Theater ist leidenschaftlich mit seinem Ort verbunden. Am Schauspielhaus hat die neue Intendanz die Saison begonnen. Wie prägen sie und das Ensemble die Beziehung zwischen der Bühne und der Stadt? Eine Begegnung mit Rafael Sanchez und Hannah Schünemann
Die Erwartungen sind hoch, gespannt will man der neuen Intendanz Rafael Sanchez und Pınar Karabulut sowie ihrem Ensemble in die Karten schauen. Zürich habe sie, die Neuen, mit offenen Armen empfangen, meint Sanchez entspannt und freut sich. Keine Spur von Erwartungsdruck, keine sichtbaren Schrammen vom Grossumzug nach Zürich.
Auf den blickt er vielmehr mit einigem Sinn fürs Verspielte zurück: Es sei gewesen, als hätte er ein Holzbötchen, vollbepackt mit Kisten und Ideen, rückwärts in einen Dampferhafen parkieren müssen. Während der Abschiedsfeiern an dem einen Ufer hätten sie am anderen Ufer startklar gemacht. «Jetzt freuen wir uns, dass wir endlich loslegen dürfen», sagt Hannah Schünemann: künstlerisch tätig sein.
Rafael Sanchez, dessen Theaterkarriere in Basel begonnen hat und der 2008 bis 2013 mit Barbara Weber das Theater am Neumarkt leitete, ist nach zwölf Jahren am Schauspielhaus Köln im September nach Zürich zurückgekehrt. In Köln hat er als Hausregisseur und ein Jahr lang als Theaterleiter gewirkt. Chefdramaturgin Hannah Schünemann ist nach Stationen von Paris bis New York aus Berlin angereist. Vieles verbindet sie mit der Schweiz, nun wohnt sie in Zürich. Die Neuen haben das Schauspielhaus von Ulrich Khuon übernommen, der nach Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg das Haus für ein Jahr interimistisch bespielt hat.
Mit der Uraufführung nach Beat Sterchis Roman «Blösch» legte der Dampfer Schauspielhaus ab. Rafael Sanchez inszeniert. Einst hatte er eine unvergleichliche Freiheit auf der Schulbühne entdeckt und wollte Schauspieler werden. Weil das nicht gelang, «tröstete» er sich mit einer Karriere als Regisseur. Seither setze er sich mit Inszenierungen «für eine bessere Welt» ein. Das sagt er so und lacht, aber genauso meint er es.
Sanchez’ «Blösch» ist ein zweigeteilter Theaterabend: Erst Bauerntheater mit Jodel und Idylle, dann Schlachthofalbtraum im abstrakten Bühnenbild. Dieser Schweizer Abend spielt um traditionelles Bauernleben und industrielle Produktion, Fremdenfeindlichkeit und Fremdsein. Man spricht Berndeutsch, nah am Schweizer Publikum, schwer verständlich für andere.
Alle, auch die Zooglers
Der Basler mit der berndeutschen Mutter, den man wegen seines Dialekts oft für einen Churer hält, hat eine eigenwillige Wahl getroffen. Schweizer Themen hat er schon öfter umgesetzt, etwa Gotthelfs Roman «Geld und Geist». Es gibt auch biografische Bezüge zum Roman «Blösch», den Sanchez bereits lange mit sich herumträgt. In der Romanfigur des spanischen Arbeiters Ambrosio, der fremd bleibt in der Schweiz, erkennt er die Geschichte seines Grossvaters wieder.
Zürich sei vielsprachig und international geworden, beobachtet er. Fehlten beim schweizerdeutschen «Blösch» die Untertitel zur Verständigung, will er sie grundsätzlich schon einsetzen, etwa englische. Schliesslich sollen alle ins Theater kommen, auch die Zooglers. Hannah Schünemann sieht in Zürich «so viel Diversität auf kleinem Raum», wie es sonst selten vorkommt. Dies müsse auch der Spielplan des Schauspielhauses abbilden. Für die promovierte Theaterwissenschafterin ist die Sprache das Vehikel in der «Simulationsmaschine» Theater, die alle Welten und Wirklichkeiten durchspielen kann.
Die Neuen wollen diese «Magie» wieder wecken. Die Dramaturgin hält das Zürcher Publikum für offen, auch für ungewohnte Theaterformen. An der zweiten Premiere etwa («Are You Ready to Die?» von Marie Schleef), die Jeanne d’Arc in ihrer letzten Nacht inszeniert, fällt kein einziges Wort. Doch hätten selbst traditionsbewusste Theatergänger gleich zweimal die Vorstellung besucht.
Wie jede Bühne will sich das Schauspielhaus mit gesellschaftlich relevanten Themen auseinandersetzen. Aufhorchen lässt der Mut der Neuen zu auffälligeren Positionen. Rafael Sanchez tritt für «Moral am Theater» ein, womit er sich auch gleich kritische Kommentare eingehandelt hat. Und Hannah Schünemann meint, es sollten die unterschiedlichsten Inhalte und Inszenierungen auf die Bühne kommen. Sogar: Dieser «Gemischtwarenladen» – der in der Kunst gemeinhin einen äusserst schweren Stand hat –, sei im Gegenteil ganz wunderbar.
Wie leidenschaftlich reagiert Zürich?
Die Saison ist noch jung, die gemeinschaftliche Energie im Ensemble enorm, für die Kunst kann man nur mit Leidenschaft einstehen. Und wie leidenschaftlich wird Zürich reagieren? Man wird sehen. Die Neuen verstehen Theater unbefangen als Oase der Freiheit, wo die Dinge jenseits von ökonomischer Berechenbarkeit gedacht werden. Beim Gespräch hinter der Bühne sagen sie es auch einmal so: Wie in einer Gebetsstätte oder beim Fussball «schrubben auch wir den Alltag runter».
Die Stadtentwicklung Zürich hat täglich mit vielen interessanten Menschen zu tun, die in Zürich etwas bewegen. In dieser Rubrik stellen wir sie unseren Leser*innen vor.