Die weltoffene Stadt und die Lust, sie zu entdecken, stecken das weite Spielfeld der interkulturellen Programmwochen ab. Zürichs Gesellschaft ist divers, das macht ihren Charakter aus und ihr Potenzial.
Unter der Leitung der Fachstelle Diversität, Integration, Antirassismus (DIA), die der Stadtentwicklung Zürich angehört, gestalten die Programmwochen seit 2019 im Zweijahresrhythmus Aktivitäten, um Begegnungen zu fördern. Aus einem städtischen Gegenvorschlag zur «Initiative für ein weltoffenes Zürich» hervorgegangen, richten sich die Programmwochen dezentral aus und orientieren sich an den Zielen der Initiative: an «Kulturaustausch statt Fremdenfeindlichkeit».
Neues Kuratorium, neue Kontinuität
Nach einer ersten Reihe von fünf Zyklen unter dem Kuratorium von About us! startet nun der Verein Mosaik eine zweite Auflage (s. Box unten). Mit einem internationalen, transdisziplinären Team aus dem Umfeld der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) setzt Mosaik neue Akzente.
Das Kernteam und die künstlerische Co-Leitung vereinen Spezialist*innen der transdisziplinären Kunst und der Kulturprojekte zwischen Kunst und Gesellschaft: Nuria Krämer, Kuratorin und Kulturmanagerin; Daniel Riniker, freier Theaterschaffender und Dramaturg; Eirini Sourgiadaki, Künstlerin und Forscherin; Tomer Zirkilevech, Künstler, Regisseur, Kurator und Theaterpädagoge (von links nach rechts im Foto oben).
Obschon die Zeichen auf neu stehen, spielt Kontinuität doch eine Rolle. Nuria Krämer, Mitglied der vierköpfigen künstlerischen Leitung und zuständig für die Kommunikation, betont, dass Mosaik eigene Sichtweisen, Räume und Begegnungen erprobe, gleichzeitig jedoch an Bestehendes und an frühere Ausgaben der Programmwochen anknüpfe. Ihre Vorgängerin Gunda Zeeb von About us! gehört als externe Expertin mit zur Trägerschaft.
Nuria Krämer, einst langjährige Szenografin und Setdesignerin beim Film, erforscht weiterhin Räume. Als Spezialistin für Transdisziplinarität in der Kunst hat sie unter anderem den Open Art Space der Zürcher Hochschule der Künste in Hong Kong aufgebaut und kuratiert. Diesen Raum verstand sie als einen Ort, an dem man sich auch physisch begegnen kann. Eben hat sie in Indonesien mit Studierenden aus verschiedenen künstlerischen Disziplinen den Begriff «Land» erkundet.
Nun skizziert sie die ersten Fixpunkte der Programmwochen. Sie und ihre Mitkurator*innen greifen Aktivitäten auf und entwickeln weitere. Auch sie eröffnen Räume und sie nutzen bestehende. Denn: «Es sollen sich die verschiedenen Communities aus unterschiedlichen sozialen Hintergründen treffen».
Für und mit möglichst vielen
Der Name «Mosaik» unterstreicht sinnbildlich das Konzept dafür: Interkulturelle Begegnungen sollen nicht nur für alle, sondern auch mit allen möglich sein, unabhängig von Herkunft und Hintergrund. Für solche Teilhabe und Partizipation möchte das Team Menschen in Zürich ansprechen, die sonst kaum oder gar nicht Zugang zum gesellschaftlichen Leben haben. Die Gründe dafür sind vielschichtig. «Soziale Teilhabe bedingt nicht nur wirtschaftliche Mittel und Informationen, sondern auch die Chance auf Teilhabe am kulturellen Leben», meint Nuria Krämer.
Ein Dach über die dezentralen Orte und die unterschiedlichen Ansätze schlägt das Thema «Gast und Gastgeber*in». Darunter versteht der Verein Rollen, die tausch- und wählbar sind. Die Beziehung zwischen beiden Rollen wird dabei als praktische und soziale Haltung verstanden: Wie empfangen wir einander? Welche Gesten der Offenheit, des Zuhörens und der Fürsorge sind notwendig, um Vertrauen und Verständnis über Differenzen hinweg zu fördern? Solche Fragen sollen in der Fantasie wie auch im Alltag durchgespielt werden und einladen, ins Gespräch zu kommen.
Zürich im Gespräch: In Zyklen von zwei Jahren stehen je drei ausgewählte Stadtkreise im Mittelpunkt. 2026/2027 machen die Kreise 4, 7 und 9 den Anfang. Für diese Kreise werden kulturelle Aktivitäten angeregt, die auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind. Dafür gibt es vor allem vier Formate. Unter dem Titel «Open House» rückt Mosaik erstens bestehende Angebote für interkulturelle Begegnungen in den Vordergrund. In «Co-Labs» sind zum zweiten Künstler*innen eingeladen, über mehrere Wochen und Monate mit bestimmten Gemeinschaften zusammenzuarbeiten.
Drittens werden Künstler*innen im Auftrag der Programmwochen in Quartiere eintauchen, Einblicke gewinnen und Geschichten aufgreifen, um «Nachbarschaftsstudien» zu betreiben. Viertes und vielleicht am stärksten verbindendes, weil besonders sinnliches Element ist das gemeinsame Kochen. «Wer Begegnungsräume schafft, ist auch dafür verantwortlich, dass sie lebhaft genutzt werden. Deshalb ist es uns so wichtig, dass wir die Lust auf Begegnung aufgreifen und wecken», sagt Nuria Krämer.
Alle sind angesprochen, Zürcher*innen und Zuzüger*innen, Gutsituierte, Kunstaffine oder Gewerbetreibende. Stadtspaziergänge und Workshops sind geplant, Vorschläge aus den Quartieren sind gefragt.
Aber, Nuria Krämer, was verstehen Sie unter «interkulturell»? Die Tochter einer Spanierin und eines Deutschen, die Kuratorin und Erforscherin der Interkulturalität, versteht jede Kultur in Bezug zu anderen Kulturen. Man bewege sich oft sehr selbstverständlich in ideellen und realen Räumen, dabei sei unser ganzes Sprechen und Handeln an Gewohnheiten, Wertvorstellungen und an einen Kontext gebunden. Sich dessen bewusst zu sein mache es erst möglich, auf andere zuzugehen. Sie sagt: «Interkulturalität ist der Spielraum zwischen diesen verschiedenen Selbstverständnissen, die miteinander verbunden sind.»
Begegnungen in Zwischenräumen
Statt von «Unterschieden» zwischen Kulturen spricht Nuria Krämer lieber von «Differenzen» und «Distanz». Aus ihrer Sicht beschreibt Distanz einen Raum zwischen zwei Punkten, in dem Differenzen zueinander in Beziehung stehen und somit Unterschiede zulassen; in den Zwischenräumen begegnen wir uns.
Damit das in Zürich gelingt, sei der Zugang zu Quartiernetzwerken wichtig, meint sie. Für genauso zentral hält sie Dialoge darüber, was überhaupt gefragt ist. Und das ist in der Stadt der grossen Unterschiede nicht ohne weiteres auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Nuria Krämer sagt es so: «Wer wenig Zugang hat, ist besonders auf Begegnungsmöglichkeiten angewiesen. In wohlhabenden Städten wird dieser Bedarf oft unterschätzt.»
Als sehr wohlhabend nimmt sie denn auch Zürich wahr, was die Stadt zu ihrem Vorteil nutzen könne. Bereits würden viele schöne Plätze und Parks, aber auch Küchen als Begegnungsorte für ein diverses Publikum interkulturell genutzt.
Die gute wirtschaftliche Situation kombiniert mit «sehr viel Aufmerksamkeit für die eigene Vielfalt»: Das zeichne Zürich aus und mache die Stadt faszinierend. Die interkulturellen Programmwochen würden Zürich nicht umkrempeln, aber sie wollen die Möglichkeiten für Begegnungen erweitern. Es ist auch eine künstlerische Strategie: Man werde, so die neuen Kurator*innen, Zürich mit anderen Augen sehen.
Der Verein Mosaik richtet die interkulturellen Programmwochen 2026–2029 aus. Unter der Leitung der Fachstelle Diversität, Integration, Antirassismus (DIA) und mit der Unterstützung der Stadtentwicklung Zürich, der die DIA angehört, setzt sich Mosaik zum Ziel, die kulturelle Vielfalt Zürichs sichtbar und Begegnungen möglich zu machen. Alle sind angesprochen, insbesondere aber Menschen mit geringer sozialer Teilhabe.