Kaum hat Projektleiterin Cristiana Baldauf die Broschüren aufgelegt, ihr Namensschild zurechtgerückt und die Tür geöffnet, hat sich der kleine Vorraum gefüllt. Ein Paar mit Kind, Kinderwagen und mit vielen Fragen steht vor ihr. Er spricht Englisch, sie Italienisch, er hat einen Job, sie sucht einen nach der Babypause. Sie fragt: Wo kann ich Deutsch lernen? Wie finde ich einen Job? Und wie werden wir besteuert? Die Fragen sind schnell beantwortet. Der Kinderwagen ist noch nicht herausgeschoben, da steht bereits die nächste Besucherin am Desk.
An vier Nachmittagen pro Woche berät ein Zweierteam der Stadtentwicklung Zürich Personen, die aus dem Ausland zugezogen sind. Hier, am «Welcome Desk» im Erdgeschoss des Stadthauses, bekommen sie Antworten auf ihre Fragen oder einen Hinweis darauf, wer ihnen weiterhelfen kann – schnell, unkompliziert, niederschwellig und ohne Voranmeldung. Dafür müssen sie nicht Stunden in Warteschleifen verbringen oder endlos Fragen von Chatbots beantworten. Hier sprechen sie mit Menschen.
Das sind heute Cristiana Baldauf und Robin Heina von der Fachstelle Diversität Integration Antirassismus (DIA) der Stadtentwicklung Zürich. Cristiana Baldauf steht die ersten zwei Stunden am Desk. Es ist ein ungleiches Team: Cristiana Baldauf, seit fast 38 Jahren bei der Stadt, steht am Ende ihres Berufslebens und heute das letzte Mal am «Welcome Desk». Robin Heina absolviert ein Praktikum und sammelt Erfahrungen für den Berufseinstieg.
Gut qualifiziert und dennoch auf Stellensuche
Für vier Stunden werden sie heute Nachmittag Zugezogenen helfen, sich in Zürich zurechtzufinden - in einem Unternehmen würde man sagen, sie seien für das Onboarding verantwortlich. Die Stadt Zürich ist für Personen aus dem Ausland die Eintrittspforte der Schweiz – fast jede Zehnte zieht nach Zürich, rund 18 000 Personen sind es pro Jahr. Gemeinden, Kantone und Bund sind gesetzlich verpflichtet, sie über Lebens- und Arbeitsbedingungen zu informieren und auf Angebote aufmerksam zu machen, die ihnen helfen, sich zu integrieren.
Die Besucherin, die nun an den Desk getreten ist, ist Schweizerin, lebte zuvor in Italien, stammt aber aus Kolumbien. Sie ist ihrem Mann nach Zürich gefolgt und möchte hier arbeiten. Es ist nicht einfach. Sie ist Psychologin, spricht perfekt Spanisch, Italienisch und Englisch. «Ma la lingua», seufzt sie. Schon Deutsch zu lernen ist anspruchsvoll, Schweizerdeutsch erscheint ihr fast unerreichbar. Und sie fragt sich: Wird ihr Diplom hier anerkannt?
Cristiana Baldauf hört zu, fragt nach, erklärt, schaut nach. Wie sie später zwischen zwei Beratungen sagen wird, gelangen viele Besucher*innen an sie, die ihrer*m Partner*in nachgereist sind. Viele sind gut qualifiziert – und haben dennoch Mühe, Arbeit zu finden.
Sie reicht der jungen Frau die Broschüre einer Stelle, die sie unterstützen kann, und skizziert ihr, wie der weitere Weg aussehen könnte. Sie muss es nicht aussprechen; dass die Besucher*innen hier willkommen sind und unterstützt werden, das spüren sie. Jedenfalls hört das Team am Welcome Desk immer wieder dieses eine Wort: Thank you, Obrigada, Danke, Gracias. Und jetzt, als die Besucherin mit den Broschüren in der Hand geht, ein «Grazie mille».
Viele Besucher*innen, so sagen Cristiana Baldauf und Robin Heina, reagierten überrascht, dass sie in einer Verwaltung so rasch und umfassend informiert werden. Als Cristiana Baldauf 1988 bei der Stadt begann, war die Situation in Zürich eine andere. Damals kamen die Zugezogenen mehrheitlich aus Italien oder Spanien, die meisten waren nicht hochqualifiziert und mehr auf Beratung als auf Informationen angewiesen.
So arbeiteten Cristiana Baldauf und ihre Kolleg*innen bei der damaligen «Beratungsstelle für Ausländerinnen und Ausländer» eher anwaltschaftlich, erledigten Korrespondenzen und schrieben Stellungnahmen, klärten Fragen zum Saisonnier-Statut oder zu Kriegen in den Heimatländern der Besucher*innen. Sie waren mit komplexen Fällen beschäftigt und mit schweren Schicksalen konfrontiert.
Als später Menschen aus vielen anderen Ländern und mit anderen Fragen nach Zürich zogen, passte die Stadt ihr Angebot an diese Entwicklung an und formte die Beratungsstelle 2005 zum «Welcome Desk» mit Deutschkursberatung um.
Da die Schwelle tief ist, überschreiten sie auch Menschen, an die sich das Angebot nicht richtet. Menschen, die gerade in Zürich angekommen sind, den Koffer in der Hand haben und eine Unterkunft suchen. Menschen, die abreisen müssen, weil ihr Asylgesuch abgelehnt wurde. Seltener auch Menschen, die verwirrt sind, alkoholisiert oder die sich in der Stadt verloren haben.
Ihnen kann das Team hinter dem Desk nicht helfen. «Aber wir können ihnen sagen, wo sie Hilfe bekommen», sagt Robin Heina. Muss jemand in der Stadt oder bei sich ankommen, empfiehlt er ihnen das Café Yucca, hat jemand die Digitalisierung verpasst, die Lernstube, haben Migrantinnen Fragen zu Ehe, Recht oder Gesundheit, dann die Beratungsstelle Infodona.
Hier kommt die Welt zur Tür hinein
Manche Besucher*innen kommen mit der Erwartung, dass die Stadt ihnen eine Ausbildung bezahlt oder eine Unterkunft besorgt. «Sie sagen sich, sie seien nun in einem reichen Land, und haben dementsprechend hohe Erwartungen», erklärt Cristiana Baldauf. So ist es auch ihre Aufgabe, Leute auf den Boden zurückzuholen.
Sie unterbricht – der nächste Besucher steht am Welcome Desk. «Salve», sagt er und legt gleich los. Punkt eins, Punkt zwei, Punkt drei. Wo kann er sich abmelden? Wird er auch mit seinem Einkommen an der Quelle besteuert? Und wo kann er eine Vaterschaft anerkennen lassen? Cristiana Baldauf sucht für ihn die Links zu Punkt eins, zwei, drei. «Perfetto», sagt er und reicht ihr die Hand. «Alla prossima, ciao, ciao», sagt er beim Hinausgehen. Und weg ist er.
Hier, im Erdgeschoss des Stadthauses, kommt die Welt zur Tür hinein – knapp 900 Personen aus 93 Nationen gelangten allein vergangenes Jahr an den «Welcome Desk». Weitere 295 Personen stellten ihre Fragen per Mail oder telefonisch. In ihren Sprachen bildet sich das Weltgeschehen ab. In den 1980er-Jahren wurden die Fragen noch mehrheitlich auf Spanisch, Italienisch oder türkisch gestellt, in den 1990-ern auch auf Albanisch und Serbokroatisch. Danach, nach Einführung der Bilateralen Verträge in den Nullerjahren, vermehrt auf Hochdeutsch. In den letzten Jahren nun dominierten Englisch und Spanisch, und ab 2022 wurden plötzlich Fragen auch auf Ukrainisch gestellt.
Am «Welcome Desk» beobachtet Cristiana Baldauf auch, dass die Weltbevölkerung mehr in Bewegung ist als bei ihrem Start im Stadthaus. Etliche Besucher*innen sind nicht in dem Land geboren, von dem sie ihren Pass haben; manche verfügen über zwei oder drei Staatsbürgerschaften und sind schon durch mehrere Länder gezogen; Paare vereinen sich weltumspannend, eine Fidschianerin heiratet einen Iren, ein Deutscher eine St.-Lucianerin. Die familiäre Situation: komplex.
So divers die Besucher*innen sind, am Ende geht es oft um dieselben Fragen. Welcher Aufenthaltsstatus steht mir zu? Wird mein Abschluss anerkannt? Wie bekomme ich eine Wohnung? Darf ich meine Familie in die Schweiz holen? Und: Wer gehört rechtlich überhaupt dazu?
Sie hat eine ganze Kleinstadt beraten
16 Uhr. Cristiana Baldaufs letzte Stunde am «Welcome Desk» beginnt. Manche Besucher*innen hat sie bis heute nicht vergessen: Den Mann aus Sri Lanka etwa, der sich erkundigte, wie er einmal seinen toten Körper der Forschung zur Verfügung stellen kann – aus Dankbarkeit, dass er hier in der Schweiz aufgenommen wurde. Oder den verzweifelten Mann, der einen Sack voller Dokumente vor ihr ausschüttete, in der Hoffnung, sie finde die richtigen und könne ihm weiterhelfen. «Es gibt kaum eine Frage, die mir hier nicht gestellt worden wäre», sagt Cristiana Baldauf.
Bald wird sie ein letztes Mal die Broschüren in den Schränken verstaut, ihr Namensschild verräumt und die Tür verschlossen haben. Dann wird sie eine kleine Stadt beraten haben: Rund 16‘000 Besucher*innen hat sie dann geholfen, in Zürich anzukommen.
Das Team der Fachstelle Diversität, Integration, Antirassismus bietet am «Welcome Desk» im Stadthaus kostenlose Informationen und Kurzberatungen ohne Voranmeldung. Die Mitarbeitenden sind spezialisiert auf Fragen von Neuzugezogenen aus dem Ausland und auf die Themenbereiche Migration und Integration. Der «Welcome Desk» öffnet am 10. August wieder und ist jeweils von Montag bis Donnrstag von 13 bis 17 Uhr besetzt. (jh)