Die Stadt Zürich reagiert auf einen nigerianischen Restitutionsantrag und übernimmt Verantwortung im Umgang mit kolonialzeitlichen Sammlungen. Die National Commission for Museums and Monuments (NCMM) hat im Juli 2024 im Auftrag der nigerianischen Regierung und des Königshofs von Benin eine formelle Restitutionsforderung für elf Benin-Werke aus dem Museum Rietberg gestellt.
Der Stadtrat hat entschieden, der Restitutionsforderung aus Nigeria nachzukommen. «Die Stadt Zürich nimmt ihre Verantwortung ernst. Wir sind überzeugt, dass ein gerechter Umgang mit Kulturgütern auch bedeutet, historische Ungerechtigkeiten anzuerkennen und aktiv zu korrigieren», sagt Stadtpräsidentin Corine Mauch. Die betroffenen Werke sind für Nigeria und die Nachkommen des Königtums Benin von herausragender kultureller und spiritueller Bedeutung. NCMM-Direktor Olugbile Holloway nimmt den Entscheid denn auch mit grosser Genugtuung zur Kenntnis: «Der Entscheid der Stadt Zürich wird auf jeden Fall dazu beitragen, bestimmte Aspekte unserer kolonialen Vergangenheit zu heilen. Ich bin sicher, dass der Königspalast von Benin, die Bevölkerung von Benin und alle Nigerianerinnen und Nigerianer die Symbolik dieser bedeutsamen Rückgabe aufrichtig zu schätzen wissen werden.»
In Abstimmung mit der NCMM sowie dem Königshof von Benin wurde in den vergangenen Wochen geprüft, ob einzelne Werke künftig als Leihgaben im Museum Rietberg Zürich (MRZ) gezeigt werden können. Diese Prüfung ist nun abgeschlossen: Es wurde beschlossen, dass nach der Eigentumsübertragung an die NCMM einige Werke als Leihgaben im Museum Rietberg verbleiben. Ziel ist es, die kulturelle Bedeutung der Werke in der Schweiz weiterhin sichtbar zu machen und den Dialog mit Nigeria nachhaltig zu stärken. Die Rückführung der restlichen Objekte nach Nigeria ist für den Sommer geplant.
Gemeinsam mit Völkerkundemuseum und Musée d'ethnografie de Genève
In den letzten Jahren kam es zu bedeutenden Restitutionen: 2022 übertrugen deutsche Museen rund 1100 Werke an Nigeria, 2025 folgte die Rückgabe von 119 Objekten durch die Niederlande und im Februar 2026 informierte die University of Cambridge über die Eigentumsübertragung von 116 Objekten an Nigeria.
Zeitgleich mit dem Museum Rietberg restituieren auch das Völkerkundemuseum der Universität Zürich und das Musée d’ethnographie de Genève (MEG) geplünderte Werke aus dem Königtum Benin an Nigeria. Die Direktorinnen der drei Schweizer Museen, Carine Durand (MEG), Alice Hertzog (Völkerkundemuseum) und Annette Bhagwati (Museum Rietberg) halten in einer gemeinsamen Stellungnahme fest:
«Im Rahmen der Benin Initiative Schweiz haben unsere Museen die Herkunft ihrer Benin-Werke mit wissenschaftlicher Sorgfalt und im engen Austausch mit nigerianischen Partnerinnen erforscht. Die Ergebnisse lassen keinen Zweifel zu: Eine Reihe von Objekten gelangte im Zuge des britischen Angriffs auf das Königtum Benin im Jahr 1897 durch Plünderung und über den internationalen Kunsthandel in unsere Sammlungen. Die Übergabe der Benin-Objekte an Nigeria schafft die Grundlage dafür, dass das Land seine Geschichte auf eigene Weise erforschen, bewahren und vermitteln kann. Als Schweizer Museen und Institutionen, die sich ihrer ethischen Verantwortung bewusst sind und den Dialog mit Herkunftsgesellschaften aktiv suchen, befürworten wir den Eigentumstransfer. Er ist ein notwendiger Schritt der historischen Aufarbeitung, ein Zeichen des Respekts – und ein Ausdruck gelebter internationaler Zusammenarbeit.»
Historischer Kontext
1897 plünderten britische Soldaten den Königspalast in Benin im heutigen Nigeria und beschlagnahmten Tausende von Artefakten – darunter Reliefs, Ahnendarstellungen und rituelle Gegenstände. Diese gelangten als sogenannte «Benin-Bronzen» über den internationalen Kunsthandel in Museen und Sammlungen weltweit. Das Rohmaterial Messing stammte teils aus Europa und wurde im Rahmen des transatlantischen Handels unter anderem gegen gefangene Afrikaner*innen eingetauscht, die verschleppt und an europäische Sklavenhändler verkauft wurden.
Benin Initiative Schweiz (BIS)
2021 schlossen sich acht Schweizer Museen unter Leitung des Museums Rietberg zusammen, um gemeinsam mit nigerianischen Partner*innen die Herkunft ihrer Benin-Werke zu erforschen. Insgesamt befinden sich 96 Objekte in den beteiligten Häusern in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz, darunter das Musée d'éthnografie de la Ville de Genève (9), das Völkerkundemuseum Zürich (18) und das Museum Rietberg (16). Innerhalb der mehrjährigen Forschungsarbeit innerhalb der BIS wurde nachgewiesen, dass 11 der 16 Werke im Museum Rietberg gesichert bzw. mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit geplündert wurden und daher restitutionswürdig sind. Finanziert wurde die Benin Initiative Schweiz vom Bundesamt für Kultur.
Weitere Informationen
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