Pascal Zwicky: Anne, Du bist Lehrerin und hast einen eigenen Podcast – keine ganz alltägliche Verbindung. Wie bist du zur Podcasterin geworden?
Anne Gully: Ich bin eine sehr extrovertierte, offene Person. Ich diskutiere gerne, philosophiere und ja, ich provoziere auch gern. Das Spiel mit der Sprache und die Möglichkeit, sich darüber auszudrücken, hat mich schon immer fasziniert.
Schon am Familientisch, später mit Freundinnen, Freunden oder Lieblingsmenschen habe ich Erlebnisse erzählt, reflektiert und verarbeitet. Dabei merkte ich, dass man mir zuhört und mitfiebert.
Eines Tages meinte ein Freund, ich müsste meine Geschichten unbedingt in einem Podcast erzählen. So ist der Gedanke in mir gewachsen, bis ich letztes Jahr mit «Let’s talk about Sek!» startete. Tamara Giger (mein Co-Host der ersten Staffel) lernte ich über Tik-Tok kennen. Sie ist Unternehmerin und selbstständig – und gestaltete die ersten zwanzig Folgen mit mir. In der zweiten Staffel ab Folge 21 ist nun Nicole Tahedl dabei. Sie ist ehemalige Kindergärtnerin und heute Primarlehrerin und bringt nochmals eine andere Perspektive mit.
Unser Podcast macht keinen Gewinn und das ist auch gut so. Wir haben Freude an der Auseinandersetzung mit schulischen Themen, am Vorbereiten der Folgen; der Gesprächsstoff geht uns nie aus - auch nachdem das Mik längst ausgeschaltet ist. Ich produziere alles selbst: vom Schneiden der Aufnahme bis zu den Reels auf Instagram. Wir suchen bewusst den Kontakt zum Publikum und integrieren Feedback und Fragen regelmässig in unsere Folgen. Es macht einfach wahnsinnig Spass!
Welche Ziele verfolgt ihr mit eurem Podcast?
Die Sek ist eine Volksschule – vom und fürs Volk. Wir möchten zeigen, wie es hinter den Kulissen aussieht; transparent und ohne Filter. Was machen wir Lehrpersonen eigentlich? Mit welchen Schwierigkeiten kämpfen wir? Der Beruf der (Sekundar-)Lehrerin ist nach wie vor ein wunderbarer Beruf. Ich denke, das merkt man, wenn man uns zuhört.
Wir wollen Eltern Orientierung geben, sie auf kommende Themen vorbereiten und aufzeigen, wie sie ihre Kinder unterstützen können. Wir verstehen uns als Bindeglied zwischen Elternhaus und Schule. Dabei machen wir Verantwortlichkeiten auf beiden Seiten sichtbar und fördern die Einsicht, dass wir ein Team sind. Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen und wir alle spielen dabei eine wichtige Rolle.
Wir wollen aber nicht nur fachsimpeln. Wir lachen, erzählen Geschichten, wir unterhalten. Eine Folge dauert etwa so lange wie eine Pendelfahrt und jede Folge steht für sich.
Weisst du, wer sich den Podcast anhört?
Die Streamingplattformen liefern Analysen zum Zielpublikum. Bei uns sind es vor allem Eltern von Teenagern, allen voran Mütter. Aber auch Studierende, Schülerinnen und Schüler oder das ü60-Publikum hören regelmässig zu.
Und bekommt ihr auch Rückmeldungen?
Ja, sehr unterschiedliche.
In den Sportferien wurde ich in einem französischsprachigen Skigebiet beim Zmorgebuffet angesprochen, ob ich nicht diejenige vom Podcast «Let’s talk about Sek!» sei. Die Frau erzählte mir, sie höre jede Folge, und die letzte habe ihr konkret bei einer Entscheidung geholfen. Solche Begegnungen berühren mich sehr und bestärken mich, weiterzumachen.
Es gibt aber auch Hate-Kommentare oder ungefragtes Feedback im Lift, wenn ich mal etwas «falsch» gesagt habe oder etwas Wichtiges nicht erwähnt wurde. Was Kommentare auf Plattformen oder auf Instagram betrifft, gilt für mich: any press is good press. Oder wie es Oliviero Toscani sagte: «Wer allen gefällt, der gefällt schliesslich niemandem richtig; die zwanghafte Suche nach dem Konsens (…) führt direkt in die Mittelmässigkeit.»
Ich bewege mich gerne da, wo die Funken springen. Dort ist die Energie, die Veränderung ermöglicht. Und wer sich so zeigt wie wir, wird auch kritisiert. Das gehört dazu.
In einer Serie habt ihr jüngst den Vierfachmord von Rupperswil 2015 thematisiert. Du warst damals Klassenlehrerin des jüngsten Opfers. Weshalb hast du dich dazu entschieden, dich nochmals mit diesen schrecklichen Ereignissen auseinanderzusetzen?
In meiner Tätigkeit habe ich schon unendlich viel erlebt. Ich thematisiere schnörkellos und sehr authentisch. Ich verberge nichts: keine Unsicherheiten, keine Unschönheiten, keine Fails. Lehrersein ist nicht nur Schoggi. Alle haben wir schon Grenzsituationen erlebt.
In diesem Kontext ist das Thema «Rupperswil» zu sehen. Wer in der Serie mit Allan Guggenbühl Sensationen sucht, wird keine finden. Die mediale Berichterstattung war reisserisch – unser Zugang ein anderer.
In den Folgen mit Guggenbühl geht es um die grundlegende Frage, wie Schulen und Lehrpersonen mit Gewalt, Mord, Suizid oder anderen Todesfällen umgehen. Wie sprechen wir darüber mit Klassen? Wie schützen wir Kinder, Jugendliche – und uns selbst?
Wer mehr wissen will, darf sich gerne selbst ein Bild machen und reinhören.
Wie soll es mit dem Podcast weitergehen? Hast du da konkrete Vorstellungen?
Natürlich wünsche ich mir, dass der Podcast mehr Menschen erreicht. Momentan haben wir eine kleine, überschaubare Zuhörerschaft und jede/r einzelne Hörer*in wird gefeiert.
Künftig möchten wir regelmässiger Gäste einladen. Einige Zusagen haben wir bereits und darauf freue ich mich sehr.
Und, da man auch träumen darf: Eine Live-Podcast-Show im Studio 2 im Brunnenhof, das wär was!
Lass uns jetzt noch etwas vertiefter auf deine Tätigkeit als Sekundarlehrerin zu sprechen kommen. Du übst diesen Beruf bereits seit 20 Jahren aus. Weshalb wurdest du Lehrerin und was gefällt dir daran?
Das ist eine gute Frage. Sie wird mir tatsächlich in letzter Zeit häufiger gestellt. Ich selbst war eine schwierige Schülerin; eckte an, war aufmüpfig und frech. Schon in jungen Jahren spielte ich «Schule». Ursprünglich wollte ich Lehrerin werden für junge gehörlose Erwachsene – und dafür brauchte man ein Lehrer*innenpatent.
Heute liebe ich die Arbeit mit Jugendlichen. Sie haben eine unglaubliche Energie, stellen Autoritäten infrage und zwingen mich, meine eigenen Werte immer wieder zu überprüfen. Ich möchte meinen Schülerinnen und Schülern die Werkzeuge mitgeben, mit denen sie ihre eigene Welt erschaffen können. Und das ist eben kein Passé Composé oder der Satz von Pythagoras – es sind die Lebenskompetenzen wie die Sprache, das kritische Denken, Lösungsstrategien, Debattenkultur und der Glaube an die eigene Selbstwirksamkeit.
Was hat sich am Lehrer*innenberuf in dieser Zeit gewandelt?
Früher war ich Lehrerin: Ich stand vorne, erklärte und alle machten mehr oder weniger dasselbe. Heute sehe ich mich mehr als Begleiterin und frage eher: Wo stehst du, Schüler, Schülerin, welches sind deine Ziele und was kann ich tun, um dich auf deinem Weg zu unterstützen? Manchmal muss ich aber auch einfach hinstehen und den Jugendlichen die Stirn bieten. Sie brauchen Erwachsene, mit denen sie Konflikte «üben» können. Wir Erwachsene müssen diese Übungsräume bieten und dürfen den Jugendlichen nicht alle Steine aus dem Weg räumen. Kinder und Jugendliche sollen lernen, wie man herausfordernde Situationen überwindet. So lernt man fürs Leben!
Die grundlegenden Fragen, Unsicherheiten und Konflikte untereinander sind gleichgeblieben. Der Kontext aber hat sich verändert, auch das Tempo und die Reize, deren die Kinder permanent ausgesetzt sind. Der Leistungsdruck war meines Erachtens noch nie so hoch wie heute.
Was sind deiner Meinung nach die grössten Herausforderungen, mit denen sich die Volksschule heute konfrontiert sieht?
Schule ist immer Teil der Gesellschaft und spiegelt deren Entwicklungen wider. Wir tragen alle unsere Verantwortung: Eltern, Gleichaltrige, Politik, Internetkonzerne und Schule. Alle spielen eine wichtige Rolle in der Erziehung. Deshalb kann man Schule nur in diesem Zusammenhang verstehen.
Wenn wir zum Beispiel den immensen Leistungsdruck unserer Jugendlichen vermindern wollen, müssen wir zuerst bei uns beginnen und unsere Erwartungshaltung hinterfragen.
Der hohe Leistungsdruck und die permanente Reizüberflutung, ja, das sind meines Erachtens die grössten Herausforderungen. Dazu kommen die Themen der Individualität, der Chancengleichheit oder der Inklusion und so weiter und so fort.
Schule ist ein lebendiges Konstrukt. Auch wenn einige gerne zurück wollen zu den alten Strukturen – das geht nicht. Die Zeiten haben sich geändert.
Was würdest du verändern?
Ich würde das Langzeitgymi und die Einteilung in Sek A, B, C abschaffen. Und ich würde generell einen Gang runterschalten und wieder mit Büchern, Nachschlagewerken, Stift und Papier arbeiten. Mehr ist nicht immer mehr und «das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht».
Vor einem Jahr seid ihr, das Team der ehemaligen Sekundarschule Riedtli zusammen mit den Schüler*innen, gezügelt – von einem über 100-jährigen Schulhaus ins ehemalige Radiostudio Brunnenhof. Das war für alle Beteiligten ein ziemlicher «Hoselupf». Wie lautet dein Zwischenfazit?
Ich kam vor fünf Jahren ins Riedtli. Der Wechsel von der Bezirksschule im Kanton Aargau zur Sek war anfangs alles andere als einfach. Was mich aber ungemein beeindruckte, war der «Riedtligeist». Davon Abschied nehmen war eine Herausforderung. Jetzt sind wir im Brunnenhof und entwickeln den «Brunnenhof»-Geist.
Ort und Strukturen sind für mich eher sekundär. Eine gute Schule ist ein Ort, wo Jugendliche sich wohl fühlen, ernst genommen und gefördert werden. Die Schulleitung bildet den Kern der Schule.
Mit dem Brunnenhof haben wir alles, um dies zu erreichen. Ich bin überzeugt, dass es gelingen wird.
Anne Gully ist Sekundarlehrerin mit über 25 Jahren Berufserfahrung an der Volksschule. Seit August 2021 arbeitet sie Vollzeit als Klassenlehrerin in der Stadt Zürich – zuerst im Riedtli, jetzt im Brunnenhof. Zuvor war sie zwölf Jahre (2009-2021) als Sek- und Bezirksschullehrerin im Kanton Aargau und vier Jahre in Neuseeland als Oberstufenlehrerin tätig. Sie ist Mutter zweier erwachsener Kinder.