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Wie sieht die Stadtzürcher Bevölkerung die Dichte ihrer Wohnumgebung? Eine vertiefte Auswertung der Bevölkerungsbefragung 2021

19. Dezember 2022 – Larissa Plüss

Die Stadt Zürich verfolgt das Ziel einer qualitätsvollen Innenentwicklung, die möglichst sozial- und umweltverträglich umgesetzt wird. Als wie dicht nehmen die Einwohner*innen dabei ihre eigene Wohnumgebung wahr, und von welchen Faktoren hängt diese Einschätzung ab? Besteht ein Zusammenhang zwischen der wahrgenommenen und der baulichen Dichte, oder muss die Wahrnehmung der Bevölkerung anders erklärt werden? Die Stadtzürcher Bevölkerungsbefragung 2021 liefert Erkenntnisse zur Wahrnehmung und Bewertung von Dichte durch die Bevölkerung.[1] Mittels einer weiterführenden Analyse werden nun verschiedene Erklärungsansätze für die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Einschätzungen der Einwohner*innen überprüft.

Die Stadt Zürich ist ein sehr begehrter Wohnstandort – seit Ende der 1990er Jahre findet ein starkes, anhaltendes Bevölkerungswachstum statt. Dieses Wachstum erfolgt im Einklang mit den raumplanerischen Vorgaben von Bund und Kanton, wonach eine verstärkte Siedlungsentwicklung nach innen hauptsächlich in den urbanen Räumen stattfinden soll. Mit dem kommunalen Richtplan und verschiedenen nachgelagerten Massnahmen wirkt die Stadt Zürich dabei auf eine möglichst qualitätsvolle räumliche Entwicklung hin. Dazu zählen die Bezeichnung von Gebieten, die für eine zusätzliche Verdichtung geeignet sind, von Flächen für eine gute Versorgung mit öffentlichen Freiräumen, die Koordination mit dem Verkehr und dem Angebot an erneuerbarer Energie sowie die generelle Förderung einer umwelt- und sozialverträglichen Stadtentwicklung.[2]

Wahrnehmung und Bewertung von baulicher Dichte

Die Bevölkerungsbefragung (BVB) aus dem Jahr 2021 zeigt, dass rund 80 Prozent der Einwohner*innen der Meinung sind, dass sich die Stadt Zürich in eine gute Richtung entwickelt. Es finden rund 64 Prozent der Bevölkerung, dass die Stadt durch die Bautätigkeit der letzten Jahre schöner und lebenswerter geworden ist, und es besteht eine hohe Unterstützung von 85 Prozent für die Schaffung von mehr Wohnraum. Gleichzeitig bedauern es aber 74 Prozent der Einwohner*innen, dass durch die Bautätigkeit immer mehr Freiräume verloren gehen (s. Abb. 1).

Abb. 1: Auswertung der städtischen Bevölkerungsbefragung: Bewertung der Bautätigkeit (Quelle: BVB 2021)

Gefragt nach der Dichte ihrer eigenen Wohnumgebung im Vergleich zum übrigen Stadtgebiet, geben knapp 60 Prozent der Einwohner*innen an, dass ihre Wohnumgebung sehr oder eher dicht bebaut sei. Gut 40 Prozent der Bevölkerung erachten ihre Wohnumgebung hingegen als vergleichsweise locker bebaut (s. Abb. 2).

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Abb. 2: Auswertung der städtischen Bevölkerungsbefragung: Wahrnehmung der baulichen Dichte (Quelle: BVB 2021; eigene Darstellung)

Aufgeschlüsselt nach Quartieren zeigt sich, dass die Wohngegend in den Kreisen 1, 4 und 5 sowie im Quartier Seefeld am häufigsten als sehr oder eher dicht bebaut erachtet wird. Am seltensten als dicht wahrgenommen wird die Wohngegend in den Quartieren Fluntern, Friesenberg, Leimbach, Weinegg und Witikon (s. Abb. 3).

Abb. 3: Auswertung der städtischen Bevölkerungsbefragung: Wahrnehmung der baulichen Dichte nach Quartier (Quelle: BVB 2021)

In der städtischen Bevölkerungsbefragung wurde neben der Wahrnehmung der Dichte der eigenen Wohnumgebung zusätzlich nach einer Bewertung dieser Dichte gefragt. Wie in Abbildung 4 dargestellt, erachtet eine klare Mehrheit von 76 Prozent der Einwohner*innen die Bebauungsdichte ihrer Wohngegend als gerade richtig. Knapp 20 Prozent der Befragten finden die eigene Wohngegend eher zu dicht bebaut.

Abb4_AuswertungBVB2
Abb. 4: Auswertung der städtischen Bevölkerungsbefragung: Bewertung der baulichen Dichte (Quelle: BVB 2021; eigene Darstellung)

Die Auswertung nach Quartieren zeigt: Am häufigsten als eher zu dicht bebaut beurteilt werden die Quartiere Altstetten, Leimbach und Werd (s. Abb. 5). Hier geben bis zu 30 Prozent der Bevölkerung an, dass die bauliche Dichte eher zu hoch ausfalle. Einen Anteil im Bereich von 20 bis 24 Prozent an kritischen Stimmen weisen zudem die Kreise 11 und 12 sowie die Quartiere Albisrieden, Enge, Escher Wyss, Langstrasse und Seefeld auf. Es handelt sich dabei häufig um Quartiere, die während der letzten Jahre einen vergleichsweise starken baulichen Wandel und/oder eine starke Veränderung ihrer Bevölkerungszusammensetzung durchgemacht haben.[3]

Abb. 5: Auswertung der städtischen Bevölkerungsbefragung: Bewertung der baulichen Dichte nach Quartier (Quelle: BVB 2021)

Aufschlussreiche Erkenntnisse ergeben sich zudem aus der gemeinsamen Betrachtung der beiden Fragen: Das Diagramm in Abbildung 6 stellt die Frage zur Wahrnehmung der baulichen Dichte der Frage zur Bewertung dieser Dichte gegenüber. Es zeigt sich, dass diejenigen Personen, die ihre Wohnumgebung als eher oder sehr locker bebaut wahrnehmen, diese Bebauungsdichte als gerade richtig erachten. Bei den Personen, die ihrer Ansicht nach eher dicht wohnen, sind es immerhin noch knapp drei Viertel, die diese Dichte genau richtig finden. Hingegen bewerten etwas mehr als die Hälfte der Befragten, die gemäss ihrer Selbsteinschätzung in einer sehr dichten Umgebung zu Hause sind, diese Bebauung als eher zu dicht. Die Bewertung der baulichen Dichte hängt also deutlich von der wahrgenommenen Dichte der eigenen Wohnumgebung ab.

Abb6_KombiBVB1und2
Abb. 6: Auswertung der städtischen Bevölkerungsbefragung: kombinierte Betrachtung von Wahrnehmung und Bewertung der baulichen Dichte

Erklärende Faktoren für die Wahrnehmung und Bewertung von Dichte

Wie stark werden nun aber Wahrnehmung und Bewertung der Dichte von der effektiven baulichen Dichte der Wohnumgebung bestimmt? Gibt es einen klaren Zusammenhang oder sind andere Faktoren ausschlaggebend? Spielen beispielsweise Alter, Einkommensniveau oder Haushaltszusammensetzung – und damit unterschiedliche Wahlmöglichkeiten bezüglich dem Wohnort – eine wichtige Rolle? Oder hat allenfalls die persönliche Einstellung und Wertehaltung zum Thema Innenentwicklung einen signifikanten Einfluss?

Diese Fragestellungen wurden mit zusätzlichen statistischen Auswertungen überprüft. Anhand von zwei logistischen Regressionsmodellen konnte die Erklärungskraft verschiedener Indikatoren einerseits auf die Wahrnehmung und andererseits auf die Bewertung von Dichte erhoben werden. Die Indikatoren gliedern sich dabei in drei Bereiche: Berücksichtigt wurden (1) unterschiedliche raumbezogene Indikatoren (wie Gebäudevolumen, Überbauungsziffer der Parzelle oder Bevölkerungsdichte im Kleinquartier), (2) Indikatoren bezogen auf Individuum und Haushalt (wie Ausbildung oder Wohneigentumsverhältnis) sowie (3) Indikatoren bezogen auf die Wertehaltung (wie die Einstellung zu Verdichtung und Wachstum). Alle Indikatoren, die dabei in der bivariaten Analyse einen signifikanten Einfluss auf die Wahrnehmung oder Bewertung von Dichte aufwiesen, wurden ins entsprechende Regressionsmodell aufgenommen. Die detaillierten Resultate der beiden Modelle finden sich im methodischen Anhang.

Die statistischen Auswertungen zeigen deutliche Unterschiede zwischen den beiden Regressionsmodellen: Die Wahrnehmung von Dichte auf der einen Seite und die Bewertung dieser Dichte auf der anderen Seite können nicht durch dieselben Faktoren erklärt werden. Im ersten Regressionsmodell zur Wahrnehmung der Dichte ist hauptsächlich der starke Einfluss der tatsächlichen Dichte der Wohnumgebung sichtbar – die Indikatoren zu Individuum und Haushalt haben hingegen nur einen sehr geringen Effekt. Die Bevölkerung erachtet also die eigene Wohnumgebung vor allem dann als dicht, wenn die bauliche Dichte und die Bevölkerungs- und Beschäftigtendichte tatsächlich hoch sind. Es besteht kein statistisch nachweisbarer Zusammenhang mit dem Haushaltsbudget, dem Bildungsgrad oder der Haushaltszusammensetzung. Die persönliche Einstellung zur Bautätigkeit hingegen, und insbesondere Befürchtungen um einen möglichen Freiraumverlust, haben aber ebenfalls einen signifikanten Einfluss im Regressionsmodell. Personen, die es bedauern, dass durch die Bautätigkeit mehr Freiraum verloren gehen könnte, stufen ihre Umgebung tendenziell als dichter ein als die anderen Befragten.

Im zweiten Regressionsmodell zur Bewertung der Dichte hat die effektive bauliche Dichte einen etwas geringeren Einfluss als im ersten Regressionsmodell. So leben die Einwohner*innen, die ihre Wohngegend als eher zu dicht einstufen, zwar auch häufiger in stärker bewohnten Gegenden. Indikatoren wie der Bildungsgrad und das Geschlecht zeigen aber ebenfalls einen signifikanten Effekt auf die Bewertung der Dichte. Frauen stufen ihre Umgebung tendenziell eher als zu dicht ein, und ein höherer Bildungsgrad geht mit einer positiveren Wahrnehmung von Dichte einher. Wie sich zeigt, hat aber in diesem zweiten Regressionsmodell die allgemeine persönliche Einstellung zu Bautätigkeit und Innenentwicklung einen noch stärkeren Einfluss als im ersten Modell. So wird die Ansicht, dass die eigene Wohngegend eher zu dicht sei, signifikant häufiger vertreten von Personen, die der Schaffung von mehr Wohnraum kritischer gegenüberstehen, die einen allfälligen Freiraumverlust durch die Bautätigkeit stärker bedauern und die der Aussage, dass die Stadt durch die Bautätigkeit der letzten Jahre schöner und lebenswerter geworden sei, weniger zustimmen. Die persönliche Wertehaltung hat also einen deutlichen Einfluss darauf, wie die Dichte im eigenen Wohnumfeld beurteilt und bewertet wird – und dies weitgehend unabhängig von der tatsächlichen baulichen Dichte im Wohnumfeld der befragten Personen.

Resümee

In der Stadtzürcher Bevölkerung zeigt sich eine grossmehrheitliche Zustimmung zur städtischen Zielsetzung einer qualitätsvollen Innenentwicklung und der Schaffung von neuem Wohnraum. Zudem erachten drei Viertel der Einwohner*innen die bauliche Dichte ihrer Wohnumgebung als genau richtig. Diese deutliche Akzeptanz von Innenentwicklung und Dichte steht im Einklang mit Erkenntnissen aktueller Forschung, wonach eine urbane Gesellschaft, die bereits mit einer hohen Bebauungsdichte vertraut ist, einer weiteren Verdichtung am offensten gegenübersteht.[4],[5],[6] Knapp 20 Prozent der Stadtzürcher Bevölkerung stufen ihre Wohnumgebung aber als eher zu dicht ein – dies ist häufig in denjenigen Quartieren der Fall, die während der letzten Jahre einen vergleichsweise starken baulichen Wandel und/oder eine starke Veränderung ihrer Bevölkerungszusammensetzung durchgemacht haben.

Die statistischen Analysen haben zudem gezeigt, dass die individuelle Wahrnehmung und Bewertung der Dichte der eigenen Wohnumgebung zu einem substantiellen Anteil durch die tatsächliche Dichte bestimmt wird – Wahrnehmung und Realität decken sich also zu einem hohen Grad. Die allgemeine persönliche Einstellung zu Wachstum, Innenentwicklung und Bautätigkeit stellt aber ebenfalls einen signifikanten Einflussfaktor in der Wahrnehmung und Beurteilung von Dichte dar. So geht eine kritischere Wertehaltung mit der Ansicht einher, dass die eigene Wohnumgebung – unabhängig von der tatsächlichen Nutzungs- und Bebauungsdichte – eher zu dicht sei.

Wohnpolitische Einordnung der Resultate

Die städtischen Strategien sehen bereits heute eine sozial- und umweltverträgliche Innenentwicklung vor, die mit verschiedenen Instrumenten und Massnahmen umgesetzt wird. So betreibt die Stadt Zürich eine aktive Boden- und Wohnpolitik, wirkt auf eine hohe bauliche Qualität hin, fördert eine dauerhaft gute Freiraumversorgung und setzt auf eine entsprechende Sensibilisierung der privaten Bauträgerschaften. Insbesondere in den Quartieren, die sich in einem verstärkten baulichen Wandel befinden, setzt sich die Stadt entsprechend ein, um die bestehende soziale Vielfalt zu erhalten, Verdrängungsprozesse zu minimieren und die Anliegen der Quartierbevölkerung zu berücksichtigen.[7],[8] In der Diskussion zur Innenentwicklung müssen Wachstumsskepsis und insbesondere die Befürchtungen um einen möglichen Freiraumverlust stets angesprochen und aufgenommen werden.

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