«Im Nachhinein bin ich froh, dass ich keine KV-Lehrstelle erhalten habe», sagt Soraya. Seit letztem August besucht sie das Betriebliche Berufsvorbereitungsjahr an der Fachschule Viventa und absolviert ein Praktikum im Bistro im Schulhaus Wipkingen. Hier arbeitet sie an drei Tagen pro Woche in der Küche, zwei Tage besucht sie den Unterricht im Schulhaus Jungholz in Oerlikon. «Ich fühle mich sehr wohl hier. Alle sind sehr nett, auch unser Chef Herr Matellica», erzählt die bald 16-Jährige. «Wenn wir ein Problem haben, hat er immer ein offenes Ohr, er unterstützt uns bei der Lehrstellensuche und gibt Referenzauskünfte. Wenn wir etwas gut machen, macht er uns Komplimente. Aber manchmal muss er auch streng sein.»
Toni Matellica grinst über das ganze Gesicht. Streng sieht er nicht aus. Man sieht ihm die Freude an, die ihm die Arbeit mit den Jugendlichen bereitet. «Sie sollen sich bei uns wohlfühlen und sich selbst sein können. Wir sind meist ihr erster Kontakt mit der Erwachsenenwelt und mir ist es wichtig, dass sie den Betriebsalltag mitgestalten und ihre Ideen einbringen können», sagt der Leiter Gastronomie der Fachschule Viventa. Das funktioniere mittlerweile gut, am Anfang seien die Lernenden sehr schüchtern gewesen. Doch nun sei das Vertrauen vorhanden. «Wir nehmen sie ernst und hören ihnen zu – vor allem darf der Humor nicht zu kurz kommen», sagt Toni. Ihm ist wichtig, dass der Funken auf die Jugendlichen überspringt – seine Leidenschaft fürs Kochen, für regionale Produkte und für moderne Gerichte. Bei ihm ist diese schon in der Kindheit in der Küche mit seiner Schweizer Mama und der italienischen Nonna erwacht.
Auch Soraya stand schon früh zusammen mit ihrer ecuadorianischen Mutter in der Küche und bereitete Ceviche oder Empanadas zu. Vor einem Jahr sah sie sich aber beruflich eher im Büro in einer KV-Lehre, fand jedoch keine passende Lehrstelle. «Im Berufsvorbereitungsjahr wollte ich dann praktisch arbeiten und aktiv sein, deshalb entschied ich mich für das Bistro», erzählt Soraya. Sie lernte, Gemüse professionell zu schnippeln, mit dem Bratkipper zu arbeiten und verschiedene Menüs zuzubereiten. Zweimal schnupperte sie in Betrieben als Köchin, beide Male hat es ihr sehr gefallen und bei ihrem Favoriten hat es geklappt: «Nun freue ich mich riesig, dass ich meine Lehrstelle im August antreten kann – das Team ist sehr nett. Mein Lehrbetrieb, ein Gesundheitszentrum für das Alter, ist nur fünf Minuten von meinem Wohnort entfernt.»
Bei Soraya hat der ausgebildete Koch und Arbeitsagoge Toni sein Ziel erreicht: Die Jugendlichen sollen nach dem Berufsvorbereitungsjahr eine passende Anschlusslösung haben. 90 Prozent aller Lernenden des Berufsvorbereitungsjahrs erreichen dieses Ziel. Für Toni ist auch die Zusammenarbeit mit der Klassenlehrperson wichtig. Er tauscht sich mit ihr aus und gemeinsam unterstützen sie die Jugendlichen bei ihrer Lehrstellensuche. In der Schule stehen nicht nur allgemeinbildende Fächer auf dem Stundenplan, sondern auch branchenspezifischer Schulstoff. «Erfolgserlebnisse der Lernenden sind mein grösster Antrieb», sagt Toni. Ihm ist es wichtig, dass die Lernenden im Berufsvorbereitungsjahr ausreichend Kompetenzen erwerben, damit sie gut vorbereitet sind auf ihre Lehre und Schritt halten können mit den anderen Lernenden. «Wir schaffen es, sie im Praktikum so zu stärken, dass sie selbstbewusster und belastbarer sind», erklärt Toni.
Wem würde Soraya das Betriebliche Berufsvorbereitungsjahr mit Praktikum im Bistro empfehlen? «Es eignet sich für Jugendliche, die gern im Team arbeiten, mit Stress umgehen können und gerne kochen – und die keine Mühe mit dem Aufstehen haben.» Ihre berufliche Zukunft sieht Soraya in einem eigenen Restaurant, das sie mit ihrem Bruder führen will. Er macht ebenfalls eine Kochlehre. Dort würden sie gehobene ecuadorianische Küche mit einem modernen Touch anbieten, erzählt Soraya mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Und wer weiss, vielleicht läuft das Restaurant so gut, dass sie ihren anderen Traum verwirklichen kann: «Ich möchte meiner Mutter einmal ein Haus kaufen.»
Die Fachschule Viventa bietet vier verschiedene Berufsvorbereitungsjahre an: Das Schulische, das Praktische, das Betriebliche und das Integrationsorientierte Berufsvorbereitungsjahr. Im Betrieblichen Berufsvorbereitungsjahr besuchen die Lernenden an zwei Tagen pro Woche die Schule, an drei Tagen sammeln sie Praxiserfahrung in einem internen oder externen Betrieb, zum Beispiel in den zwei schuleigenen Bistros der Fachschule Viventa.