Die Geschichte der VAЯIANTE begann 2008. Es war eine Zeit der Schliessung von Kleinklassen, Reformen und der Bestrebung, eher herausfordernde Jugendliche in die Regelklassen zu integrieren. In einer Arbeitsgruppe zum Thema «Stütz- und Fördermassnahmen» beschloss der Schulkreis Waidberg, eine Möglichkeit zur Auszeit für Jugendliche zu schaffen, wenn sie in ihrer Regelklasse in einer Krise stecken.
Die VAЯIANTE sollte die Idee eines Time-out-Projekts aufnehmen, jedoch die Schüler*innen möglichst nahe an ihrem sozialen Umfeld belassen. Die Zeit in der VAЯIANTE sollte für eine intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten und dessen Auswirkungen genutzt werden. Daher sprachen wir von unserem Projekt eher von einem Time-in.
Konzeptioniert wurde die VAЯIANTE von Gisela Brandl, Emilia Cirigliano und Reto Pfirter. Nach fünfjähriger Projektphase und einer umfassenden Evaluation durch Barbara Nakano von der Kreisschulbehörde wurde die VAЯIANTE als fester Bestandteil der integrativen Förderung in der Sekundarschule institutionalisiert. Maximal 8 Schüler*innen wurden in den Hauptfächern individuell unterrichtet. Zwei Tage pro Woche wurden verschiedene Arbeitsprojekte und erlebnispädagogische Unternehmungen durchgeführt. Neun Personen arbeiteten in unterschiedlicher Zusammensetzung in der VAЯIANTE.
Gemäss Evaluation funktionierte die Reintegration in die Regelklasse bei 7 von 10 Schüler*innen. In den letzten Jahren jedoch wurden die Gelingensbedingungen immer herausfordernder, zum einen, weil die Schulen Lachenzelg, Waidhalde, Milchbuck und Riedtli eigene hausinterne «erweiterte Lernräume» schufen, zum anderen benötigten viele Schüler*innen mehr Unterstützung, um in der Schule erfolgreich sein zu können. Die VAЯIANTE erzielte nicht mehr dieselben Erfolge.
Die VAЯIANTE bot den Schüler*innen die Möglichkeit, neue Verhaltensmuster, Lernmethoden und Beziehungsformen zu erkunden. Ein Aufenthalt schuf genügend Abstand zur Regelklasse, damit neue Sichtweisen ermöglicht wurden. Fehler durften passieren.
War die Zeit des Experimentierens und Trainings um, wurde die Reintegration in die Klasse geplant. Einzelne Schnupper- und Wieder-Akklimatisierungstage wurden begleitet und reflektiert. Die partizipative Planung der 3 Phasen «Rot – Gelb – Grün» wie auch die sorgfältig begleitete Reintegration schufen bei allen Beteiligten Sicherheit.
Ein halbfreiwilliger, weil unumgänglicher Start in die VAЯIANTE sollte nicht einfach als Bestrafung gesehen werden. Er sollte auch Interessantes und Freude in Aussicht stellen, damit die Lernenden motiviert wurden, sich auf neue Wege zu begeben.
Damit eine Reingetration in die Klasse funktionierte, waren folgende Punkte wichtig:
- Freiwilligkeit oder Einsicht, dass ein Aufenthalt in der VAЯIANTE sinnvoll ist.
- Die Unterstützung des umgebenden Systems Eltern – Peergroup – Schule.
- Zielformulierungen, Unterstützung und Überprüfung des Erreichten.
- Massgeschneiderte Erlebnisse: Die Schüler*innen sollten erleben, wie es sich anfühlt, wenn sie etwas erreichen, wenn sie sich überwinden, wenn sie Erfolg haben, wenn sie verstehen, wenn sie Rücksicht nehmen, …
- Eine Prise «Leadership»: Jugendliche, die auf dem Sprung in ihre Regelklasse waren, konnten den neu eingetretenen Schüler*innen zeigen, um was es in der VAЯIANTE ging, wie man erfolgreich sein konnte.
Nach 17-jähriger Tätigkeit schliesst die VAЯIANTE im Juli 2025. Durch die Strukturen der Stadtzürcher Tagesschule können im Rahmen von erweiterten Lernräumen neue auffangende und integrierende Gefässe konzipiert werden. Wichtig ist dabei vor allem auch die lösungsorientierte Zusammenarbeit zwischen den Schulpersonen diverser Berufsgruppen in unseren Schulen.
Vorbereitung – Sicherheitschecks – Kletterstart: alles muss stimmen. Den Überblick behalten, die Vertrauensgrundlage muss vorhanden sein. Eine falsche Einschätzung oder eine Unaufmerksamkeit können verheerende Folgen haben. Viel zu nah ist der harte Boden der Realität, als dass durch einen Fehler ein freier Fall und hartes Aufschlagen provoziert werden könnten. Dabei ist die Sicherungsperson nicht minder gefordert als der Kletternde.
Beim Start gilt es, den Boden unter den Füssen mit einem Vertrauensgefühl sich und der sichernden Person gegenüber zu «verlieren». Nur so ist die Möglichkeit gegeben, dass in der Vertikalen ein neues, sicherheitsstiftendes Bewegungsgefühl erlebt werden kann.
Zuoberst, am Umlenker der Route angelangt, darf ein Hochgefühl des Erfolgs erlebt werden. Anschliessend braucht es wieder einen wachen Geist und eine klare Kommunikation mit der Sicherungsperson, um sich kontrolliert dem Boden zu nähern.
In der Kletterphase – zwischen Start und Endpunkt – können Experimente gemacht werden. In sicherer Höhe darf eine kritische, den Sturz provozierende Kletterbewegung gewagt werden. Die ausreichende Höhe und die zuverlässige Sicherungsperson erlauben «Ausrutscher» und fangen Fehler auf. Genügend Abstand zum Boden kann beruhigen und gibt Raum für neue Ideen.