Sierra Leone zählt zu den ärmsten Ländern der Welt: Über die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze und kämpft mit Mangelernährung, hoher Kindersterblichkeit und fehlendem Zugang zu Bildung und sauberem Wasser – trotz reichster Rohstoffvorkommen: Diamanten, seltene Erden, Gold, Kobalt und Lithium .
Seit einigen Jahren prägt eine rasante Urbanisierung die Gesellschaft. Die Städte, allen voran Freetown, wachsen in einem noch nie dagewesenen Tempo, was Chancen, aber auch ungeheure Herausforderungen mit sich bringt. Aktuell zählt die Stadt rund eine Million Menschen, in 15 Jahren sollen es zwei sein.
«Wir müssen den Wandel in Freetown so gestalten, dass soziale Gerechtigkeit, wirtschaftlicher Wohlstand und ökologische Nachhaltigkeit gefördert werden» schreibt die Bürgermeisterin von Freetown, Yvonne Aki-Sawyerr, im Vorwort des neu erschienenen Werks «Urban Transformation in Sierra Leone».
Sie betont die Bedeutung der partnerschaftlichen Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Stakeholdern und Interessengruppen: staatlichen Institutionen, der Wissenschaft, zivilgesellschaftlichen Organisationen und lokalen Gemeinschaften: «Nur ein multilateraler, integrativer und partizipativer Ansatz stellt sicher, dass das Wissen und die Kompetenz aller relevanten Akteur*innen genutzt werden. Und nur so können Entscheidungen effektiv gefällt und umgesetzt werden.»
Dies könnte eine Beschreibung der Grundlage der Stadtkooperation sein, die Zürich und Freetown gemeinsam eingegangen sind und mit dem Besuch der Stadtpräsidentin und ihrer kleinen Delegation der Stadtentwicklung in Freetown besiegelt haben.
Ziel ist der Wissensaustausch im Bereich der Stadtentwicklung zwischen den beiden Stadtverwaltungen. Dazu gehört der Aufbau von stabilen Strukturen in Freetown zur Umsetzung konkreter Projekte, unterstützt durch das politische Commitment beider Stadtregierungen beziehungsweise ihrer Leaderinnen, durch unsere Partnerorganisationen UN-Habitat und die lokale NGO GOAL Sierra Leone.
Konkret soll ein Teil des Central Business District (CBD) in der Innenstadt von Freetown, rund um den Sitz des Freetown City Council – mit 15 Geschossen das höchste Haus der Stadt – aufgewertet werden, mit kleinen, wirksamen Massnahmen: einem Ausbau der Fussgängerbereiche und der Strassenparkbereiche, der Rückeroberung des öffentlichen Raums von den Autos und den Strassenhändlern, indem Parkhäuser und ein Marktgebäude gebaut und von der Stadtregierung zur Verfügung gestellt werden, dem Schaffen einer sichereren Umgebung durch das Einführen einer Strassenbeleuchtung und einer Begrünung des CBD.
Die Entwicklung der Stadt, die 1787 von befreiten, aus den USA und dem UK zurückkehrenden Sklaven gegründet wurde, ist geprägt von kolonialen Altlasten und den elf Jahren Bürgerkrieg zwischen 1991 und 2002, der Ebola-Epidemie 2014, immer stärker werdenden jährlichen Überschwemmungen und Erdrutschen und zuletzt der COVID-19-Pandemie.
Freetown ist von tiefen sozialen Ungleichheiten gezeichnet – 70 Prozent der Bevölkerung lebt in «Informal Settlements», total 64 Slums, 60 Prozent arbeitet im informellen Sektor oder bringt sich mit Fischerei und Strassenhandel Tag für Tag über die Runden –, aber es ist auch ein lebendiger, chaotischer, von den verschiedenen politischen Parteien heiss umkämpfter Ort. Für die nationale Regierung entscheidet sich der Fortschritt der nationalen Wirtschaft in Freetown.
Für die Stadtregierung steht eine nachhaltige, sozial gerechtere Entwicklung der Stadt im Fokus, geprägt durch die politische Agenda «Transform Freetown, Transforming Lives». Zwischen den Fronten und den Machtkämpfen der nationalen und der lokalen Regierung – Sierra Leone gehorcht einem Zwei-Parteien-System mit Regierungspartei und Opposition – bauen lokale und internationale Akteure der Zivilgesellschaft Netzwerke und Partnerschaften auf, versuchen, Legitimität und Anerkennung zu erlangen, um konkrete Projekte umzusetzen, und mit partizipativen Planungsinstrumenten zu experimentieren, um Veränderungen vor Ort zu bewirken.
Wie Politik und Planung, lokale und internationale Akteurinnen gemeinsam eine integrative und nachhaltige Stadtentwicklung fördern können, ist auch die Frage, die die Stadtkooperation zwischen Zürich und Freetown antreibt.
Ein Fachaustausch über die Meerenge von Gibraltar hinweg
Beim Besuch in Freetown haben wir einige Antworten gefunden – und viele weitere Fragen gestellt. Die Grundlagen zur Kooperation wurden im Jahr zuvor gelegt – wichtige vertragliche Vereinbarungen wurden abgeschlossen, darunter das Memorandum of Understanding MoU zwischen Freetown, Zürich und UN-Habitat und die Kooperationsvereinbarung zwischen der Partnerorganisation UN-Habitat und dem Umsetzungspartner GOAL Sierra Leone.
Nun geht es um den Aufbau eines regelmässigen Austausches zwischen den Beteiligten, auch über die Meerenge von Gibraltar hinweg zwischen den Expert*innen in Zürich und denjenigen in Freetown. Und es gilt, Wege zu finden, die konkreten baulichen und gestalterischen Massnahmen in den kommenden vier Jahren Schritt für Schritt zu realisieren.
Basis dafür, das wurde beim intensiven Austausch während des Besuchs klar, ist eine umfassende Planung: das Schaffen eines für Behörden und Grundeigentümer verbindlichen Flächennutzungsplans, der getragen wird von allen, die ihn umsetzen müssen und von ihm betroffen sind, formell und informell.
Dazu bedarf es der Kooperation zwischen den verschiedenen politischen Ebenen in Sierra Leone und der internationalen Unterstützung. Es sind grosse Aufgaben, die aber, wenn sie gelingen, viel auslösen können – und als Beispiel für die mögliche Transformation Freetowns zu einem sicheren, nachhaltigeren und wirtschaftlich stabileren Lebensraum stehen können - besonders für die Schwächsten der Gesellschaft.