Herr Müller, seit September sind Sie Teil des Schauspielhaus-Ensembles unter der neuen Co-Intendanz von Rafael Sanchez und Pınar Karabulut. Warum dieser Schritt?
(lacht) Ich wollte immer mal Beamter werden. Aber im Ernst: Ich bleibe auch weiterhin solo unterwegs, nur nicht mehr so exzessiv. Mir ist klar geworden, dass ich nicht bis 70 in diesem Tempo touren kann. Mit Rafi Sanchez habe ich in Deutschland grossartige Stücke gemacht, die erfolgreich waren und grossen Spass gemacht haben. Jetzt wollen wir das in Zürich fortsetzen.
Rafael Sanchez hat den Wechsel ans Schauspielhaus mit einem Ruf von Real Madrid verglichen. Finden Sie das passend?
Das ist schon ein bisschen hoch gegriffen. Aber klar: Zürich gehört zu den besten deutschsprachigen Bühnen. Hier bei einem Neustart dabei zu sein, ist eine einmalige Chance. Für mich ist das eine ideale Rolle: Ich stehe nicht nur auf der Bühne, sondern arbeite auch an Stücken mit, bringe meine Erfahrung ein und kann Teil eines jungen, dynamischen Ensembles sein. Das fordert mich enorm – und das gefällt mir.
Sie starten mit «Blösch» nach dem Roman von Beat Sterchi. Warum dieses Stück?
Weil es die Leute packt. Die neue Intendanz hat sich vorgenommen, die Stadtgesellschaft wieder stärker ins Theater zu holen – von jung bis alt, von Schwamendingen bis zum Zürichberg. «Blösch» erzählt eine starke, zeitlose Geschichte, die viele abholt. Und ich hoffe, dass es mir gelungen ist, das, was den Roman so besonders macht, in eine Bühnenfassung zu übertragen.
Muss man für diesen Publikumsspagat Richtung Mainstream gehen?
Nein. Theater darf nicht versuchen, auf Krampf populär zu sein. Das ist der sichere Weg ins Mittelmass. Wir müssen Stücke bringen, an die wir wirklich glauben – die uns berühren, die uns antreiben. Nur das überzeugt auch ein Publikum.
Aber wie trifft man überhaupt den Geschmack der Leute?
Es gibt kein Rezept. Aber unser Team ist divers, mit unterschiedlichen Perspektiven. Das erhöht die Chance, verschiedene Menschen anzusprechen. Wichtig ist, dass wir Theater immer neu denken. Diese ständige «Überprovokation», die in den letzten Jahren oft zur Masche wurde, finde ich ziemlich langweilig. Reine Provokation ersetzt keine Substanz.
Ist Theater für Sie eine moralische Instanz?
Nicht im Sinn von «Wir erklären euch die Welt». Die Leute, die kommen, sind interessiert und klug – sie wollen keine fertigen Antworten. Aber moralische Fragen spielen trotzdem eine Rolle. Es gibt immer noch Klassen, Ungerechtigkeiten, Anstössiges in Gesellschaft und Politik. Theater muss auf diesem rutschigen Terrain unterwegs sein und Dinge benennen.
Nach schwierigen Jahren im Schauspielhaus, sind die Erwartungen an die neue Intendanz hoch. Verspüren Sie Druck?
Natürlich, auch kommerziell. Und das ist auch richtig so. Theater muss sich dem Publikum stellen – und es braucht eine gewisse Eigenwirtschaftlichkeit. Es wird wichtig sein, dass die ersten Stücke gut funktionieren. Aber ich versuche, nicht ständig daran zu denken. Ich freue mich einfach, dass es losgeht.
Nach Jahrzehnten auf der Bühne: Haben Sie noch Lampenfieber?
Oh ja! Vor Premieren schlafe ich kaum. Hinter der Bühne denke ich oft: «Spinnst du eigentlich? Da draussen sitzen hunderte Leute, und du – ein Typ aus Olten – glaubst, du kannst die 80 Minuten lang unterhalten?» Vielleicht habe ich wirklich einen Dachschaden. (lacht) Aber diese Zweifel gehören im Theater dazu. Sie treiben uns an, immer noch besser zu werden.
Und was macht Sie am glücklichsten: gute Kritiken, viele Zuschauer oder eine gesellschaftliche Debatte?
Kritiken sind wichtig, auch wenn das Feuilleton leider stark geschrumpft ist. Am Ende zählt für mich: Kommen die Leute? Wenn ein Stück dann auch noch eine Debatte auslöst, ist das grossartig – aber das lässt sich nicht planen. Mein Credo ist: Man muss von einem Stoff überzeugt sein und ihn so gut wie möglich auf die Bühne bringen. Alles andere ergibt sich daraus.
Sie sind in Olten aufgewachsen und leben seit über zwanzig Jahren in Zürich. Was ist Ihre erste Erinnerung an die Stadt?
Ich war vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, als wir nach Winterthur unterwegs waren, um eine befreundete Familie zu besuchen. Wir fuhren über die Hardbrücke, ich blickte auf die Häuser und dachte: «Wow, was sind das für arme Menschen, die hier wohnen müssen.» Die Ironie der Geschichte: Heute wohne ich selbst im Kreis 5 – keine hundert Meter von der Hardbrücke entfernt.
Die Stadt hat sich seither stark verändert. Zum Guten oder zum Schlechten?
Zu 90 Prozent zum Guten. Fast alles ist besser geworden, ausser die Wohnsituation. Als ich hier studiert habe, war Zürich eine spiessige Schlafstadt. Die Beizen machten früh dicht, Velofahren war lebensgefährlich und auf den Strassen herrschte gähnende Langeweile. Heute ist das anders: mehr Urbanität, mehr Kultur, mehr Leben – fast schon ein mediterranes Flair. Ich liebe die Begrünung, das wachsende Velonetz und die neue Offenheit. Ich bin inzwischen auch Bürger von Zürich.
Warum haben Sie sich einbürgern lassen?
Mit meinem ursprünglichen Heimatort Balsthal hatte ich keinerlei Verbindung. Zürich dagegen hat mich mit offenen Armen empfangen und mir unheimlich viel ermöglicht. Da war es für mich nur konsequent, Bürger dieser Stadt zu werden. Ich bin längst zur selbsternannten Tourismus-PR-Maschine mutiert: Überall erzähle ich, wie toll Zürich ist. Die Einbürgerung war für mich ein Liebesbeweis.
Mike Müller (61) ist Kabarettist, Drehbuchautor und Schauspieler. Ab der Spielzeit 2025/26 ist er gemeinsam mit seinem Hund Pesche als Ensemblemitglied am Schauspielhaus Zürich engagiert. Bekannt wurde er unter anderem mit der Late-Night-Show «Giacobbo/Müller», der Hauptrolle in der Netflix-Serie «Der Bestatter» und Auftritten im Zirkus Knie. Mike Müller wurde unter anderem mit zwei Prix Walo als bester Schauspieler und mit dem Schweizer Fernsehfilmpreis ausgezeichnet. Müller hat Philosophie studiert und lebt in Zürich. (mk)
Was sind Ihre Lieblingsorte in Zürich?
Im Sommer bin möglichst oft mit meinem Boot auf dem See. Ansonsten bin ich ein grosser Fan der Zürcher Beizen – der Ziegelhütte etwa, oder der Markthalle. Aber ich muss gestehen: Ich bin ein typischer Kiez-Mensch, mein Leben spielt sich meist im Kreis 5 ab. Kürzlich meinte eine Freundin: «Lass uns in die Kronenhalle-Bar gehen.» Meine Antwort: «Spinnsch? So wiit!» Dabei sind es mit dem Velo nicht mal 15 Minuten. Da habe ich gemerkt, dass ich dringend meinen Radius erweitern sollte – Zürich hat so viele grossartige Orte.
Und wenn Sie an Zürich etwas ändern könnten?
Die Stadt muss bessere Bedingungen für Selbständige und Künstler schaffen. Wir werden weniger, und das ist schade. Die Grossfirmen kann man ruhig stärker regulieren – aber für Kreative braucht es weniger Bürokratie und mehr Freiraum.