Die Stadt Zürich sammelt seit über hundert Jahren gezielt Kunstwerke – primär zur Förderung des lokalen Kunstschaffens – und verfügt mittlerweile mit über 29 000 Objekten über die grösste städtische Sammlung der Schweiz (vgl. Online-Datenbank Kunstbestand Stadt Zürich). Ein grosser Teil der Werke hängt in städtischen Liegenschaften – in Amtshäusern, auf Schulanlagen, an Polizeistandorten. Die Sammlung wird betreut von der Fachstelle Kunstsammlung, die bei Immobilien Stadt Zürich (IMMO) im Hochbaudepartement angegliedert ist.
Über die Jahrzehnte ist die Kunstsammlung durch Ankäufe, Schenkungen und Nachlässe von Werken gewachsen, darunter auch solche, die lange vor der eigentlichen Sammlungstätigkeit entstanden sind. Wie gut sich der Weg eines Werks in die Sammlung zurückverfolgen lässt, hängt unter anderem davon ab, durch wie viele Hände es seit seiner Entstehung gegangen ist: Ankäufe direkt bei den Künstler*innen lassen sich leicht nachvollziehen. Werke aus Nachlässen, Schenkungen oder dem Kunsthandel hingegen können über mehrere Stationen führen.
Eine lückenlose Aufklärung ihrer Herkunft – oder Provenienz – ist in den vergangenen Jahren zunehmend wichtiger geworden, insbesondere mit Blick auf Kunst, die während des Nationalsozialismus gehandelt wurde. Die Stadt wollte wissen, wie es um ihre eigene Sammlung steht, und hat seit 2023 systematische historische Nachforschungen anstellen lassen.
In Zusammenarbeit mit Lange & Schmutz Provenienzrecherchen GmbH wurde ab Januar 2024 während zwei Jahren die Provenienz von 700 Sammlungswerken untersucht. Massgebend für die Auswahl waren mehrere Kriterien, die auf ein erhöhtes Risiko hindeuten:
- Erwerbszeitraum: Besitzer*innen-Wechsel oder Ankauf zwischen 1933 und 1945
- Quellenlage: unbekannte oder lückenhafte Herkunft
- Beteiligte Akteure: Kunsthändler*innen mit Verbindungen zu NS-Geschäften
- Bedeutung des Werks: erheblicher kunsthistorischer Wert, internationale Bekanntheit
Berücksichtigt wurden dabei unterschiedliche Gattungen – Grafik, Malerei, Plastiken – sowie Kunstschaffende aus dem In- und Ausland. Auch Werke, die erst in der Nachkriegszeit in die Sammlung gelangten, wurden einbezogen, wenn ihr Verbleib in den Jahren 1933–1945 unklar war.
Der Aufwand ist beträchtlich. Platzierte Werke mussten aus Schulhäusern und Amtsgebäuden ins Depot gebracht, Bilder für die Untersuchung ausgerahmt werden. Jedes Werk wurde vorder- und rückseitig fotografisch dokumentiert – denn gerade die Rückseiten sind für die Provenienzforschung von Bedeutung: Etiketten, Ausstellungsnummern, Sammlungsstempel und handschriftliche Vermerke sind nicht selten die einzigen Spuren, die ein Werk aus seiner Vergangenheit mitbringt.
Zeitgleich hat die Stadt die handgeschriebenen Inventarbücher der Sammlung von 1916 bis 1997 digitalisiert. Recherchiert wurde in Online-Archiven im In- und Ausland und einschlägigen Datenbanken zu NS-Raubkunst. Zu jedem Werk entstand schliesslich ein Forschungsbericht – und die Ergebnisse wurden von der Fachstelle in die Kunstdatenbank eingepflegt.
Beurteilt wurden die Werke nach vier Kategorien gemäss Vorgabe des Bundesamts für Kultur:
Von den 700 untersuchten Werken entfallen 423 (60 %) auf die Kategorie A und 237 (34 %) auf die Kategorie B. 40 Werke (6 %) wurden der Kategorie C zugeordnet. Kein einziges Werk fällt in die Kategorie D.
Damit ergibt sich ein positives Bild des Bestands. Viele Lücken konnten geschlossen, fehlerhafte Angaben korrigiert und Unklarheiten aufgelöst werden.
Das Gemälde ist Teil eines siebenteiligen Zyklus, den Huber 1796 als Wanddekoration für das Wohnhaus «Zum Mühlestein» an der heutigen Bahnhofstrasse malte. Es war also von Anfang an für einen bestimmten Zürcher Ort bestimmt – und blieb ihm lange verbunden.
1859 ging die Liegenschaft mitsamt den Bildern an eine Zürcher Familie über. Als das Haus 1911 abgerissen wurde, nahm die Familie die Leinwandbespannungen mit: zunächst in ein Haus am Seilergraben, später in eines am Zürichberg, wo sie erneut in die Wandvertäfelung eingepasst wurden. Nach einer weiteren Station bei einem Familienangehörigen in Uitikon/Waldegg erwarb die Stadt Zürich 1964 den vollständigen Zyklus.
Die Eigentumsrechte am Bilderzyklus lassen sich damit über gut 170 Jahre lückenlos nachvollziehen – und sie verblieben durchgehend innerhalb einer Familie. Ein Handwechsel über den Kunsthandel fand nie statt, ein Zusammenhang mit verfolgungsbedingtem Entzug lässt sich ausschliessen.
Füssli, in Zürich geboren und in London zu Ruhm gelangt, malte das Bild in seinen späten Jahren. Danach verliert sich die Spur über weite Strecken.
Nachweisbar ist das Bild 1926 an einer Zürcher Füssli-Ausstellung, ausgeliehen von einer britischen Adelsfamilie. Danach klafft eine Lücke von fünfzehn Jahren. 1941 taucht es an einer Gedächtnisausstellung wieder auf, nun in Basler Privatbesitz. Kurz darauf gehört es einer Sammlervereinigung, die 1937 gegründet worden war, um Werke Füsslis in die Schweiz zurückzuholen. Nach 1950 wird es erneut unübersichtlich. Spätestens ab Mitte der 1950er-Jahre befindet es sich bei einem Zürcher Sammler, der es 1978 der Stadt Zürich schenkt. Seither hängt es als städtische Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich.
Die kritische Periode 1933–1945 fällt damit genau in eine der Lücken. Es gibt keine Hinweise darauf, dass dem Werk etwas anhaftet, aber es gibt auch nicht genügend Belege, um einen problematischen Hintergrund mit der nötigen Sicherheit auszuschliessen. Genau das meint Kategorie C: ungenügende Beweislage. Für die Stadt heisst das: Weiter recherchieren.
Den 40 Kunstwerken der Kategorie C will die Stadt weiter nachgehen. Sie sind allesamt nach 1945 und über mehrere Zwischenstationen in die Sammlung gelangt. In den städtischen Inventarlisten gibt es für ihren Verbleib in den kritischen Jahren 1933–1945 noch keine Belege – die Antworten liegen, wenn überhaupt, in externen Archiven und erfordern zusätzliche Nachforschungen. Dazu sind 2027 und 2028 zwei Folgeprojekte geplant.