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Wie viel Wohnraum braucht der Mensch?

28. März 2013 - Michael Böniger

Mit zunehmendem Wohlstand können sich die Menschen mehr Wohnraum leisten. Deshalb führten in der Stadt Zürich die teilweise wachsenden Haushaltseinkommen in den letzten Jahrzenten zu einem wachsenden Wohnflächenkonsum. In den letzten Jahren wurden daher deutlich grössere Wohnungen gebaut als noch vor 50 Jahren. Seit 1970 hat in der Stadt Zürich die durchschnittliche Wohnfläche pro Person um 11 Quadratmeter zugenommen. Heute beansprucht eine Einwohnerin oder Einwohner im Mittel rund 41 Quadratmeter Nettowohnfläche (Definition in der Kontextbox). Somit hat der Wohnflächenverbrauch seit 1970 um rund 40 Prozent zugenommen.

Die stärkste Zunahme des Wohnflächenverbrauchs pro Kopf hat vor den 1990er-Jahren stattgefunden: Zwischen 1970 und 1989 stieg dieser jährlich um einen halben Quadratmeter. In der gesamten Zeit von 1990 bis heute nahm der Wohnflächenverbrauch gesamthaft noch um einen Quadratmeter zu (+2,5 %).

Wohnfläche (netto) pro Person sowieso Personen pro Wohnung
Grafik 1: Wohnfläche (netto) pro Person sowieso Personen pro Wohnung

Seit Beginn der 2000er-Jahre treten zwei gegenläufige Entwicklungen auf: Einerseits steigt die durchschnittliche Personenbelegung der Wohnungen aufgrund der Zunahme von Familien in der Stadt Zürich wieder an. Andererseits führt der Trend zur Individualisierung zu einem grösseren Wohnflächenverbrauch; zum Beispiel bleiben ältere Menschen des Öfteren länger in ihren Wohnungen und ziehen erst später in Alterswohnungen oder Altersheime um.

Lebten 1970 durchschnittlich 2,7 Personen in einer Wohnung, so waren es dreissig Jahre später rund 1,8. Seither wurden die Haushalte vermehrt wieder grösser. Daher ist seit einigen Jahren ein stagnierender Wohnflächenverbrauch pro Person festzustellen. Viele gemeinnützige Wohnbauträger verlangen eine Mindestbelegung. Sie berechnet sich bei genossenschaftlichen Wohnungen mehrheitlich – zumindest zu Beginn des Mietverhältnisses – aus der Zimmerzahl minus eins. So wird sichergestellt, dass die günstigen Mietzinse der Baugenossenschaften nicht zu einem Mehrverbrauch an Wohnfläche führen. Dies ist mit ein Grund, warum der Wohnflächenverbrauch bei den Baugenossenschaften unter dem städtischen Durchschnitt liegt.

Bei Wohnungen mit Baujahr ab 2001 liegt der Anteil von Wohnungen mit 80 und mehr Quadratmetern bei 81 Prozent. Ein Jahrzehnt zuvor lag dieser Wert bei 64 Prozent. Bei den Wohnungen mit Bauperiode 1961 und 1970 verfügt nur gerade jede vierte Wohnung über einen Grundriss mit mehr als 80 Quadratmetern.

Wohnfläche (netto) pro Wohnung und Bauperiode
Grafik 2: Wohnfläche (netto) pro Wohnung und Bauperiode

Wohnflächenverbrauch nach Eigentümertyp und Gebäudealter

Der Wohnflächenkonsum in der Stadt Zürich variiert je nach Eigentümertyp des Gebäudes: Die Baugenossenschafter/-innen nutzen insgesamt 5,7 Quadratmeter weniger Wohnfläche als die übrige Bevölkerung. (vgl. Publikation der Stadtentwicklung). Bei den Baugenossenschaften ist der Wohnflächenverbrauch in Wohnungen ab Baujahr 1960 in etwa konstant. Grund dafür sind einerseits die Belegungsvorgaben, welche insbesondere zu Beginn des Mietverhältnisses wirken (in älteren, kleinräumigen Wohnungen aber durchaus auch zu geringeren Belegungsdichten führen können). Andererseits bauen die Baugenossenschaften unterdurchschnittlich grosse Wohnungen.

Personen, welche in einer Stockwerkeigentums-Wohnung (gemietet oder selbstbewohnt) leben, belegen markant mehr Wohnraum als die durchschnittliche Stadtzürcher Bevölkerung. Mittlerweile beträgt der Anteil des Stockwerkeigentums am Gesamtwohnungsbestand in der Stadt Zürich acht Prozent. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Wohnungen der privaten Anbieter. Mieterinnen und Mieter in Wohnungen von Privaten nutzen weniger Wohnfläche pro Kopf im Vergleich mit Personen im Stockwerkeigentum, jedoch mehr als Baugenossenschafterinnen und Baugenossenschafter. Dies trifft jedoch erst für die nach 1980 erstellten Wohnungen zu. In den privaten Wohnungen aus der Bauperiode 1961 bis 1970 zeigt sich die Ausnahme: Es wird in diesen Wohnungen pro Kopf weniger Wohnfläche genutzt als in den baugenossenschaftlichen Objekten.

Wohnflächenverbrauch (netto) pro Person nach Eigentümerarten
Grafik 3: Wohnflächenverbrauch (netto) pro Person nach Eigentümerarten

Räumliche Muster des Wohnflächenverbrauchs

Der Wohnflächenverbrauch der Bevölkerung ist in der Stadt Zürich räumlich unterschiedlich verteilt. In Quartieren wie Saatlen in Zürich Nord und Friesenberg am Fusse des Üetlibergs wird pro Einwohner/-in deutlich weniger Wohnfläche als im städtischen Durchschnitt konsumiert. Diese Quartiere haben einen hohen Anteil an gemeinnützigen Wohnbauträgern. Eine Publikation der Stadtentwicklung zeigte zudem, dass diese Gebiete auch einen höheren Anteil an Personen mit tieferen Einkommen aufweisen. Wobei in jenen Quartieren der Wohnflächenverbrauch und auch das Durchschnittseinkommen von Genossenschaftsbewohner/-innen im Quartiervergleich sogar leicht überdurchschnittlich sind.

Im Kontrast dazu stehen die Quartiere des Zürichbergs, wo zahlreiche grössere Wohnungen mit einer tiefen Belegung angesiedelt sind. Dort wohnen Personen mit teils überdurchschnittlichen Einkommen, weshalb ein hoher Wohnflächenverbrauch pro Person anzutreffen ist. In diesen Gebieten im Nordosten der Stadt liegt der Wohnflächenkonsum pro Person teilweise bei über 60 Quadratmetern und somit deutlich über dem städtischen Durchschnitt von 41 Quadratmetern.

Karte Wohnfläche (netto) pro Person
Grafik 4: Karte Wohnfläche (netto) pro Person

Der Wohnflächenverbrauch hängt stark mit der nachhaltigen Entwicklung und der Nutzung des Lebensraumes zusammen. Daher ist die Beobachtung dieser Kenngrösse für den Ressourcenverbrauch von zentraler Bedeutung. Ein grösserer pro Kopf-Verbrauch des Wohnraumes bedeutet einen höheren Energiekonsum. Beispielsweise muss mehr geheizt werden. Hinzu kommt, dass vor allem in Städten ein begrenztes Angebot an Landfläche besteht. Daher kann die Stadt nur nachhaltig wachsen, wenn der Wohnraumverbrauch pro Person nicht markant zunimmt. Heute zeigt sich der Trend zu grossen Wohngemeinschaften. Diese nutzen mehr Räume gemeinsam, was zu einem tieferen Wohnflächenkonsum pro Person führt. Zudem sind neue Wohnformen in sozialer Hinsicht bereichernd.

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