Was hat Zürich, was andere Städte gerne hätten?
Zürich hat eine aussergewöhnlich schöne und sanfte Topografie: Hügelzüge, grüne Flanken, das Seebecken. Das gibt der Stadt einen starken räumlichen Rahmen und eine angenehme Masstäblichkeit – Zürich ist gross, aber überschaubar. Dazu kommt: Die Stadt vereint die Vorzüge einer Kleinstadt mit jenen einer Grossstadt. Es gibt fast dörfliche Quartiere wie Wiedikon, wo ich aufgewachsen bin, und gleichzeitig eine sehr dynamische Entwicklung mit einer heterogenen, internationalen Bevölkerung. Viele hadern mit diesem Wachstum – mir gefällt es. Wachstum ist ja an sich etwas Natürliches. Als Kind will man wachsen, in der Natur lieben wir es auch: Pflanzen, Gemüse, alles soll gedeihen. Bei der Stadtentwicklung macht das Wachstum leider vielen Menschen Angst.
Was würden Sie abschaffen?
Airbnb-Wohnungen und generell Shortstay-Apartments. Sie vernichten dringend benötigten Wohnraum an zentralen Lagen, treiben die Mietpreise in die Höhe und zerstören stabile Nachbarschaften. Wenn ständig andere Menschen nur kurzzeitig irgendwo wohnen, leidet das Quartierleben. Das erlebe ich selbst im Kreis 5, wo ich wohne. Mit «Sharing» hat das wenig zu tun – eher mit «Earning». Es geht längst nicht mehr ums Teilen, sondern ums Verdienen.
Und: Ich würde Tempo 50 in der Stadt abschaffen. Langsamerer Verkehr reduziert die Unfallgefahr, verringert Lärm und braucht weniger Platz. Das kommt Fussgänger*innen und Velofahrer*innen zugute – und der Stadt insgesamt.
Was ist Ihre liebste Tram- oder Bushaltestelle?
Ich bin fast immer mit dem Velo unterwegs. Ich bewege mich gern und entdecke dabei immer wieder neue Ecken der Stadt. Was ich am öffentlichen Verkehr aber grossartig finde, ist die Möglichkeit, das Velo mitzunehmen – etwa bei starkem Regen oder wenn ich für eine Steigung, zum Beispiel Richtung Hönggerberg, einfach zu müde bin. Das ist praktisch.
Worüber sollten wir abstimmen können?
Über eine Steuererhöhung. Als Unternehmerin stehe ich für Eigenverantwortung. Gleichzeitig braucht der Staat genügend Mittel für Bildung, Gesundheit und soziale Infrastruktur, statt ständig zu sparen. Viele von uns können etwas höhere Abgaben gut verkraften – zum Nutzen aller.
Was würden Sie einem Kind in Zürich zeigen?
«Mehr Dreck!» – also Orte, an denen mit den Händen gearbeitet wird. Die vielen Heinzelmännchen und Heinzelfrauen der Stadt, die täglich dafür sorgen, dass alles funktioniert: den Engros-Markt frühmorgens, wenn Gemüse und Früchte angeliefert werden; eine Kehrichtverwertungsanlage; eine riesige Baustelle; ein Zirkuszelt im Aufbau; das Briefverteilzentrum der Post oder die Förster*innen im Wald. Mich fasziniert, was hinter den Kulissen der Stadt passiert. Und vieles davon kann man übrigens auch im Rahmen von Führungen besuchen. (mk)
Die Stadtentwicklung Zürich arbeitet eng mit Partner*innen zusammen. Was diese von der Stadt Zürich denken, sagen sie uns in dieser Rubrik.
Silva Ruoss hat Architektur an der ETH Zürich studiert und führt mit ihrer Geschäftspartnerin das Architekturbüro Siegrist Ruoss in Zürich. Daneben ist sie Dozentin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Als Expertin wirkt sie in verschiedenen Fachkommissionen mit und nimmt wie die Direktorin der Stadtentwicklung Zürich Einsitz in den Regionalen Planungsverband Zürich und Umgebung (RZU). Silva Ruoss lebt mit ihrem Partner im Kreis 5. Gemeinsam haben sie eine Patchworkfamilie mit drei erwachsenen Kindern. (mk)