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Zürich unterstützt Erst-Flucht-Stadt im Libanon

17. Juli 2017 - Christina Wandeler

Im Herbst 2015 lancierte die Stadt Zürich im Rahmen ihres flüchtlingspolitischen Aktionsprogramms das sogenannte Erst-Flucht-Stadt-Projekt. Als privilegierte Stadt möchte Zürich direkt mit einer Stadt in der Nähe einer Konfliktzone zusammenarbeiten – mit einer Stadt, die durch Flüchtlinge stark belastet ist. Das Projekt ist zweiteilig: Die erste Phase, in welcher drei «Community Support Projects» im Süden Libanons unterstützt wurden, konnte erfolgreich abgeschlossen werden. In einer zweiten Phase soll nun eine Zusammenarbeit mit der Stadt Tyros initiiert werden. 

Dramatische Flüchtlingssituation

Über 60 Millionen Menschen sind heute auf der Flucht – so viele wie seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr. Gemäss der UN-Flüchtlingsagentur UNHCR werden täglich 34‘000 Menschen aus ihrem Zuhause vertrieben. Von den über 60 Millionen Flüchtlingen weltweit gelangen etwa sechs Prozent nach Europa – unter anderem in die Schweiz.

Im Herbst 2015 ist die Anzahl Asylsuchender in der Schweiz – wie an vielen Orten Europas – im Zuge des Syrienkonflikts markant gestiegen. Auch die Stadt Zürich war dadurch stark gefordert. Die Folgen dieser Massenmigration betreffen die Städte ganz besonders: Zwei Drittel aller Fliehenden halten sich in Städten auf – in der Hoffnung auf Sicherheit, Arbeit und eine neue Lebensperspektive.

Angesichts der aussergewöhnlich dramatischen Situation im Herbst 2015 beschloss die Stadt Zürich, einen solidarischen Beitrag zu leisten. In der Folge hat sie ein flüchtlingspolitisches Aktionsprogramm ins Leben gerufen, das über ihre reguläre Flüchtlings- und Integrationspolitik hinausgeht. Dieses Programm beinhaltet lokale, aber auch internationale Interventionen.

Hilfe von Stadt zu Stadt

Auch wenn im öffentlichen Diskurs immer wieder von Flüchtlings-«Wellen», «Massen» und «Strömen» gesprochen wird, die sozusagen über Europa «hereinbrechen», muss man sich eines immer wieder deutlich vor Augen führen: Über 90% der Flüchtlinge halten sich nicht in Europa auf und kommen gar nie bis nach Europa. Die meisten bleiben in Entwicklungs- und Schwellenländern. In Kontext des Syrienkrieges sind zuvorderst die Nachbarländer Jordanien, Libanon und die Türkei betroffen.

Das internationale Engagement der Stadt Zürich basiert deshalb auf der Absicht, eine so genannte «Erst-Flucht-Stadt» zu unterstützen. Als privilegierte Stadt möchte Zürich direkt mit einer Stadt in der Nähe einer Konfliktzone zusammenarbeiten – mit einer Stadt, die durch Flüchtlinge stark belastet ist.

In Grafik 1 ist die Anzahl Flüchtlinge pro 100'000 EinwohnerInnen Mitte 2015 angegeben.
Anzahl Flüchtlinge pro 100'000 Einwohnerinnen und Einwohner (Quelle: UNHCR)

Gemessen an seiner Bevölkerung ist der Libanon dasjenige Land, das die grösste Anzahl syrischer Flüchtlinge aufgenommen hat. Die libanesischen Städte und Dörfer, auch die palästinensischen Flüchtlingslager im Land, sind heute in einem Mass durch die Integration von Flüchtlingen aus Syrien belastet, das man sich in Europa kaum vorstellen kann. Deshalb hat Zürich sich zum Ziel gesetzt, im Libanon eine der vielen «Erst-Flucht-Städte» partnerschaftlich zu unterstützen – pragmatisch und in direkter Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden vor Ort.

Mit dieser «Von-Stadt-zu-Stadt-Hilfe» sollen die dortigen Behörden und die Bevölkerung «ihre» Flüchtlinge besser integrieren können. Ziel ist es, die Unterstützung nicht nur einseitig auf die Flüchtlinge zu konzentrieren. Auch die lokale Bevölkerung soll von Zürichs Engagement profitieren. Dieser Aspekt ist sehr wichtig, um den sozialen Zusammenhalt in diesen stark belasteten Gemeinden zu fördern und das gute Zusammenleben zu erhalten.

Da für dieses Vorhaben tiefgreifende Kenntnisse der institutionellen und politischen Situation vor Ort notwendig sind, arbeitet die Stadt seit Beginn des Projekts mit Partnerorganisationen, die über das notwendige Know-how verfügen.

Die Grafik 2 zeigt die zwei Phasen des Projekts Erst-Flucht Stadt. Die erste Phase besteht aus drei Community Support Projects, die zweite Phase aus einer Projektpartnerschaft von Stadt zu Stadt.
Die zwei Phasen des Erst-Flucht-Stadt Projekts

Phase 1: Drei «Community Support Projects» erfolgreich umgesetzt

Mit Hilfe von Solidar Suisse wurde im Sommer 2016 eine Ausschreibung für drei Projekteingaben für je rund 35'000 Franken durchgeführt. Schon bei der Projektkonzipierung wurden alle betroffenen Akteurinnen und Akteure einbezogen, auch syrische Flüchtlinge. Solidar Suisse hat mit 34 Gemeinden Gespräche geführt. Sechs Projekte wurden schliesslich eingereicht und geprüft. Drei Projekte wurden der Stadt Zürich zur Genehmigung vorgelegt. Die Umsetzung dieser drei Projekte ist im letzten Dezember gestartet. Zwei wurden per Ende März 2017 abgeschlossen, eines steht kurz vor dem Abschluss.

Alle drei Projekte sind im Süden Libanons situiert, in der Region von Nabatieh.

Schülerinnen in einer Schule in Homin el Fawkaa
Schülerinnen in der unterstützten Schule in Homin el Fawkaa

Im ersten Projekt wurde eine Schule in Homin el Fawkaa renoviert und mit zusätzlichem Material wie Wandtafeln und Schulbänken ausgestattet. Die Schule war nicht ausgerüstet, um die steigende Zahl der Schülerinnen und Schüler aufzunehmen. Flüchtlingskinder mussten weite und teure Wege in benachbarte Dörfer auf sich nehmen. Mit der Unterstützung durch Zürich wurden beispielsweise die Sanitäranlagen der Schule erneuert und ausgebaut, neue Trinkwasserfilter installiert sowie zusätzliche Pulte, Stühle und Wandtafeln zur Verfügung gestellt. Dank diesen Massnahmen kann die Schule 2017 über 40 zusätzliche syrische Flüchtlingskinder aufnehmen.

Das Gesundheitszentrum in Kaakyet El Jeser wurde durch ein medizinisches Labor ergänzt.
Medizinisches Labor im Gesundheitszentrum in Kaakyet El Jeser

Im Rahmen des zweiten Projektes in Kaakyet El Jeser wurde ein Gesundheitszentrum, das rund 20‘000 Patientinnen und Patienten aus fünf benachbarten Gemeinden – grösstenteils eher arme Libanesinnen und Libanesen sowie Flüchtlinge – versorgt, renoviert und mit einem medizinischen Labor ausgestattet. Das Gesundheitszentrum war dem grossen Patientenzuwachs durch die Flüchtlingskrise nicht gewachsen. Dieser Versorgungsengpass führte zu ernsten Spannungen zwischen der lokalen Bevölkerung und den Flüchtlingen. Schwerpunkt des Projekts war die Einrichtung eines Labors, in welchem medizinische Basis-Tests direkt vor Ort durchgeführt werden können. So werden für die Patientinnen und Patienten weite und kostspielige Reisen in die weiter entfernten Spitäler vermieden. Dank dem Projekt können nun insgesamt 50% Menschen mehr versorgt werden.

Arbeiter bei der Brunnenbohrung in Qasaibet
Arbeiter bei der Brunnenbohrung in Qasaibet

Im dritten Projekt wird in Qsaibet ein neuer Trinkwasserbrunnen gebohrt. Wegen der starken Bevölkerungszunahme und der Verschmutzung vieler Trinkwasserquellen gibt es in vielen Gemeinden nicht genug sauberes Trinkwasser – auch dies führt zu Spannungen zwischen Einheimischen und Flüchtlingen. Mit dem neuen Brunnen soll dies verbessert werden. Seine Fertigstellung steht kurz bevor.

Phase 2: Fokus auf Stadt-zu-Stadt-Hilfe

In einer zweiten Phase möchte die Stadt Zürich den Fokus auf einen direkten Austausch mit einer libanesischen Stadt richten und eine zeitlich begrenzte Projektpartnerschaft mit Tyros im Süden Libanons eingehen. Ziel ist es, durch den Auf- und Ausbau von fachlicher Expertise in zentralen Bereichen der kommunalen Dienstleistungen zu einer nachhaltigen Stärkung der lokalen Strukturen beizutragen – zum Nutzen der lokalen Bevölkerung und der Flüchtlinge.

Eine Herausforderung und eine Chance zugleich in diesem Zusammenhang ist die schwache Stellung der kommunalen Ebene im Libanon. Die meisten libanesischen Städte und Gemeinden verfügen über viel zu geringe finanzielle und personelle Ressourcen, um der eigenen Bevölkerung und den Flüchtlingen dringend benötigte Dienstleistungen zur Verfügung stellen zu können. Bedarf besteht u.a. im institutionellen (z.B. Local Governance, Finanzplanung, Projektmanagement) sowie im technischen Bereich (z.B. Wissensmanagement), aber natürlich auch im Bereich der kommunalen Dienstleistungen (insbesondere Abwasser- und Abfallwirtschaft, Trinkwasserversorgung, etc.). Als Stadt mit nachweislicher Erfahrung in all diesen Bereichen kann Zürich in Ergänzung zur Arbeit zahlreicher NGOs vor Ort einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der libanesischen Städte leisten. Auch für die Durchführung der zweiten Phase ist die Zusammenarbeit mit einer erfahrenen Partnerorganisation notwendig. Es ist vorgesehen, dass UN-Habitat (Libanon) vor Ort für die Projektdurchführung verantwortlich sein wird. Das Programm der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen (UN-Habitat) hat den Auftrag, sozial und ökologisch nachhaltige Städte und Gemeinden zu fördern. Im Libanon trägt UN-Habitat seit vielen Jahren zur Stärkung der lokalen Strukturen bei, unter anderem indem das dortige Habitat-Büro Fachwissen innerhalb der kommunalen Strukturen aufbaut und damit den Gemeinden hilft, die Versorgung der eigenen Bevölkerung und der Flüchtlinge eigenständig sicherzustellen. Im Rahmen dieser Aktivitäten möchte die Stadt Zürich in den Austausch mit der Stadt Tyros treten und einen aktiven Beitrag leisten, unter anderem in Form von «Capacity Building».

Während eines einwöchigen Besuchs einer kleinen Zürcher Delegation im Libanon Ende März 2017 konnten in Zusammenarbeit mit der Schweizer Botschaft bereits aufschlussreiche Gespräche mit UN-Habitat sowie mit Vertreterinnen und Vertretern von Städten und anderen Institutionen geführt werden.

  

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