Wird heute ein Industrieareal frei, dann ist für viele klar: Darauf sollten Wohnungen gebaut werden, und bezahlbare Wohnungen braucht es tatsächlich. Die Stadt will aber auch Räume für Industrie und Gewerbe bauen. Braucht es das noch?
Davon bin ich überzeugt. Ich sehe natürlich, dass es in Zürich herausfordernd ist, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Bei den Arealen für Industrie- und Gewerbebetriebe geht es aber nicht um Räume allein. Es geht auch darum, was sie zu einer lebendigen, prosperierenden und nachhaltigen Stadt beitragen.
Und dafür braucht es noch alle Industrie- und Gewerbezonen?
Ja. 2007 hat der Stadtrat in den «Strategien Zürich 2025» geschrieben, dass die noch bestehenden Industrie- und Gewerbezonen erhalten werden sollen, und bei diesen rund fünf Prozent der Bauzonenfläche ist es bis heute geblieben. Theoretisch könnten wir auch auf diesen Flächen noch Wohnungen bauen. Dann gäbe es Platz für ein paar Tausend weitere Einwohner*innen. Das ergibt für mich aber aus einer gesamtheitlichen Stadtentwicklungsperspektive wenig Sinn.
Aber auch Wohnungen für ein paar Tausend Einwohner*innen wären wertvoll.
Auch diese Wohnungen würden nicht genügen, solange Zürich so attraktiv ist wie heute. Ich kenne keine wirtschaftlich erfolgreiche Stadt, in der keine Wohnungsknappheit herrschte. Die Frage ist jedoch: Ist eine Stadt, der die Vielfalt – und ich meine damit eben auch die Nutzungsvielfalt – abhandengekommen ist, noch attraktiv? Und was viele vergessen, die nun fordern, dass möglichst viele Wohnungen gebaut werden: Irgendwann kommt die Infrastruktur an ihr Limit. Das sieht man bei Städten im Ausland, wo der Verkehr schlicht kollabiert. Die Stadt muss meiner Meinung nach das Thema des knappen Wohnraums auf andere Weise angehen, und dafür tut sie schon sehr viel.
Günther Arber war bis Ende März 2026 Bereichsleiter und stellvertretender Direktor der Stadtentwicklung Zürich und leitete das Team «Gesellschaft und Raum». Dieses setzt sich schwergewichtig mit den Themen sozialräumliche Entwicklung, Wohnen, Wirtschaft, Nahversorgung, Raumentwicklung und mit den Schnittstellen von Stadt und Quartieren auseinander.
Günther Arber hat eine Lehre als Maschinenmechaniker durchlaufen und nach einer kürzeren Tätigkeit in der Maschinenindustrie auf dem zweiten Bildungsweg Geografie und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Zürich studiert. An der ETH und der ZHAW absolvierte er später Nachdiplomstudiengänge in Raumplanung und Business Administration. Er ist verheiratet, Vater einer Tochter und lebt in Zürich. Nun, 20 Jahre, nachdem Günter Arber bei der Stadtentwicklung Zürich begonnen hat, geht er vorzeitig in den Ruhestand.
Sie sagten, Industrie- und Gewerbebetriebe könnten zu einer nachhaltigen Stadt beitragen. Wie tun sie das?
2022 hat die Zürcher Stimmbevölkerung der Verwaltung den Auftrag erteilt, die Stadt bis 2040 klimaneutral zu machen. Langfristig sollten wir die Option haben, wichtige Güter auch innerhalb des Staugürtels herstellen zu können. So müssen sie nicht in die Stadt transportiert werden, und wir vermeiden Verkehr. Was auch den Vorteil hat, dass die Stadt ein diversifiziertes Arbeitsplatzangebot hat. Um unser Klimaziel zu erreichen, müssen wir auch möglichst viele Bauteile wiederverwenden – Stichwort Re-Use; das wird zunehmend dringlich. Um diese zu lagern, braucht es Platz, und auch dafür bieten sich in Zukunft die Industrie- und Gewerbeflächen an. Bauteilbörsen wären für findige Unternehmer*innen jedenfalls ein Geschäftsmodell mit Zukunft.
Ich höre aus Ihren Antworten heraus, dass das Bewusstsein für produzierende Betriebe und Logistik grösser sein könnte.
Unser Leben besteht nicht nur aus Online-Transaktionen. Wir brauchen Kleider, Essen, Getränke, irgendwelche physischen Dinge. Diese Güter müssen irgendwo hergestellt, zwischengelagert, palettiert und angeliefert werden. Und manchmal geschieht dies zu einer Tageszeit, die uns nicht passt. Dafür braucht es meines Erachtens ein gewisses Verständnis und eine Akzeptanz von Seiten der Bevölkerung – nur so können wir mit lebenswichtigen Gütern versorgt werden und in der Migros oder im Coop zwischen 15 verschiedenen Spaghetti-Sorten wählen. Zu einer Stadt gehören auch Betriebe und Nutzungen, die etwas rauer und lauter sind. Eine Stadt ist mehr als Wohnen.
Passen denn solche Betriebe in eine verdichtete Stadt?
Es gibt auch viele Arbeiten, die stadtverträglich sind, also das Umfeld nicht speziell belasten.
Dann kann man also wieder vermehrt an einem Ort wohnen und produzieren, wenn man es geschickt angeht?
Für gewisse Produktionstätigkeiten, zum Beispiel Medizinaltechnik oder ähnliches, kann die Mischung von Wohnen und Produzieren funktionieren. Grundsätzlich sind meines Erachtens aber die Industrie- und Gewerbezonen wichtig. Tatsache ist: Die grosse «Entmischerin» ist die Wohnnutzung. Die Anwohner*innen finden es zu Beginn vielleicht noch stimmungsvoll, wenn morgens in der Früh Palette herumgefahren werden, bald aber nicht mehr. Deshalb sind Industrie- und Gewerbezonen, wo die Emissionen höher sein dürfen sinnvoll.
Werden Industrie- und Gewerbebetriebe geringgeschätzt?
Das würde ich nicht sagen, man möchte einfach beides – die Flächen und diese Betriebe. Das beobachte ich etwa am «Tag der urbanen Produktion». Er wird vom Verein «Made in Zürich» organisiert, den die Stadt 2018 mitbegründet hat. Wenn seine Mitgliederbetriebe die Türen öffnen, schauen die Besucher*innen fasziniert zu, wie da gewerkt wird. Aber natürlich, Grundeigentümer wollen wohl in den meisten Fällen etwas anderes – jene Nutzungen, welche die höchste Grundrente versprechen. Das aber kann aus meiner Sicht nicht die Position der Stadt sein. Es braucht Standhaftigkeit, um Industrie- und Gewerbezonen zu erhalten. Und die Vision einer funktional durchmischten Stadt.
Nun zeigt eine Studie der Stadtentwicklung Zürich: Der Werkplatz schrumpft. Nur noch jede*r zehnte Beschäftigte arbeitet in dieser Branche. Hält die Stadt Flächen frei, für die es gar keine Nachfrage mehr gibt?
Nein. Als die SBB zum Beispiel Gewerberäume in der «Werkstadt Zürich» in Altstetten ausschrieben, kam die Nachfrage rasch. Es gibt Betriebe, die können gut in der Stadt produzieren. Und diese suchen auch die Nähe zur Stadt und zu ihren Kund*innen. Wir müssen langfristig denken – die Welt wird komplexer, die Lieferketten unsicherer. Das zeigen die internationalen Entwicklungen drastisch. Wahrscheinlich sind wir einmal froh, wenn wir auch in der Stadt noch produzieren können und Flächen für rauere Tätigkeiten haben; mit den Industrie- und Gewerbezonen halten wir diese Optionen offen.
Ihre Erwartung an Industrie- und Gewerbebetriebe sind hoch – sie sollen die Wirtschaft resilienter, die Stadt lebendiger machen und dazu beitragen, dass wir unser Klimaziel erreichen. Kann das eine Branche, die nur noch jede*n zehnte*n Arbeitnehmer*in beschäftigt?
Ich glaube, das ist keine Frage der Grösse einer Branche. Es gibt einfach Tätigkeiten, die mehr Platz benötigen. Die Dinge unseres Alltags werden ohnehin irgendwo produziert. Entweder wir importieren sie oder wir stellen sie zumindest teilweise hier her und nehmen als Gesellschaft Einfluss darauf, wie dies getan wird.
Einst hat die Stadt Industriezonen- und Gewerbezonen geschaffen, um die Bevölkerung vor Lärm und Gestank zu schützen. Heute haben sie eine andere Funktion: Sie sollen die Betriebe vor hohen Mieten schützen.
Sie tun beides – sie schützen die Bevölkerung zum Teil noch immer vor Emissionen, sorgen aber auch dafür, dass Nutzungen, die eine höhere Wertschöpfung versprechen wie Dienstleistungen oder Wohnen, die Mieten nicht in die Höhe treiben können.
Ist die Bau- und Zonenordnung das richtige Instrument, um Industrie- und Gewerbetriebe den Verbleib in der Stadt zu ermöglichen?
Ich sehe keine Alternative.
Gibt es in Zürich ein Areal, dass ihrer Vorstellungen nahekommt, wie Industrie- und Gewerbebetriebe in einer Stadt produzieren sollen?
Die «Werkstadt Zürich». Die liegt mir am Herzen, weil ich von Anfang an daran beteiligt war und sehe, wie sie sich entwickelt. Ich denke, sie ist ein gutes Modell für einen Produktionsstandort in der Stadt. Die Werkstadt liegt in einer Industrie- und Gewerbezone, die Grundeigentümerin betreibt sie also nicht als Hobby. Die Stadt ist hier standhaft geblieben und hat die Rahmenbedingungen mit der Zonierung gesetzt. Nun entsteht hier ein spannendes Stück Stadt.