Einen Interviewtermin mit Amine Diare Conde zu bekommen, ist fast so schwierig wie mit einem Bundesrat. Denn der «wohl bekannteste Flüchtling der Schweiz» (SRF) ist ein Workaholic: Neben einer 80-Prozent-Stelle als Hochbauzeichner engagiert er sich in zahlreichen Organisationen, darunter im Vorstand des Ausländerinnen- und Ausländerbeirats der Stadt Zürich, für den er nun wieder kandidiert (siehe Box unten).
Das Gespräch findet schliesslich zwischen zwei Terminen über die Freisprechanlage seines Autos statt. Und schnell wird klar: Hier spricht ein Mensch, der nichts dem Zufall überlässt, der denkt, handelt und lebt mit voller Energie und Optimismus.
Allein durch die Sahara und über das Mittelmeer
Diese Energie kommt nicht von ungefähr. 2014 flüchtete Amine Diare Conde mit 16 alleine aus seiner Heimat Guinea durch die Sahara und über das Mittelmeer in die Schweiz. «Ich sass mit 25 Personen in einem Schlauchboot, das für acht gemacht war. Wäre es geplatzt, wären wir alle gestorben.»
Sein Asylantrag wurde zunächst abgelehnt, er lebte jahrelang von 8.50 Franken pro Tag – und kämpfte sich dennoch unerschütterlich durch. Bildung war sein Schlüssel: Er lernte Deutsch, schloss die Sekundarschule mit der Note 5,2 ab und absolvierte eine Lehre als Hochbauzeichner. Eine entscheidende Stütze war seine Gastfamilie, mit der er noch heute in einer WG im Kreis 5 lebt.
Trotz harten Anfangsjahren engagierte sich Conde schon früh ehrenamtlich. Während der Corona-Pandemie gründete er das Projekt «Essen für alle», um Menschen zu unterstützen, die alles verloren hatten. Heute versorgen über 250 Freiwillige wöchentlich mehr als 2000 Menschen in fünf Kantonen. Allein in Zürich-Manegg arbeiten jeden Samstag 150 Helfer*innen, um rund 1500 Familien zu erreichen. Unter den Helfer*innen: Amine Diare Conde.
Für dieses Engagement wurde er 2020 für den Prix Courage nominiert und von Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga zur 1.-August-Feier auf das Rütli eingeladen. Doch Bekanntheit ist für ihn nie Selbstzweck: «Mir war es wichtig, dass die Menschen von unserer Situation erfahren. Ich kämpfe für jene, die sonst nicht gehört werden.»
Die politische Stimme der Migrant*innen
Seit vier Jahren gehört der 28-Jährige auch dem Vorstand des 25-köpfigen Ausländerinnen- und Ausländerbeirats Zürich an. «Eine wichtige Institution, denn sie ist für uns Ausländer*innen die einzige Möglichkeit, uns politisch zu beteiligen», sagt er. Zudem würden durch diesen Austausch auch Netzwerke entstehen, die etwa dazu führten, dass die Stadt Räume für «Essen für alle» bereitstellte.
Für Conde ist klar: Zürich ist seine neue Heimat. «Es ist die schönste Stadt, die ich kenne. Vielleicht nicht wegen der Gebäude, aber wegen der Menschen.» Kulinarisch schwärmt er von der Vielfalt: indisches Essen, italienische Spaghetti – oft besser als im Ursprungsland. Noch mehr angetan ist er aber von der direkten Demokratie und der Bundesverfassung, die er gelesen hat. Deshalb will er sich auch einbürgern lassen und politisch mitgestalten.
Der erste schwarze Bundesrat
Dabei denkt er gross: «Ich will in Zürich mitregieren – und dann will ich der erste schwarze Bundesrat werden». Sein Leitmotiv: Migration als Chance, nicht als Problem. «Das Asylsystem hat viele Probleme, aber es könnte eine Win-Win-Situation für die Schweiz und die Geflüchteten sein», ist er überzeugt. «Junge Menschen sollten die Chance auf Ausbildung bekommen – davon profitiert die ganze Gesellschaft.»
Für Conde ist Politik die Stimme derjenigen, die sonst überhört werden, dazu gehören auch die Armen: «Mehr als zehn Prozent der Bevölkerung leben in Armut. Niemand versteht diese Menschen wirklich. Aber ich weiss, was das bedeutet. Wenn ich Bundesrat werde, werde ich ihnen helfen und zeigen, dass Armut real ist und bekämpft werden muss.» Seine politischen Träume klingen kühn. Aber seine Geschichte zeigt: Kühn waren auf seinem Weg schon ganz andere Dinge. Durchaus möglich, dass er noch lange nicht am Ziel angekommen ist.
Der Ausländerinnen- und Ausländerbeirat der Stadt Zürich ist eine beratende Kommission des Stadtrats. Er vermittelt dem Stadtrat Anliegen und Bedürfnisse der ausländischen Wohnbevölkerung der Stadt Zürich, leistet Beiträge zugunsten der Integration und setzt sich für ein gutes Zusammenleben in der Stadt Zürich ein. Der Rat existiert seit 2005 und ist dem Fachbereich Integrationsförderung der Stadtentwicklung im Präsidialdepartment angegliedert. Aktuell besteht er aus 24 Mitglieder aus 21 Herkunftsländern, die meist in migrantischen Vereinen und Institutionen aktiv sind. Im Sommer 2026 wählt der Stadtrat den neuen Beirat für eine Amtsperiode von vier Jahren. (mk)