Wenn man heute durch Zürich läuft, vergisst man schnell, wie die Stadt vor 30 Jahren aussah. Was war das damals für ein Zürich?
Ein ziemlich anderes. Zürich galt damals als sogenannte «A-Stadt»: eine Stadt für Alte, Arme, Auszubildende, Arbeitslose. Dazu kam die offene Drogenszene. Die Stadt verlor Bevölkerung, hatte knapp 360’000 Einwohner*innen – ein historischer Tiefpunkt. Gleichzeitig verschwanden im Zuge der Globalisierung viele Industriearbeitsplätze ins Ausland. Ganze Areale standen leer. Das Maag-Areal war nur das prominenteste Beispiel. Wenn man heute vom Prime Tower Richtung Hardbrücke schaut, kann man sich das kaum mehr vorstellen.
Wann begann die Stimmung zu kippen?
Mitte der 1990er-Jahre. Die Wende hatte wirtschaftliche, aber auch politische Ursachen. Die Stadt investierte wieder gezielt in ihre Entwicklung. Zentral war sicher das Umdenken in der Drogenpolitik, das die offene Drogenszene beendete. Dazu kamen grosse Wohnbauprogramme, neue Formen der partizipativen Stadtplanung – in deren Zug auch die Fachstelle Stadtentwicklung gegründet wurde – und die Entwicklung von Zürich West und Zürich Nord. Plötzlich wurde aus den Industriebrachen wieder Stadt. Arbeitsplätze wurden geschaffen, Menschen kehrten zurück.
Dann kam 2002 die Personenfreizügigkeit. Wie stark hat sie Zürich verändert?
Massiv. Die Personenfreizügigkeit hat Zürich als Wirtschaftsstandort enorm gestärkt. Die Stadt wurde internationaler, offener und dynamischer. Man spürt das bis heute. Zürich ist jünger geworden, vielfältiger, urbaner. Gleichzeitig ist die Stadt aber auch deutlich teurer geworden. Diese Wachstumsschmerzen sind real.
Anna Schindler ist seit 2011 Direktorin der Stadtentwicklung Zürich. Die Kultur- und Wirtschaftsgeografin war zuvor für verschiedene deutsch- und englischsprachige Publikationen und Verlage tätig sowie als Kommunikationsberaterin in den Bereichen Architektur, Immobilien und Städtebau. Darüber hinaus unterrichtete sie Medienwissenschaften, Kulturkommunikation und Kulturmanagement an der ZHAW und der Universität Zürich und arbeitete mit dem ETH Studio Basel zusammen.
Anna Schindler lebt mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen in Zürich.
Trotzdem würden Sie sagen: Der Wandel war ein Erfolg?
Ja. Ich glaube, kaum jemand möchte zurück in das Zürich der 1990er-Jahre. Man vergisst sehr schnell, wie tief die Krise damals war.
Viele Zürcherinnen und Zürcher erleben die Veränderungen allerdings ambivalent: mehr Wohlstand – aber auch mehr Druck.
Das verstehe ich gut. Wachstum bringt immer Spannungen mit sich. Zürich ist wirtschaftlich erfolgreicher geworden, aber dieser Erfolg verändert eben auch die Stadtgesellschaft. Besonders sichtbar wird das beim Wohnen.
Bleiben wir noch kurz bei der Bevölkerung. Zürich ist heute eine internationale Stadt. Wie stark hat sich die Zusammensetzung verändert?
Sehr stark. Rund 34 Prozent der Stadtbevölkerung haben heute keinen Schweizer Pass. In der Altersgruppe der 30- bis 39-Jährigen ist es fast jede zweite Person. Gleichzeitig leben Menschen aus rund 170 Nationen in Zürich, und es werden über 130 Sprachen gesprochen. Vier von zehn Zürcher*innen sprechen bei der Arbeit regelmässig Englisch. Das wäre noch vor 15 Jahren kaum vorstellbar gewesen.
Und wie setzt sich die Zuwanderung zusammen?
Internationale Migration findet heute vor allem zwischen urbanen Räumen statt. Zwischen 2018 und 2024 sind jährlich rund 18’000 Personen direkt aus dem Ausland nach Zürich gezogen. Von den insgesamt rund 125’000 Menschen, die in diesen sieben Jahren in die Stadt kamen, war die grosse Mehrheit ausländischer Herkunft. Rund 60 Prozent sind sogenannte Arbeitsmigrant*innen mit einer Aufenthaltsbewilligung B oder Bildungsmigrant*innen, also Studierende. Sie verfügen in der Regel bereits über eine Arbeitsstelle oder einen Studienplatz, wenn sie nach Zürich kommen. Etwa ein Viertel der Zuwanderung entfällt auf Familiennachzug. Der Anteil der Flüchtlingsmigration lag im selben Zeitraum dagegen bei lediglich rund drei Prozent.
Welche Herkunftsländer dominieren derzeit?
Die meisten Zugewanderten kommen aktuell aus Deutschland, Italien, Spanien und Frankreich. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer dieser Gruppen liegt zwischen 2,8 und 3,4 Jahren. Zürich ist – wie viele grosse Städte weltweit – ein Ankunftsort für Migrant*innen: Viele kommen für einige Jahre in die Stadt und ziehen später weiter. Von den Personen, die 2018 aus dem Ausland nach Zürich gezogen sind, lebten 2024 noch 29 Prozent in der Stadt.
Hat sich dadurch der Arbeitsmarkt verändert?
Ja – aber anders, als oft behauptet wird. Die Leute kommen nicht einfach und nehmen jemandem den Job weg. Die meisten kommen, weil sie bereits einen Job haben oder hier gezielt gesucht werden. Ohne diese Arbeitsmigration hätte Zürich seine wirtschaftliche Entwicklung gar nicht geschafft.
Aus der Bankenstadt wurde also eine internationale Wissens- und Techstadt?
Teilweise. Zürich ist bis heute eine Finanzstadt. Der erweiterte Finanzsektor stellt noch immer rund einen Zehntel aller Arbeitsplätze. Aber gleichzeitig entstand seit den 2000er-Jahren ein neues Tech-Ökosystem – stark begünstigt durch die ETH, die Hochschulen und Firmen wie Google und andere. Das hat die Wirtschaft breiter und widerstandsfähiger gemacht.
Und die Stadt hat sich dadurch ebenfalls verändert.
Absolut. Zürich ist jünger und akademischer geworden. Der Anteil der Menschen mit Hochschulabschluss und hohen Einkommen ist deutlich gestiegen. Besonders stark gewachsen ist das oberste Einkommenssegment – und zwar in nahezu allen Quartieren. Die unteren Einkommensgruppen nehmen zwar nur leicht ab, doch die klassische Mittelschicht schrumpft zunehmend.
Kann man Gentrifizierung heute praktisch überall beobachten?
Zumindest viel stärker als früher. Besonders sichtbar ist das im Escher-Wyss-Quartier. Das ehemalige Arbeiterquartier gehört heute zu den Gebieten mit den höchsten Einkommen und Bildungsabschlüssen. Der Wandel zeigt sich im Stadtbild: Renovationen, Ersatzneubauten, neue Gastronomie, steigende Mieten. Zürich ist urbaner geworden – aber eben auch teurer.
Sie sprechen von einer neuen Urbanität. Was meinen Sie damit?
Das Leben findet heute viel stärker im öffentlichen Raum statt. Zürich hat eine gewisse «Mediterranisierung» erlebt. Menschen sitzen draussen, essen auswärts, nutzen die Stadt und den öffentlichen Raum anders. Die kulturelle Öffnung begann zwar schon mit der 80er-Bewegung und der Liberalisierung des Gastgewerbegesetzes in den 1990er-Jahren. Aber die Internationalisierung hat diesen Prozess enorm beschleunigt.
Hat Zürich dabei auch etwas verloren?
Natürlich. Höhere Immobilienpreise setzen nicht nur den Wohnungsmarkt, sondern zum Beispiel auch alternative Kulturorte unter Druck. Zürich war früher eine legendäre Club- und Partystadt – das hat deutlich abgenommen. Beides ist bedauerlich und die Stadt versucht, dies so gut wie möglich abzufedern.
Man hört oft: Zürich sei zwar reich und erfolgreich, aber auch glatt und steril geworden.
Solche Entwicklungen gibt es in vielen erfolgreichen Städten. Wachstum verändert immer auch die soziale Zusammensetzung. Die Frage ist: Wie geht eine Stadt damit um? Wie gestaltet sie das Wachstum nachhaltig in allen drei Dimensionen? Und da spielt die Wohnpolitik eine zentrale Rolle.
Der Wohnungsmarkt ist heute das grosse Reizthema.
Ja, eindeutig. Der Druck auf den Wohnungsmarkt ist der grösste Wachstumsschmerz. Höhere Einkommen und steigende Kaufkraft führen zu Sanierungen, Ersatzneubauten und höheren Mieten. Gleichzeitig wird Zürich attraktiver für Menschen mit hoher Bildung und gutem Einkommen – das verstärkt den Druck zusätzlich.
Viele erleben die Situation inzwischen als hoffnungslos.
Die Lage ist schwierig, aber sie ist auch komplexer als oft dargestellt wird. Zürich hat europaweit einen aussergewöhnlich hohen Anteil an gemeinnützigen Wohnungen – fast 27 Prozent. Dazu zählen auch die städtischen Wohnungen, rund sechs Prozent aller Mietwohnungen. Und der Wohnungsmarkt ist dynamischer, als viele denken: Rund 30 Prozent aller Wohnungen wechseln jedes Jahr die Mieterschaft. Nur sieht man das kaum, weil vieles gar nie öffentlich ausgeschrieben wird.
Trotzdem stagniert der Anteil gemeinnütziger Wohnungen seit Jahren. Der angestrebte Anteil von einem Drittel aller Mietwohnungen ist in weiter Ferne.
Prozentual ja – weil insgesamt extrem viel gebaut wird, insbesondere von Privaten. In absoluten Zahlen wächst der gemeinnützige Wohnungsbau aber weiter.
Wie wichtig ist der Stadt die soziale Durchmischung?
Sehr wichtig. Eine Stadt funktioniert nur, wenn auch Menschen mit tieferen Einkommen hier wohnen können. Also jene, die in der Pflege arbeiten, in Restaurants, im Verkauf oder im Handwerk. Unser Ziel ist klar: Zürich soll nicht zu einem zweiten London werden.
Auch der Tourismus boomt. Kippt die Stimmung langsam Richtung Overtourism?
Davon sind wir noch weit entfernt – vermutlich auch, weil Zürich schlicht sehr teuer ist. Aber wir nehmen die Sorge ernst. Interessant ist: Die meisten Menschen finden Tourismus grundsätzlich positiv, weil er die Stadt belebt und wirtschaftlich wichtig ist. Gleichzeitig wächst das Gefühl, dass es punktuell «zu viele» Touristinnen und Touristen gebe. Diese Ambivalenz muss man ernst nehmen.
Wie reagiert die Stadt darauf?
Zürich Tourismus verfolgt heute stärker den Ansatz der «Visitor Economy». Die Idee dahinter ist simpel: Die Stadt soll nicht primär für Touristinnen und Touristen optimiert werden, sondern für die Bevölkerung. Was für die Bevölkerung funktioniert, funktioniert auch für Gäste.
Ein anderes grosses Zukunftsversprechen lautet seit Jahren «Smart City». Wie «smart» ist Zürich tatsächlich?
Weniger, als wir gerne wären. Die Digitalisierung geht langsamer voran, als viele gehofft hatten. Natürlich gibt es Fortschritte – etwa bei digitalen Dienstleistungen oder Sensorik. Aber eine echte Smart City sind wir noch nicht. Wir haben bis heute keine flächendeckende E-ID und kein E-Voting.
Warum tut sich die Schweiz damit so schwer?
Zum Teil wegen unserer politischen Strukturen. Vieles wird auf Bundes- oder Kantonsebene entschieden. Gleichzeitig muss der Staat immer auch für jene funktionieren, die analog unterwegs sind. Und vielleicht sind wir Zürcher*innen bei aller Technikbegeisterung auch etwas skeptischer gegenüber gewissen Innovationen.
Die wirtschaftliche Dynamik scheint ungebrochen. Gibt es irgendwann ein «zu viel» Wachstum?
Ein ideales Verhältnis zwischen Bevölkerung und Arbeitsplätzen gibt es nicht. Städte wie Zürich waren immer wirtschaftliche Zentren und Magneten für Zuwanderung. Vor 25 Jahren lag das Verhältnis zwischen Einwohnern und Arbeitsplätzen ungefähr bei eins zu eins. Heute kommen auf eine Einwohnerin oder einen Einwohner rund 1,3 Arbeitsplätze. Das zeigt die enorme Dynamik der Stadt und vor allem ihre Bedeutung als Zentrum eines grossen Funktionalraums.
Und genau diese Dynamik steht nun politisch zunehmend unter Druck. Was würde ein Ja zur 10-Millionen-Schweiz-Initiative für Zürich bedeuten?
Kurzfristig gäbe es vielleicht etwas weniger Druck auf dem Wohnungsmarkt. Langfristig halte ich ein JA aber für fatal. Die Hochschulen wären betroffen, der Wirtschaftsstandort würde geschwächt und die Beziehungen zur EU massiv belastet. Internationale Firmen würden sich überlegen, ob sie weiterhin in Zürich investieren wollen. Vor allem aber gefährden wir damit unsere wichtigste Ressource: Talente.
Sie meinen die Hochschulen?
Nicht nur. Zürich lebt insgesamt von Bildung, Forschung und internationalem Austausch. Wenn wir uns abschotten, schwächen wir genau jene Faktoren, die unseren Wohlstand ermöglichen. Das spürt man nicht sofort. Aber in zehn Jahren.
Die Befürworter sagen: Irgendwann ist einfach genug.
Diese Sorge muss man ernst nehmen. Wachstum erzeugt Unsicherheit, Veränderungsdruck und subjektiv auch ein Gefühl von Enge. Aber zu glauben, man könne den Wohlstand bewahren, indem man sich abschottet, halte ich für eine Illusion.
Was ist dann die eigentliche Aufgabe der Stadt?
Die negativen Folgen des Wachstums sozial abzufedern. Die Stadt muss jene schützen, die unter Druck geraten – gerade auf dem Wohnungsmarkt. Aber Wachstum an sich verhindern zu wollen, funktioniert nicht. Zürich war immer eine Stadt der Zuwanderung und des Wandels. Die Frage ist nicht, ob sich die Stadt verändert – sondern wie gerecht wir diesen Wandel gestalten.
Am 14. Juni 2026 stimmen die Schweizer Stimmberechtigten über die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz! (Nachhaltigkeitsinitiative)» ab.
Die Initiative verlangt eine Begrenzung der ständigen Wohnbevölkerung: Bis 2050 soll die Bevölkerung der Schweiz unter zehn Millionen Menschen bleiben. Überschreitet die ständige Wohnbevölkerung die Schwelle von 9,5 Millionen Personen, müssten Bundesrat und Parlament insbesondere im Asylbereich sowie beim Familiennachzug Massnahmen ergreifen.
Zudem wäre der Bundesrat verpflichtet, bei internationalen Abkommen, die zum Bevölkerungswachstum beitragen, Ausnahmebestimmungen und Schutzklauseln anzurufen oder neu auszuhandeln. Sollte die Grenze von zehn Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern dennoch überschritten werden, müsste die Schweiz diese Abkommen kündigen – spätestens nach zwei Jahren auch das Personenfreizügigkeitsabkommen mit der EU.
Dies hätte weitreichende Folgen: Auch die übrigen Verträge der Bilateralen I würden wegfallen. Darüber hinaus wäre die Beteiligung der Schweiz an den Schengen- und Dublin-Abkommen infrage gestellt – und damit die enge Zusammenarbeit mit Europa im Sicherheits- und Asylbereich. (mk)