Gina und Sophie, was ist das Beste an eurer Arbeit als Klassenlehrerinnen in der Passerelle?
Sophie: Ich bin seit längerem Lehrerin und habe auf verschiedenen Stufen unterrichtet. Bei der Passerelle gefällt mir das Alter der Lernenden so gut. Mit 15 bis 20 Jahren sind sie noch nicht richtig erwachsen, aber auch keine Kinder mehr. Auf der Sekundarstufe war mir die 3. Klasse immer am liebsten und ich hätte immer gerne 3. Klassen unterrichtet. Hier habe ich jedes Jahr junge Erwachsene in diesem coolen Alter. Ich finde es spannend, ihre Ideen, Projekte und Träume kennenzulernen. Auch die Freiheit, die wir hier in der Unterrichtsgestaltung haben, schätze ich sehr.
Gina: Ich habe erst grad mein Studium abgeschlossen und bin zum ersten Mal Klassenlehrerin. Für mich ist das grösste Highlight, eine eigene Klasse zu haben. Mich freut es, Beziehungen zu den Lernenden aufzubauen und sie auf ihrem Weg in die Arbeitswelt zu unterstützen. Ihr Alter finde ich auch cool und ich schätze die grosse Sinnhaftigkeit der Arbeit. Auch dass wir hier das klare Ziel einer Berufslehre im Auge haben, finde ich gut. Ich selbst habe ursprünglich eine KV-Lehre gemacht und kann ihnen davon berichten.
Was ist das Mühsamste?
Sophie: Da ich neu in der Passerelle bin, ist es streng, auch wenn ich viel Erfahrung mitbringe. Es braucht am Anfang einen grossen Aufwand und viel Energie, ist aber gleichzeitig sehr spannend.
Was ist am wichtigsten beim Unterrichten in der Passerelle?
Sophie: Am wichtigsten ist die Beziehung zu den Lernenden und als Lehrperson authentisch zu sein. Wenn das passt, ist das schon mehr als die halbe Miete. Das gilt generell fürs Unterrichten. Auch sehr wichtig ist der Humor.
Gina: In meiner Klasse haben die Lernenden ganz unterschiedliche Sprachlernerfahrungen gemacht, einige kommen von der Volksschule, andere haben Deutschkurs nach Deutschkurs absolviert. Im Moment geht es mir darum, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie genug in diesem Jahr lernen und ihnen den Stress zu nehmen, den sie zum Teil haben. Wichtig ist mir auch, die Lernenden als Persönlichkeiten wahrzunehmen – mit ihrer Herkunft, ihrer Sprache und ihrer Kultur. Sie sollen auch etwas von sich erzählen können.
Viele eurer Lernenden sind Flüchtlinge, die schwierige Geschichten mitbringen. Wie geht ihr damit um?
Sophie: Ich spreche das nicht von mir aus an. Wenn mir Lernende etwas erzählen möchten, habe ich ein offenes Ohr. Gerade die Coachingstunde eignet sich, um über solche Themen zu sprechen.
Gina: Ich war vorher in der Aufnahmeklasse in der Oberstufe. Dort wurde mir mitgegeben, dass ich diese Themen von mir aus auf keinen Fall ansprechen soll. Die Schule soll ein sicherer und neutraler Ort sein, an dem sie nicht erzählen müssen, weshalb sie in der Schweiz sind. Ich glaube auch, sie wollen nicht bemitleidet werden. Es ist wichtig, dass wir gemeinsam vorwärtsschauen und versuchen das Beste aus der Situation zu machen.
Eine lustige Anekdote aus eurem Schulalltag, die ihr mit uns teilen möchtet?
Sophie: Wenn die Lernenden manchmal Wörter falsch brauchen, und ich richtig lachen muss. Zum Beispiel, wenn jemandem nach dem Niesen «Geburtstag» statt «Gesundheit» gewünscht wird.
Was sind für euch Erfolgserlebnisse?
Sophie: Wenn gemeinsam gelacht wird, wenn ich spüre, dass die Lernenden gerne zum Unterricht kommen und wenn sie zufrieden mit ihren eigenen Fortschritten sind.
Was bedeutet euch eure Arbeit?
Sophie: Ich bin schon mein ganzes Leben Lehrerin, mir bedeutet meine Arbeit sehr viel und ich finde sie sinnvoll. Ich präge meine Schützlinge und kann ihnen im besten Fall etwas mit auf den Weg geben. Als Junglehrerin konnten sie sich mit mir identifizieren. Inzwischen erhalten sie mich jung, da sie mich bezüglich ihrer Lebenswelt auf dem Laufenden halten. Gerade letzthin haben mich ehemalige Schülerinnen besucht, die jetzt hier die Berufsmaturitätsschule besuchen. Es freut mich immer riesig zu sehen, wie sie sich weiterentwickeln – vielleicht habe ich ja etwas Positives beigesteuert.
Gina: Ich habe riesige Freude, das erste Mal als Klassenlehrerin zu arbeiten und meine erste Klasse wird mir sicher immer speziell in Erinnerung bleiben. Als Lehrerin habe ich meine Berufung und mit der Sprachlichen Integration mein Berufsfeld gefunden, in dem ich mich langfristig engagieren möchte. Ich schätze die grosse Sinnhaftigkeit der Arbeit und die Lernenden auf ihrem Weg zu mehr Inklusion in der Gesellschaft zu unterstützen.
Wie trennt ihr Arbeit und Freizeit – braucht ihr das überhaupt?
Sophie: Ich versuche das räumlich zu trennen und die meiste Arbeit in der Schule zu erledigen. Prüfungen korrigiere ich zuhause.
Gina: Ich finde es aktuell etwas schwierig, die beiden Bereiche zu trennen. Auch an einem anderen Ort kommen mir ständig Sachen für den Unterricht in den Sinn. Im Moment nimmt die Arbeit eher viel Raum bei mir ein, aber das ist in Ordnung so.
In der Schweiz ankommen und besser Deutsch lernen – das ist der Hauptfokus im einjährigen Bildungsangebot Passerelle der Fachschule Viventa. Das Angebot richtet sich an fremdsprachige, spätzugewanderte Jugendliche und junge Erwachsene mit geringen oder keinen Deutschkenntnissen. Sie bereiten sich auf einen Beruf, eine weiterführende Schule oder das Integrationsorientierte Berufsvorbereitungsjahr «Sprache & Kultur» vor. Unsere Lehrpersonen und Coaches unterstützen sie dabei.