Global Navigation

Medienmitteilungen

Gesundheits- und Umweltdepartement

10. Januar 2019

Frauen mit Herzinfarkt sollten schneller medizinische Hilfe beanspruchen

Gemäss einer kürzlich veröffentlichten Studie des Stadtspitals Triemli zögern Frauen bei einem Herzinfarkt länger als Männer, bis sie medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. Einerseits da Herzinfarkte fälschlicherweise als typische Männerkrankheit betrachtet werden, andererseits weil bei Frauen häufig andere Symptome auftreten als bei Männern.

Spitzenmedizin und Forschung sind eng miteinander verknüpft. Das Stadtspital Waid und Triemli misst der Forschung deshalb einen hohen Stellenwert bei – zum Wohle der Patientinnen und Patienten. Diese profitieren von den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen für Diagnostik und Therapie und erhalten Zugang zu modernsten Behandlungsmethoden. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Klinik für Kardiologie am Stadtspital Triemli hat weltweit für Aufsehen gesorgt. Diese zeigte: Wenn Symptome eines Herzinfarkts auftreten, sollten Frauen rascher medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. Denn Frauen warten in der Regel länger zu als Männer. Dies kann fatale Folgen haben: Die koronare Herzkrankheit als Ursache von Herzinfarkten ist die häufigste Todesursache – bei Männern und Frauen. Frauen mit Infarkten sind zwar durchschnittlich etwa acht bis zehn Jahre älter als Männer, profitieren aber gleichermassen von einer raschen Behandlung.

Unterschiedliche Symptome bei Frauen und Männern

Der Studienautor Dr. Matthias Meyer, Kardiologe am Stadtspital Triemli, nennt zwei Gründe dafür, dass Frauen mit Herzinfarkt länger zögern als Männer: einerseits die weit verbreitete Fehlmeinung, dass es sich um eine typische Männerkrankheit handelt, und andererseits weil Brustschmerzen mit Ausstrahlung in den linken Arm als bekanntestes Symptom eines Herzinfarkts gilt. Dr. Meyer präzisiert: «Die Intensität der Beschwerden bei Frauen und Männern ist zwar ähnlich, aber die Lokalisation variiert. Patienten mit Brustschmerzen, die in den linken Arm ausstrahlen, vermuten am ehesten einen Herzinfarkt als Ursache, wobei dies das typische Symptom bei Männern ist. Frauen hingegen haben häufig auch Schmerzen im Rücken, den Schultern, im Oberbauch oder Kiefer.»

Da Herzinfarkte durch einen akuten Verschluss eines Herzkranzgefässes ausgelöst werden, was zu einer Unterbrechung der Blutversorgung in einem Teil des Herzmuskels führt, zielt die Akutbehandlung auf eine möglichst rasche Wiedereröffnung des Gefässes ab. Dies geschieht in der Regel im Herzkatheterlabor durch Implantation eines Stents. Je schneller dadurch die Blutversorgung wiederhergestellt werden kann, desto mehr Herzmuskelgewebe kann gerettet werden und desto kleiner ist das Risiko einer künftigen Herzschwäche oder gar an einem Herzinfarkt zu versterben. In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren wurden deshalb zahlreiche Massnahmen ergriffen, um die Geschwindigkeit der Behandlung zu erhöhen. Mit der Studie wurde untersucht, ob Frauen und Männer gleichermassen davon profitierten.

Frauen werden gleich schnell behandelt wie Männer

Bei der Studie handelt es sich um eine retrospektive Analyse von 4360 Patienten (967 Frauen und 3393 Männer) mit akutem ST-Hebungsinfarkt (STEMI), welche zwischen 2000 und 2016 am Stadtspital Triemli Zürich behandelt wurden, dem zweitgrössten Herzkatheter-Zentrum in der Schweiz. Primäre Endpunkte der Studie waren zeitliche Veränderungen des sogenannten Patientendelays (der Zeitdauer vom Beginn der Symptome bis zum medizinischen Erstkontakt in einem Spital, einer Ambulanz oder bei einem niedergelassenen Arzt) sowie zeitliche Veränderungen des sogenannten Systemdelays (der Zeitdauer vom medizinischen Erstkontakt bis zur Wiedereröffnung des Herzkranzgefässes im Herzkatheterlabor). Der sekundäre Endpunkt war die Spitalsterblichkeit. Im 16 Jahre umfassenden Untersuchungszeitraum konnte der Systemdelay bei Frauen und Männern gleichermassen deutlich reduziert werden. Dr. Meyer sagt: «Wir fanden keinen Unterschied in der medizinischen Versorgung von Frauen und Männern, wobei heute deutlich rascher der Stent implantiert wird, als dies in der Vergangenheit der Fall war.»

Notfallsituation oder nicht?

Bezüglich dem Patientendelay konnte hingegen über die 16 Jahre nur eine marginale Reduktion bei Männern, jedoch gar keine Veränderung bei Frauen beobachtet werden. Dabei warten Frauen durchschnittlich etwa 37 Minuten länger als Männer, bevor sie medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. Zudem waren klinische Zeichen, die für anhaltende Infarktsymptome sprechen, nur bei Männern mit kürzeren Delays assoziiert. «Frauen mit einem Herzinfarkt scheinen ihre Beschwerden seltener einer medizinischen Notfallsituation, welche unmittelbare Behandlung erfordert, zuzuschreiben als Männer», erzählt Dr. Meyer. Die Spitalsterblichkeit über die gesamte Studiendauer war höher bei Frauen (5,9 Prozent) als bei Männern (4,5 Prozent). Allerdings waren die zeitlichen Verzögerungen primär nicht dafür verantwortlich. Dr. Meyer erklärt: «Die Spitalsterblichkeit hängt mehr von den akuten Komplikationen eines Herzinfarkts ab als von den zeitlichen Verzögerungen. Aber wir wissen aus früheren Studien, dass die Behandlungsgeschwindigkeit einen Einfluss auf das Langzeitüberleben hat. Deshalb zählt bei einem Herzinfarkt jede Minute. Bei Auftreten von Infarktsymptomen wie Brustschmerzen, Schmerzen im Hals, Nacken, den Schultern, im Rücken oder Oberbauch, welche mehr als 15 Minuten anhalten und häufig von Übelkeit, Schweissausbrüchen, Atemnot oder existentieller Angst begleitet sind, sollte deshalb sofort professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden.»

(Originalpublikation: Meyer MR, Bernheim AM, Kurz DJ, O’Sullivan CJ, Tüller D, Zbinden R, Rosemann T, Eberli FR. Gender differences in patient and system delay for primary percutaneous coronary intervention: current trends in a Swiss ST-segment elevation myocardial infarction population. European Heart Journal Acute Cardiovascular Care 2018; published online. An official peer-reviewed journal of the European Society of Cardio)

Thema: Gesundheit

Organisationseinheit: Stadtspital Triemli, Stadtspital Waid