Die letzten Wochen waren intensiv für Silvana Lindt. Gleich elf Kitchen Battles fanden diesen Herbst in Zürich, Bern und Luzern statt – jene kulinarischen Benefiz-Wettkämpfe, bei denen Spitzenköch*innen gegeneinander antreten, um Spenden für Projekte von «Cuisine sans frontières» zu sammeln. Dieses Jahr war die Stimmung besonders elektrisierend: Die Organisation feierte ihr 20. Jubiläum. «Ein aussergewöhnlicher Jahrgang», sagt Lindt, «voller Energie, Solidarität und mit je 800 Gästen in Zürich, Bern und Luzern – ein starkes Zeichen dafür, wie gross unsere Gemeinschaft geworden ist.»
Die 39-Jährige führt seit 2024 die Geschäfte des gemeinnützigen Vereins, der in Krisen- und Konfliktregionen gastronomische Treffpunkte schafft. Orte, an denen Menschen zusammenkommen, deren soziales Gefüge zerbrochen ist. «Beim Essen begegnen sich Menschen auf Augenhöhe. Man muss keine gemeinsame Sprache sprechen, um sich zu verstehen», sagt Silvana Lindt.
Aufgewachsen ist Silvana Lindt auf einem kleinen Bauernhof im Schweizer Mittelland – zwischen Tieren, Gemüsebeeten und einer Küche, in der viel und deftig gekocht wurde. Heute lebt sie mit ihrem Partner und zwei Kindern in Zürich-Nord. Privat kocht sie international, möglichst oft mit Gemüse aus dem Gemeinschaftsgarten.
Lindt studierte Sozialwissenschaften und absolvierte ein Nachdiplomstudium in internationaler Zusammenarbeit. Ihr beruflicher Weg führte über verschiedene NGO im Bereich Migration, Bildung und sozialer Inklusion. «Bei ‹Cuisine sans frontières› fliessen meine Themen zusammen: Gemeinschaft fördern, Verantwortung teilen, Perspektiven schaffen – mit einem Mittel, das überall funktioniert.»
Seit 2005 hat «Cuisine sans frontières» über zwanzig Projekte in 15 Ländern aufgebaut: Gemeinschaftsküchen in Flüchtlingscamps, Restaurants als Begegnungsorte in Krisenregionen oder Ausbildungsprogramme für Jugendliche.
Im libanesischen Flüchtlingscamp Burj el-Barajneh etwa arbeitet der Verein mit den Soufra-Frauen zusammen, die mit ihrem Cateringbetrieb Hunderte von Mahlzeiten an Bedürftige verteilen und wo palästinensische und syrische Flüchtlingsfrauen eine Ausbildung und ein Einkommen finden. Oder in Nordkenia, wo in der Calabash-Küche Angehörige der verfeindeten Stämme Pokot und Turkana gemeinsam kochen. Die Bedingung: Die Waffen bleiben draussen!
Kochen im Bundesasylzentrum
«An solchen Abenden zählt nicht, wer man ist oder woher man kommt», sagt Silvana Lindt. An einem solchen Abend beginne Frieden – mit einem Teller Essen und einem offenen Ohr.
Auch in der Schweiz ist «Cuisine sans frontières» präsent. Mit finanzieller Unterstützung des städtischen Integrationskredits (s. Infobox unten) kocht ein Team von «Cuisine sans frontières» einmal im Monat im Bundesasylzentrum Zürich mit und für die Bewohner*innen. «So wollen wir die Gemeinschaft fördern, soziale Spannungen abbauen und die Lebensqualität der Geflüchteten verbessern», sagt Silvana Lindt.
Das Jubiläumsjahr bot nicht nur Anlass zurückzublicken, sondern markiert auch einen Aufbruch. Gleich zwei neue Projekte zeigen, wie «Cuisine sans frontières» Begegnung über das Kochen ermöglicht. Gastronomie als persönlicher Weg in die finanzielle Unabhängigkeit? In der Flüchtlingsunterkunft Schärenmoos in Zürich-Seebach führte der Verein mit freiwilligen Gastronom*innen Lern-Workshops durch – auf Wunsch und Initiative der Bewohnenden selber. Die Teilnehmenden erhielten Einblick in Kochtechniken, Lebensmittelkunde und lokale Betriebe. Am Ende kochten sie an der «Food Zurich» ein eigenes Menü: ein Moment der Begegnung zwischen Unterkunft und Nachbarschaft.
Im zweiten neuen Projekt brachte der Verein in der ethnisch geteilten kovarischen Stadt Mitrovica Jugendliche aus dem kosovarisch-albanischen Süden und kosovo-serbischen Norden zusammen, gemeinsam mit Community Building Mitrovica. In mehrtägigen Jugendlagern bereiteten sie traditionelle Gerichte zu und tauschten Geschichten aus. Höhepunkt war das «Dinner on the Bridge»: ein langer Tisch über dem Fluss Ibar, an dem rund hundert Menschen gemeinsam assen. «Kochen baut Brücken», sagt Lindt. «Ganz konkret, aber auch im übertragenen Sinn».
Silvana Lindt verbindet Pragmatismus mit Weitsicht. Ihre berufliche Erfahrung trifft auf die Bodenständigkeit ihrer Herkunft und prägt ihren Führungsstil: ruhig, zugewandt, aber stets zuversichtlich und entschlossen. «Ich glaube an kleine Schritte – eine Mahlzeit, ein Gespräch, ein Moment des Vertrauens.»
In den kommenden Jahren will sie die Strukturen von «Cuisine sans frontières» weiter professionalisieren, Synergien zwischen den Projekten stärken und deren finanzielle Nachhaltigkeit. Gleichzeitig will die Organisation wachsen, ohne ihre Identität zu verlieren: die Nähe zu den Freiwilligen und die persönliche Handschrift, die jede Initiative prägt.
Nach zwei Jahren an der Spitze ist Lindt überzeugt: Friedensarbeit ist wichtiger denn je. Und die Küche bleibt ein Ort, an dem Verständigung möglich ist – überall auf der Welt. «Wir können Konflikte nicht lösen. Aber wir können Menschen einen Ort geben, an dem sie sich begegnen. Und manchmal genügt das schon.»
Mit dem Integrationskredit unterstützt die Stadt Zürich Initiativen und Projekte, die von Vereinen, Organisationen oder Privatpersonen getragen werden und einen Beitrag zur Verbesserung des Zusammenlebens der einheimischen und der zugezogenen ausländischen Bevölkerung leisten. Wie zum Beispiel «Cuisine sans frontières». (mk)