Alle hundert Jahre ist es wieder so weit: Das Grossmünster wird saniert. Eine umfassende Restauration der Fassaden – die letzte geschah in den 1930er Jahren – steht ebenso an wie der Ersatz fauler Tragbalken im Kirchenschiff oder die Reinigung aller Dachflächen und die Neuverglasung des Fensters über der Orgel. Die umfangreichen Instandsetzungsmassnahmen bedingen, dass das gesamte Gebäude fast drei Jahre lang integral eingerüstet und durch eine zweieinhalb Meter hohe Holzwand vom umgebenden Platz- und Strassenraum abgegrenzt wird.
Damit wird der Baukörper zu einer gewaltigen, dreidimensional bespielbaren Fläche für ein temporäres Kunst-und-Bau-Projekt mitten im historischen Zentrum von Zürich. Die Kirche – das wohl bekannteste Baudenkmal der Stadt – ist drei Jahre lang «gleichzeitig Projektionsfläche und Spiegel des städtischen Raums und der (heterogenen) Gesellschaft», wie es Kuratorin Madeleine Schuppli in ihrem Konzept beschreibt, das als Grundlage für die acht eingeladenen Künstler*innen galt: «Die Möglichkeit für einen zeitgenössischen Kommentar auf die Kirche tut sich ebenso auf wie ein neuer Blick auf Bekanntes.»
Privatfotos auf der Kirche
Sechs Künstlerteams reichten im Frühjahr 2025 ein Projekt ein. Das Beurteilungsgremium setzte sich aus folgenden Personen zusammen: Daniel Baumann (Hochbauamt Kanton Zürich), Sabian Baumann (Fachgruppe Bildende Kunst, Künstler*), Salome Hohl (Direktorin Cabaret Voltaire), Martin Rüesch (Grossmünster-Pfarrer) und Anna Schindler (Direktorin Stadtentwicklung Zürich) sowie fünf beratenden Stimmen aus der Kirchenkreiskommission, der kantonalen Baudirektion, den mit der Sanierung beauftragten Architekten und der Kuratorin.
Diese Jury begutachtete die eingereichten Projekte nach den Kriterien des ästhetischen Ausdrucks, der Sinnfälligkeit für den jeweiligen Ort, der Integration in die architektonische Gesamtanlage und den städtebaulichen Kontext, die eigenständige Bildsprache, die mit den spezifischen Eigenschaften der Nutzung korrespondiert sowie die Einhaltung der Kosten-, Qualitäts- und Terminvorgaben. Das Gesamtbudget für das Projekt betrug inklusive Realisierung und sämtlicher Spesen 240 000 Franken.
Am Ende ging eine siegreich hervor, die weit über Zürich und die Schweiz hinaus keine Unbekannte ist: die iranisch-schweizerische Künstlerin und Fotografin Shirana Shahbazi. Sie arbeitet neben ihrem bekanntesten Medium, der Fotografie, immer mehr auch mit Keramik, textilen Bildträgern oder Video. «Shirana Shahbazis Projekt besteht aus einer Bildcollage, die den ganzen Baukörper überzieht. Auf der Kirche entwickelt sich ein farbenfrohes Zusammenspiel von architektonischen Fotografien, privaten Bildern, Stadtlandschaften oder Körperaufnahmen. Die inhaltliche Grundlage bietet der Bezug zur Kirche und zum städtischen Lebensraum.» So steht es im Bericht der Jury.
Shirana Shahbazi, 1974 in Teheran geboren, studierte Fotografie und Design an der Fachhochschule Dortmund, setzte ihre Ausbildung an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich fort und schloss 2000 mit einem Master ab. Sie hat ihre Arbeiten in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland präsentiert, unter anderem im Kunsthaus Hamburg (2018), in der Kunsthalle Bern (2014), im Fotomuseum Winterthur (2011), im New Museum of Contemporary Art, New York (2011) sowie im The Hammer Museum, Los Angeles (2009). 2019 wurde Shahbazi mit dem Schweizer Grand Prix Kunst / Prix Meret Oppenheim ausgezeichnet.
Figuren schweben, fallen, fliegen den Betrachter*innen entgegen. Sie tauchen durch ein Meer von bunten Schichten, dunkle Silhouetten in fliessenden Schwimmbewegungen, dazwischen Textfetzen, Abbildungen aus historischen Dokumenten wie die Fabelwesen aus der Froschauer-Bibel und schemenhafte Fotografien aus dem heutigen Zürich, wie ein grosses Panorama der Stadt, aufgenommen aus einem Wohnungsfenster.
Das Ganze ergibt eine dichte und doch transparente Collage, Bilder, die sich überlagern, ergänzen, widersprechen. Je nach Lichteinfall bilden sie andere Kompositionen und Bildräume, zusammengehalten von geometrischen Farbflächen, wie sie auch in anderen Arbeiten der Künstlerin auftauchen. Die Farbwahl orientiert sich an den Glasfenstern von Augusto Giacometti im Chor der Kirche, die Fragmentierung der Szenen erinnert an Sigmar Polkes moderne Mosaike als Antwort.
Die Arbeiten von Shahbazi, die als Kind mit ihrer Familie aus dem Iran nach Deutschland emigriert ist und seit 25 Jahren in Zürich lebt, sind geprägt von verschiedenen kulturellen Strömungen, sich überlagernden persönlichen und politischen Geschichten. So verwendet sie in der grossangelegten Bildcollage auf dem Gerüstnetz auch private Fotos aus den Fotoalben der Bevölkerung, zu deren Mitwirkung sie online aufgerufen hat, und hat Menschen aus dem Umfeld der Kirche zu den Unterwasseraufnahmen der schwebenden Gestalten eingeladen.
Fehlen darf auch Reformator Huldrych Zwingli nicht. Er prangt auf der Westfassade – gemeinsam mit Anna Bullinger, Frau des Reformators Heinrich Bullinger, und eine prägende Frauenfigur ihrer Zeit. Darüber steht als Titel der Arbeit die Aufforderung Zwinglis, die in der Sakristei festgehalten ist: «Tut um Gottes Willen etwas Tapferes!» Der Aufruf zum mutigen Handeln hat 500 Jahre nach seiner Entstehung nichts von seiner Aktualität eingebüsst – selten waren die Sprach- und Machtlosigkeit in den vergangenen Jahren grösser, ausgelöst durch die aktuellen geopolitischen und gesellschaftlichen Zustände.
Dem setzt Shahbazi die «Vielstimmigkeit» entgegen, wie es Madeleine Schuppli nennt: Die Stimme der Künstlerin, die Stimme der Bevölkerung und die historische Stimme erzählen gemeinsam von der Heterogenität der Stadt und von all den Strategien zur Bewältigung des Alltags und der Herausforderungen unserer Welt. Dutzende von individuellen Geschichten sind auf der übergrossen Leinwand präsent, die das schwarze Gerüstnetz darstellt – als «Intermezzo» im öffentlichen Raum, das innehalten, staunen und nachdenken lässt.
Leider ist das Werk, wie es seit Ende April 2026 aufgebaut und im Juni kurz nach der offiziellen Vernissage auch schon wieder von einem Gewittersturm zerzaust wurde, ein Kompromiss. Ursprünglich hätte es sich auf die ganze Fläche ausdehnen sollen, der komplette verhüllte Körper des Grossmünsters von einer Bilderflut umschlossen sein. Stattdessen konnte die Künstlerin nur grosse Teilflächen gestalten – die ganze Gerüsthaut zu bedrucken, hätte die Gerüststruktur mit ihrem Gewicht überladen, und ein kräftiger Wind hätte sie zum Einsturz bringen können. So wurde das Gewebe transparenter und damit luftdurchlässiger fabriziert und nicht komplett, sondern nur an ausgewählten Stellen auf allen vier Fassaden bedruckt.
Der Aussagekraft des Werkes tut es keinen Abbruch – der Gestalt, die ohne Erläuterung der Komposition nicht so einfach von den Passanten und Besuchenden gelesen wird, leider schon. Aber – wie es Kuratorin Schuppli in ihrer Würdigung sagt: Mit Kunst im öffentlichen Raum zu gehen, ist kein Spaziergang, sondern im Fall des so prominenten Grossmünsters eine veritable Bergtour. Und dabei zwingt einen das Wetter manchmal zu einem Umweg oder einer Abkürzung.