Weshalb sind die Werte der Eltern so wichtig bei der Kindererziehung?
Weil sie die Grundlage für die Erziehungsprinzipien sind. Wenn dir Bescheidenheit wichtig ist, gibst du deinem Kind mit: «Hör den anderen zu» oder «Der Gescheitere gibt nach». Wenn dir Durchsetzungsfähigkeit wichtig ist, gibst du deinem Kind mit: «Du musst kämpfen, um dich durchzusetzen». Als Elternpaar ist der erste Schritt, die eigenen Werte zu klären und gemeinsam einen Weg zu finden, um die Werte zu vermitteln. Es geht vor allem darum, die Werte des anderen zu respektieren. Viele Paarkonflikte entstehen, weil die eigenen Werte nicht geklärt sind in Bezug auf das Erziehungsverhalten.
Was erlebst du jeweils bei deinem Kurs zum Thema Werte?
Viele sind sich nicht bewusst, dass die Werte ihnen von zuhause mitgegeben wurden. Ich habe schon von einigen gehört, dass sie nach meinem Kurs in der Herkunftsfamilie nach den Werten gefragt haben und sehr tiefe Gespräche entstanden sind. Werte stehen nicht einfach nebeneinander. Sie haben eine innere Reihenfolge. Erst diese persönliche Hierarchie ermöglicht es uns, in schwierigen Situationen Entscheidungen zu treffen.
Wenn ich als Eltern bestimmte Werte vorlebe, wird sie das Kind auch verinnerlichen oder kann es auch in die Opposition dazu gehen?
Unser stärkster Einfluss ist nicht das, was wir sagen, sondern das, was wir vorleben. Kinder orientieren sich viel mehr an unserem Vorbild als an unseren Ratschlägen. Gleichzeitig gehört es zur Pubertät, die Werte der Eltern zu hinterfragen oder sich sogar bewusst davon abzugrenzen. Das ist ein wichtiger Entwicklungsschritt. Viele junge Erwachsene finden später wieder zu den Werten zurück, die sie in ihrer Kindheit erlebt haben, allerdings auf ihre eigene Art und Weise.
Wichtig ist auch: Jeder Wert hat zwei Seiten. Was in einem gesunden Mass stärkt, kann übertrieben zur Belastung werden. Ich habe meinen Kindern das Helfen sehr stark vorgelebt – vielleicht manchmal zu stark. Meine Tochter hat das übernommen. Heute können wir offen darüber sprechen, und ich kann ihr sagen: «Da war ich nicht immer das beste Vorbild.» Das Positive ist, dass sich Werte weiterentwickeln. Man kann lernen, für andere da zu sein, ohne die eigenen Bedürfnisse aus den Augen zu verlieren – ein Weg, den auch ich erst mit den Jahren gefunden habe.
Gibt es nicht auch ungesunde Werte, die man nicht weitergeben sollte, etwa «nur wenn du leistest, bist du etwas wert»?
Der Wert Leistung ist neutral. Was du meinst, ist ein Glaubenssatz. Das können Gift-Sätze und Mut-Sätze sein: «Schau mal, was du erreicht hast, weil du drangeblieben bist», wäre positiv. Am wichtigsten ist, dass ein Kind sein Potenzial entfalten kann. Werte werden erworben, sie können sich entwickeln und verändern.
Ein weiterer deiner Kurse ist «Humor in der Erziehung». Wie kann man mehr Humor und Leichtigkeit in schwierige Erziehungssituationen reinbringen?
Humor ist ein unglaublich wichtiges Werkzeug, denn es schafft Entlastung. Schwierige Situationen entspannen sich, man kann sie aus einer anderen Perspektive betrachten, das Nervensystem fährt herunter. Den Humor darf man nicht mit sich lustig machen verwechseln. Gerade wenn die Kinder in der Pubertät sind, ist Humor ein unglaublich starkes und wichtiges Instrument. Im Kurs machen wir viele Übungen und arbeiten mit Beispielen – und vor allem haben wir es auch lustig miteinander.
Du bist Expertin in Sachen Resilienz und wie man sie stärkt. Alle Eltern wollen resiliente Kinder. Was ist das Wichtigste, um Kinder in ihrer Resilienz zu stärken?
Resiliente Kinder sagen über sich selbst: «Ich bin ein liebenswerter Mensch», «Ich kann schaffen, was ich mir vornehme», «Es gibt Leute, die mir helfen.» Wenn die Eltern den Kindern genau dies vermitteln können, hilft das sehr: «Mit dir ist alles in Ordnung», «Du wirst es schaffen» und «Wir sind gespannt, was aus dir werden wird und begleiten dich auf deinem Weg.»
Es gibt Geschwister, die gleich aufwachsen und denselben Schicksalsschlag, zum Beispiel den Verlust eines Elternteils, erleiden. Das eine zerbricht, das andere geht unbeirrt seinen Weg. Wie kann das sein – spielt der Charakter doch auch eine grosse Rolle?
Der Charakter spielt bestimmt auch eine Rolle. Extrovertierte Menschen haben es zum Beispiel einfacher, da sie sich bei Problemen auch eher externe Hilfe holen. Der wichtigste Schutz ist eine tragfähige und sichere Bindung. Auch diese kann in derselben Familie sehr unterschiedlich ausgeprägt sein – es ist komplex.
Ein anderer Kurs, den du bei uns anbietest, heisst «Emmo und die Emotionen». Warum fällt es Eltern so schwer, mit den negativen Emotionen ihrer Kinder umzugehen?
Gefühle geben Auskunft darüber, ob unsere Bedürfnisse erfüllt sind oder nicht. Wenn ein Kind starke Emotionen hat, ist das aufgrund nicht erfüllter Bedürfnisse. In meinem Kurs habe ich häufig gut ausgebildete Eltern, die ihren Kindern alles rational erklären und dann enttäuscht sind, dass die Kinder sich nicht beruhigen. Oft werden die Kinder in ihren intellektuellen Fähigkeiten überschätzt. Viele Erwachsene haben auch keinen eigenen Zugang zu ihren Gefühlen, dann wird es schwierig, mit den Gefühlen ihrer Kinder umzugehen. Bei einem Wutanfall muss sich das Nervensystem des Kindes erst wieder beruhigen und die Bindung muss wieder aufgebaut werden. Im Kurs gibt es viele Aha-Erlebnisse. Schön ist, dass in diesem Kurs, den ich auch in Kitas anbiete, sehr viele interessierte Väter teilnehmen. Es ist eindrücklich, wie gut sie über ihre Gefühle sprechen können. Da hat sich einiges getan.
Im Kurs «Starke Eltern – starke Kinder» hast du über mehrere Woche Kontakt und Austausch mit denselben Eltern. Was sind die Themen, die ihnen unter den Nägeln brennen?
Grenzen setzen, Kooperation und Kommunikation sind häufige Themen. Die Eltern wissen auch nicht, in welchem Alter Kinder was können. Sie möchten zum Beispiel bedürfnisorientiert erziehen und überfordern das zweijährige Kind, indem sie es fragen, welches Jogurt es kaufen will. In diesem Kurs biete ich auch einen Überblick über die Entwicklungsschritte des Kindes.
Wie kann den Eltern das standardisierte Programm helfen?
Ich biete wenig Theorie, stattdessen üben und reflektieren wir viel. Alle im Kurs sitzen im selben Boot – es ergibt sich ein angeregter und hilfreicher Austausch untereinander. Das Programm setzt bei den Eltern an, deshalb heisst es auch «Starke Eltern – starke Kinder». Eine Mutter kam letztes Jahr zu mir in den Kurs. Sie erzählte, sie habe einen Bekannten mit seinem Kind auf dem Spielplatz beobachtet. Es habe sie stark beeindruckt, wie er mit seinem Kind gesprochen hat. Dieser Vater besuchte vor einiger Zeit meinen Elternkurs. Die Mutter wollte das auch lernen. Das war natürlich eine wunderschöne Rückmeldung an mich.
Wann kommen Eltern sonst noch zu dir in einen Kurs?
Die Eltern kommen häufig in einen Elternbildungskurs, weil sie einen Leidensdruck verspüren. Sie wollen etwas verändern und wissen zumeist auch, dass sie bei ihrem eigenen Erziehungsverhalten ansetzen müssen. Oftmals haben sie auch einen negativen Blick aufs Kind und wollen diesen ändern. Doch solche Veränderungen bzw. persönliche Entwicklungen sind anstrengend und beinhalten stets eine Auseinandersetzung mit sich selbst und den eigenen Mustern.
Du hast selbst vier Kinder. Konntest du den Humor in der Erziehung immer behalten?
Nein, das konnte ich nicht. Am schlimmsten war für mich, dass ich gegenüber meinen Kindern Aussagen meiner Mutter wiederholt habe, die ich grässlich finde. Da muss man die Grösse haben, solche Fehler wiedergutzumachen.
Buchhinweis: Im Oktober erscheint Daniela Holensteins erstes Buch «Neue Wege mit Kindern – Orientierung für eine gewaltfreie Erziehung» (WEBERVERLAG). Darin verbindet sie ihre persönliche Erfahrung als Mutter von vier Kindern mit entwicklungspsychologischem Fachwissen und ihrer beruflichen Erfahrung als Kursleiterin zu einem neuen Blick auf eine gewaltfreie Erziehung.
Die schönen Zeiten mit den Kindern mehr geniessen, die schwierigen Zeiten souveräner meistern: In unserem Kursprogramm finden Sie viele Angebote, die Sie bei der Erziehung Ihrer Kinder unterstützen. So können Sie eine starke und gesunde Basis legen, damit Ihr Kind als eigenständige Persönlichkeit seinen Weg gehen kann. Unsere Elternbildungskurse richten sich an Mütter, Väter, weitere Erziehungsberechtigte sowie Bezugspersonen von Säuglingen bis zu Jugendlichen. In den Kursen lernen Sie, wie Sie Ihr Kind in seiner Entwicklung durch starke Beziehung und bewusstes Erziehungsverhalten unterstützen können. Der Familienalltag wird dadurch viel entspannter. Die Kurse bieten auch die Möglichkeit zum gegenseitigen Austausch.