Sexistische oder abwertende Sprüche, Witze und Nachrichten, obszöne Gesten, unerwünschte körperliche Annäherungen bis hin zu sexuellen Übergriffen – sexuelle und sexistische Belästigung am Arbeitsplatz kann viele Formen annehmen. Auch homo- und transphobe Äusserungen fallen darunter. Sexuelle und sexistische Belästigung am Arbeitsplatz ist in der Schweiz weit verbreitet. Rund ein Drittel der Arbeitnehmenden war bereits einmal betroffen, wie eine neue Studie zeigt. Gleichzeitig wissen viele Arbeitnehmende und Arbeitgebende nicht, was ihre Rechte und Pflichten sind.
Wer ist besonders häufig betroffen von sexueller und sexistischer Belästigung am Arbeitsplatz in der Schweiz? Wo und durch wen erfolgen die Belästigungen? Welche Auswirkungen haben sie? Welche Rechte und Pflichten gelten?
Am BiblioTalk beleuchtet Dr. Lena Liechti (Büro BASS) die neusten Erkenntnisse zu sexueller Belästigung am Arbeitsplatz in der Schweiz.
Transkript «Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz in der Schweiz: Präsentation von aktuellen Studienergebnissen»
Referat von Dr. Lena Liechti, gehalten am BiblioTalk vom 27. Februar 2025: «Das war doch nur ein Kompliment!» Sexuelle und sexistische Belästigung am Arbeitsplatz
Fachstelle für Gleichstellung Stadt Zürich, 17. März 2025
Dr. Lena Liechti: Ja, herzlich Willkommen von meiner Seite. Ich freue mich, so ein zahlreiches Publikum zu haben.
[Folie 2] Ich steige gleich ein. Wie in der Einleitung gesagt, ist der Studienkontext im Auftrag des Eidgenössischen Büro für Gleichstellung (EBG) und SECO. Und ich werde mich methodisch ganz kurzfassen und nur auf diesen einen Bullet Point eingehen. Einfach dass Sie wissen, auf welche Datenbasis sich die nachfolgenden Ergebnisse beziehen. Wir haben eine repräsentative Onlinebefragung bei Arbeitnehmenden und Arbeitgebenden in der Schweiz durchgeführt, an der jeweils mehr als 2000 Teilnehmende vertreten sind.
Rechtlicher Kontext
[Folie 3] Gut, ich komme aber noch nicht direkt jetzt zu den Studienergebnissen, sondern vorab möchte ich noch etwas zu diesem Begriff sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz sagen. Also hier ist sicher der rechtliche Kontext sehr relevant.
Wir haben es einleitend schon gehört: Im Gleichstellungsgesetz ist sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz explizit verboten. Arbeitgebende sind verpflichtet, ihre Mitarbeitenden zu schützen und falls sie eine Meldung erhalten oder bei einem Verdacht, müssen sie unverzüglich handeln. Das ist jetzt so grob die Gesetzeslage.
Und im Arbeitskontext gelten grundsätzlich sexistische und sexuelle Verhaltensweisen als Belästigung, wenn sie von Betroffenen als die persönliche Integrität verletzend empfunden werden.
[Folie 3] Also wir sehen hier verschiedene Elemente. Einerseits muss es einen Belästigungscharakter haben und hier ist die Absicht unerheblich, also wenn die Urhebenden sagten, eben «das war doch nur ein Kompliment», das gilt quasi nicht und auch die Häufigkeit spielt keine Rolle im gesetzlichen Kontext. Es muss sich im Arbeitskontext ereignen, die Vorkommnisse, wobei hier der Begriff weit gefasst wird. Es sind alle arbeitsbezogenen Orte und Kontakte gemeint, also das ist auch ein Weihnachtsessen, eine Dienstreise, das sind auch berufsbezogene Kontakte am Feierabend, am Wochenende oder beispielsweise auch Belästigungen durch unternehmensexterne Personen wie Gäste, Patient*innen, Kund*innen, Lieferanten, Geschäftspartner*innen. Und im konkreten Fall kann sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz sehr unterschiedliche Formen annehmen.
[Folie 4] Ich springe hier jetzt auf die empirische Herangehensweise in der Studie. Wir haben zwölf konkrete Verhaltensweisen erfragt. Das reicht von abwertenden Sprüchen und Witzen über Frauen, Männer oder queere Personen im Allgemeinen bis hin zu sexuellen Übergriffen. Also Sie sehen hier, einerseits sind es Verhalten gegenüber Personengruppen im allgemeinen, wie Frauen, Männer, queere Menschen, es sind aber auch Verhaltensweisen gegen die eigene Person. Die Verhaltensweisen reichen auch von verbalen Überschreitungen bis hin zu körperlichen Übergriffen.
[Folie 5] Wir sind zweistufig vorgegangen bei der empirischen Erhebung, einerseits die zwölf erwähnten – wir nennen das potenziell belästigende – Verhaltensweisen, haben wir erfragt: Also haben sie das erlebt: jemals und im letzten Jahr? In einem zweiten Schritt wurde erhoben, ob das Verhalten beziehungsweise die Erlebnisse als sexuell belästigend oder als unangenehm störend erlebt wurden und damit sexuelle Belästigung im Sinne des Gleichstellungsgesetzes vorliegt. Wir haben das dann in der Berichterstattung subjektive Betroffenheit genannt.
[Folie 6] Der Ablauf der Präsentation der Ergebnisse orientiert sich an den Fragestellungen des Flyers, es geht um Prävalenzen, es geht um Merkmale von Betroffenen und Verursachenden. Es geht darum, wo kommen diese Belästigungen vor?
Was haben sie für Auswirkungen für Betroffene? Und zum Schluss: Was wissen eigentlich Arbeitnehmende und Arbeitgebende zu diesen Rechten und Pflichten im Zusammenhang mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz?
Mehr als die Hälfte aller Befragten im bisherigen Berufsleben betroffen
[Folie 7] Hier sehen Sie die Prävalenzen bezogen auf die Erlebnisse von sexistischen und sexuellen Verhaltensweisen, hier dargestellt mindestens ein Vorkommnis. Und Sie sehen, dass mehr als die Hälfte der Arbeitnehmenden im bisherigen Berufsleben und knapp ein Drittel pro Jahr von solchen sexistischen oder sexuellen, sexualisierten Verhaltensweisen betroffen sind. Sie sehen auch, dass die Prävalenzen bei den Frauen höher sind als bei den Männern; aber Männer auch in einem erheblichen Ausmass betroffen sind.
[Folie 8] Nachfolgend sehen Sie diese zwölf einzelnen Verhalten. Ganz auf der linken Seite für alle Befragten, sortiert nach Häufigkeit. Und hier sehen Sie, dass diese allgemeinen, obszönen, abwertenden Sprüche und Witze am häufigsten vorkommen, also fast die Hälfte hat das schon erlebt im bisherigen Berufsleben.
Am zweithäufigsten, aber nur noch knapp halb so häufig, also rund ein Viertel, war von persönlichen Sprüchen, Anspielungen, die auf die eigene Person bezogen sind, betroffen. Und weniger häufig – also weniger häufig, es ist ja immer zu viel, auch die tiefen Zahlen – aber das sind dann sexuelle Erpressungen oder sexuelle Übergriffe, Vergewaltigungen.
Grosse Geschlechterunterschiede
Sie sehen dann noch einen Vergleich zwischen Frauen und Männer, vielleicht hier noch als Randbemerkung: Also das war unsere Hauptanalysekategorie, dieses binäre halt. Wir haben auch andere geschlechtliche Orientierungen oder Identitäten abgefragt, aber das waren, glaube ich, etwa acht Personen, die sich nicht als Mann oder Frau eingeordnet haben. Und darum war es nicht möglich, da spezifische Auswertungen zu machen. Darum ist quasi Frauen und Männer unsere Hauptanalysekategorie.
Sie sehen, dass eigentlich von allen Verhaltensweisen, bis auf die Konfrontation mit pornografischem Material, Frauen häufiger betroffen sind oder nennen das häufiger. Und besonders bei körperlichen Übergriffen ist die Geschlechterdifferenz sehr hoch, also beispielsweise bei sexuellen Übergriffen. Frauen berichten 25-mal häufiger als Männer von Vorfällen oder auch bei solchen Nachpfeifern und Blicken oder persönlichen Anspielungen sind die Geschlechterdifferenzen gross.
Jetzt noch ein kurzer Exkurs: Wenn man das branchenspezifisch anschaut, sieht man auch unterschiedliche Muster, wo sich welche Verhaltensweisen häufiger zeigen. Also in männerdominierten, manuellen Branchen, den sogenannten «Blue Collar»-Branchen – das ist klassischerweise das Baugewerbe, aber auch die verarbeitende Gewerbeindustrie – werden vor allem sexistische Verhaltensweisen häufig berichtet, also eben obszöne Sprüche, Witze, Gesten, Blicke, Nachpfeifen und pornografisches Material.
In den Bürojobs, auch «White Collar» in der Soziologie genannt – hier klassischerweise jetzt Banken, Versicherungen, Immobilien –, zeigen sich häufig unerwünschte sexuelle Angebote oder sexuelle Erpressungen und sexuelle Übergriffe sind dort überproportional.
Und im Gesundheits- und Sozialwesen, das ist auch wahrscheinlich nicht erstaunlich, sind vor allem körperliche Übergriffe, also unerwünschte Körperkontakte und Begrabschen, gegen den Willen geküsst zu werden, überproportional. Und das Gastrogewerbe schliesslich, dort kommen sämtliche jetzt hier erfragten Verhalten überproportional häufig vor.
Frauen und Männer interpretieren Verhalten anders
[Folie 9] Wir erinnern uns an die zweistufige Erhebungsweise. Hier zeigen sich die Zusammenhänge, d.h. wie werden unerwünschte sexistische und sexualisierte Verhaltensweisen von den Personen, die sie melden, interpretiert? Und hier sehen Sie jetzt die unterste Zeile, «total subjektiv»: Über die Hälfte, die von solchen Verhalten berichten, empfinden diese entweder sehr als sexuell belästigend oder störend oder unangenehm. Und hier sehen wir auch wieder deutliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Frauen nämlich interpretieren diese zu 71% als sexuelle Belästigung im Sinne des GlG und bei den Männern sind es ein Drittel. Und interessant finde ich hier auch, wenn wir die Unterkategorien anschauen, also wir haben in einem ersten Schritt gefragt «Haben Sie das als sexuell belästigend empfunden?», und wenn Sie sagen «Nein», dann haben wir gefragt «War es ihnen sonst wie unangenehm und störend?». Weil rechtlich muss man es nicht als sexuelle Belästigung labeln, damit es darunterfällt. Und wir sehen, Frauen interpretieren das viel häufiger als sexuell belästigend und Männer eher als unangenehm oder störend.
Gut und interessant ist auch, es gab eine ähnliche Studie vor etwa 15 Jahren in 2008 und wenn man die Ergebnisse vergleicht, gibt es Hinweise auf Entwicklungen in Bezug auf die Wahrnehmung von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. Nämlich, dass sexistische und sexualisierte Verhaltensweisen, die als unerwünscht erlebt werden, häufiger als sexuelle Belästigung definiert und wahrgenommen werden. Also dieser Zusammenhang ist viel stärker geworden.
[Folie 10] Hier haben wir noch diese zweite, also diese subjektive Betroffenheit bezogen auf alle Befragten. Also das sind dann die Anteile einfach in der Erwerbsbevölkerung insgesamt und hier sehen wir, dass pro Jahr 12% der Arbeitnehmenden sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz im engeren Sinne erleben und bezogen auf das gesamte Erwerbsleben sind es knapp ein Drittel. Und auch hier sehen wir geschlechtsspezifische Unterschiede, die noch etwas akzentuierter sind, als in Bezug auf die erlebten Verhaltensweisen, was sich dadurch erklärt, dass Frauen eben diese Vorkommnisse häufiger auch als belästigend oder störend definieren und interpretieren.
[Folie 11] Wenn wir schauen, wer ist jetzt besonders häufig betroffen? Was wir gesehen haben, berichten Frauen, jüngere Beschäftigte häufiger von Vorkommnissen, Personen in Ausbildung, wobei es hier natürlich eine Korrelation gibt, da die Jüngeren auch häufiger in Ausbildungen sind, und Hilfskräfte, auch Beschäftigte, die nicht zu klassischen Büroarbeitszeiten arbeiten, sind häufiger betroffen. Also Schicht oder Abend oder in der Nacht. Erstaunlicherweise berichten auch Schweizerinnen und Schweizer häufiger von Vorkommnissen. Da können wir vielleicht noch diskutieren, wie das zustande kommt. Und hier gibt es teilweise auch Überlagerungen der verschiedenen Analysedimensionen, also beispielsweise ist das Alter bei Frauen besonders ausgeprägt, die Altersunterschiede.
Hier sehen wir auch, wenn man beispielsweise die jüngste Altersklasse, das war bei uns 16- bis 25-jährige, anschauen. Da sehen wir, dass ein Drittel der jungen Frauen in diesem Alter pro Jahr über sexuelle Belästigungen im engeren Sinne berichten. Also, das find ich schon massiv hohe Prävalenzen. Bei der Nationalität dagegen sind die Unterschiede bei den Männern stärker ausgeprägt. Es zeigt sich, dass Angestellte in grösseren Betrieben häufiger betroffen sind.
Sexuelle Belästigung findet in den meisten Fällen direkt am Arbeitsplatz statt
[Folie 12] Für sämtliche Vorkommnisse, die berichtet wurden, haben wir erhoben, wo sich diese ereignet haben. Und es zeigt sich, dass die allermeisten sich direkt vor Ort im Betrieb ereignen, also direkt am Arbeitsplatz. Bis zu einem Drittel ereignet sich aber auch in gemeinschaftlichen Aufenthaltsräumen, also Kantine, Gemeinschaftsküche oder Pausenraum. Und hier sind stark verbreitet verbale Formen von potenziell belästigendem Verhalten, also Sprüche, Witze, unerwünschte Geschichten mit sexuellen Inhalten oder persönliche Anspielungen. Bis zu einem Viertel ereignen sich auch in Durchgangsräumlichkeiten, also im Gang oder Aufzug. Und bei den Frauen ist hier das Häufigste [Verhalten] das unerwünschte Anstarren und Blicke. Bei den Männern aber ereignen sich die unerwünschten Körperkontakte häufig in diesen Durchgangsräumlichkeiten.
Es zeigt sich auch, dass ein erheblicher Anteil der Vorkommnisse auch ausserhalb der regulären Arbeitszeit oder Arbeitsort ereignen, nämlich am Feierabend, Wochenende – bis zu über einem Drittel. Hier erleben Männer am häufigsten verbale Grenzüberschreitungen, Frauen eher körperliche. Also sehen wir auch Unterschiede, auch im Rahmen von betrieblichen Veranstaltungen, also Weihnachtsessen klassischerweise oder Betriebsausflüge, hier ereignen sich 10-20% der erhobenen Vorkommnisse. Und hier, das fand ich auch noch ein interessantes Ergebnis, dass Männer häufiger als Frauen berichten hier aufdringliche Angebote mit sexuellen Absichten zu erhalten. Also rund ein Viertel aller aufdringlichen Angebote, die Männer erhalten, ereignen sich auf Weihnachtsfesten oder Ausflügen und bei den Frauen sind es 10%. Und etwas seltener ereignen sich die Vorkommnisse auch auf Dienstreisen. Also hier, dieser tiefe Anteil ist natürlich auch damit erklärbar, dass nicht alle Beschäftigten auf Dienstreisen sind und daher sind auch Männer etwas häufiger betroffen sind als Frauen, weil die eher in Positionen sind, wo Dienstreisen dazu gehören.
[Folie 13] Nebst den Örtlichkeiten haben wir auch einige Angaben zu den Urhebenden erfragt und es zeigt sich, dass sowohl Männer wie auch Frauen am häufigsten von Vorkommnissen berichten, bei welchen ein einzelner oder mehrere Männer die Urhebenden waren. Wenn man sich auf körperliche Übergriffe fokussiert, dann zeigt sich aber, dass diese sowohl bei Männern wie auch bei Frauen häufiger vom jeweils anderen Geschlecht ausgehen und Frauen sind häufig auch quasi zusammen mit Männern beteiligt. Also bis zu einem Viertel erleben diese sexuellen oder sexistischen Verhaltensweisen durch eine gemischt geschlechtliche Gruppe.
In Bezug auf die berufliche Beziehung finden potenziell belästigende Vorkommnisse am häufigsten innerhalb der gleichen Hierarchieebene statt. Das ist wiederum auch ein bisschen ein erwartbares Ergebnis – weil man arbeitet einfach mehr mit Menschen auf der gleichen Ebene. Also das ist rein von dieser Quantität auch erklärbar und auch – finde ich – ein erwartbares Ergebnis, dass bei den Frauen häufiger die Vorgesetzten die Urhebenden sind. Einfach auch wenn man die Struktur auf dem Arbeitsmarkt betrachtet. Unterstellte Personen sind insgesamt selten die Urhebenden, Männer sind etwas häufiger betroffen, also bei den Männern sind etwas häufiger Unterstellte die Urhebenden als bei Frauen.
Genau und sehr relevant auch, also bis zu einem Drittel der Vorkommnisse erfolgen durch unternehmensexterne Personen. Also das zeigt auch, also sowohl berufliche Beziehung wie auch Örtlichkeit, dass das eben wichtig ist, dass der Arbeitskontext so breit gefasst wird, wenn es nicht quasi immer nur zwischen Vorgesetzte und Angestellte im Büro erfolgt.
[Folie 14] Ja, wie reagieren die Arbeitnehmenden auf Vorkommnisse? Welche Folge haben Sie? Am häufigsten haben die Befragten angegeben, dass sie das vor allem im privaten Umfeld thematisieren, aber auch mit Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen. Vergleichsweise selten wenden sie sich an Vorgesetzte, spezialisierte Stellen oder an Personalverantwortliche. Und ich denke wahrscheinlich, irgendwie erstaunlich aber doch auch wieder nicht, passiert es häufig, dass Betroffene auch überhaupt nicht reagieren auf solche Vorkommnisse. Und wir haben hier gefragt nach den Gründen, also offene Antworten. Das ist jetzt nicht repräsentativ oder quantifizierbar, aber was sehr häufig genannt wurde, ist einfach schlicht die Überforderung. Man wusste nicht, wie reagieren und man habe auch erst im Nachhinein gemerkt, ah das war ja wahrscheinlich gar nicht in Ordnung. Also dass man einfach so perplex war und nicht reagieren konnte.
Scham wurde auch sehr häufig genannt. Das haben wir dann auch als Folge, es zeigt sich sehr deutlich. Einige hatten auch angegeben, dass sie Angst haben vor den Konsequenzen oder dachten es bringt sowieso nichts, also nehme ich es nicht auf mich das Aufsehen zu erregen.
Verschlechterung des Arbeitsklimas als häufige Folge
Kommen wir zu den Folgen. Die sind häufig – 41% berichten über negative Folgen. Frauen deutlich häufiger als Männer. Und wie bereits angetönt, häufige Folgen sind Schamgefühle, eine Verschlechterung des Arbeitsklima oder auch der Wunsch zu kündigen. Und dieser Punkt des Arbeitsklimas, das hat sich wirklich sehr, sehr deutlich gezeigt. Wenn man anschaut, wie bewerten Personen das Arbeitsklima, die von Belästigungen berichten im Vergleich zu jenen, die das nicht erlebt haben, sehen wir, dass Belästigungen wirklich mit einem signifikant schlechteren Arbeitsklima einhergehen.
Bei Arbeitgebenden bestehen Wissenslücken
[Folie 15] Jetzt habe ich immer aus der Perspektive der Befragung der Arbeitnehmenden gesprochen. Jetzt noch ein paar Ergebnisse von Seiten der Betriebe, also der Arbeitgebenden. Hier möchten wir einfach betrachten, wie gut sind diese eigentlich zu der Thematik sensibilisiert und informiert. Es zeigt sich relativ deutlich, dass Wissenslücken bestehen, und zwar sowohl in Bezug auf den Gegenstand der sexuellen Belästigung an einem Arbeitsplatz, aber auch in Bezug auf die Pflichten, die den Arbeitgebenden in diesem Zusammenhang zukommen.
Also etwa rund ein Fünftel geht davon aus, dass sexistische Verhaltensweisen nicht unter sexuelle Belästigung fallen. Sie haben hier einen verengten Blick auf die Thematik. Und rund einer von zehn Betrieben ist sich seiner grundlegendsten Fürsorgepflicht gegenüber den Mitarbeitenden nicht bewusst, also sich nicht im Klaren, dass sie dafür verantwortlich sind, Mitarbeitende vor sexuellen Belästigungen zu schützen.
Und dann steigen die Anteile, wenn es darum geht, dass einem Drittel das Wissen darüber fehlt, dass sie diese Präventionspflicht wahrnehmen, diese Pflicht beweisen müssen, falls es zu einem Gerichtsfall kommt. Und auch sehr häufig ist nicht klar, dass eben auch unternehmensexterne Personen oder auch private Kontakte mit einem Arbeitsbezug damit eingenommen sind.
[Folie 16] Wir haben auch relativ viele Aspekte der betrieblichen Massnahmen erhoben.
Und hier gemäss Umfrage der Arbeitgebenden existieren in 81% der Betriebe spezifische Massnahmen gegen sexuelle Belästigung. Das ist dieses Total, der graue Balken. Aber vor dem Hintergrund, dass eigentlich eine gesetzliche Präventionspflicht besteht, kann man sagen, dass knapp ein Fünftel dieser Pflicht nicht nachkommt.
Fehlende Massnahmen wurden in der Befragung häufig damit begründet, dass der Betrieb keine Vorfälle hat, dass es keine Vorfälle gab und darum auch keine Massnahmen nötig sind.
Hier sehen wir auch wieder deutliche Unterschiede nach Branchen. Wir sehen, dass fast alle Pflegeheime und Spitäler Massnahmen implementiert haben, und im Baugewerbe sind es nur knapp zwei Drittel. Und was sich auch zeigt: Diese Ergebnisse korrelieren relativ gut mit den Kenntnissen der Rechte und Pflichten im Zusammenhang mit sexueller Belästigung. Also dort, wo es Massnahmen gibt, sind die Verantwortlichen auch viel besser zu den rechtlichen Rahmenbedingungen informiert.
[Folie 17] Und zum Schluss wechsle ich nochmals die Seite, also auf die Perspektive der Arbeitnehmenden. Auch hier haben wir verschiedene Aspekte in Bezug auf die Informiertheit und Sensibilisierung und auch die Wahrnehmung zum Umgang eben im eigenen Betrieb erhoben. Und hier zeigt sich auch, dass nur eine Minderheit wirklich umfassend zu ihren Rechten und den Pflichten der Arbeitgebenden informiert ist. Und was sich auch gezeigt hat, dass von Personen, die von sexueller Belästigung berichtet haben, also Betroffene wirklich signifikant schlechter informiert waren zu den meisten Aspekten als jene, die nicht betroffen sind. Das fand ich schon auch noch ein eindrückliches Ergebnis. Das können wir vielleicht dann auch noch diskutieren, also schützt Wissen vor Belästigung, oder sind das andere Zusammenhänge?
Es zeigt sich dann auch, dass grundsätzlich eine deutliche Mehrheit der Ansicht ist, dass das Thema von der Geschäftsleistung ernst genommen wird und auch die meisten Befragten geben an, dass sie wissen, wohin sie sich wenden könnten, wenn sie selbst belästigt werden oder einen Vorfall beobachten.
Jede fünfte befragte Person findet allerdings, dass im Unternehmen mehr gegen sexuelle Belästigung getan werden sollte und 16% sind sich diesbezüglich unentschlossen. Also kann man ableiten, dass knapp eigentlich ein Drittel potenziell Handlungsbedarf sieht. Und auch hier zeigt sich deutlich wieder, dass die Sensibilisierung eigentlich dort bei denjenigen Mitarbeitenden höher ist, wo betriebliche Massnahmen existieren beziehungsweise diese bei den Angestellten bekannt sind.
Trotz Fortschritten bleibt viel zu tun
[Folie 18] Das Fazit zu der Studie oder vielleicht insgesamt zu dieser Thematik: Man kann sagen, es geht vorwärts, aber es bleibt noch sehr viel zu tun. Also ich denke man sieht die Thematik kommt langsam in den Betrieben an. Es wird zunehmend sichtbar. Also wenn man vergleicht mit älteren Studien, dann sind betriebliche Massnahmen wirklich deutlich häufiger verbreitet. Die Mitarbeiten sind sensibilisierter, also man sieht auch, es wird ein sexualisiertes oder sexistisches Verhalten wird häufiger nicht mehr einfach so hingenommen oder zumindest wird es so interpretiert, dass es nicht okay ist und Grenzen überschreitet. Aber wir sehen auch, dass Lücken bestehen, einerseits zu Rechten und Pflichten. Massnahmen sind nicht flächendeckend. Und es gibt auch Hinweise, dass diese, selbst wenn sie bestehen, nicht immer greifen, also eben Betroffene melden sich häufig nicht und wenn sie sich melden, fühlen sie sich nicht ausreichend begleitet. Sie werden nicht immer informiert über Massnahmen.