Zwei städtische Liegenschaften am Neumarkt 13 und an der Niederdorfstrasse 29 tragen Inschriften mit dem Begriff «Mohr» («Mohrenkopf» bzw. «Zum Mohrentanz»). Der M-Begriff hat eine rassistische Wirkung. Deshalb entschied der Stadtrat, die Inschriften reversibel abdecken zu lassen.
Der Entscheid des Stadtrats geht auf zahlreiche Schreiben aus der Bevölkerung zurück und stützt sich auf die Empfehlungen der städtischen Projektgruppe «Rassismus im öffentlichen Raum».
Die Abdeckung wird kontrovers diskutiert. Stimmen von Passant*innen am Tag der Abdeckung geben Einblick in die Debatte. Stadtpräsidentin Corine Mauch ordnet den Entscheid des Stadtrats ein.
Mit der Abdeckung ist die Diskussion nicht beendet: Wie soll die Stadt mit rassistischen Zeichen im öffentlichen Raum umgehen, und wie kann sie sich gegen Rassismus einsetzen? Darüber im Gespräch zu bleiben, gehört zu einer demokratischen Gesellschaft. Der Stadtrat steht dabei vor der Herausforderung, die polarisierte Debatte in einen konstruktiven, sachlichen Dialog zu überführen. Dass daran ein breites Interesse besteht, zeigt sich etwa am grossen Erfolg der Ausstellungen im Stadthaus und im Landesmuseum zu den kolonialen Verstrickungen Zürichs und der Schweiz.
«Die Geschichte ist, dass wir recht viele Zuschriften bekommen haben aus der Bevölkerung, aber auch von Organisationen von Schwarzen Menschen, die darauf hingewiesen haben, dass es im Niederdorf rassistische Inschriften und Wandbilder gibt. Sie haben gefordert, dass diese Zeichen entfernt werden. Wir haben dann eine verwaltungsinterne Projektgruppe eingesetzt und diese hat im Auftrag des Stadtrats diese Zeichen untersucht und auch Empfehlungen zuhanden vom Stadtrat erarbeitet.
Wenn es im Stadtbild solche rassistischen Zeichen hat, dann haben wir drei Möglichkeiten. Wir können entweder gar nichts machen; das wollten wir nicht. Oder wir können diese Zeichen in einen Kontext stellen mit Erläuterungen, beispielsweise mit einer Homepage, die mit einem QR-Code zugänglich ist, damit man das erklärt. Und die dritte Möglichkeit ist, und das ist das, was die Arbeitsgruppe empfohlen hat, dass man diese Zeichen so behandelt, dass sie nicht mehr im öffentlichen Raum sichtbar sind.
Für den Stadtrat ist klar, Rassismus darf nicht toleriert werden. Rassismus zeigt sich im Alltag von Betroffenen oft sehr subtil, in Form von kleinen Nadelstichen. Und die Inschriften im Niederdorf, die sind so ein Beispiel. Der Begriff wird nämlich auch heute noch als abwertende und rassistische Beleidigung verwendet und wird auch so gewertet. Und wenn jetzt ein Mensch, ein Schwarzer Mensch, daherkommt, trifft es jemanden ganz unvermittelt und es erweckt bei ihm den Eindruck, dass in unserer Gesellschaft solche Begriffe als normal gelten und akzeptiert werden. Darum hat der Stadtrat entschieden, dass wir die Inschriften abdecken wollen, dass sie nicht mehr im öffentlichen Raum sichtbar sind.
Es war uns ganz wichtig, dass wir die Inschriften nicht zerstören oder wegmachen. Denn es ist uns bewusst, dass das unsere heutige Perspektive ist und dass das unser heutiges Handeln ist und dass möglicherweise künftige Generationen das anders sehen. Darum haben wir das mit einem reversiblen Prozess gemacht, auch denkmalpflegerisch sehr sorgfältig haben wir die überdeckt.
Dem Stadtrat ist es sehr wichtig, dass mit dieser Abdeckung eine Auseinandersetzung mit den Inschriften auch weiterhin stattfindet. Das gehört erstens zu einer Demokratie, dass wir miteinander debattieren. Und zweitens gehört es auch zu einer lebendigen Erinnerungskultur, dass wir heute miteinander stetig darüber weiterverhandeln, wie wollen wir uns an die Vergangenheit erinnern, woran wollen wir uns erinnern, in welcher Form – und woran erinnern wir uns eben nicht. Es gibt auch Leute, und da haben wir durchaus viel Echo bekommen, die Angst haben, dass man ihnen mit dieser Abdeckung einen Teil ihrer Geschichte wegnehmen würde. Und ich bin überzeugt, dass wir diese Wahrnehmung, diese Empfindung auch ernst nehmen müssen.
Aber Rassismus ist eine Realität im Alltag, auch in Zürich ist es eine Realität und es ist uns sehr wichtig, dass das im Bewusstsein bleibt und dass die Debatte geführt wird.»
«Ich finde es eigentlich richtig, dass man es abdeckt, denn es kommt ja nicht darauf an, wie es gemeint ist, sondern wie es ankommt. Und wenn es den Eindruck von Rassismus macht, finde ich es von der Stadt falsch, wenn es bleibt.»
«Also, ich finde es gar nicht in Ordnung.»
«Also ich meine, man kann plötzlich alles als rassistisch sehen, oder? Man sollte den Ball flach halten.»
«Ich finde wirklich, entweder sollte man überall alles tilgen oder alles stehen lassen – nur hier ein bisschen etwas machen und dort etwas, das bringt der Sache der Antirassismus-Geschichte eigentlich nichts – und es ist schade, dass es verschwindet, denn es ist unsere Geschichte auf eine Art.»
«Es ist eine paternalistische Haltung unserer Stadtbehörden, die das Gefühl haben, sie müssten stellvertretend für die von ihnen bezeichneten schutzbedürftigen Minderheiten denken und fühlen.»
«Mich stört es extrem, aber mir ist vielleicht auch bewusst, welche Belastung diese Begriffe haben – anderen vielleicht nicht. Ich habe Wurzeln im Senegal, aber auch in der Schweiz, und dadurch bekomme ich sozusagen beide Seiten ein wenig mit: die betroffene Seite und diejenige, die nicht so aufgeklärt ist und nicht betroffen ist. Und darum ist es für mich sehr problematisch, und darum finde ich es mega wichtig, darüber zu sprechen.»
«Ich finde es etwas schräg, dass man jetzt da dermassen fundamentalistisch alles eliminiert, was irgendwie ein bisschen anecken könnte – ganz ehrlich. Ich finde Rassismus nicht unterstützenswürdig, überhaupt nicht. Aber man muss es differenziert anschauen. Das ist ja nicht aus der aktuellen Gegenwart entstanden, um irgendwo auf eine Bevölkerungsgruppe dieser Erde abzuzielen, da bin ich sicher.»
«Und wenn das eine absolute Minderheit stört, dann interessiert das die Bevölkerung nicht.»
«Ja, weil das passt nicht in eine Stadt wie Zürich. Nein, das sollte weg sein.»
«[auf Englisch]: Ja, es ist Geschichte, aber in der heutigen Zeit ist es beleidigend für viele Leute. In Australien würden sie es definitiv entfernen.»
«Ich glaube, als dieses Haus gebaut wurde, war man noch in einer ganz anderen Zeit, in der man sich der Abwertung von anderen Menschen nicht bewusst war, und mittlerweile weiss man das.»
«Die Inschrift ist zwar erst 100 Jahre da, aber es heisst seit 600 Jahren «zum Mohrenkopf». Man müsste auch noch die Bücher verbrennen in dieser Logik. Man müsste auch noch Alfred Escher «décapiter», also enthaupten. So kann man Geschichtsklitterung perfekt machen.»
«Ich kann verstehen, dass es dich nervt, wenn du das dein ganzes Leben lang so gesagt hast und es jetzt anders sagen musst. Aber dass du dich darüber so aufregst, verstehe ich eigentlich nicht, weil das ist eigentlich eine gute Sache.»
«Es wäre ein Auftrag, darüber zu sprechen und miteinander in Dialog zu kommen.»
- Zahlreiche Schreiben aus der Bevölkerung fordern eine Entfernung der M-Inschriften im Niederdorf.
- Der Stadtrat beauftragt eine Projektgruppe mit einer Auslegeordnung zum Umgang mit fragwürdigen Zeitzeichen im öffentlichen Raum.
- Die Projektgruppe legt ihren Bericht vor und empfiehlt die Entfernung der Inschriften.
- Ein Postulat aus dem Gemeinderat fordert den Verzicht auf die Entfernung der Inschriften. Der Gemeinderat lehnt das Postulat ab.
- Die Stadt reicht ein Baugesuch für die Abdeckung ein. Das Baugesuch ist nötig, weil die Liegenschaften in der Kernzone Altstadt liegen und sich im kommunalen Inventar der kunst- und kulturhistorischen Schutzobjekte befinden.
- Die Bausektion des Stadtrats erteilt die Bewilligung für die Abdeckung.
- Der kantonale Zürcher Heimatschutz und der Stadtzürcher Heimatschutz erheben beim Baurekursgericht Rekurs gegen den Bauentscheid.
- Das Baurekursgericht heisst den Rekurs des Heimatschutzes gut. Eine Abdeckung würde nach Ansicht des Gerichts den Schutzzweck der Gebäude beeinträchtigen und sei nicht durch ein überwiegendes Interesse gerechtfertigt.
- Die Stadt zieht den Fall weiter ans Verwaltungsgericht.
- Das Verwaltungsgericht heisst die Beschwerde der Stadt gut. Es befindet, dass die reversible Abdeckung denkmalschutzrechtlich zulässig sei. Die Gebäude würden in ihrem schützenswerten Umfang nicht beeinträchtigt.
- Der Heimatschutz zieht den Fall ans Bundesgericht weiter.
- Das Bundesgericht entscheidet, auf die Beschwerde nicht einzutreten, da der Zürcher Heimatschutz nicht zur Beschwerde berechtigt sei.
- Ende Jahr erfolgt die Abdeckung. Die Inschrift am Neumarkt 13 wird mit einer Sandsteintafel reversibel abgedeckt, diejenige an der Niederdorfstrasse 29 mit übermaltem Japanpapier. Die historische Substanz bleibt erhalten. Künftige Generationen können dadurch selbst entscheiden, wie sie mit diesen Zeichen umgehen möchten.
Der M-Begriff ist seit Jahren Gegenstand intensiver Debatten. Daher liess das Präsidialdepartement die Geschichte des Begriffs im Zusammenhang mit den zwei Liegenschaften vertieft untersuchen. Der Forschungsauftrag ging an die Professur «Geschichte der Modernen Welt» der ETH. Der Bericht thematisiert, wann und wie die Häuser zu ihren Namen kamen und wie sich die Bedeutung des M-Begriffs verändert hat.
Die Studie kommt zum Schluss: Die Bezeichnung wurde seit jeher abwertend verwendet und erhielt besonders während des transatlantischen Sklavenhandels durch die «Rassen»-Theorien eine zunehmend negative Bedeutung. Schon 1896 vermerkte das Schweizerische Idiotikon, dass der M-Begriff mit dem N-Begriff synonym verwendet wird. Organisationen Schwarzer Menschen im deutschsprachigen Raum weisen seit Jahrzehnten darauf hin, dass sie das Wort als rassistisch und demütigend zurückweisen.
Der Stadtzürcher Heimatschutz hat im Rahmen des Rechtsverfahrens ein Gutachten vorgelegt, das insbesondere zur Zuordnung eines Familienwappens zu einem der beiden Häusernamen andere Erkenntnisse hervorbringt. Dieses Gutachten kann beim Stadtzürcher Heimatschutz bezogen werden.