Die Spurensuche zur Erfolgsstory beginnt vor verschlossenen Türen. Am Briefkasten des Swiss Game Hub an der Erika-Mann-Strasse 11 hängt, altmodisch analog, ein laminiertes Blatt Papier mit den Namen der ansässigen Entwicklungsstudios. Die sind fein säuberlich in Computerschrift aufgelistet, dann eher freestyle handschriftlich ergänzt. Das hat einen guten Grund: Vor einem Jahr sind 24 Studios in den Swiss Game Hub eingezogen. Mittlerweile sind es 44, Tendenz steigend.
Mit den Studios kamen zu Beginn 65 Personen nach Oerlikon. Heute arbeiten über 145 Leute auf den gut 2500 Quadratmetern Grundfläche in der ehemaligen Werkhalle 87S der Maschinenfabrik an Videospielen. «Wir haben etwa vierzig Prozent der Zürcher Gameentwicklungsszene im Haus», sagt Samuel Vonäsch. Er ist nebenberuflich Teil des siebenköpfigen Management-Teams im Trägerverein des Swiss Game Hub. Hauptberuflich ist er selbst Entwickler und Mitbesitzer des Studios «lauflauf». Die Stadtentwicklung Zürich (STEZ) förderte und begleitete aktiv die Ansiedelung der Studios in der von der Stadt bis Ende 2030 zur Verfügung gestellten Zwischennutzung.
Der Swiss Game Hub ist Arbeitsplatz, Marktplatz und Jobbörse
Die Türklingel funktioniert. Die Spurensuche geht drinnen weiter. Der Raum ist offen konzipiert. Eine grosse Fläche im Erdgeschoss, eine Empore zurückversetzt entlang der Längsseite des Gebäudes. Sie macht nochmals etwa die halbe Grundfläche aus. Im Foyer erklärt Melissa Derrer, wie die Gemeinschaft Swiss Game Hub funktioniert. Sie gehört ebenfalls zum Management-Team und ist unter anderem für die Buchhaltung zuständig. Im Erdgeschoss der Halle vermietet der Trägerverein einen Flexdesk, ein Pult zum Teilen, für 169 Franken pro Monat. Ein persönlicher Arbeitsplatz, ein Fixdesk, kostet zwischen 209 und 269 Franken. Variable Flächen in unterschiedlichen Grössen kann man für ganze Enwicklungsteams buchen. Diese Teamräume sind für monatlich 220 Franken plus 22 Franken pro Quadratmeter zu haben.
Hauptberuflich ist Melissa Teilhaberin der Firma Ateo. Als weitere Partner mit dabei sind Xavier Heimgartner und Sebastian Tobler, der nebenbei auch Geschäftsführer des Trägervereins ist. Ateo startete vor über zehn Jahren als Digitalagentur mit Fokus auf Firmenprojekte im Bereich Games, Augmented Reality (AR) und Virtual Reality (VR). Das Geschäft lief lange gut, dann verflüchtigte sich im Zuge des KI-Booms die Euphorie der Kundschaft für alternative Realitäten. Ateo machte sich auf die Suche nach einem neuen Standbein und wurde fündig – im Swiss Game Hub.
Ateo und das Studio Stray Fawn um die international bekannte Gamedesignerin Philomena Schwab sind auf der Empore quasi Nachbarn. Stray Fawn entwickelt Spiele im Premium-Bereich für PC. Premium heisst, das Herunterladen kostet etwas. Von Games für das Smartphone lässt Stray Fawn bis zu dem Zeitpunkt bewusst die Finger. Der Mobile-Markt ist lukrativ, aber auch sehr umkämpft. Ateo beginnt im Auftragsverhältnis, bestehende PC-Spiele wie den Dungeon Clawler von Stray Fawn auf Smartphones anzupassen, im Fachjargon zu portieren. Mit Erfolg. Inzwischen hat sich die Agentur auf Ports spezialisiert, von PC auf Mobile und von PC auf Konsolen wie Switch oder Playstation.
Neben Stray Fawn gibt es im Swiss Game Hub ein paar weitere etablierte Studios. Sie sind finanziell gesund genug, dass sie Arbeitsplätze schaffen können. Zum Teil kommen die Game-Designer*innen direkt von den Hochschulen. Die etablierten Studios haben Arbeit genug, dass sie Jobs weitergeben können. Beispielsweise für Erweiterungspacks mit neuen Figuren oder «Characters» zu ihren Spielen. Das entspricht genau Philomenas Vision für den Swiss Game Hub: «Wenn jemand nichts zu tun hat, haben andere immer so viel zu tun, dass niemand jemals mit dem Gameentwickeln aufhören muss.»
Der nicht-gewinnorientierte Trägerverein bezahlt mit den Einnahmen aus den vermieteten Arbeitsplätzen die Kosten, die die Stadt für die Zwischennutzung verrechnet. Der Rest wird fast vollständig wieder in den Hub investiert. Zum Beispiel in die neue Gamespace Conference, die am 8. und 9. Oktober 2026 im Swiss Game Hub zum ersten Mal über die Bühne geht. Das wird eine Fachmesse mit Workshops, Talk-Formaten und mit der Gelegenheit für Schweizer Entwickler*innen, ihre entstehenden Spiele einem internationalen Fachpublikum schmackhaft zu machen.
Das Foyer der Halle im Swiss Game Hub wird heute schon regelmässig zum Eventspace. Es ist Ende Februar, Mittwoch, 19 Uhr. Zum Start der Playtesting Night ist das Foyer mit gut 100 Personen gut gefüllt, wie eigentlich immer am letzten Mittwoch im Monat. Etwa zwanzig Game-Entwickler*innen legen ihre mehr oder weniger ausgereiften Ideen zum Testen auf den Tisch. Die Community, die sofort Rückmeldung gibt, besteht aus Hobbygamer*innen sowie aus Leuten mit zehn und mehr Jahren Entwicklungserfahrung.
«Blobfish» teilt sein Wissen
Was an der Playtesting Night auffällt: Rund um die Tische, etwas abseits und an der Bar wird an diesem Abend noch mehr geredet als gespielt. Die Events mit den klingenden Namen «Drink&Draw», «Find your Team», «Game Pub Quiz», «Gamespace» oder eben «Playtesting Night» sind ernsthafte und gleichzeitig lockere Testumgebung. Und sie sind Rekrutierungsvehikel für den Swiss Game Hub.
Der Entwickler «Blobfish» lernte den Swiss Game Hub an einer Playtesting Night kennen. Er entschloss sich aus Frankreich nach Zürich zu ziehen. Der Zuzug ist gewichtig. Blobfish ist ein erfolgreicher Game-Entwickler. Sein jüngstes Werk «Brotato» mit einer Aliens bekämpfenden Kartoffel in der Hauptrolle verkaufte sich mehrere Millionen Mal. Seit er in Oerlikon ist, hat er drei Personen angestellt. Noch entscheidender ist aber: Er gibt sein Wissen weiter.
Im letzten Sommer luden er und Philomena Schwab zum Bootcamp ein. Entwickler*innen konnten sich bewerben. Im Bootcamp müssen sie in zwei Monaten einen Prototyp erstellen, der Marktpotenzial hat und spätestens ein Jahr später in den Stores verkauft werden kann. Philomena und Thomas entscheiden über das Marktpotenzial. Die Vorgaben sind hart. Aber eine lange Entwicklungsarbeit kann sich fast niemand leisten, schon gar nicht am Anfang einer Karriere. Nur etwa fünf Prozent der Games im Verkauf spielen die Entwicklungskosten wieder ein.
Verkaufen ist ein gutes Stichwort. Etwas versteckt im hinteren Gebäudeteil hat sich Metaroot eingemietet. Der halb offene Arbeitsplatz erinnert ein bisschen an ein Büro-Cubicle aus der US-Comic-Serie Dilbert von Scott Adams. Aus der kleinen Kabine heraus bearbeiten Flurin, Andri und Nathalie Weidmann den Weltmarkt. Der ist mit einem geschätzten Jahresumsatz von gegen 300 Milliarden US-Dollar gewaltig. Die Gameindustrie setzt deutlich mehr um als Film und Musik zusammen.
Was Metaroot macht, nennt sich Publishing. Der Publisher produziert für die Game-Entwickler*innen Clips und Kurzbeschriebe für Verkaufsplattformen wie Steam und hilft beim Aufbau einer Community rund um ein Game. Apropos Community. Mit Learning by Doing hat es Metaroot auf der chinesischen Plattform Heybox auf 10 000 Follower gebracht. Das Dreipersonen-Familienunternehmen aus Zürich Nord zählt zu den europäischen Pionieren in China. An Publishing-Know-How fehlt es ansonsten in der Schweiz an allen Ecken und Enden. Neben Metaroot gibt es im Moment nur einen weiteren namhaften Schweizer Publisher. Der heisst Stray Fawn und sitzt eine Etage höher auf der Empore. Beide haben sich auch schon zu einem Co-Publishing zusammengeschlossen. So funktioniert das im Swiss Game Hub in Oerlikon.