Die Lifttüre öffnet sich in ein fensterloses, schlichtes Treppenhaus. Zwei Wohnungstüren, und man fragt sich: Hinter welcher wohnt sie, die WG, die vor eineinhalb Jahren ihr gemeinsames Wohnexperiment gestartet hat? 15 Zimmer, 12 Personen – das war die Vorgabe der Stadt. Hier, in der neu gebauten Siedlung Leutschenbach, sollte eine der grössten Wohngemeinschaften einziehen, die es in einer städtischen Liegenschaft je gab. Bei so viel Anspruch überrascht das schlichte Klingelschild: «WG 5. Stock». Alex öffnet die Tür.
Die Wohnung ist hell und aufgeräumt, alte und neue Möbel stehen einträchtig nebeneinander. Ein langer, gedeckter Esstisch wartet auf hungrige Mäuler – die sind aber noch verstreut in der Wohnung, weil der Fotograf letzte Porträts schiesst. Als nächstes taucht Jessica auf: «Hallo, wir haben gemailt.» Sie ist hier mit ihrem Mann Alex und den Kindern Attila und Oscar eingezogen. Janne und ihr Freund Este kommen dazu, dann Klaus, der Senior der WG – den der Fotograf gleich wieder mitnimmt. Tatsuto führt schliesslich durch die Grosswohnung. Ein lebhafter Auftakt.
Die Wohnung ist eine von zwei 15-Zimmer-Wohnungen in der Siedlung Leutschenbach. Seit einigen Jahren baut die Stadt in neuen Siedlungen auch besonders grosse Wohnungen: 10,5 und 11,5 Zimmer in der Siedlung Hornbach, 8,5 in der Eichrain, 15 in Leutschenbach, später 7,5 und 6 Zimmer im Tramdepot Hard resp. in der Hardau I. Zusammen mit sieben 6-Zimmer-WG-Wohnungen sind die 15-Zimmer-Wohnungen Ausnahmen unter den 369 Wohnungen der Leutschenbach-Siedlung, die sonst vor allem Familien Platz bieten. Die Grosswohnung selbst umfasst 10 Zimmer, 2 Aufenthaltsräume, einen Essbereich, zwei grosse und sechs kleine Badezimmer sowie zwei Küchen auf 366 Quadratmetern – bei 12 Bewohnenden also gut 30 Quadratmeter pro Person, gegenüber 40 im städtischen und 50 im gesamtschweizerischen Schnitt. Möglichst wenig Platz zu brauchen, war für die «WG 5. Stock» bei der Gründung aber gar nicht der Punkt.
«Wir fanden das eine spannende Wohnform für unsere Kinder», erzählt Jessica, die mit ihrer Familie aus einer grossen Wohnung hierherzog. «Dass wir in den Ferien schon mal auf engem Raum zusammenlebten, hat uns Mut gemacht.» Noch in denselben Ferien scrollten sie durch Wohnungsinserate und stiessen auf die Ausschreibung der Stadt Zürich. Danach fügte sich vieles wie von selbst: Klaus, ein alter Kumpel von Alex, sagte zu, ebenso Yaya, Chaba und Vivianne mit ihrem Sohn Munay – und Tatsuto sowieso, der aus einer anderen WG hierherzog. So fand sich die Gruppe rasch im Bekanntenkreis und durchs Weitersagen zusammen. Nur Este stiess über ein Inserat dazu, seine Freundin Janne, die ohnehin oft da war, zog später fest ein. So schnell die Bewerbung eingereicht war, so lange dauerte dann die Antwort der Stadt: Ein ganzes Jahr verging, das nervte schon. Aber die Gruppe um Jessica und Alex liess sich nicht entmutigen und bekamen schliesslich die Zusage.
Organisiert ist die WG als Verein, damit die Stadt nur eine Ansprechpartnerin hat. Der Verein vermietet die Zimmer an seine Mitglieder weiter und sorgt dafür, dass sich alle an die gemeinsamen Regeln halten. Die «WG 5. Stock» ist bunt gemischt: Menschen mit Wurzeln in Brasilien, Deutschland, Japan, der Schweiz, Mexiko und Thailand wohnen hier unter einem Dach. Das jüngste Mitglied ist 7 Jahre alt, das älteste 72, im Schnitt liegt die Gruppe bei etwas über 40. So unterschiedlich und auf engem Raum – sind da Konflikte nicht programmiert? Die Runde überlegt kurz, dann meint Janne verschmitzt: «Ja, mit einem WG-Mitglied klappte es nicht – zum Glück, so wurde ein Platz für mich frei.» Abgesehen davon kommt Klaus, der vorher allein wohnte, ins Schwärmen: «Es ist wirklich ein Glücksfall, wie harmonisch wir zusammenleben.» Jessica ergänzt: «Ich kam heute später von der Arbeit als erwartet. Da hat Klaus spontan gekocht: Spaghetti Napoli, Panna Cotta zum Dessert.»
Die WG widerlegt das Klischee der streng durchorganisierten, zänkischen Wohngemeinschaft. Einkaufslisten, Putzpläne, zermürbende Aussprachen? Fehlanzeige. «Wir sind ein Erfolgsmodell», bringt es Klaus auf den Punkt. Was es dafür braucht: Fingerspitzengefühl. «Und Grosszügigkeit», fügt Alex an. «Hier wohnen viele Menschen, die gerne geben», sagt Janne. Was fast zu schön klingt, um wahr zu sein, ist wohl das Ergebnis einer entspannten Haltung, gepaart mit viel Zuversicht und Offenheit. Selbst die Zimmerverteilung lief ohne lange Diskussionen: Alle nannten ihr Wunschzimmer – und am Ende bekamen alle ihr Wunschzimmer. Auch den Mietanteil berechneten sie nicht kompliziert nach Quadratmetern und persönlicher Fensterfläche, sondern über den Daumen gepeilt. Grundnahrungsmittel wie Salz, Gewürze und Teigwaren kaufen alle ein, Waschmittel und Putzzeug besorgt Alex, und Janne rettet jede Woche bei Aldi Lebensmittel, die sonst weggeworfen würden – die Kosten dafür sind in der Miete inbegriffen. Nur individuelle Wünsche wie Tahinisauce, Zitronengras oder Wein kaufen alle für sich.
Hier wohnen Menschen, die nicht zuerst fordern, sondern schätzen, was sie haben – und sich einbringen, in der eigenen Wohnung wie in der ganzen Siedlung. 1100 Menschen leben hier, davon rund 400 Kinder. Das schafft Raum für Austausch, Gemeinschaft und Freundschaften – kann aber auch zu Reibung führen. Damit das möglichst selten passiert, kümmert sich der Verein Siedlung Leutschenbach um ein lebendiges, nachbarschaftliches Zusammenleben. Mit dabei: Este, der vom nächsten Siedlungsfest erzählt, mit Kinderprogramm, gemeinsamem Buffet und Live-Musik. Und auf Jessicas Initiative gibt es im Gemeinschaftsraum Kino-Nachmittage für Kinder. So tragen die Mitglieder der WG ihren Geist in die Siedlung hinaus – bei einem Fest, einem Kinderanlass oder einfach mit einem Grüezi im Treppenhaus.