Dieses Jahr stehen gleich mehrere ehemalige K&S-Schüler im Rampenlicht: Sieben von ihnen sind jetzt an der Eishockey-WM im Einsatz. Wie waren sie als Schüler?
Ganz unterschiedlich. Sven Andrighetto und Christian Marti waren beide richtige Schlitzohren, Dean Kukan und Tim Berni hingegen eher ruhig und introvertiert. Denis Malgin war regelrecht besessen vom Eishockey, während Pius Suter auch das Zeug fürs Gymnasium gehabt hätte. Leonardo Genoni war noch vor meiner Zeit bei uns.
Auch an der Fussball-WM in Juni spielen mehrere Ehemalige ihrer Schule mit. Ist diese Häufung ein Ausreisser – oder System?
Ein Stück weit beides. Der Grossraum Zürich bringt schon aufgrund seiner Grösse viele Talente hervor. Aber unsere Schule hat sicher ihren Anteil daran. Sie wurde 1989 als Förderschule für ambitionierte und talentierte Sportler und Tänzerinnen gegründet. Im Jahr 2002 erweiterte die Stadt Zürich das Angebot um Mannschaftssportarten. Wir waren damals Pioniere, gewissermassen das Urmodell der Schweizer Sportförderung, und erhielten regelmässig Besuch aus dem In- und Ausland. Selbst eine Delegation des indonesischen Bildungsministeriums war zu Gast bei uns.
Also kein einmaliger Glücksfall?
Nein, solche Häufungen gab es immer wieder. Als die Schweiz 2013 Eishockey-Vizeweltmeisterin wurde, spielten mehrere ehemalige Schüler im Team mit, darunter Luca Cunti, Reto Suri oder Denis Hollenstein. Auch im Fussball-Nationalteam finden sich regelmässig bekannte Namen aus unserer Schule – früher unter anderem Admir Mehmedi, Luca Zuffi und Steven Zuber; heute Nico Elvedi, Djibril Sow, Simon Sohm, Miro Muheim oder Manuel Akanji. Dazu kommen Persönlichkeiten wie Belinda Bencic oder Sidney Schertenleib. Was uns aber ebenso wichtig ist: Auch zahlreiche ebenso erfolgreiche Sportler*innen aus weniger beachteten Disziplinen haben hier ihre Schulzeit verbracht.
Er ist in Zürich-Albisrieden aufgewachsen und lebt heute mit seiner Familie in Wiedikon. Seit 2003 ist er als Lehrer an der K&S-Schule tätig, deren Leitung er seit 2004 innehat. Die Themen Kunst und Sport begleiten ihn nicht nur beruflich, sondern auch privat. In seiner Jugend verbrachte er viel Zeit mit Fussball, Snowboarden und Bergtouren. Daneben war er viele Jahre als stadtbekannter DJ aktiv. Heute setzt er auf das Velo als tägliches Fortbewegungsmittel und besucht regelmässig Konzerte.
Heute lernen hier rund 180 Jugendliche in sieben jahrgangs- und niveaudurchmischten Klassen. Was macht diese Schule besonders?
Die Vielfalt. Aktuell haben wir Talente aus über 30 Sportarten – von Fussball und Eishockey bis zu BMX, Rollkunstlauf oder Röhnrad. Dazu kommen die Künste: Tanz, Musik, bildnerisches Gestalten. Diese Breite ist auch die Folge der Entwicklung der Schule; sie fusionierte 2010 zur Kunst- und Sportschule Zürich, 2018 bezog sie den heutigen Standort im Schulhaus Hohl im Kreis 4.
Warum kombiniert die Schule Sport und Kunst?
Weil die Anforderungen ähnlich sind. Sport wie Kunst verlangen Disziplin, stundenlanges Üben und häufige Abwesenheiten für Wettkämpfe oder Auftritte. Gleichzeitig haben junge Künstler*innen durchaus realistische Berufsperspektiven – etwa im Tanz oder in Orchestern.
Und warum fördert man auch Randsportarten, bei denen kaum jemand später davon leben kann?
Weil es pädagogisch sinnvoll ist. Diese Heterogenität ist enorm wertvoll für das soziale Lernen. Zudem haben wir – auch durch die Zusammenarbeit mit Swiss Olympic – den Auftrag, nicht nur Mainstream-Sportarten zu fördern. Und: Erfolg misst sich nicht nur in Geld oder Medienpräsenz.
Wie wird man in die Schule aufgenommen?
Nicht über Schulnoten. Entscheidend ist allein das Leistungspotenzial. Dabei gibt es klare Vorgaben. Die Sportler*innen müssen einen anerkannten Talentnachweis haben. Ihr Trainingsaufwand pro Woche von Montag bis Freitag muss bei mindestens zehn Stunden liegen, und sie müssen der höchstmöglichen Kaderstufe angehören. Im Sport stützen wir uns auf die Einschätzungen der Verbände und Vereine, im künstlerischen Bereich gibt es Vorspiele oder Prüfungen.
Wie hoch ist die Nachfrage?
Sehr hoch. Auf rund 60 bis 70 freie Plätze erhalten wir jedes Jahr bis zu 190 Bewerbungen.
Warum braucht es eine solche Schule? Könnten Talente nicht einfach regulär zur Schule gehen?
In der Theorie schon. In der Praxis hängt vieles vom Goodwill einzelner Lehrpersonen und Schulleitungen ab: Darf jemand früher ins Training? Wird er oder sie für Wettkämpfe oder Trainingslager freigestellt? Es fehlt eine einheitliche Regelung. Gleichzeitig hat der Trainingsaufwand stark zugenommen – und dies bereits in jungen Jahren.
Wie sieht der Schulalltag aus?
Sehr individuell. Nur der Montag ist fix: Alle sind von 9 bis 15.15 Uhr hier, planen ihre Woche und koordinieren Schule und Training. Danach hat jede*r Schüler*in einen eigenen Stundenplan. Wir arbeiten stark mit selbstorganisiertem Lernen, begleitet von Lehrpersonen. Die Präsenzzeit ist reduziert, die Eigenverantwortung hoch.
Geht dabei nicht das soziale Lernen verloren?
Teilweise schon. Der Fokus liegt klar auf individueller Entwicklung. Wer eine klassische Schulstruktur sucht, ist hier falsch. Dafür lernen die Jugendlichen früh, sich selbst zu organisieren – eine Fähigkeit, die ihnen später enorm hilft.
Unterscheiden sich diese Jugendlichen von anderen Schüler*innen?
Sie haben ein klares Ziel. Viele wissen bereits mit 13 oder 14 Jahren, worauf sie hinarbeiten. Sie erleben Selbstwirksamkeit: Sie sehen, dass Einsatz zu Fortschritt führt. Gleichzeitig sind sie oft erstaunlich selbstständig.
Kommt es auch vor, dass ehrgeizige Eltern ihr Kind unter Druck setzen?
Die meisten unterstützen ihre Kinder sehr verantwortungsvoll. Ohne die Eltern ginge es oft gar nicht – zeitlich und je nach Sportart oder Kunstform auch finanziell. Natürlich gibt es Fälle, in denen der Druck zu gross wird. Dann greifen wir ein, im Extremfall auch mit externen Stellen. Aber das ist die Ausnahme.
Erkennt man früh, wer es nach ganz oben schafft?
Tendenzen ja, Gewissheit nein. Mit 16 Jahren sind gewisse Wege sichtbar, aber es bleibt offen. Entscheidend ist oft nicht das Talent, sondern die Haltung – ob jemand kritikfähig bleibt und sich weiterentwickeln will.
Und wenn der Traum platzt?
Dann begleiten wir diesen Prozess intensiv. Unser Ziel ist nicht nur sportlicher oder künstlerischer Erfolg, sondern eine gute Anschlusslösung. Viele wechseln in eine Lehre, andere gehen ans Gymnasium. Allein in diesem Frühling gingen 11 von 60 Schüler*innen an die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium und weitere 13 an diejenige für die Berufsmittelschule. Erfolg bedeutet für uns nicht zwingend eine Karriere als Profi.
Die K&S ist eine öffentlich-rechtliche Sekundarschule. Warum überlässt man die Talentförderung nicht Privaten?
Aus Gründen der Bildungsgerechtigkeit. Wir sind eine der wenigen Schulen, in denen nicht primär kognitive Leistungen im Zentrum stehen. Viele unserer Schüler*innen stammen aus Familien mit wenig bis sehr wenig finanziellen Ressourcen. Ohne dieses staatliche Angebot wäre ihnen den Zugang zu einer möglichen Karriere im Sport oder in der Kunst faktisch verbaut.
Was bedeutet Ihre Schule für Zürich?
Sehr viel. Die Talente kommen aus dem ganzen Kanton, aber sie werden hier ausgebildet. Wenn ehemalige Schüler*innen wie jetzt an Weltmeisterschaften teilnehmen oder international auftreten, fällt das auch auf die Stadt zurück. Zürich positioniert sich damit als Ort, der Leistung fördert – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell und sportlich. Und wenn ein Spieler im Ausland erzählt, dass er beim FCZ oder beim ZSC ausgebildet wurde und hier zur Schule ging, wird Zürich auch international als Ausbildungsstandort sichtbar. Das stärkt den Ruf der Stadt weit über die Landesgrenzen hinaus.
Gibt es einen Schüler oder eine Schülerin, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Viele. Etwa Manuel Akanji. Er galt lange nicht als Ausnahmetalent und ging in Winterthur von den Grossklubs vergessen. Aber wir waren stets überzeugt, dass er es schaffen kann. Umso schöner ist seine beeindruckende Karriere. Gleichzeitig prägen mich auch jene, die scheitern – oft nicht wegen mangelndem Talent, sondern wegen ihrer Einstellung. Und dann gibt es diese überraschenden Geschichten: Ein ehemaliger Schüler, mit dem ich drei Jahre lang harte Auseinandersetzungen hatte, wurde Jahre später Schweizer Meister im Eishockey. Danach erwähnte er in einem Interview, ich sei sein wichtigster Lehrer gewesen. Das sind Momente, die zeigen, worum es hier letztlich geht.
Und worum geht es?
Nicht nur um Medaillen oder Karrieren. Sondern darum, junge Menschen auf ihrem Weg zu begleiten – egal, wohin er führt.
Die Kunst und Sportschule Zürich (K&S Zürich) ist eine Gesamtoberstufe für künstlerisch oder sportlich besonders begabte Sekundarschüler*innen (7.–9. Schuljahr). Sie ermöglicht eine koordinierte Doppelausbildung ohne Überbelastung. Die K&S ist eine öffentlich-rechtliche Schule der Stadt Zürich mit rund 180 Schüler*innen in sieben jahrgangs- und niveaudurchmischten Klassen im Schulhaus Hohl.