Wer Sibylle Lichtensteiger begegnet, merkt schnell: Diese Frau denkt nicht in Grenzen, sondern in Möglichkeiten. Unabhängig, unkonventionell, voller Lust, neue Wege zu gehen – diese Eigenheiten ziehen sich wie ein roter Faden durch ihre Laufbahn. Als langjährige Leiterin des Stapferhauses in Lenzburg machte sie das Museum zu einem Ort, der aktuelle Themen greifbar und erlebbar macht. Mehrfach wurde das Haus unter ihrer Führung ausgezeichnet, sogar mit dem Europäischen Museumspreis.
2024 entschied sie sich, noch einmal ganz von vorne zu beginnen: selbständig, eigenwillig, neugierig. Heute begleitet sie, die Historikerin und Germanistin, als Beraterin unterschiedliche Projekte – vom strategischen Kulturaufbau bis zu visionären Zukunftsprojekten.
So denkt sie etwa darüber nach, wie die Universität Zürich ihr 200-Jahre-Jubiläum nutzen kann, um näher an die Bevölkerung zu rücken. Für ein naturhistorisches Museum arbeitet sie zusammen mit dem Team an einem neuen Konzept. Und für die Stadt Schaffhausen entwickelt sie die Bewerbung als «Kulturhauptstadt Schweiz 2030». Eine reizvolle Aufgabe, wie sie sagt. Weil es nicht nur darum geht, sich möglichst attraktiv zu präsentieren, sondern auch darum: «Wie kann Kultur eine Stadt transformieren und zukunftsfähig machen?»
Diese Frage treibt sie auch bei der NEXPO um – und deren Bewerbung für die nächste Landessaustellung (siehe Box). Als Co-Kuratorin entwickelt sie mit, wie die grössten Schweizer Städte je ein gesellschaftliches Thema präsentieren, das an ihre Geschichte und an die Identität der Region anknüpft. Besonders reizt sie dabei die Urbanität und die dezentrale Austragung: «Die Städte sind die Motoren der Schweiz. Und uns schwebt vor, bestehende Räume neu zu denken, und nicht teure Ausstellungsräume zu bauen.»
Es soll etwas Bleibendes entstehen
Ebenso wichtig ist ihr der partizipative Ansatz: Die Bevölkerung soll nicht nur zuschauen, sondern Teil der Expo werden – und gemeinsam Zukunftsideen für die Schweiz entwickeln. Diese Haltung wurzelt in ihren Erfahrungen mit interaktiven Ausstellungen im Stapferhaus: «Wenn man Menschen wirklich einbindet, entsteht etwas, das bleibt – über die Ausstellung hinaus.» Für sie ist darum klar: «Die NEXPO wäre eine grosse Chance. Ein mutiges, innovatives Konzept, das auch international Beachtung fände.»
Wer mit ihr spricht, dem fällt sofort auf: Sibylle Lichtensteiger redet so schnell, wie sie denkt – und lacht oft und laut. Aufgewachsen in Aadorf im Kanton Thurgau, lebt die Mutter von zwei erwachsenen Töchtern seit dreissig Jahren in Zürich. Sie liebt hier das viele Wasser und die hohe Lebensqualität, sorgt sich aber über die Folgen des Wachstums, insbesondere im Immobiliensektor.
Derzeit gibt es verschiedene Initiativen für eine Landesaustellung. Die «Neue Expo» – NEXPO – ist eine Initiative der Städte, massgeblich beteiligt ist die Stadt Zürich. Die NEXPO soll nachhaltig, zukunftsgerichtet und dezentral sein und schweizweit stattfinden. Auf der NEXPO-Website kann man sich über das Voranschreiten der Planung und die aktuellen Entwicklungen des Projekts informieren.
Ihr Wunsch: «Zürich soll eine Stadt für alle bleiben. Wachstum und Tradition sollten im Gleichgewicht bleiben und Freiräume bewahrt – für junge Menschen, für Kreativität und Innovation.» Damit meint sie aber längst nicht nur Räume für die Kultur, sondern auch Infrastruktur für Sport und Freizeit. Auch hier geht es ihr um ein Leitthema, das ihre Arbeit prägt: den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wie gestalten wir eine Gesellschaft, die für alle funktioniert?
Was sie auszeichnet, ist die Verbindung von Vision und Pragmatismus. Sie ist eine Macherin, denkt aber zugleich strategisch – und bewegt sich souverän im Spannungsfeld von Kultur und Politik. Dass um die Inhalte der Landesaustellung gerungen und diese wohl kaum vor Mitte der 2030er Jahre stattfindet, nimmt sie gelassen: «Das gab es bei jeder Expo. Es muss so sein, weil es der Prozess ist, in dem sich eine Gesellschaft fragt: Wer sind wir – und wie wollen wir weitermachen?»
Gerade in Zeiten wachsender Polarisierung hält sie diese Auseinandersetzung wichtiger denn je. «Eine Landesausstellung ist kein fertiges Produkt, das man präsentiert. Sie ist ein gemeinsamer Prozess. Wenn wir den ernst nehmen, entsteht etwas, das über Jahre trägt.» Auf die Frage, ob dieser Prozess auch scheitern könnte, winkt sie ab – und sagt mit dem ihr unerschütterlichen Optimismus: «Jede Generation sollte ihre Expo haben. Auch unsere Kinder werden eine erleben».
Die Stadtentwicklung Zürich hat täglich mit vielen interessanten Menschen zu tun, die in Zürich etwas bewegen. In dieser Rubrik stellen wir sie unseren Leser*innen vor.