Julian und Marius, wie war es für euch, im Dokumentarfilm «Leben mit Hindernissen» mitzumachen?
Julian: Sehr cool, weil der Film den Weg von Marius und mir und unsere Fortschritte während fast zwei Jahren aufzeigt. Die Filmaufnahmen waren zum Teil anstrengend für uns – es machte aber grossen Spass.
Marius: Es war eine gute Erfahrung. Wir mussten die Szenen manchmal wiederholen. Dann ist es nicht ganz einfach, natürlich zu wirken.
Wie gefällt euch der Film?
Marius: Ich finde den Film phänomenal. Das Endresultat gefällt mir sehr gut. Den Leuten, die den Film schon gesehen haben, hat er ebenfalls gefallen.
Julian: Ich finde ihn auch sehr schön; er ist lehrreich und eröffnet einen guten Blick auf unsere Lebenswelt. 2016 hat der Regisseur Dieter Gränicher schon einmal einen Dokumentarfilm mit uns als Kindern gedreht. Und nun ist es interessant, die Fortsetzung zu sehen. Der Film zeigt auf, was für verschiedene Wege wir eingeschlagen haben und dass es als Mensch mit Beeinträchtigung manchmal ganz schön schwierig ist, seine Ideen umzusetzen.
Was ist für euch die Botschaft des Films?
Julian: Dass wir viel mehr erreichen können als die Gesellschaft «erlaubt» und erwartet. Cornelia Nater, die 66-jährige Künstlerin im Rollstuhl, die ebenfalls im Film mitmacht, hat die ganze Welt bereist – und kämpft seit Jahrzehnten hartnäckig für die Rechte von Menschen mit Beeinträchtigung.
Marius: Es ist ein leiser, kein lauter Film. Er erzählt wahrheitsgetreu, wie sich unser Leben im Rollstuhl gestaltet – er ist ein Abbild unserer Gesellschaft. Leider sind wir immer noch zu wenig weit in der Schweiz. Es gab in den letzten Jahren Fortschritte bei der Integration und der Gleichberechtigung, aber es gibt noch zu viele Hindernisse. Es ist noch längst nicht alles rollstuhlgängig. Unser Land bekennt sich zwar zu gleichen Rechten für Menschen mit Beeinträchtigung, aber diese Rechte sind nicht einklagbar. Das ist für mich ein Widerspruch und Witz.
Marius, du besuchst das Schulische Berufsvorbereitungsjahr an der Viventa und bist mit Jugendlichen ohne Beeinträchtigung zusammen. Wie gefällt es dir?
Marius: Es gefällt mir sehr gut. Meine Kolleg*innen akzeptieren mich so wie ich bin. Ich habe sehr gute Lehrpersonen und fühle mich wohl in der Klasse.
Du gehst immer wieder neue Wege, hast als erster Schüler mit Beeinträchtigung im Kanton Zürich ein Welschlandjahr gemacht – weshalb?
Marius: Ich wollte einmal von meinen Eltern wegkommen (lacht) und ich bin sprachaffin. Zuerst war mein Ziel gar nicht Lausanne, sondern London. Doch das wäre zu kompliziert geworden. Mein Klassenlehrer an meiner vorherigen Schule hatte einen Briefaustausch mit einer Klasse aus Lausanne gestartet. So kam ich auf die Idee mit Lausanne. Wir haben das aufgegleist – meine Eltern mussten viel kämpfen, damit es möglich wurde. Ich war ein Jahr in Lausanne und wohnte dort, am Wochenende kam ich zurück zu den Eltern. Das Jahr in Lausanne war eine sehr gute Erfahrung. Ich wurde viel selbstständiger und mein Französisch ist jetzt sehr gut, ich habe eine 5.5 im Zeugnis.
Julian, du besuchst seit zwei Jahren eine Klasse der Separativen Sonderschule Viventa15plus. Wie gefällt es dir?
Julian: Es gefällt mir gut in meiner Klasse. Die Mitarbeitenden sind sehr engagiert und ich fühle mich wohl. Im Moment lerne ich viel Mathe, Deutsch und vertiefe meine Allgemeinbildung. Das Thema Wohnen absorbiert mich zusätzlich, da ich seit ein paar Monaten in einer WG mit zwei Fussgänger*innen, zwei ETH-Studierenden, zusammenlebe. Ich habe fünf Mitarbeitende, die mich dabei unterstützen. Das gibt einen grossen administrativen Aufwand, da ich Dienstpläne und vieles andere erstellen muss.
Dann bist du jetzt nicht nur Lernender, sondern auch Arbeitgeber?
Julian: Ja, das ist so (lacht). Ich kämpfe im Moment bei der IV dafür, dass ich noch mehr Assistenzstunden zugesprochen erhalte.
Du bist schon früh ausgezogen und hast in einer betreuten WG gelebt. Wie war das für dich?
Julian: Von zuhause weggezogen bin ich mit 15 Jahren. In die Institution wollte ich, um Leute kennenzulernen, die in einer ähnlichen Situation sind wie ich. Es hat mir gefallen im betreuten Wohnen. Aber mit der Zeit hat es mich immer mehr gestresst, dass ich mich an die Struktur anpassen musste und nicht so leben konnte, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich musste zum Beispiel eine Woche vorher anmelden, wenn ich später als um 21 Uhr ins Bett gehen wollte. Die Mitarbeitenden gaben ihr Bestes und waren so flexibel wie möglich, aber es funktionierte für mich nicht. Seit dem 1. Mai lebe ich nun mit Assistenzen in der WG.
Wie ist es mit den «Normalos»?
Julian: Auf der einen Seite ist es eine Befreiung, auf der anderen Seite habe ich doch noch Zwänge, etwa dass die Assistenzstunden nicht reichen. Meine WG-Kolleg*innen, (ein Mann und eine Frau) beides ETH-Studierende, sind super. Es war eine gute Entscheidung, so zu wohnen. Aber es hat eineinhalb Jahre gedauert und ich musste viel dafür arbeiten, beispielsweise mit den Behörden hin und her schreiben. Ich habe die ersten Schritte gemacht, nun kommen noch viele weitere.
Was hast du auf dem Weg gelernt?
Julian: Wie die Menschen ticken. Ich habe viel im sozialen Umgang gelernt, auch wie ich mit meinen Mitarbeitenden am besten rede. Als Arbeitgeber muss ich jetzt auch eine Autoritätsperson sein.
Was muss sich für euch noch alles ändern, damit Menschen mit Beeinträchtigung die gleichen Chancen haben wie die restliche Gesellschaft?
Marius: Gewisse Zeitdrücke müssten relativiert werden für Menschen mit Beeinträchtigung. Das manchmal zu schnelle Tempo unserer Gesellschaft hilft da nicht wirklich. Je nach Beeinträchtigung ist man schneller müde und braucht einfach mehr Zeit. Das ÖV-Netz sollte seit 20 Jahren rollstuhlgängig sein, aber wir sind noch nicht so weit wie es nötig wäre. Toll wäre, wenn in der Gesellschaft generell mehr Verständnis und gegenseitige Sensibilität vorhanden wäre. Ich verstehe, dass im Moment wegen der geopolitischen Lage die Aufrüstung im Zentrum steht, trotzdem sind unsere Anliegen sehr wichtig. All hands on deck! Alle Matrosen an Deck, an die Arbeit – finde ich! Es wäre schön, wenn man uns mehr Priorität einräumen würde.
Julian: Das Verständnis muss wachsen, dass Menschen mit Beeinträchtigung genauso zur Gesellschaft gehören wie der Rest. Dazu trägt der Film hoffentlich bei. Dass die Leute verstehen, dass knapp berechnete Unterstützung nicht zielführend ist. Man sollte den Menschen genügend Mittel geben, damit sie möglichst selbstbestimmt leben können. Es braucht noch viel Arbeit. Es ist nicht angenehm, zu wenig Ressourcen zu haben. Niemand will das ausnutzen. Mehr Assistenz bedeutet mehr Freiheit in der Selbstbestimmung.
Was hat sich schon verbessert?
Julian: Dass Menschen mit Beeinträchtigung abstimmen können. Niemand sollte ausgeschlossen werden. Es wurden grosse Fortschritte gemacht, aber wir sind noch nicht am Ziel.
Marius: Mit dem Gleichstellungsgesetz im Kanton Zürich ist vieles besser geworden. Es geht einfach mega langsam und es ist zu wenig Commitment vorhanden. Man müsste noch viel mehr machen. Behindertenpolitik findet in den hinteren Reihen statt, Geopolitik geht vor.
Wo seht ihr euch in Zukunft – was habt ihr für Pläne?
Marius: Ich suche noch nach einer passenden Anschlusslösung, habe dafür aufgrund meines Sonderschulstatus zum Glück aber noch Zeit. Am meisten interessieren mich die Berufe Fachmann Information/Dokumentation und Kaufmann. Ich fühle mich nicht gestresst, weil ich noch länger an der Viventa bleiben kann.
Julian: Ich sehe meine Zukunft im politischen Bereich und möchte für unsere Rechte kämpfen. Ich habe auch zwei Konzepte für Start-ups in der Schublade, die ich verwirklichen möchte. Ich verrate jedoch noch nichts (lacht). Auch ein Fernstudium könnte ich mir vorstellen, etwa in Deutschland. Dort können Menschen mit Beeinträchtigung ihre Rechte im Gegensatz zur Schweiz einklagen. Und sind dementsprechend weiter.
Danke vielmals für das interessante Gespräch. Wir wünschen euch alles Gute für eure Zukunft.
Den Film «Leben mit Hindernissen» kann man auf Play SRF sehen.
Viventa15plus ist ein Angebot der Fachschule Viventa. In unserer Sonderschule bereiten wir Jugendliche zwischen 15 und maximal 20 Jahren auf das Leben nach der Schule vor. Dabei fördern und begleiten wir die Jugendlichen individuell. Das Ziel der Viventa15plus: Alle unseren Lernenden können möglichst selbstbestimmt handeln und finden eine geeignete Anschlusslösung – eine Berufsausbildung oder einen Arbeitsplatz. Es gibt separierte Klassen sowie die integrierte Sonderschule. Ein*e Heilpädagog*in führt die separierten Klassen – zusammen mit Fachpersonen der Sozialpädagogik und Betreuung. In der integrierten Sonderschule besuchen Lernende ein Angebot des Berufsvorbereitungsjahrs der Fachschule Viventa. Sie werden in den Klassen zusätzlich je nach Bedarf individuell begleitet und unterstützt.