnis nach Grünraum und Weite hat frühe Wurzeln. «Ich bin in Herisau aufgewachsen, in einer Grossfamilie auf einem Bauernhof mit vielen Tieren», erzählt er. Die Natur und die idyllische Appenzeller Landschaft prägen ihn von klein auf. Wenn er davon spricht, beginnen seine Augen zu leuchten. Dieses erste Zuhause bestimmt bis heute sein bevorzugtes Wohnumfeld. Wie ein roter Faden ziehen sich auch seine verlässlichen Entscheide durch sein Leben, immer wieder zu neuen Ufern aufzubrechen.
Mit 20 verlässt der Bauernsohn Herisau Richtung St. Gallen. Er absolviert eine Floristenlehre und entdeckt seine Leidenschaft für Farben, Formen, Gestaltung. «Blumensträusse sind kleine Kunstwerke – dreidimensionale, vergängliche Skulpturen», resümiert Tobler. Es folgen Stationen in Zürich und Kloten, später ein Abstecher in den Kanton Luzern. Während eines viermonatigen Ferienaufenthalts in den USA spürt er: Beruflich steht der nächste Schritt an.
Niemand in seiner Familie hatte studiert. Trotzdem – oder gerade deshalb – wagt er genau diesen Weg. Die Wahl der Studienrichtung bereitet Tobler kein grosses Kopfzerbrechen: Er will seine Kreativität ausleben, die er nicht nur beim Blumenbinden, sondern auch beim Zeichnen entdeckt hat. «Für mich waren meine Zeichnungen nichts Besonderes», erklärt Tobler. «Aber die Leute mochten sie.» Der Zuspruch gibt ihm Mut, den nächsten Schritt anzupacken.
Der damals 26-Jährige absolviert das Studienjahr Kunst sowie den gestalterischen Vorkurs in Teilzeit an der Schule für Kunst und Design Zürich (SKDZ). Als er sich anschliessend für das Studium an zwei Hochschulen bewirbt, nehmen ihn beide an. Dieser Erfolg bestärkt ihn enorm.
Er entscheidet sich für Art Education an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) – ein Studium, das auf das künstlerische und gestalterische Unterrichten in Schulen vorbereitet. Das Studium und seinen Lebensunterhalt finanziert er mit Teilzeitjobs – zuerst in einem «Do-it + Garden»-Markt, später als persönliche Assistenz von Menschen mit Beeinträchtigung – sowie einem Bildungsdarlehen.
Der Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigung liegt ihm. Im Studium absolviert er ein Praktikum in der Kunsttherapie in einer Alterstagesklinik. Zwischen dem Bachelor- und Masterstudium arbeitet er als Fachmitarbeiter Floristik bei einer Stiftung, die Menschen mit Beeinträchtigung Arbeits- und Ausbildungsplätze bietet. Alles in allem zehn intensive Jahre. Am Ende steht das Lehrdiplom.
Seit 2022 unterrichtet der Junglehrer auf Sekundarstufe I Bildnerisches und Textiles Gestalten sowie Projektunterricht. Dort lernen die Schüler*innen, eigenständig zu arbeiten – von Gruppenprojekten bis zur Abschlussarbeit. Der Alltag ist laut und energiegeladen, geprägt von Teenagern, die ständige Aufmerksamkeit fordern. Umso wichtiger ist Tobler ein Ort, der Distanz schafft. Diesen Ort findet Tobler in seiner Wohnung in Affoltern, am Stadtrand von Zürich.
Hier ist er nicht der Lehrer Tobler, sondern eines von vielen unbeschriebenen Gesichtern. Er kann unbeschwert einkaufen, am Wochenende seine Stammbar besuchen, unter Leuten sein, Ausgleich finden. «Ich bin gerne allein, aber nicht lange – wohl ein Überbleibsel meiner Kindheit und Jugend», sagt er. Tobler ist nicht nur in einem Generationenhaushalt grossgeworden, sondern hatte bis zur Berufsschule auch seinen Zwillingsbruder fast ständig an seiner Seite.
Toblers Bedürfnis nach Gesellschaft und Alleinsein erfüllt sein Wohnort. «In unserer Siedlung können alle leben, wie sie wollen», sagt er. «Man kann Kontakte knüpfen oder sich zurückziehen.» Rund 530 Menschen wohnen in den zwei scheibenförmigen, 40 Meter hohen Betonhäusern. So abweisend und schroff manche Aussenstehende sie finden – die Bewohnenden teilen diese Sicht nicht. Sie leben gerne dort, wie ein erstaunter Newsreporter bei einem Besuch vor Ort feststellte.
Peter Tobler hat ein feines Gespür dafür, wann es Zeit ist, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Vom Bauernhof in die Stadt. Vom Floristen zum Studenten. Von Wipkingen nach Affoltern. Von der grösseren in die kleinere Wohnung. Jeder Schritt eine bewusste Entscheidung, die nicht gegen etwas gerichtet war, sondern hin zu etwas führte.
Irgendwann wird er auch «Unteraffoltern II» verlassen. Doch wenn man ihn dort besucht, spürt man: Noch fühlt sich sein Leben auf 28 Quadratmetern richtig an.