Als sie vor zehn Jahren das erste Mal vor diesen stolzen Bauten steht, vor diesen Bauten aus sandfarbenem Backstein, in denen noch der Geist der Gründerzeit umgeht und von der Zeit gezeichnet sind, da fragt sich Barbara Zeleny: «Was kann hier einmal entstehen? Was braucht es an diesem Ort?» Sie fragt es aus beruflichem Interesse – Barbara Zeleny arbeitet für die Grundstückbesitzerinnen SBB und wird später deren Immobilienentwicklung leiten.
«Das sollte man alles abreissen und etwas Neues bauen», sagt ihr Begleiter in diesem Moment. Was nicht möglich ist. Zwar bräuchte Zürich dringend Platz für Neues, aber die Werkstätte, welche die neu gegründeten SBB ab 1906 ausserhalb der damaligen Stadtgrenzen erbauten, sind Zeitzeugen der Eisenbahngeschichte und stehen unter Denkmalschutz.
42 000 Quadratmeter für eine Vision
Barbara Zeleny läuft durch die Hauptgasse der kleinen Stadt, welche die Werkstätten eigentlich sind. Ein mit Kisten beladener Gabelstapler fährt vorbei zu einem Tor, das sich öffnet, als er sich nähert. «Durchgang für Unbefugte verboten», steht auf einem Schild. Dahinter reparieren Mitarbeitende der SBB noch immer Züge und all ihre Teile. Die Abläufe wurden aber so optimiert, dass auf dem übrigen Grundstück viel Platz frei geworden ist, 42 000 Quadratmeter können es einmal sein, wenn das ganze Areal entwickelt ist. 42 000 Quadratmeter für das, was Barbara Zeleny hier vor zehn Jahren entstehen sah – das Projekt «Werkstadt Zürich».
Sie öffnet eine Tür, wir treten in eine Halle, die alle Zürcher Dimensionen sprengt; sie ist fast doppelt so gross wie die historische Halle des Zürcher Hauptbahnhofs. Es riecht nach geröstetem Kaffee und Schokolade. Auch hier stand Barbara Zeleny vor einigen Jahren und fragte sich: «Was kann in einer so grossen Halle entstehen?»
Diese Fragen haben sie und ihr Team zusammen mit Mieter*innen und Interessierten diskutiert – die «Werkstadt Zürich» ist kein fertig ausgearbeitetes Projekt, das vorgeben würde, was noch gebaut werden soll. Alles ist im Fluss, nichts ist fix. Die Vision, dass das Areal vor allem von kreativ produzierendem Gewerbe genutzt werden soll, gibt die Richtung vor, den Masterplan, den SBB und Stadt Zürich ausgearbeitet haben.
«Diese Unsicherheit muss man aushalten», sagt Barbara Zeleny. Man dürfe keine Angst haben, dass man ohne fertig geplantes Projekt die Kontrolle verliere. Sie hält dies bereits seit zehn Jahren aus. Wie macht sie das? Sie wirkt, als folge sie einem inneren Kompass, der sie durch alle Kontroversen und Unwägbarkeiten führt. Sie dominiert nicht, hält sich aber auch nicht zurück, sie redet und sie hört zu. Und sie hat die Gewissheit, dass sie so viel Wissen und Erfahrung gesammelt hat, dass sie flexibel auf alles reagieren kann, was kommen könnte.
Was also kann aus einer Halle werden, die in der postindustriellen Zeit für eine Mieterin allein viel zu gross ist? Die SBB und ihre Mieter*innen kamen überein, Einbauten für mehrere Betriebe einzufügen. Einbauten, die sich vergrössern, verkleinern oder ganz zurückbauen lassen. Und die aus ehemaligem SBB-Mobiliar wie Fahrleitungsmasten, Gitterrosten, Holzbalken oder Treppenläufen zusammengebaut wurden.
In der Folge ist der Mietermix entstanden, der heute die Halle so würzig beduftet: Neben dem Kaffeemaschinen-Designer Zuriga sind dies die Kaffeerösterei Vicafe, die Schokoladenmanufaktur La Flor oder The Tiny Factory, welche Granola und Nussmischungen röstet. Noch bevor das Areal entwickelt wurde, hat sich hier das Unternehmen Acrush eingemietet, das Kunstwerke für Ausstellungen und Biennalen produziert. Heute arbeiten vierzig Betriebe in der «Werkstadt Zürich» und laufend kommen neue hinzu.
Im Gespräch fallen wiederholt Worte wie «miteinander reden, zuhören. ein offenes Ohr haben». Diese Haltung brauche es heute, sagt Barbara Zeleny, um erfolgreich zu bauen. «Und das gilt nicht nur für Areal-Entwickler*innen. Selbst wer heute ein Einfamilienhaus erstellen will, muss das können.» Weshalb? Wer heute baue, erklärt sie, baue meist in dichter besiedeltem Gebiet – und das hat Auswirkungen auf Anwohner*innen und Betriebe. Dann braucht es das, was sie selbst in den letzten Jahren perfektioniert hat: zusammen reden. Die unterschiedlichen Vorstellungen sichtbar machen, Bedenken aufnehmen, Ängste benennen, darauf eingehen, Lösungen finden.
Ihre Projekte - alles grosse Kisten
Auf diese Weise hat Barbara Zeleny seit 2015, seit sie bei den SBB gestartet ist, Areale entlang der ganzen Ost-West-Achse geprägt, von St. Gallen über Zürich, Basel, Thun, Lausanne und Genf. Alles grosse Kisten. Aber sie zieht heute das Übergeordnete der Detailarbeit vor – wie ihre Projekte, hat auch sie selbst sich transformiert.
Begonnen hat sie als Architektin unter anderen bei Coop-Himmelb(l)au in Wien und bei Herzog & de Meuron in Basel, hat dann als Vertreterin der Grundeigentümerin SBB selber Architekten beauftragt, und nun wird sie Kantonsbaumeisterin des Kantons Thurgau. Und immer, seit Beginn ihres Berufslebens, als sie in Los Angeles in einem ausgedienten Lagerhaus die Architekturhochschule besuchte, beschäftigte sie diese eine Frage: «Was kann hier einmal entstehen?»
Die Stadtentwicklung Zürich ist täglich mit vielen interessanten Menschen in Kontakt, die in Zürich etwas bewegen. In dieser Rubrik stellen wir sie unseren Leser*innen vor. Barbara Zeleny arbeitete als Leiterin der Immobilienentwicklung der SBB eng mit der Stadtentwicklung Zürich zusammen, um das Areal der SBB-Werkstätte zu einem Gebiet für das kreativ produzierende Gewerbe zu entwickeln. (jh)