Ein Hündchen wird in einer Handtasche vorbeigetragen, dann ein Aktenkoffer, ein Rucksack, eine Schale Salat, ein Baby im Tragtuch, eine Fitnesstasche und immer wieder ein Papiersack von Lidl. Es ist ein überaus diverses Publikum, das an diesem Mittag nach den Sommerferien an der Bahnhofstrasse unterwegs ist. Und es sind viele Passant*innen – so viele, wie man sonst in Zürich nur zu Fuss sieht, wenn Trams und Busse ausfallen.
Wiederholt wird der Bahnhofstrasse in den Medien eine düstere Zukunft prophezeit und von einer sinkenden Attraktivität und rückläufigen Kundenfrequenzen geschrieben. 2015 etwa, als der Franken erstarkte, während der Pandemie oder Anfang 2025, als das Warenhaus Jelmoli seine Türen für immer schloss.
Doch die Bahnhofstrasse ist begehrt. Das zeigen Frequenzmessungen, welche die Stadtentwicklung Zürich zusammen mit der Vereinigung Zürcher Bahnhofstrasse, der Immobilienberatungsfirma CBRE und der Immobilienfirma Swiss Life durchführen lässt: Auf der Grafik steigen die Kurven in Wellen stetig an, und vor Weihnachten bilden sie jeweils einen spitzen Tannenbaum. Im Dezember 2025 wurde an der mittleren Bahnhofstrasse mit 1,54 Millionen Passant*innen der höchste Wert seit Messbeginn erfasst, gar noch höher als jener im Vorjahr mit 1,45 Millionen.
Diese Zahlen tragen wertvolle Informationen in sich – für die Stadtentwicklung, den Detailhandel und die Immobilienbesitzer*innen. Die Stadtentwicklung Zürich beobachtet genau, wie sich die Innenstadt und der Detailhandel entwickeln, gerade auch, seit der Online-Handel stationäre Geschäfte immer stärker konkurrenziert. So geben die Zahlen wichtige Hinweise darauf, wie attraktiv die Bahnhofstrasse ist.
Diese Zahlen werden seit 2021 von Hystreet.com erhoben, und zwar mithilfe von Laserscannern, die an Fassaden von drei Liegenschaften installiert wurden – je einer im unteren Teil der Bahnhofstrasse auf Höhe Brannhof (früherer Standort von Manor), im mittleren Teil südlich der Haltestelle Rennweg und im oberen Teil auf Höhe der Kappelergasse. Diese registrieren alle Personen, die sie passieren. Aus den Erhebungen lässt sich einzig herauslesen, wie viele Personen an den Lasern vorbeigehen, nicht aber, wer sie sind.
Viele zahlungskräftige Passant*innen
Vergangenes Jahr, so zeigen die Erhebungen, registrierte allein der Scanner im mittleren Teil der Bahnhofstrasse 14,2 Millionen Passant*innen – 2,4 Prozent mehr als im Vorjahr und damit so viele wie an keiner anderen Strasse in der Schweiz. Von den harten Jahren der Pandemie hat sich der Detailhandel an der Bahnhofstrasse gut erholt: Die Leerstandsquote liegt mit 0,8 Prozent (Ende März 2026) nahe bei Null, die Eigentümer*innen investieren in ihre Liegenschaften – kaum wurde ein Haus von Grund auf saniert, startet bereits die nächste Renovation.
Nicht nur die hohe Zahl an Passant*innen macht die Bahnhofstrasse attraktiv, sondern auch ihre Kaufkraft. Gemäss CBRE Switzerland High Street Report ist diese im Kanton Zürich mit 62'433 Euro überdurchschnittlich hoch. Auch viele Tourist*innen sind zahlungskräftig, insbesondere jene aus den Vereinigten Staaten: Sie geben durchschnittlich 280 Franken pro Tag aus, Schweizer Tourist*innen die Hälfte. Und was den Geschäften ebenfalls entgegenkommt: Die Bevölkerung wächst, und die Zahl der Tourist*innen ebenfalls.
Diese Entwicklung bildet sich auch an der Bahnhofstrasse ab. Viele Luxusmarken interessieren sich für den Standort. Sie finden hier eine exklusive Umgebung, die vielen Passant*innen garantieren eine hohe Sichtbarkeit. In der oberen Hälfte der Bahnhofstrasse zwischen Kuttelgasse und See, dort, wo die hochpreisigen Marken angesiedelt sind, finden sie aber kaum mehr ein Lokal.
Bisher bevorzugten Luxusmarken den Abschnitt zwischen See und Kuttelgasse, nun habe aber einige diese ungezogene Grenze überschritten. Kürzlich taten dies die Modelabels Chanel und Céline, vor einigen Jahren die Uhrenmarke IWC. Gemäss High Street Report werden an der Bahnhofstrasse mittlerweile Mieten von 11'500 Franken pro Quadratmeter und Jahr im Erdgeschoss bezahlt. Mit dieser hohen Dichte an Luxusmarken und diesen Mieten spielt die Bahnhofstrasse in derselben Liga wie die Champs-Élysées in Paris oder die 5th Avenue in New York.
Dass nun mehr Luxusgeschäfte an die Bahnhofstrasse ziehen, hat allerdings auch zur Folge, dass sich eine breite Bevölkerung bei einem grösser werdenden Teil der Bahnhofstrasse nicht mehr zum Einkaufen eingeladen fühlt – die Preise sind stattlich, und am Eingang ist oft ein Türsteher positioniert. Dies schmälert die öffentliche Zugänglichkeit des Einkaufsangebots und die Möglichkeit, sich hier zu begegnen. Nicht erstaunlich, sind an diesem Mittag die meisten Passant*innen schnellen Schrittes unterwegs – sie shoppen nicht, sie gehen hier durch.
Auch wegen solcher Entwicklungen ist die Bahnhofstrasse regelmässig Thema im Parlament der Stadt Zürich. Es wird befürchtet, dass die Strasse veröde, oder dass sie austauschbar werde, weil Traditionsunternehmen aufgeben und an deren Stelle internationale Ketten einziehen.
Auch der Stadtrat sieht die Veränderungen, wie sie sich in vielen grossen Städten zeigen. Aus den hohen Passantenfrequenzen und Mieten und aus dem nahezu inexistenten Leerstand schliesst er aber, dass die Strasse weiterhin attraktiv ist.
Eine Entwicklung, mit der niemand gerechnet hat
Dies zeigt auch der Austausch zwischen City Vereinigung Zürich und Stadtrat. Dieser trifft sich jedes Jahr mit der Vereinigung, um den Puls der Geschäftsführenden zu fühlen und Einblick in den Geschäftsgang und die Herausforderungen zu bekommen. «Dieser Austausch wird von der Stadt wie auch von der City Vereinigung sehr geschätzt», sagt Daniela Wendland, Projektleiterin bei der Stadtentwicklung Zürich. Der Spielraum der Stadt selber sei allerdings eng begrenzt; direkt an der Bahnhofstrasse besitze sie keine Liegenschaften und könne nicht bestimmen, welche Unternehmen und zu welchem Preis sich dort einmieten.
Fanny Eisl, Geschäftsführerin der Vereinigung Zürcher Bahnhofstrasse, kennt die Befürchtung, die Bahnhofstrasse könne veröden. Aber: «Man muss sie mit weltweit renommierten Einkaufsstrassen vergleichen und nicht mit einer in Uster», sagt sie. Dann stehe sie überaus gut da – im Coop St. Annahof könne man noch immer Lebensmittel und Toilettenpapier kaufen, in den Seitengassen gäbe es noch Metzger, Papeterie oder Buchhandlung.
Und es hat eine Entwicklung eingesetzt, die so niemand erwartet hätte: Direkt an der Bahnhofstrasse ist eine ganze Reihe von Gastro-Angeboten entstanden. Als vor Jahren das Mövenpick schloss, und das Restaurant Gotthard sein Lokal direkt an der Bahnhofstrasse umnutzte, wurde befürchtet, dass Leben aus der Bahnhofstrasse entweichen würde. Das Gegenteil ist eingetroffen, und die vielen Passant*innen können heute zwischen einem breiten Angebot wählen.
Im Lokal von Cadillac betreibt die Kaffeekette Mame ein Café, im Hauptsitz der UBS ist die Cafébar Bar 45 eingemietet, am Sitz der früheren Bank Leu das Café Zepter. Am Paradeplatz hat gerade das Kaffee-Fenster Juni eröffnet und das Kaufhaus Grieder an seinem neuen Standort Café und Restaurant Emile. Am Hauptsitz der ZKB bietet John Baker nicht nur Brot und Kaffee an, er bäckt auch direkt hinter den Glasscheiben seines Lokals. Und Sprüngli ist nach 167 Jahren – nach einer umfassenden Renovation 2024 – noch immer da.
Das sind auch die Orte, die an diesem Mittag am beliebtesten sind: Im Boulevardcafé vom Sprüngli sitzen die Gäste unter grossen Sonnenschirmen, Kellner in weissen Hemden wedeln zwischen den Tischen hindurch, enen freien Stuhl gibt es keinen mehr. Und vor John Baker reicht die Warteschlange weit in die Bahnhofstrasse hinaus.
Fanny Eisl sagt: «Alle haben verstanden, dass es solche Orte braucht, um den Lebensraum Bahnhofstrasse interessanter zu machen.» Wer behaupte, die Bahnhofstrasse veröde, tue ihr Unrecht.
Auch ein weiterer Trend wird dafür sorgen, dass die Bahnhofstrasse belebt bleibt: Nachdem Unternehmen lange Arbeitsplätze an die Peripherie ausgelagert haben, ziehen sie zurück in die Innenstadt; so wollen sie für Mitarbeitende attraktiv sein. Im früheren Gebäude des Warenhauses Manor sind in den oberen Etagen Büros anstelle von Verkaufsflächen entstanden, dasselbe geschieht im früheren Jelmoli-Gebäude: Das Warenhaus Manor, das nun hier einzieht, wird nur einen Teil des Gebäudes nutzen. Die UBS baut zurzeit ihr Gebäude am Paradeplatz um, zu dem sie durch die Fusion mit dem Bankverein gekommen ist. Dieses soll zusammen mit dem früheren Credit Suisse-Gebäude und zwei weiteren zum «UBS Campus Paradeplatz» werden. Bald werden hier in den Obergeschossen 4000 Personen arbeiten und unten, in den früheren Schalterhallen, werden Restaurants und Läden die obere Bahnhofstrasse weiter beleben.
So verödet die Bahnhofstrasse nicht – sie verändert sich. Neue Geschäfte ziehen zu, andere schliessen, Trends tauchen auf und gehen. Das geschieht an der Bahnhofstrasse schneller als anderswo. «Internationale Firmen haben die Mittel, schnell zu handeln und Trends umzusetzen», sagt Fanny Eisl. Ihr Anteil ist an der Bahnhofstrasse mit 71 Prozent hoch. So gibt es an der Bahnhofstrasse eine Konstante: den Wandel.
Die Stadtentwicklung Zürich setzt sich für eine sozial, ökologisch und wirtschaftlich nachhaltige Stadt ein und das in jedem der zwölf Stadtkreise. In dieser Serie machen wir eine Tour durch Zürich und stellen ein Projekt aus jedem Stadtkreis vor.