Die ökologisch wertvollen Lebensräume machen aktuell knapp 11 Prozent vom Siedlungsgebiet aus. Sie haben von 2010 bis 2020 leicht zugenommen. Die Zunahme entspricht einer Fläche von 50 Fussballfeldern. Die Stadt ist die grösste Eigentümerin von Grünflächen und hat darum auch das grösste Potenzial für Aufwertungen. Private spielen ebenfalls eine bedeutende Rolle. Auf ihrem Grund ist der Anteil an naturnahen Flächen aber viel geringer. Bei privaten Grundeigentümer*innen sind es 7,5 Prozent, bei Genossenschaften und Immobiliengesellschaften liegt der Anteil unter 5 Prozent. Bei den Tieren gibt es positive Entwicklungen. Mitten in der Stadt Zürich vermehren sich verschiedene Pflanzenarten, darunter auch gefährdete. Wildbienen sind gute Indikatoren für eine naturnahe, giftfreie Umgebung. In Zürich wurden in den letzten Jahren rund 215 Arten nachgewiesen. Auf Zürichs Strassen und in Strassenschächten werden seit über 10 Jahren erfolgreich Massnahmen zum Schutz der Amphibien umgesetzt.
Mit der Biotoptypenkartierung bewertet und erfasst die Stadt Zürich systematisch die ökologische Qualität des Stadtgebiets. Dabei werden über 120 verschiedene Biotoptypen unterschieden und einem Wert zwischen 1 und 6 zugewiesen. Werte von 4 bis 6 gelten als ökologisch wertvoll, 1–3 haben ökologisches Potenzial. Die erstmalige Kartierung 2010 ergab einen Anteil von 10,2 Prozent ökologisch wertvoller Grünflächen im Siedlungsgebiet. Gemäss Biotoptypenkartierung 2020 weist das Siedlungsgebiet heute 10,9 Prozent ökologisch wertvolle Flächen auf, d. h. eine Zunahme von 0,7 Prozent in 10 Jahren.
Auch wenn Grünflächen tendenziell abnehmen, konnte die Qualität gesamthaft knapp gehalten werden. Dies zeigt, dass grosse Anstrengungen erbracht werden müssen, um das Ziel von 15 Prozent ökologisch wertvoller Grünflächen im Siedlungsgebiet aus dem Regionalen Richtplan zu erreichen. Viele Grünflächen in der Stadt sind zudem in Privatbesitz. Diese bergen ein beträchtliches Aufwertungspotenzial.
Die verschiedenen Tierartengruppen in der Stadt Zürich werden seit den 1990er Jahren systematisch erfasst. Dafür wird pro Jahr ein Zehntel des Stadtgebiets kartiert. Eine erste umfangreiche Auswertung erfolgte 2010 und eine zweite erweiterte Auswertung fand im Buch «Neue Stadtfauna – 700 Tierarten der Stadt Zürich» seinen ausführlichen Niederschlag.
In diesem Buch sind sämtliche Tiergruppen porträtiert, die in der Stadt Zürich vorkommen. Für Libellen, Heuschrecken, Glühwürmchen, Wildbienen, Schmetterlinge, Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere inkl. Fledermäuse liegen Verbreitungskarten vor und Entwicklungstrends wurden eingearbeitet. Im Einleitungstext werden die Veränderungen der Tierwelt in einen grösseren Zusammenhang zu Klima, verdichtetem Bauen und Grünflächenverlust aufgezeigt.
Mitten in der Stadt Zürich pflanzen sich verschiedene darunter auch gefährdete Arten fort. Gebäudebewohnende Arten wie Mauersegler, Alpensegler, Turm- und Wanderfalken und neuerdings auch Flussseeschwalben gehören beispielsweise dazu. Auf der öffentlich zugänglichen Falkenkamera am Hochkamin an der Josefstrasse kann das Brutgeschehen live mitverfolgt werden.
Wo alte, grosse Bäume stehen, kann man auch den Kleiber hören und sehen. Er ist auf dem ganzen Stadtgebiet verbreitet. Wegen Fällungen alter Bäume ist jedoch ein Rückgang der Population zu verzeichnen.
Linden sind für Kleiber wichtige Nahrungsorte. Hier finden sie in Astlöchern oder alten Spechthöhlen auch geeignete Nistplätze, beispielsweise auf dem Lindenhof. Der Lindenhof ist auch für die Bevölkerung und Touristen ein wohltuender Ruheraum. Dank grosser schattenspendender Bäume hat er eine angenehm kühlende Wirkung.
Der Verlust naturnaher Flächen, verdichtetes Bauen und die Verdrängung bestimmter Pflanzen- und Tierarten wirken sich negativ auf die Biodiversität aus.
Jährlich führt Grün Stadt Zürich an verschiedenen Orten Wildbienenkartierungen durch. In der Schweiz leben über 600 Wildbienenarten. In Zürich wurden in den letzten Jahren rund 215 Arten nachgewiesen. Allein in einem 100 Kleingärten umfassenden Familiengartenareal wurden 111 Arten festgestellt. Wildbienen sind gute Indikatoren für eine naturnahe, giftfreie Umgebung.
In einem Areal oberhalb des Bahnhofs Stadelhofen wurden nach Umgestaltung einer wenigen Aren grossen, mit exotischen Bodendeckern bewachsenen Grünfläche noch im selben Jahr über 60 Arten gefunden. Die Neubepflanzung mit einheimischen Stauden und die naturnahe, giftfreie Pflege lohnt sich. Die Honigbiene ist ein Nahrungskonkurrent der Wildbiene, deshalb soll die Anzahl an Honigbienenständen auf städtischen Liegenschaften schrittweise reduziert werden.
Die Vielfalt der Arten, ihrer Lebensräume und ihrer Beziehungen zueinander sowie die genetische Vielfalt bilden die Grundlage für alle Lebensprozesse; auch die des Menschen. Eine reiche Biodiversität sorgt für Stabilität im Ökosystem und schafft das Potenzial, auf künftige Veränderungen reagieren zu können. Zudem erbringt sie wichtige Ökosystemleistungen, wie die Nahrungsversorgung.
Die Biodiversität trägt zum Erhalt der Wasser- und Luftqualität bei, begünstigt das städtische Mikroklima (Stadtklima), unterstützt die Produktion von Nutzpflanzen durch Bestäubung, die Bodenbildung und die natürliche Regulierung von Schädlingen. Eine hohe Biodiversität sorgt für Lebensqualität, weil ökologisch wertvolle Grünräume Raum für Ruhe, Bewegung, Naturerlebnis und soziale Kontakte bieten. Folglich verringert sich die Lebensqualität, wenn die Biodiversität in der Stadt zurückgeht.
Die Stadt Zürich erhielt 2021 als erste Stadt der Schweiz das Label «Grünstadt Schweiz» mit Gold-Auszeichnung. Das Label wird an Städte und Gemeinden vergeben, die ihre Grünflächen nachhaltig planen, gestalten und pflegen. Der eingeschlagene Weg wird konsequent weitergegangen.
Die Zürcher Stimmberechtigten haben am 3. September 2023 beide Gegenvorschläge zur Volksinitiative «Stadtgrün» angenommen, womit der neue Artikel 14a (Stadtklima) in die Gemeindeordnung aufgenommen wurde. Mit der Annahme des indirekten Gegenvorschlags bewilligten sie einen Rahmenkredit von 130 Millionen Franken für das Programm «Stadtgrün» zur Verbesserung des Stadtklimas, zur Umsetzung hitzemindernder Massnahmen und zur Stärkung der Beratung von Privatpersonen. Das Programm Stadtgrün besteht aus vier Teilprogrammen und fördert unter anderem die ökologisch wertvolle Begrünung privater Grundstücke und Bauten. Es setzt Massnahmen aus den Fachplanungen Hitzeminderung, Stadtbäume und Stadtnatur um.
Im Jahr 2024 hat der Stadtrat die Fachplanung Stadtnatur festgesetzt. Die Fachplanung Stadtnatur ist ein Planungsinstrument, mit dem ökologisch wertvolle Lebensräume – und damit auch die städtische Biodiversität – langfristig erhalten und gefördert werden sollen. Das behördenverbindliche Planungsinstrument fokussiert auf das Siedlungsgebiet, weil hier der grösste Handlungsbedarf besteht, und konkretisiert die Zielsetzung des kommunalen Richtplanes. Ziel ist es, den Anteil ökologisch wertvoller Lebensräume innerhalb des Siedlungsgebiets bis 2040 mit gezielten Massnahmen von 11 auf 15 Prozent zu erhöhen und ein Netzwerk von miteinander verbundenen Lebensräumen aufzubauen.
Mit dem «Grünbuch 2006» visierte Grün Stadt Zürich quantitativ und qualitativ anspruchsvolle Ziele an und stellte wichtige ökologische Weichen zum Erhalt und zur Förderung der Biodiversität. Der Rückblick auf die letzten zehn Jahre zeigt, dass wir auf einem guten Weg sind. Mit dem Katzen- und dem Büsisee sowie dem Uetliberg stehen zwei Gebiete von kantonaler Bedeutung unter Naturschutz. Auf kommunaler Ebene sind über 145 ha geschützt und 470 ha im Inventar erfasst (Stand 2025). Das Grünbuch 2019 bekräftigt den eingeschlagenen Weg und zeigt Massnahmen auf, um diesen konsequent weiterzuführen.
Im kommunalen Richtplan Siedlung, Landschaft, öffentliche Bauten und Anlagen zeigte die Stadt Zürich erstmals auf, wie die Anforderungen an eine qualitätsvolle räumliche Entwicklung erfüllt werden, die durch das Wachstum im Inneren notwendig werden. Der Richtplan legt unter anderem Massnahmen fest, wie die Biodiversität erhalten bzw. weiterentwickelt werden kann, z. B. mit der Erhaltung oder Schaffung von ökologischen Vernetzungskorridoren und Trittsteinbiotopen.
Mit den Förderprogrammen «Mehr als Grün» unterstützt Zürich das Engagement von Privatpersonen und Unternehmen für ein besseres Stadtklima.
Aufwertungsmassnahmen erfolgreich umsetzen
Die drei Förderprogramme «Mehr als Grün», «Vertikalbegrünung» und «Stadtgrün» wurden mit den Stadtratsbeschlüssen (STRB Nr. 2173/2024 und Nr. 2174/2024) harmonisiert, um eine einheitliche Förderung von biodiversitäts- und hitzemindernden Massnahmen sicherzustellen. Die bestehenden Programme wurden an die Förderbedingungen von «Stadtgrün» angepasst und auf die Erstellungspflege ausgeweitet. Die Laufzeiten der beiden bisherigen Förderprogramme «Mehr als Grün» und «Vertikalbegrünung» wurden ebenfalls an die Laufzeit des Förderprogramms «Stadtgrün» angeglichen und enden damit spätestens per 31. Dezember 2035. Die bisherigen Richtlinien zu «Mehr als Grün» und «Vertikalbegrünung» wurden aufgehoben.
Verwaltungsinterne Weiterbildungen sichern sorgfältige Grünflächenpflege
Eine sorgfältige Grünflächenpflege ist für die langfristige Erhaltung dieser neu geschaffenen Lebensräume unabdingbar. Im Rahmen verwaltungsinterner Weiterbildungsprogramme werden die städtischen Gärtnerinnen und Gärtner laufend geschult und ihr Wissen, ihr Bewusstsein und ihre Handlungskompetenz gefördert. Es werden jährlich Kurse zu Themen wie Mähen mit der Sense, Naturvielfalt, Wildhecken oder Obstbaumschnitt angeboten.
Beratung von privaten Bauträgerschaften
Auch auf privaten Grundstücken wurden etliche Aufwertungsmassnahmen umgesetzt oder in die Wege geleitet sowie mit Baugenossenschaften Gespräche und Begehungen vor Ort durchgeführt. Die Bereitschaft, in die Biodiversität zu investieren, scheint zu wachsen. Mit zunehmend verdichteter Bauweise gehen weitere Grünflächen verloren, weshalb der Druck auf die übrigen Frei- und Grünflächen trotzdem weiter steigt.
Jährlich werden mehrere Dutzend Obstbäume gepflanzt und in Parks, Grünanlagen sowie entlang von Strassen nimmt der Baumbestand zu.
Um die Bevölkerung weiter für die Biodiversität zu sensibilisieren, führt Grün Stadt Zürich jährlich rund 1000 Veranstaltungen, Exkursionen, Naturschultage und Weiterbildungen für Lehrpersonen durch. Die NahReisen gehören seit über 20 Jahren zu den beliebtesten Veranstaltungsreihen. Zudem werden Beratungen für Dach- und Vertikalbegrünung sowie für Freiräume im Wohn- und Arbeitsplatzumfeld angeboten.
Die Waldbewirtschaftung und Biodiversitätsförderflächen der Landwirtschaft leisten ebenfalls einen wesentlichen Beitrag zur Förderung der faunistischen Artenvielfalt. Dazu gehören strukturreiche Waldränder, Naturverjüngung, Förderung der Laubhölzer, besondere Waldstandorte mit Föhren, Eichen, Kirschen, Espen, Birken, Lichtungen, stehendes Totholz, Waldweiher, Bachläufe, Tobel oder vielfältige Kulturlandschaften mit Magerwiesen, Hecken und Hochstammobstgärten.
Amphibien wandern zwischen Winterquartier, Laichgewässer und Sommerlebensraum und legen dabei kilometerlange Strecken zurück. Dabei kreuzen ihre Routen auch das Siedlungsgebiet, das ihre Mobilität erschwert. Neben der bekannten Gefahr von Strassenübergängen, sind Amphibien einem bisher eher unbeachteten Problem ausgesetzt: Der Fallenwirkung von Strassenschächten. Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass jährlich 15 000 Individuen im städtischen Entwässerungssystem landen und der grösste Teil dort stirbt. Ausstiegshilfen bei Schächten schaffen Abhilfe. Mittlerweile sind rund 2760 Schächte mit Amphibienleitern ausgerüstet. Die Massnahme zeigt Wirkung: Die Anzahl der Schächte mit gefangenen Tieren ging deutlich zurück und die Anzahl vorgefundener Tiere selbst nahm um 96 Prozent ab. Informationstafeln machen Autofahrende darauf aufmerksam. Um Tiere vor dem Überfahren zu retten, analysiert die Stadtverwaltung Amphibienzugstellen und leitet Massnahmen wie beispielsweise temporäre Strassensperrungen ein.
- Lettenareal: Ein gelungenes Beispiel, wie mit geschickter Gestaltung Erholung und Naturschutz nebeneinander existieren können.
- Quartierpark Pfingstweid: Die Parkanlage wurde mit überwiegend heimischer Bepflanzung erstellt. Die differenzierte naturnahe Pflege macht den Ort für Erholungssuchende und Biodiversität gleichermassen wertvoll.
- Tramtrassees Aargauerstrasse, Thurgauerstrasse, Dübendorfstrasse: Infrastrukturen können so gestaltet werden, dass sie auch für Pflanzenarten nutzbar sind. Solche Flächen haben einen hohen ästhetischen und ökologischen Wert.
- Baumscheiben: In der ganzen Stadt Zürich werden Baumscheiben extensiv bepflanzt und unterhalten. Zusammen mit den ökologisch und klimatisch wichtigen Bäumen dienen zusammenhängende Baumscheiben der innerstädtischen Vernetzung. Vogelarten wie Distelfinken profitieren davon.
- Wildbienenparadies in der Stadtgärtnerei: An verschiedenen Orten in der Stadt Zürich werden laufend Aufwertungen zur Förderung der Biodiversität realisiert. Jüngstes Beispiel entwickelt sich in den nächsten Jahren in der Stadtgärtnerei Zürich.
- Wechselnde Ausstellungen in der Stadtgärtnerei und Sukkulenten-Sammlung bringen Fachleuten und Bevölkerung verschiedene Aspekte zur Förderung der Biodiversität und weitere Themen näher.
Neue Stadtfauna – 700 Tierarten der Stadt Zürich (Ineichen, Ruckstuhl, Hose; Hauptverlag 2022)