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Dr. Irene Bopp-Kistler erhält Auszeichnung für ihr Lebenswerk in der Altersmedizin

Dr. med. Irene Bopp

Dr. Irene Bopp-Kistler (63) ist Internistin, Geriaterin, Leitende Ärztin der Universitären Klinik für Akutgeriatrie im Stadtspital Waid und Triemli, Lehrbeauftragte an der Universität Zürich, Buchautorin, Gründungsmitglied der Fachgesellschaft für Geriatrie, Stiftungsrätin der Stiftung Sonnweid und Vizepräsidentin des Alzheimer Forum Schweiz. Ihr langjähriges Engagement insbesondere für Menschen mit Demenz und ihre Angehörige wird nun mit dem Fokuspreis von Alzheimer Zürich ausgezeichnet. Im Interview erzählt sie, wie sie über Umwege zur Altersmedizin gekommen ist, was sie Demenz-Betroffenen rät und was ihr diese Auszeichnung bedeutet.

War es schon immer Ihr Wunsch, sich für die Altersmedizin einzusetzen?
Ursprünglich wollte ich in der Kinderheilkunde Fuss fassen. Hätte mir während des Medizinstudiums jemand gesagt, dass es mich in die Altersmedizin verschlagen wird, hätte ich das nicht geglaubt. Für junge Ärztinnen und Ärzte direkt ab Studium war es damals schwierig, den Einstieg in die Praxis zu finden. Ich erweiterte meinen Blickwinkel und wurde für andere medizinische Bereiche offen. Ein Jahr vor dem Erreichen des Facharzttitels in innerer Medizin, startete ich 1985 als Assistenzärztin in der Klinik für Rheumatologie und Rehabilitation im Stadtspital Waid. Unter der Leitung von Dr. Paolo Six – einem der bekanntesten Altersmediziner der Schweiz – sollte nur ein Jahr später aus der rheumatologischen Klinik eine Klinik für Geriatrie aufgebaut werden.

Wie sahen die ersten Schritte aus?
An das erste Treffen zwischen Paolo Six, einem Pionier der Altersmedizin und mir, einer jungen Oberärztin i.V, erinnere ich mich noch ganz genau. Angesichts einer grossen gesundheitspolitischen Unsicherheit war es unklar, was aus der rheumatologischen Klinik werden sollte. Mein Fernziel war damals die Nephrologie oder der Einstieg in eine Allgemeinpraxis. Paolo Six verstand es in kürzester Zeit, mich für den Aufbau einer geriatrischen Klinik zu begeistern. Nach einer Stunde meinte er, dass er mich als junge Ärztin – ich war damals erst 29 Jahre alt –, zur Oberärztin befördern und zusammen mit mir, die Klinik für Akutgeriatrie aufbauen möchte. Für mich war das ein Weg ins Unbekannte, doch ich nahm die Herausforderung dankend an.

Wie haben Sie diesen Aufbau erlebt?
Wir arbeiteten intensiv am Aufbau der Klinik für Akutgeriatrie. Damals gab es in der Schweiz noch keine Fachgesellschaft. Deshalb waren wir Gründungsmitglied unserer Fachgesellschaft und ich Vorstandsmitglied der ersten Stunde. Zunehmend rückte auch die Architektur in den Vordergrund, weil ein Um- und Neubau geplant war. Wir liessen uns von anderen Kliniken in ganz Europa inspirieren. Besonders wichtig war uns der Lichthof, damit sich unsere Patientinnen und Patienten wie auf einem Dorfplatz fühlen. Die Aufenthaltsräume sollten als Begegnungszentrum mit anderen Patientinnen und Patienten dienen. Hinzu kamen das Farbkonzept und die vielen Details der Zimmer sowie genügend Platz für eine permanente Rehabilitation mitten auf der Abteilung. Vor 23 Jahren entstand die Memory Clinic, die ich zusammen mit der leitenden Psychologin, Frau Brigitte Rüegger-Frey, aufbaute. Von Beginn an, war uns neben der Diagnostik, die Begleitung der Patientinnen und Patienten und deren Angehörigen, von der Diagnose bis zum Einstritt ins Pflegeheim, wichtig. Unterdessen ist unsere Memory Clinic eine der grössten und führenden Memory Kliniken der Schweiz geworden.

Mit welchen Symptomen kommen Patientinnen und Patienten in die Memory Clinic?
Patientinnen und Patienten oder ihre Angehörigen nehmen meistens als erstes Kontakt mit ihrem Hausarzt auf. Sie berichten darüber, dass sie Schwierigkeiten mit dem Gedächtnis haben oder ihnen einfache Alltagstätigkeiten wie zum Beispiel das Bezahlen von Rechnungen oder das Ausfüllen der Steuererklärung plötzlich Mühe bereiten. Die Ursachen dafür können sehr vielfältig sein und gehen über Demenz, Burnout, Depression bis hin zu einem Hirntumor. Die Hausärzte überweisen uns die Patienten für eine genaue Abklärung. Eine enge Zusammenarbeit mit den Grundversorgerinnen und Grundversorgern ist uns seit Beginn sehr wichtig.

Wie gehen Sie vor, um der Ursache auf den Grund zu gehen?
Die Grundlage Demenzdiagnostik ist wie ein Puzzle, das es zusammenzubauen gilt. Das wichtigste ist die Anamnese (Geschichte der Erkrankung), beschrieben durch die Patienten aber auch durch deren Angehörige. Es folgt eine breite medizinische Diagnostik. Dazu gehört eine Bildgebung, meist ein MRI, mit dem andere Erkrankungen wie zum Beispiel Blutungen oder Tumore ausgeschlossen werden können. Oft zeigt sich eine Hirnschrumpfung, die gut zum Bild einer Alzheimerdemenz passt. Eine breite neuropsychologische Testung, in der die Funktionen aller Hirnregionen untersucht werden, trägt dazu bei, eine Demenzerkankung von einer Depression oder einem Burnout abzugrenzen. Sie ist aber auch Grundlage zur Einordnung des Demenztyps sowie von Schwächen und Stärken der Patienten. Nach intensiver Beurteilung aller Befunde wird in einer Diagnosekonferenz die Diagnose festgelegt. Es folgt das Diagnoseübermittlungsgespräch, das wir interdisziplinär zwischen Ärzten, Psychologen und Betroffenen durchführen.

Welche Folgen hat eine Demenzerkrankung für Patienten und deren Angehörigen?
Nach der ersten Schockreaktion können insbesondere Angehörige meist unsere Überlegungen sehr gut einordnen und sind froh, dass endlich Klarheit herrscht. Die Betroffenen reagieren sehr unterschiedlich von gelassen, über wütend bis hin zu vollem Verständnis. Ziel des Gesprächs ist, dass wir gemeinsam einen Weg finden, wie der Betroffene am besten mit der Krankheit umgehen kann. Eine Demenzerkrankung birgt oft auch innerhalb der eigenen Familie hohes Konfliktpotenzial. Im fortgeschrittenem Stadium ist zum Beispiel ein tiefgründiges Gespräch oder eine hitzige Diskussion zwischen Ehepartnern nicht mehr möglich. Ganze Familiensysteme können auseinandergerissen werden. Nicht selten nehmen an den Sprechstunden deshalb auch ganze Familien teil. Dabei besprechen wir Alltagsprobleme, aber auch sehr emotionale Themen wie der Verlust der gewohnten Partnerschaft, Schuld und Scham. Angesichts der Demenz wird der Verlust der Urteilsfähigkeit des Erkrankten zunehmend in den Vordergrund treten. Deshalb sollten von Beginn an Themen des «Advance Care Planning», wie die Erstellung einer Patientenverfügung oder eines Vorsorgeauftrages, besprochen werden.

Irene Bopp-Kistler und Ihr Buch
Buch «Demenz. Fakten, Geschichten, Perspektiven» von Irene Bopp-Kistler

In Ihrem Buch «Demenz. Fakten, Geschichten, Perspektiven» geht es darum, wie Betroffene dieser Krankheit respektvoll begegnen können. Medikamente, um diese Krankheit zu besiegen, gibt es noch keine. Was raten Sie Betroffenen, wie sie am besten damit umgehen sollen?
Das wichtigste ist, dass Patientinnen und Patienten trotz Demenz-Erkrankung wieder eine Sinnhaftigkeit in ihrem Leben finden. Dies ist einfacher gesagt als getan. Wir klären auch sehr viele junge Betroffene ab, die noch im Berufsleben sind. Die Diagnose einer Alzheimerdemenz bedeutet den Verlust der Arbeitsstelle, aber auch des gewohnten sozialen Umfeldes. Wir begleiten Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörige auf diesem Weg und unterstützen sie auf emotionaler und fachlicher Ebene. Auf emotionaler Ebene arbeiten wir eng mit der Alzheimervereinigung und anderen Vereinigungen (z.B. Pro Senectute, Nachbarschaftshilfe, Pro Infirmis u.a.) zusammen und definieren für Betroffene verschiedene passende Angebote wie zum Beispiel ein Gipfeltreffen oder die Teilnahme in Angehörigengruppen. Auf fachlicher Ebene sind wir bestrebt eine optimale, interdisziplinäre Therapie festzulegen. Bringt die Krankheit zum Beispiel eine Sprech- Sprach- oder Schluckstörung mit sich, arbeiten wir eng mit der Logopädie zusammen, bei Alltagsproblemen mit der Ergotherapie, bei einer Schlafstörung mit der Pneumologie und bei einer Gehstörung mit der Physiotherapie.

Sie werden für Ihr Lebenswerk mit dem Fokuspreis von Alzheimer Zürich ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen diese Anerkennung?
Ich freue mich riesig über diesen Preis der Alzheimervereinigung und er bedeutet mir sehr viel. Ich möchte mich bei dieser Gelegenheit herzlich bei der Alzheimervereinigung dafür bedanken. Der Preis ist für mich ein Zeichen grosser Wertschätzung. Zudem darf ich mich auch immer über sehr viel Wertschätzung seitens Betroffenen und deren Angehörigen erfreuen, zum Beispiel in Form von Briefen, Gesten und Telefongesprächen. Aber auch Umarmungen von Patientinnen und Patienten waren, zumindest vor Corona-Zeiten, nicht selten der Fall.

Irene Bopp-Kistler am tanzen
Irene Bopp-Kistler begleitet die Alzheimer-Ferienwoche der Alzheimervereinigung Zürich in Oberägeri.

Im Oktober 2021 werden Sie pensioniert. Wie schwer fällt Ihnen der Abschied und wie sehen Ihre Pläne für danach aus?
Der Abschied fällt mir einerseits schwer, andererseits bin ich dankbar, dass ich mein Wissen an die nächste Generation weitergeben durfte und darf. Im Herzen werde ich für immer mit dem Waidspital verbunden bleiben und möchte mich an dieser Stelle für die grosse, langjährige Unterstützung bedanken. Ich bin sicher, dass die Memory Clinic in den besten Händen sein wird und sich im universitären Setting noch weiter entwickeln wird. Zum Leben gehört aber auch das Loslassen. Ganz Loslassen werde ich jedoch nicht. Teilzeit werde ich in einer Praxis weiterarbeiten und für Menschen mit Demenz und deren Angehörigen da sein – sicher auch in bester Zusammenarbeit mit der Memory Clinic. Privat möchte ich mich im Bereich der Fotografie weiterentwickeln. Zudem freue ich mich sehr darauf, mehr Zeit mit meinem Mann und auf meinem Fahrrad in der Natur zu verbringen.

Aufgrund Covid-19 findet die Preisübergabe an Dr. Irene Bopp-Kistler im kleinsten Rahmen statt. Die Festlichkeit der Fokuspreisverleihung, organisiert durch die Alzheimervereinigung Zürich, wird aufs nächste Jahr verschoben. 

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