Es ist ruhig im Quartier. Es wirkt, als wäre man in einem Aussenbezirk von Zürich. Dass der Goldbrunnenplatz nur wenige Gehminuten entfernt ist, damit würde man nicht rechnen. Die Wohnsiedlung Rebhügel besteht aus 31 Häusern, die in zwei zusammenhängenden Gebäudereihen entlang der Strasse angeordnet sind. Jedes Haus hat je drei Wohnungen. Eine kleine Nachbarschaft, die sich kennt. Ein Kinderwagen steht im Flur, ein Veloanhänger vor dem Haus. Und innen? Die Wohnungen sind grosszügig, sodass sich Familien wohlfühlen können. Eine davon ist die Familie von Michael Volken und Pascale Schmid mit den gemeinsamen Kindern Helena und Ludwig. Ganz unkompliziert bieten die beiden gleich von Anfang an das «Du» an.
Man merkt, dass hier Kinder wohnen. Zwei Tripp-Trapps stehen am Esstisch in der geräumigen Küche. Das Kinderzimmer ist liebevoll eingerichtet und dekoriert, die Spielzeuge ordentlich und sorgsam verstaut. «Es sieht nicht immer so aufgeräumt aus, aber wir wollten heute nicht ganz so ein Chaos haben», erklärt Pascale lächelnd, als sie zu Beginn des Besuches durch die Wohnung führt. Nachdem die Kinder ihr Spielzeug präsentiert haben, geht es zurück in die Küche.
Michael bereitet Kaffee zu und stellt die Tassen auf den Küchentisch. «Ich brauche jetzt erst einmal einen Kaffee. Ich hatte heute noch keinen», sagt Pascale und nimmt einen Schluck aus ihrer Tasse. Die Kinder sitzen gleich daneben an einem eigenen kleinen Tisch, perfekt für ihre Grösse. Während Helena, die vierjährige Tochter, sich mit Hörbuch und Malfarben beschäftigt, verwirklicht sich der zweijährige Ludwig künstlerisch und klebt Sticker in ein Buch ein.
«Unsere vorherige Wohnung war wunderschön – ein Altbau, liebevoll vom Eigentümer renoviert, mit Bodenheizung, Waschmaschine und Tumbler in der Wohnung. Aber sie war klein geschnitten», erinnert sich Michael. Mit Helena lebten sie in einer 3-Zimmer-Wohnung ganz in der Nähe, am Goldbrunnenplatz. Bereits vor Ludwigs Geburt begann die Suche nach einem neuen Zuhause – in aller Ruhe, aber mit klarer Absicht. Pascale und Michael wollten nicht in irgendeine x-beliebige Wohnung ziehen.
Fündig wurde die Familie nach rund zwei Jahren. Pascale und Michael hatten sich mehrfach um städtische Wohnungen bemüht – jedoch stets ohne Erfolg: Nie schafften sie es durch den Zufallsgenerator, der über die Zulassung zu Wohnungsbesichtigungen entscheidet. Dann kam die Wohnung auf dem Rebhügel – erstmals erhielten sie eine Einladung. Und nach der Besichtigung war ihnen sofort klar: Diese soll es sein.
Doch zwischen Wunsch und Zuschlag standen noch immer zahlreiche andere Wohnungssuchende. Für eine freiwerdende Wohnung interessieren sich im Durchschnitt gegen 1000 Personen – an begehrten Lagen wie Wiedikon deutlich mehr. Nach dem Zufallsgenerator verbleiben je nach Objekt noch 50 bis 80 Interessierte.
Doch neben einer Portion Glück müssen Wohnungssuchende auch die städtischen Mietbedingungen erfüllen, um einen Mietvertrag zu erhalten. Pascale und Michael brachten beides mit – am Ende fiel die Wahl auf sie.
«Uns war es stehts wichtig, zentral in der Stadt zu wohnen. Oerlikon oder Schwamendingen wäre für uns keine Option gewesen, dann hätten wir uns eher vorstellen können, ganz aus der Stadt zu ziehen», sagt Michael. Pascale wäre der Abschied leichter gefallen: «Ich bin nicht in der Stadt grossgeworden. Zwar habe ich während meines Studiums in Luzern gewohnt, aber nach Zürich bin ich Michael zuliebe gezogen.»
Michael stammt ursprünglich aus Luzern, Pascale aus Bern. Kennengelernt haben sie sich in Luzern, als Pascale ihr Studium zur Lehrerin absolvierte. Als Michael 2011 genug vom Pendeln nach Zürich hatte, folgte sie ihm. «Ich wäre sonst nie als Bernerin nach Zürich gezogen», meint sie lachend. «Auch wenn meine Mutter eigentlich aus Zürich stammt.» Trotz ihrer Zürcher Wurzeln mütterlicherseits spürte Pascale als Kind Vorurteile gegenüber Zürich – ihr Dialekt galt nicht als «echt berndeutsch», und sie wurde in der Schule dafür aufgezogen. Doch im Laufe der Jahre fand sie in Zürich ihren Platz. «Es liegt vielleicht auch an diesem Ort. Wir haben es uns hier wirklich gemütlich gemacht.»
Michael verantwortet den Verkauf und das Marketing bei der Architekturzeitschrift Hochparterre, Pascale unterrichtet während drei Tagen an einer nahegelegenen Primarschule. Beide fahren mit dem Velo zur Arbeit. Die Kinder gehen zweimal pro Woche in dieselbe Kita in der Nachbarschaft, die Helena bereits am früheren Wohnort besucht hat.
Die restliche Betreuung teilen sich die beiden: «Ein Tag gehört Michael, an zwei Tagen übernehme ich die Kinderbetreuung», sagt Pascale. Es gibt einen engen Kontakt zur Nachbarschaft – ein gleichaltriger Junge ist oft zum Spielen da. «Er ist gerade in den Ferien – die Kinder vermissen ihn sehr.»
In den 80er-Jahren wurden die damals kleinen 2- bis 3-Zimmer-Wohnungen zu grosszügigen Familienwohnungen umgebaut. Der neue Grundriss überzeugt: In der Küche ist genug Platz für einen grossen Esstisch, vom Wohnzimmer geht es direkt in den Garten.
Doch nicht alles ist ideal. «Als wir einzogen, gab es weder einen Dampfabzug noch eine Abwaschmaschine. Diese haben wir selbst nachgerüstet. Ausserdem ist die Waschmaschine immer wieder kaputt», sagt Michael. Die alte Bausubstanz führt besonders in den Erdgeschosswohnungen zu hoher Luftfeuchtigkeit. «Aber das war hier über vierzig Jahre lang der Fall – daran wird sich nicht so schnell etwas ändern.»
Trotzdem: Die Lage ist ein Glücksfall. «Hier fühlt es sich an wie eine kleine Oase. Gleichzeitig ist man, sobald man die Strasse hinuntergeht, mitten im Stadtleben», ergänzt Michael. Der Kindergarten, die Primar- und Oberstufe und sogar das Gymi befinden sich in unmittelbarer Nähe – keine 200 Meter entfernt. Die Wohnung ist noch nicht fertig eingerichtet. «Hornbach hat recht: ‹Es gibt immer was zu tun›», sagt Pascale schmunzelnd und zeigt auf die alte Küchenlampe. «Die ist schrecklich, aber irgendwann wird sie auch ersetzt.» Schritt für Schritt richten sie sich ein.
Nach den ersten intensiven Jahren mit kleinen Kindern kehrt allmählich mehr Leichtigkeit ein. «Wir haben grosses Glück mit den beiden», erklärt Pascale. «Auch wenn Helena eine eher unruhige Schläferin ist: Morgens schlafen beide gerne aus.» Je älter die beiden werden, desto mehr kann die Familie gemeinsame Unternehmungen planen und von der Kultur in Zürich profitieren. Ein fester Bestandteil ihres Wochenplans sind die Ausgangstage, die sie für sich eingeführt haben. Daneben verbringen sie oft Zeit mit anderen Familien in der Siedlung, deren Kinder in einem ähnlichen Alter sind. Im Garten können diese unbeschwert spielen und sich austoben.
Die Stimmung im Quartier ist freundlich. «Wir sind manchmal etwas laut», gibt Pascale zu, «aber die Nachbarn sind sehr hilfsbereit.» Einmal mussten sie früh morgens notfallmässig mit Ludwig ins Spital, und sofort unterstützten die Nachbarn aus der oberen Wohnung und halfen dabei, die Kinder umzuziehen, damit die junge Familie schnellstmöglich ins Spital konnte.
Einige langjährige Nachbarn blicken mit Wehmut auf frühere Zeiten zurück. «Früher gab es hier Strassenfeste, Public Viewings im Garten – es war wohl lebendiger», sagt Michael. Doch mit neuen Familien kehrt möglicherweise neues Leben in die Siedlung zurück. In dieser Wohnung ist es auf jeden Fall lebendig. Das zeigt sich, als Pascale sich zu Helena hinunterbeugt, die das Malbuch zur Seite gelegt hat und die Hände verziert: «Bitte nicht ins Gesicht malen – nachher kommt jemand vorbei, um Fotos von uns zu machen».