Leere Flaschen tuckern auf dem Fliessband zu ihren Stationen: Sie werden abgefüllt, etikettiert, zugeschraubt und in Paletten gestapelt. Bei Wasser 37 kommt Quellwasser vom Uetliberg in die Flaschen - bis zu hunderttausend Flaschen pro Jahr werden abgefüllt. Hier im Yond, einem Komplex aus Glas und Beton unter dem umwölkten Himmel von Albisrieden, läuft der Betrieb. Ein Mitarbeiter erzählt die Geschichte des Zürcher Wassers und des Unternehmens. An diesem Samstag im September stehen die Türen von vielen Betrieben in der Stadt fürs Publikum offen. Es ist der «Tag der urbanen Produktion».
Er ist das Schaufenster der «Made in Zürich Initiative». Der Verein setzt sich für die Produktion von Gütern in der Stadt Zürich ein. Damit sollen die Produkte sichtbar gemacht und die Vernetzung und der Wissensaustausch zwischen den Produzentinnen und Produzenten gefördert werden. Die Initiative hat zudem einen Leistungsauftrag der Stadt zur Stärkung der Kreislaufwirtschaft. Mit ihrem Label «Made in Zürich» stellt sie für Produkte aus entsprechender Herstellung eine offizielle Herkunftsbezeichnung zur Verfügung und gestaltet unter anderem den gemeinsamen Auftritt der Betriebe am «Tag der urbanen Produktion».
«Der Tag der urbanen Produktion> schafft Transparenz zwischen den Betrieben und dem Publikum», sagt Andrea Gir, Geschäftsleiterin der «Made in Zürich Initiative». Mit positiven Folgen: «In der Stadt zu produzieren hat seinen Preis», erklärt sie. Dafür bekommen sie Wertschätzung zurück. Viele urbane Produzenten verbindet zudem die Leidenschaft, gemeinsam etwas voranzutreiben. Das Engagement für nachhaltige Produktion und Kreislaufwirtschaft steht im Zentrum. Allein mit kürzeren Transportwegen produzieren sie ökologischer.
Im Erdgeschoss des Yond, wo sich die 5,5 Meter hohen Räume dank flexibler Module an unterschiedliche Bedürfnisse anpassen lassen, kommt Wasser 37 sowohl still als auch prickelnd in Flaschen. «Trink lokal, dänk global» lautet das Motto. Im ersten Stock destilliert Turicum lokalen Gin in kupfernen Brennblasen. Wacholder, Angelika- und Koriandersamen stehen neben Fichtenspitzen, Zitronenmelisse und Hagenbutte bereit und können auch an privaten Anlässen im «Gin Lab» individuell gemixt werden.
Bier, Kaffee und Granola aus der Stadt
Mit dem Yond nimmt das jüngste Beispiel eines urbanen Gewerbeareals Fahrt auf. Derzeit klafft daneben eine Baugrube, denn der Campus wird erweitert. Quartier und Begrünung werden mit einbezogen. Bereits gibt es ein Café, die Erweiterung soll für die Nachbarn noch attraktiver werden.
75 Betriebe in Zürich haben sich am fünften «Tag der urbanen Produktion» präsentiert - von Buchbinderinnen zur Schreinerei, von Textil- zu Kaffeemaschinen-Entwicklern, über Seifenexpertinnen zum Velokurier und zu Food- und Getränkefirmen, die Bier brauen, Kaffee rösten, Granola anbieten.
Ihre Ateliers, Werkstätten und Labore stehen sowohl in der Innenstadt als auch in Aussenquartieren, in Industriezonen und an Ausfallachsen wie an der Thurgauerstrasse. Dort, zwischen Schrebergärten und spiegelnden Fassaden, zwischen Büros und anderen Räumen im Oerlikerhus, ist etwa die Brauerei Oerlikon eingemietet. Gegründet, ins Bierland Schweiz etwas Erfrischendes einzubringen, ist das Herzensprojekt professionell geworden.
Bereits seit 2011 setzen Betriebe im Noerd, dem «Gewerbehaus der anderen Art», das Konzept der gemeinsamen Nutzung um. In Oerlikon, wo auch Wohnbauten stehen, aber nur wenige Passanten an diesem Samstagmorgen unterwegs sind, prägen vor allem Grossunternehmen wie Hitachi, die Post, Alstom und EWZ das Bild.
Nicht nur die ums Eck führende Leuchtschrift an der Fassade, auch eine Dachterrasse mit wildem Garten hebt das Noerd von seinen Nachbarn ab. Das Unternehmen Freitag, das von hier aus seine Taschen in die Welt schickt, und die Kommunikationsagentur Aroma bilden die Ankermieterschaft im markanten Gebäude. Weitere Firmen sind im Metallbau, Marketing und Design tätig und entwickeln Softwarelösungen.
Die Stadt braucht das Gewerbe
«Freitag gehört zu den Pionieren der Kreislaufwirtschaft und der urbanen Produktion. Aber die Stadt war schon immer auch ein Produktionsort. Dafür brauchen wir geeignete Flächen», sagt Günther Arber. Für diese Flächen setzt sich der Bereichsleiter bei der Stadtentwicklung und Vorstand der «Made in Zürich Initiative» ein.
Etwa in der Werkstadt in Zürich Altstetten, deren Geschichte er skizziert: Früher wurden hier Züge repariert, dann hatten die SBB vor, ihre ehemaligen Werkstätten vor allem für Wohnungen und Büros umzunutzen und aufzuwerten. Doch die Stadt blieb standhaft und beliess das Areal in der Industriezone. Der anschliessend von den SBB und der Stadt gemeinsam entwickelte Masterplan sieht ein attraktives, gemischtes Gewerbegebiet mit hoher Durchlässigkeit und Angeboten auch für die Quartieranwohner vor, etwa Cafés und Parkflächen.
Produkte aus der Nähe hätten in vielerlei Hinsicht Vorteile gegenüber von weither importierten. «So etwa die grössere Unabhängigkeit von internationalen Lieferketten, was vor allem in unsicheren Zeiten ins Gewicht fällt», sagt Geograf Arber.
In der Nähe zu produzieren schaffe auch mehr Wertschätzung und Sichtbarkeit sowohl für die Produkte als auch für die Berufe, die sie mit sich bringen. Werde die Tasche nebenan genäht, das Bier um die Ecke gebraut, würden auch Fertigkeiten sichtbar und blieben erhalten und würden Berufe (hoffentlich wieder) attraktiv. «Es ist ja dramatisch, wie viele Kompetenzen in der Fertigung wir heute ausgelagert oder bereits verloren haben», konstatiert Günther Arber.
Die Architektur der einstigen SBB-Werkstatt, wo heute rund 40 Unternehmen eingemietet sind, strahlt ihre Industriegeschichte aus. Die Hallen sind hoch, hell und weit, auch hier machen es modulare Einbauten möglich, unterschiedlichen Anforderungen gerecht zu werden.
Im Bierwerk wird lokales Bier gebraut und mit charakteristischen Labels versehen. Soeder entwickelt und produziert Seifen und Shampoos mit natürlichen Inhaltsstoffen und transparenten Lieferketten. Qwstion designt und flickt Taschen und Kleider aus Bananatex, einem Stoff aus Bananenstauden. Vicafé röstet Kaffee und hat das heimische Süssgetränk Vivi Kola wiederentdeckt. Hier werden die Kaffeemaschine Zuriga und ihre modularen Teile gebaut, repariert und weiterentwickelt. Dank der Nähe der Firmen zueinander kommen Synergien und Kollaborationen zustande. Zum Beispiel stellt Qwstion einen Beutel her, den Vicafé zum Nachfüllen braucht.
Am Anfang einer Entwicklung
Die Werkstadt Zürich sieht Günther Arber als «Ausgangspunkt und gelungenes Beispiel für eine Entwicklung». Noch seien es meist konsumgüterorientierte, vergleichsweise kleine Betriebe, die hier arbeiteten. Aber aus seiner Sicht könnten künftig in der Stadt, auch andere, weniger im urbanen Milieu verankerte Produktionsbetriebe tätig werden. Dafür aber müssen für diese erst einige der knappen Flächen in Zürich gesichert werden.