Menstruationsbeschwerden gehören für viele Beschäftigte zum Alltag und können den Arbeitsalltag stark beeinflussen. Trotzdem wird das Thema am Arbeitsplatz oft tabuisiert: Es fehlen beispielsweise offene Gespräche und Aufklärung in den Betrieben. Zudem gibt es kaum wissenschaftliches Wissen zu dieser Thematik.
Um hier genauer hinzusehen, hat die Stadt Zürich 2023 das Interdisziplinäre Zentrum für Geschlechterforschung (IZFG) der Universität Bern mit einer Studie beauftragt. Hintergrund für das Forschungsmandat war ein Postulat aus dem Zürcher Gemeinderat zur Prüfung der Einführung einer Menstruationsdispens für städtische Angestellte.
Die Resultate zeigen, wie weit verbreitet Menstruationsbeschwerden sind: Rund 63 Prozent der befragten städtischen Angestellten - dies entspricht einer Anzahl von knapp über 5 500 Personen - leiden unter starken und regelmässigen Menstruationsbeschwerden, besonders häufig sind jüngere Personen betroffen. Trotz der Beschwerden fehlen die meisten nicht bei der Arbeit.
Im BiblioTalk präsentierten Prof. Dr. Michèle Amacker und Dr. Christine Bigler vom IZFG die zentralen Erkenntnisse der Studie und gaben Einblick in eine Debatte, die in Politik, Gesellschaft und Arbeitswelt zunehmend an Aktualität gewinnt.
BiblioTalk «Menstruelle Gesundheit im Berufsalltag: Zürcher Ergebnisse zu Menstruationsbeschwerden im Fokus»
Transkript vom BiblioTalk 17.11.2025 mit Prof. Dr. Michèle Amacker und Dr. Christine Bigler
Einführung von Stadtrat Daniel Leupi, Vorsteher des Finanzdepartements
Daniel Leupi: Guten Abend miteinander. Ich darf zu diesem Thema kurz einführen. Menstruelle Gesundheit im Berufsalltag ist leider immer noch ein grosses Tabuthema. Aber ich glaube, wir kommen auch mit der heutigen Veranstaltung ein Stück voran. Ein Tabu auch innerhalb der Stadtverwaltung, wo viele Mitarbeiterinnen von Beschwerden betroffen sind und wir immer noch viel zu wenig tun.
Aus diesem Grund habe ich nicht gezögert, das Postulat von zwei jungen Gemeinderätinnen anzunehmen und eine Menstruationsdispens, wie es gefordert war, zu prüfen. Aufgrund der sehr unterschiedlichen Rückmeldungen, die ich in zahlreichen Gesprächen mit Betroffenen gewonnen habe, habe ich mich dann aber entschieden, nicht wie gefordert den Pilot zu lancieren, sondern die Mitarbeiterinnen der Stadt zu befragen, um ein besseres Bild zur Betroffenheit und zu den Bedürfnissen zu erhalten. Denn wir reden nicht nur zu wenig über Menstruation und Menstruationsbeschwerden – obwohl das Thema in den letzten Jahren, glaube ich, medial mehr Aufmerksamkeit gekriegt hat – wir wissen auch viel zu wenig darüber. Deshalb war es mir wichtig, zuzuhören und die Betroffenen zu Wort kommen zu lassen. Und als Mann und Vorsteher des Departements für dieses Thema sowieso: zuhören, fragen, um was es geht und was die Anliegen sind. Und ich war sehr, sehr froh über die sehr hohe Beteiligung, die an dieser Befragung erzielt wurde. Das hat mich wirklich sehr, sehr erfreut.
Wir konnten wertvolle Erkenntnisse gewinnen. Wir können jetzt über die Resultate reden und Massnahmen entwickeln. Eine Arbeitsgruppe mit Vertreter*innen aus verschiedenen Dienstabteilungen und Organisationseinheiten hat ihre Arbeit aufgenommen und, wie ich gehört habe, schon sehr konkrete Ideen entwickelt. Die Arbeitsgruppe berücksichtigt insbesondere die Perspektiven von Personengruppen, die besonders von Beschwerden betroffen sind, zum Beispiel jüngere Personen oder die aufgrund ihrer Tätigkeit belastet sind und bestehende Massnahmen – und die haben wir ja durchaus auch – weniger nutzen können. Wenn ich etwas gelernt habe bei diesem Thema, dann ist es, dass die Bedürfnisse sehr vielschichtig sind – in diesem sehr grossen Konzern, Stadt Zürich, mit sehr vielen Tätigkeiten und mit dieser ganzen Breite der Aufgaben. Es wollen aber auch nicht – und auch das ist eine Erkenntnis, nicht ganz neu, weil das habe ich bei meinen Gesprächen im Vorfeld festgestellt – nicht ganz alle darüber reden. Aber die, die es wollen, sollen es können. Und auch die Vorgesetzten sollen noch mehr darüber reden müssen.
Wir können das Tabu nur gemeinsam brechen, indem wir das Thema setzen, und einander zuhören. Zum Beispiel heute Abend. Ich freue mich sehr, dass dieser Abend zustande gekommen ist, und ich freue mich sehr, dass der Saal gefüllt ist, und so ein grosses Interesse am Thema da ist. Ich danke in diesem Sinn Mirjam Gasser und ihrem Team der Fachstelle für Gleichstellung, für die Organisation des BiblioTalks – wobei wir heute nicht in der Bibliothek sind – und Livia Lardi und Donika Salihaj für die Umsetzung des Projekts Menstruationsbeschwerden am Arbeitsplatz. Ich bin gespannt auf die weitere Umsetzung und die Massnahmen, die die Arbeitsgruppen vorschlagen wird. Länger rede ich jetzt nicht, weil ich bin heute Abend nicht unbedingt der Experte. Ich bin froh, dass ich das Thema mitlancieren konnte. Ich übergebe jetzt das Wort ganz gerne Mirjam Gasser.
Mirjam Gasser: Vielen herzlichen Dank Herr Stadtrat Leupi und auch ein herzliches Willkommen von meiner Seite. Mein Name ist Mirjam Gasser und ich leite die Fachstelle für Gleichstellung. Wir freuen uns sehr, dass wir Sie so zahlreich begrüssen dürfen. Und Daniel Leupi hat es bereits gesagt: wir sind heute nicht in der Bibliothek, sondern eben hier im Musiksaal. An dieser Stelle möchte ich aber anfügen: Unsere Bibliothek ist einen Besuch wert. Wir führen nämlich über 6000 Bücher und Publikationen zu Gleichstellungsthemen, die Sie kostenlos ausleihen können. Die Bibliothek ist jeweils am Dienstag den ganzen Tag und am Donnerstagnachmittag offen. Und wenn Sie auf Literatursuche sind, dann beraten wir Sie sehr gerne.
Die Fachstelle für Gleichstellung setzt sich ein für die rechtliche und tatsächliche Gleichstellung von Frauen und Männern, von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans und intergeschlechtlichen Menschen und das in allen Lebensbereichen. Wir sind sowohl da für die Mitarbeitenden der Stadt als auch für alle Menschen, die in der Stadt Zürich wohnen oder arbeiten.
Das Thema
Mirjam Gasser: Wir haben uns am 23. Oktober bereits mit dem Thema Menstruationsgesundheit im Berufsalltag beschäftigt. Und zwar war Dr.Jennifer Chan de Avila bei uns zu Besuch und hat über die Wechseljahre gesprochen. Dabei sind wir der Frage nachgegangen, wie Wechseljahre den Berufsalltag beeinflussen und was es braucht, um Betroffene besser zu unterstützen und zugleich Inklusion, Gleichstellung und Fachkräftesicherung zu fördern. Der BiblioTalk zu den Wechseljahren kann auch auf unserer Webseite nachgeschaut werden. Und wir bleiben heute thematisch beim Thema Menstruationsgesundheit im Berufsalltag, richten unseren Blick aber auf ein anderes, oft tabuisiertes Thema, nämlich die Menstruationsbeschwerden.
Beschwerden im Zyklus betreffen viele. Sie werden am Arbeitsplatz nach wie vor aber sehr selten thematisiert. Und darum sind wir sehr froh, dass die Stadt Zürich, das interdisziplinäre Zentrum für Geschlechterforschung der Universität Bern, das IZFG, mit einer Umfrage zu diesem Thema beauftragt hat. Denn aus Gleichstellungssicht ist das ein wichtiger Beitrag, weil Gleichstellung heisst eben auch, dass unterschiedliche gesundheitliche Ausgangslagen nicht zu Benachteiligungen führen, sondern institutionell aufgefangen werden durch Strukturen und eine Kultur der Offenheit und des Verständnisses. Und mit unseren beiden BiblioTalks im Oktober und eben jetzt, heute hier im November, setzen wir genau hier an. Wir bieten und vermitteln Fachwissen, wir brechen Tabus und wir fördern den Austausch.
Die Referent*innen
Mirjam Gasser: Und ich freue mich nun sehr, dass heute Abend Michèle Amacker und Christine Bigler vom IZFG hier sind, um den Bericht zu Menstruationsbeschwerden vorzustellen. Michèle Amacker ist Professorin für Geschlechterforschung an der Universität Bern und Co-Leiterin des IFZG. Ihre Forschungsschwerpunkte sind unter anderem care work [Pflege- und Sorgearbeit], das Prekariat und soziale Ungleichheit. Christine Bigler ist Dozentin und Forscherin am IZFG. Ihre thematischen Schwerpunkte sind unter anderem Geschlecht und Gesundheit sowie geschlechtsspezifische Gewalt. Kurz zum Ablauf des heutigen Abends: das Referat wird ungefähr 40 Minuten dauern. Danach werden Christine, Michèle und ich uns austauschen und auch Sie werden die Gelegenheit haben, Fragen zu stellen. Und schliesslich sind Sie herzlich zu einem Apéro auf der Galerie eingeladen. Und nun übergebe ich sehr gerne Michèle und Christine das Wort.
Referat von Prof. Dr. Michèle Amacker und Dr. Christine Bigler: «Menstruelle Gesundheit im Berufsalltag: Zürcher Ergebnisse zu Menstruationsbeschwerden im Fokus»
Gehalten am BiblioTalk vom 17.11.2025
Michèle Amacker: [Folie 1] Herzlich willkommen auch von unserer Seite vom Forschungsteam, stellvertretend für ein grösseres Team, die wir zusammen an dieser Studie gearbeitet haben. Also vielen herzlichen Dank für die Einladung heute Abend. Und danke auch für die Grussworte an Daniel Leupi und für die Einführung von Mirjam Gasser. Wir haben uns sehr gefreut, hier zurückzukommen zum Ursprung der Studie – also in die Heimatstadt der Studie – und heute die Ergebnisse hier zu präsentieren. Wir wurden in letzter Zeit schon verschiedentlich eingeladen, aber es hat uns hier natürlich ganz besonders gefreut, hier in Zürich die Ergebnisse zu präsentieren und auch zu diskutieren mit allen, die hier anwesend sind. Wir sind also sehr gespannt – auch auf die Fragen.
Vielleicht noch ganz kurz zwei Sätze zum Zentrum für Geschlechterforschung, weil das ja an der Uni Bern ist und vielleicht nicht allen bekannt. Wir sind ein Forschungszentrum, das es im nächsten Jahr 25 Jahre gibt. Also wir haben ein grosses Jubiläum vor uns und wir können uns auch freuen zu sagen, dass wir sehr gewachsen sind. Also wir sind zwischen 40 bis 50 Personen inzwischen und beschäftigen uns mit vielen verschiedenen Themen rund um die Frage nach Geschlecht in verschiedenen Themenbereichen. Und was ein Schwerpunkt ist von uns – und das hat sich hier dann eben auch gezeigt – ist, dass wir viel Auftragsforschung machen. Das ist für die Uni nicht unbedingt typisch, dass wir aus der Uni hinausgehen und im Auftrag von öffentlichen Stellen, auch oft von Bundesämtern, aber auch von Kantonen, Städten, NGOs etc., eben Forschung ausführen. Und diese sogenannte Auftragsforschung hat ein bisschen einen anderen Charakter. Das werden Sie heute an mehreren Stellen in der Präsentation auch sehen, weil das ist eine sehr viel dialogischere Art der Forschung, als wenn wir einfach für uns selbst forschen. Das heisst, wir sind im Gespräch, wir haben quasi noch ein Team an einem anderen Ort und es gibt viele verschiedene Punkte zu berücksichtigen, die es jetzt in der sogenannten freien Grundlagenforschung in dieser Art nicht gibt. Deshalb ist das auch viel spannender, als nur Grundlagenforschung zu machen.
Ich glaube, so viel zur Vorbemerkung. Und dann übergebe ich schon an dich, Christine, für den ersten Teil der Präsentation.
Christine Bigler: Auch von meiner Seite: herzlichen Dank für die Einladung. Ich freue mich auch sehr, hier zu sein und den Beginn der Präsentation zu zeigen.
[Folie 2] Hier kurz der Inhalt, was euch heute Abend erwartet. Ich möchte zuerst noch mal auf die Ausgangslage zu sprechen kommen: Wieso gerade das IZFG diese Forschung durchgeführt hat. Danach möchte ich etwas zum Hintergrund sagen. Wie wird jetzt in der Literatur Menstruation, Menstruationsbeschwerden, aber auch Menstruationsdispens diskutiert? Danach würde ich dann wieder der Michèle übergeben. Sie wird euch zeigen, wie wir methodisch vorgegangen sind und der grösste Teil werden eigentlich die Resultate sein. Die sind dreigeteilt. Also im ersten Teil geht es um das Ausmass, um die Betroffenheit von regelmässigen und starken Menstruationsbeschwerden. Der zweite Teil ist der Umgang mit diesen am Arbeitsplatz. Und der dritte Teil ist eigentlich der Handlungsbedarf. Hier die Frage nach einer Dispens. Wir werden diese Präsentation klassisch abschliessen mit einer Diskussion und Schlussfolgerung.
Hintergrund
Christine Bigler: [Folie 3] Und ich würde jetzt gleich überleiten: Warum sprechen wir heute Abend über Menstruation? Wir hatten es schon im Grusswort gehört. Zunehmend sehen wir eine Aufmerksamkeit zu diesem Thema in der Gesellschaft, aber auch in der Wissenschaft. Und wie schon gesagt, haben Anna-Béatrice Schmalz und Selina Walgis ein Postulat eingereicht im Gemeinderat Zürich in 2022 und eben die Forderung nach der Prüfung der Einführung einer Menstruationsdispens und einer wissenschaftlichen Untersuchung. Es sollte untersucht werden, wie Mitarbeitende unter regelmässigen und starken Menstruationsbeschwerden leiden. Und so ist es im Postulat geschrieben und so haben wir es auch übernommen in der Forschung. Also wir haben ganz am Anfang gefragt: Leiden Sie unter regelmässigen und starken Menstruationsbeschwerden? Das hat sich durch die ganze Forschung durchgezogen oder durch den ganzen Fragebogen. Eben, wie bereits gesagt von Herrn Leupi wurde als erster Schritt auf dieses Postulat, diese Untersuchung – diese Forschung – in Auftrag gegeben und eben uns am Zentrum für Geschlechterforschung.
[Folie 4] Jetzt möchte ich der Frage nachgehen: Wie wird in der Literatur Menstruation und Menstruationsbeschwerden beschrieben und diskutiert? Menstruation ist ein Teil des Menstruationszyklus mit monatlichen Blutungen aus der Gebärmutter. Wir wissen, dass nicht nur Frauen menstruieren, aber auch nicht alle Frauen menstruieren. Das müssen wir bei diesem Thema beachten. Die Menstruation ist ein normaler biologischer Vorgang während der reproduktiven Jahre einer Person. Sie ist aber auch sozial und kulturell geprägt. Wie wir über Menstruation sprechen, wie wir mit Menstruation umgehen, das ist sozial konstruiert und kann sich von verschiedenen Orten unterscheiden.
Menstruation kann mit Beschwerden einhergehen. Das sind zum Beispiel körperliche oder psychische Symptome vor, mit oder nach der Menstruation. Das kann sein: Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Müdigkeit, aber diese Erfahrungen variieren sehr. Wenn wir auf die Zahlen, auf die Prävalenz von Dysmenorröh – also starken Schmerzen bei der Menstruation – schauen, sehen wir, dass vor allem jüngere Frauen, also unter 25, betroffen sind von schmerzhafter Menstruation – also über 75 % von einer Studie 2019. Es gibt auch Studien, die sagen, es sind über 85 %. Wenn wir eine Metaanalyse anschauen, dort sind unterschiedliche Resultate zwischen 16 und 91 %. Das kommt daher zustande, dass Menstruation und Menstruationsbeschwerden nicht überall gleich gemessen wird. Darum haben wir diese grosse Varianz.
[Folie 5] Was wissen wir aus der Forschung bezüglich Menstruation und Arbeit? Man weiss, dass diese Beschwerden – diese Müdigkeit zum Beispiel oder Bauchschmerzen – kann auf die Arbeitsfähigkeit Auswirkungen haben, zum Beispiel auf Fehlzeiten – verringerte Produktivität. Aber was wir viel öfter sehen, auch in der Literatur, ist, dass diese Menschen, die menstruieren, trotzdem arbeiten. Man sagt dem Präsentismus. Sie haben zwar Schmerzen, sie bleiben aber an der Arbeit und verbergen eigentlich ihre Menstruation. Also arbeiten gleich weiter. Und hier macht man den Link, dass es eben immer noch tabuisiert und stigmatisiert ist, dass man nicht offen auf der Arbeit über Menstruationsbeschwerden spricht.
In der Literatur gibt es auch den Begriff «blood work» – das heisst, es gibt zusätzliche Arbeit. Also, die menstruierende Person arbeitet normal und dealt eigentlich noch mit der Menstruation – also sie managt: Sie geht auf die Toilette, sie wechselt Menstruationsprodukte, hat vielleicht Schmerzen und muss Schmerzmedikamente nehmen. Das ist eigentlich eine zusätzliche Arbeit.
Wenn wir uns denken, was für ein Mensch haben wir denn vor uns, wenn wir an Arbeit denken – und hier geht es wie auf das Konzept, auf das Wissen oder theoretische Konzept von [Joan] Ackers zurück, schon 1990 erarbeitet. Dort geht man davon aus, dass es wie die ideale Arbeitskraft gibt, den «Ideal worker». Und diese ideale Arbeitskraft ist eigentlich körperlos, unabhängig, hat keine care [Fürsorge] Verpflichtungen und wird sich als männlich vorgestellt. Und hier sehen wir, dass ein reproduktiver Körper, oder ein menstruierender Körper, stellt sich eigentlich gegenseitig zu diesem Konzept vom idealen worker [Arbeitskraft]. Dieser menstruierende Körper kann dann strukturelle Benachteiligung erleben, eben weil der Körper menstruiert, und hat ein höheres Risiko zu Diskriminierung oder Belästigungen am Arbeitsplatz.
[Folie 6] Die UN hat auch definiert, dass menstruelle Gesundheit ein Menschenrecht ist und menstruelle Gesundheit umfasst den Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefinden und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen im Zusammenhang mit Menstruationszyklus und Menstruation. Menstruationsgesundheit setzt sich aus vier Teilen zusammen. Ich werde hier nicht näher darauf eingehen.
[Folie 7] Wie wird jetzt in der Gesellschaft Menstruation und Menstruationsdispens diskutiert? Wie gesagt, es wurde in den letzten Jahren immer wieder aufgegriffen. Diese Menstruationsdispens ist auch umstritten. In Spanien wurde zum Beispiel im Jahr 2022 eine Menstruationsdispens eingeführt. In der Schweiz haben Yverdons-les-Bains und die Stadt Fribourg 2025, als erste Städte in der Schweiz, eine Mensdispens bis zu drei Tagen ohne ärztliches Zeugnis erlauben. Wir sehen auch hier an den Zeitungsartikeln, die publiziert wurden – zum Teil nach der Publikation unserer Studie –, wie dieses Thema auch medial eigentlich beleuchtet wird.
[Folie 8] Was sagt die Forschungsliteratur zu menstruationsfreundlichen Arbeitsplätzen? Wie sollen die aussehen? Auch in der Forschung ist es eine kontroverse Diskussion, ob so ein Menstruationsdispens Vorteile bringt oder Nachteile mit sich bringt. Die Vorteile, die die Literatur sieht in einer Einführung einer Menstruationsdispens, ist die Reduktion dieses Präsentismus, den ich vorhin erläutert habe – dass die Leute trotz Schmerzen am Arbeitsplatz bleiben. Es ist auch ein Vorteil, dass es die Gleichstellung fördern kann. Es kann zu Entstigmatisierung beitragen und zur Verbesserung dieser menstruellen Gesundheit oder reproduktiven Gesundheit.
Was sind die Nachteile? Es kann zu einer Medikalisierung führen – also, dass man sagt, Menstruation ist quasi eine Krankheit und da muss man eine Therapie machen. Es kann aber auch zu erhöhter Diskriminierung führen. Zum Beispiel, dass man sagt, dass Frauen schon während der Schwangerschaft ausfallen, und dann fallen sie noch jeden Monat ein Tag aus. Das könnte dazu führen, dass Frauen weniger Chancen haben, einen Arbeitsplatz zu bekommen. Das ist hier ein Nachteil, dass diese Diskriminierung zunehmen könnte. Ein weiterer Nachteil, der beschrieben wird, ist, dass es eine Verletzung der Privatsphäre ist – also, dass Menschen auch nicht über die Menstruation am Arbeitsplatz sprechen möchten.
Ihr seht, diese Diskussion ist auch in der Wissenschaft kontrovers. Wo sich die Wissenschaft einig ist, ist, wenn eine Menstruationsdispens eingeführt wird, dann sollten auch andere Massnahmen gleichzeitig eingeführt werden. Also es braucht gleichzeitig eine Entstigmatisierung – also mit Weiterbildungen – und eine flexible Arbeitszeitregelung. Eine Menstruationsdispens, wie wir sie jetzt in Spanien haben, wurde noch nie wissenschaftlich ausgewertet. Somit haben wir keine empirische Evidenz, ob sie wirklich wirkt, wie sie wirkt. Also wir müssen uns hier auf theoretische Überlegungen verlassen.
Es gibt Länder wie zum Beispiel Grossbritannien oder Schweden, die bereits Leitlinien entwickelt haben, wie ein menstruationsfreundlicher Arbeitsort aussehen kann. Hier ein Beispiel aus Schweden: Dort sagt man, ein menstruationsfreundliches Arbeitsumfeld umfasst drei Pfeiler: das physische Umfeld – also man muss Zugang haben zu Toiletten, zu verschliessbaren Abfalleimern, zu sauberem Wasser, zu Menstruationsprodukten und zu Arzneimitteln. Es braucht als zweiten Pfeiler eine Organisation der Arbeitsbelastung: dass man regelmässig Pausen machen kann, dass man seine Arbeitslast anpassen kann, zum Beispiel ins Homeoffice gehen, und ein bezahlter Menstruationsurlaub, falls erforderlich. Der dritte Pfeiler ist, dass es eine Sensibilisierung braucht. Es braucht Aufklärung – und zwar von allen Mitarbeitenden – was Menstruation ist, wie damit umgegangen werden soll.
[Folie 9] Ist denn Menstruation wirklich noch so ein Tabu? Heute, 2025? Vielleicht kennt ihr dieses Bild. Es ist schon älter. Es ist jetzt zehn Jahre. Rupi Kaur hat das gemacht. Es war eine studentische Arbeit, wo es darum ging, wie reagiert die Gesellschaft, wenn man etwas enttabuisiert. Sie hat ein Foto von sich machen lassen, von ihrer Schwester, wo man sieht, dass sie blutet – also Menstruationsblut. Und hat das auf Instagram geteilt. Das Foto wurde zweimal gelöscht von Instagram, es sei kein Inhalt, der dort geteilt werden soll. Sie hat sich sehr dafür eingesetzt und hat im Anschluss dann sehr viel Zustimmung bekommen für dieses Bild. Aber gleichzeitig ist sie bedroht worden – also es ist ein sehr kontroverses Thema.
Ein ähnliches Beispiel ist von Frau Gandhi [Kiran Ghandi]. Sie wollte am London Marathon mitlaufen, hat gewusst, dass sie die Menstruation bekommt, war aber überrascht, als sie an der Startlinie stand und die Menstruation bekommt. Und sie hat sich gefragt: Was mache ich jetzt? Suche ich eine Binde? Ein Tampon? Nein, beides ist wie nicht passend zum Laufen. Und sie hat halt «free bleeding» [freie Menstruation] gemacht und ist so gelaufen und man sieht ihr Menstruationsblut. Auch sie wurde von heftigen Kommentaren übersät – negativen wie positiven.
Und ein drittes Beispiel ist Franka Frei. Sie wollte eine wissenschaftliche Arbeit machen zu Menstruation und hat nur schwer jemand gefunden, der sie unterstützt bei dieser Abschlussarbeit. Sie hat daraufhin ein Buch geschrieben «Periode ist politisch ein Manifest gegen das Menstruationstabu». Genau, das wäre die Einführung gewesen.
Forschungsdesign Studie
Michèle Amacker: [Folie 10] Danke, Christine. Also, ich darf Ihnen jetzt das Forschungsdesign der Studie erklären. Also, wahrscheinlich ist das bekannt: Wir haben eine Online-Umfrage gemacht. Das heisst, es handelt sich hier um eine quantitative Studie mit standardisierten Fragen. Also alle Personen erhalten die genau gleichen standardisierten Fragen, die meistens geschlossen sind, also die geschlossene Antwortkategorien vorgeben: Teilweise nur Ja, Nein vielleicht, etc. Aber wir haben auch einige offene Fragen integriert, um noch die Möglichkeit zu geben, über bestimmte Situationen auch genauer Auskunft zu bekommen. Die Population – das haben wir schon gehört – das waren Angestellte der Stadt Zürich. Und zwar wichtiges Detail: Alle Personen haben wir befragt, konnten wir anschreiben, die im SAP-System [Personalmanagementsystem] als weiblich erfasst waren. Das ist eine Einschränkung. Da können wir nachher noch darauf zurückkommen. Und wir haben Personen bis 55 Jahre befragt.
Zentral waren drei Forschungsfragen oder Themengebiete. So haben wir auch den Fragebogen aufgebaut. Das erste war das Ausmass, also die Betroffenheit zu erfassen. Das zweite der Umgang am Arbeitsplatz mit dieser Betroffenheit. Und das dritte war, einen möglichen Handlungsbedarf aufzuzeigen – und hier natürlich ganz zentral das Instrument Menstruationsdispens.
[Folie 11] Und was ihr wichtig ist: Der Hauptteil der Fragen haben wir hier so geschrieben, fokussiert auf betroffene Frauen, also im System erfasste Frauen mit starken und regelmässigen Menstruationsbeschwerden. Darauf hat Christine schon hingewiesen. Das heisst, ganz zu Beginn des Fragebogens wurde man gefragt, ob man regelmässige und starke Beschwerden hat. Das heisst, die Detailbefragung, also die lange Befragung wurde nur durchgeführt bei Personen, die diese Frage mit Ja beantwortet haben. Das wird wichtig sein für die Ergebnisse, dass man das im Kopf behält.
Und es ist eine beachtliche Zahl. Also fast 20.000 Personen haben von uns diesen Fragebogen zugesendet bekommen und wir haben dabei variiert zwischen Emailversand und auch postalischer Zustellung. Der Grund ist: Nicht alle arbeiten an einem Arbeitsplatz mit Computer. Das haben wir natürlich mit der Stadt vielfach besprochen. Wie können wir das technisch machen? Das war auch ein grosser Aufwand – den wir aber natürlich gerne betrieben haben – weil zu einer Fragebogenbefragung gehören ja auch Erinnerungsmails oder Briefe: Könntet ihr noch mitmachen? Es wäre super, wenn ihr noch teilnehmt, und das hat Erfolg gezeigt. Also fast 10.000 Personen haben den Fragebogen ausgefüllt. Genauer gesagt 9587 Personen. Das ist ein Rücklauf von 59, also fast 50 %. Das ist aus wissenschaftlicher Sicht eine sehr hohe Zahl. Und das heisst, dass wir dann von einer guten Datenqualität ausgehen, weil wir sagen können: Ja, wenn sich so viele angesprochen fühlen, ist das ein Hinweis auf die Relevanz. Aber auch da können wir davon ausgehen: Also angenommen, nur 20 % hätten uns geantwortet, haben wir viel weniger Hinweise auf die Repräsentativität der Ergebnisse. Natürlich kann man auch bei diesen 50 % nie mit letzter Sicherheit sagen. Aber wir haben ein paar Hinweise. Natürlich, weil wir die Daten genauer angeschaut haben: Es sind zum Beispiel jüngere und ältere Personen vertreten etc. Also da haben wir eigentlich eine gute Durchmischung erreicht.
Noch ein technischer Hinweis für die, die es interessiert: Die offenen Fragen, die haben wir sogenannt rekodiert, damit wir sie auch auswerten können. Weil, sie können sich vorstellen, bei so vielen Fragebogen, die ausgefüllt wurden, es waren sehr, sehr, sehr viele offene Antworten, die uns mitgegeben wurden. Sehr viele Situationen wurden beschrieben, und die mussten wir auch irgendwie erfassen.
Vielleicht noch eine Anmerkung: Jede Studie hat ihre Grenzen. Jede Studie kann eben nicht alles machen. Das hat immer zeitliche, finanzielle und andere Gründe. Und vielleicht können wir auch in der Diskussion noch genauer darauf eingehen. Aber eben, es ist uns nochmals wichtig zu sagen: Befragt wurden Personen mit starken und regelmässigen Beschwerden und überhaupt Personen, die menstruieren. Und es wurden eben Personen befragt, die als weiblich im SAP-System der Stadt Zürich erfasst wurden. Das heisst, dass zum Beispiel nicht Arbeitsteams befragt wurden – wie wird bei euch umgegangen etc. –, sondern einfach die betroffene Person befragt. So viel Mal zu den Einschränkungen. Aber ich glaube, wir können doch sagen, dass wir eine gute Datenqualität insgesamt erreicht haben.
Resultate
Michèle Amacker: [Folie12] Dann gehe ich jetzt zu den Ergebnissen. Das erste Ergebnis, das wir uns anschauen, ist: Welche Betroffenheit konnten wir feststellen?
[Folie13] Das sehen Sie hier: 63 % der Befragten, die das ausgefüllt haben – das entspricht 5'500 Personen – haben uns angegeben, dass sie von starken und regelmässigen Beschwerden betroffen sind.
Und hier jetzt ganz wichtig: Warum haben wir diese vier Kuchen abgebildet? Um es zu komplizieren. Wir haben immer auch nach unterschiedlichen Altersgruppen geschaut. Und was man ganz deutlich als Ergebnis sieht – und ich glaube, es ist ein wichtiges Ergebnis, weil sich das durchzieht, auch durch andere Ergebnisse – also, dass wir nach Alter unterschiedliche Ergebnisse bekommen. Und hier sieht man einfach eine sehr grosse Betroffenheit bei den jüngeren Personen: Also 84,8 % der bis 20-jährigen Personen, die in der Stadt Zürich arbeiten, sind von regelmässigen und starken Beschwerden betroffen. Wenn wir vergleichen mit der Gruppe über 40-jährige oder ab 40-jährig, sind das nur noch nur noch – es ist immer noch eine hohe Zahl aber es ist weniger – es sind nur noch 52 %. Das mal zur Betroffenheit.
[Folie 14] Dann haben wir das Ausmass noch ein bisschen anders erfasst: Wir haben zum Beispiel geschaut welche Auswirkungen empfinden die betroffenen Personen, wenn sie eben diese starken und regelmässigen Beschwerden haben. Und dort wurden verschiedene Konsequenzen für die Arbeitsleistung beschrieben: Zum Beispiel, dass man sich mit weniger Energie ausgestattet fühlt, dass man Mühe hat, sich zu konzentrieren oder mehr Pausen braucht. Und was wir auch festgestellt haben, dass 30 % Prozent, das entspricht 1675 Personen haben mindestens einmal aufgrund der Beschwerden in den letzten zwölf Monaten, es war über ein Jahr, bei der Arbeit gefehlt, und das waren dann, falls man gefehlt hat, durchschnittlich 1,4 Fehltage pro Monat und 25 % von diesen 30 % haben angegeben, sie hatten dafür ein ärztliches Zeugnis.
Wenn 30 % einmal pro Jahr gefehlt haben, dann haben 70 % trotz der Beschwerden, die sie hatten – also der starken und regelmässigen Menstruationsbeschwerden – nie bei der Arbeit gefehlt. Das ist eine hohe Zahl. Christine hat das vorhin eingeführt: In der Literatur wird das als Präsentismus diskutiert, also dass man trotzdem erscheint, auch wenn es einem nicht gut geht und die Arbeit eben trotzdem macht, mit allen Konsequenzen. Was das beinhaltet und was wir hier feststellen konnten – das ist aber jetzt wahrscheinlich nicht ein erstaunliches Resultat – ist, dass natürlich, je stärker die Menstruationsbeschwerden die Arbeit beeinflussen, also dass die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass man am Arbeitsplatz dann auch tatsächlich fehlt. Also wenn ich das Gefühl habe, ich kann mich gar nicht mehr konzentrieren, ist die Konsequenz wahrscheinlicher, dass ich dann nicht zur Arbeit komme. Also hier konnten wir einfach in den Daten einen klaren Zusammenhang erkennen. Wenn wir das nicht hätten erkennen können, wäre an den Daten wahrscheinlich etwas komisch gewesen.
[Folie 15] Also ich hoffe, es geht vom Tempo her. Es sind halt sehr viele Zahlen, weil das eine quantitative Befragung ist. Wir haben auch gefragt bei den Personen, die eben gefehlt haben, einmal pro Jahr: Was haben Sie eigentlich angegeben bei ihrem Arbeitsplatz, warum sie nicht zur Arbeit gekommen sind? Das in Bezug auf, wie offen wir eigentlich mit dem Thema Menstruationsbeschwerden umgegangen. Und 42 % der Beschäftigten haben angegeben, dass sie offen angegeben haben, dass sie wegen Menstruationsbeschwerden fehlen. 65 % haben einfach andere Beschwerden – also die auch aus anderen Gründen zustande kommen könnten – wie Kopfschmerzen, Bauchschmerzen etc. angegeben. Und es gab auch eine Gruppe, die keinen spezifischen Grund angegeben hat.
Und genau hier sieht man auch wieder einen wichtigen Altersunterschied, dass nämlich mit zunehmendem Alter und auch je nach Funktion der Person es häufiger vorkommt, dass man grundlos fehlt, also dass man den Grund nicht angeben muss. Hingegen haben wir bei der Gruppe der Lernenden – also Personen, die in Ausbildung sind – in der Stadt Zürich haben wir festgestellt, das habe ich hier noch rot eingekreist, dass sie viel häufiger als die anderen Personengruppen oder Altersgruppen – also hier hat es natürlich eine Alterskomponente drin versteckt –, dass sie häufiger Menstruationsbeschwerden angeben. Da sieht man einen deutlichen Unterschied 55,4 % geben das an vis-à-vis von den anderen Gruppen, also zum Beispiel mit Mitarbeitenden mit Vorgesetztenfunktion oder aber auch Mitarbeiterinnen ohne Vorgesetztenfunktion und aber auch weitere Symptome. Hier erkannten wir einfach, dass man in einer starken Abhängigkeit ist und natürlich selbstverständlich nicht einfach ohne Grund fehlen kann.
[Folie 16] Ein weiterer Punkt zu den Gründen für die Verschweigung von Abwesenheitsgrund haben wir noch: Diese Untergruppe – also wer nicht angegeben hat. Warum fehle ich? – da haben wir noch genauer gefragt: Warum hast du das nicht angegeben? Dort haben 57 % gesagt, sie befürchten eben negative Reaktionen, wenn sie offen darüber sprechen würden, dass sie wegen Menstruationsbeschwerden fehlen. Noch wichtig: Man konnte Mehrfachnennungen machen, deshalb addieren sich diese Zahlen nicht zu 100 %. Das ist etwas verwirrlich, aber quasi 60 % haben negative Reaktionen befürchtet. 46 % haben gesagt, es ist mir einfach unangenehm, offen darüber Auskunft zu geben. 21 % haben gesagt, es geht einfach niemanden etwas an und 20 % haben gesagt: Ich muss ja gar keinen Grund nennen, ich kann auch fernbleiben, ohne das zu begründen.
Hier war es spannend, dass wir sehr viele offene Kommentare hatten, 241, die uns halt sehr viele Hinweise gegeben haben darauf, dass das Thema wirklich als Tabuthema wahrgenommen wird oder dass Mitarbeitende das Gefühl haben, das Thema wird nicht ernst genommen oder auch, dass es kein Grund ist zu fehlen – also Menstruationsbeschwerden, dass man das einfach nicht angeben könnte als offiziellen Grund. Hier haben wir auch noch ein seltenes – also wir haben nicht viele ausgewählt einfach aus Zeitgründe – eine Person hat im offenen Kommentar geschrieben: «Ich habe einfach Angst, dass andere denken, dass ich meine Menstruationsbeschwerden als Ausrede verwende, um nicht zu arbeiten.» Oder: «Arbeitgeber würden wohl kein Verständnis zeigen für Menstruationsbeschwerden, weil gesellschaftlich völlig tabuisiert.» Also hier sieht man einfach die Art der Kommentare, die wir erhalten haben, wobei einige auch sehr, sehr lang waren.
[Folie 17] Jetzt kommen wir zum Thema Umgang. Also wie offen oder wie wird eigentlich am Arbeitsplatz über Menstruationsbeschwerden gesprochen? 26 % der befragten Personen, also der Personen mit regelmässigen und starken Menstruationsbeschwerden, haben gesagt, sie finden das Klima offen bis sogar sehr offen, also offen genug jedenfalls, um über Menstruationsbeschwerden zu sprechen. Und 41 % haben gesagt, das Klima am Arbeitsplatz, empfinden sie als nicht offen, oder sie möchten einfach nicht darüber sprechen. Jedenfalls, Sie sprechen nicht darüber. Und hier sehen wir jetzt wieder einen Alterseffekt: Bei den über 40-Jährigen ist der Anteil derjenigen, die nicht über die Menstruation sprechen möchten, grösser, am höchsten.
Und ich habe, glaube ich, hier auch noch eingekreist. Ja, genau. Und jede siebte Person hat auch bereits negative Reaktionen wegen Menstruationsbeschwerden und deren Folgen erlebt. Also wenn das mitgeteilt wurde, hier hat man einfach negative Erfahrungen gemacht. Da haben wir auch viel, viel dazu in den offenen Kommentaren bekommen. Hier sieht man eben die Zahl bei den über 40-jährigen mit 21,4 %. Ich möchte am Arbeitsplatz nicht darüber reden, die ist viel höher als bei den anderen Arbeitsgruppen. Also hier haben wir einfach einen Generationeneffekt. Können wir vielleicht auch in der Diskussion auch darauf eingehen.
[Folie 18] Was ein sehr spannendes Thema ist: Wer hat eigentlich in der Stadt Zürich die Möglichkeit, am Arbeitsplatz etwas anzupassen? – Wenn ich merke, es geht mir nicht gut und ich kann mich vielleicht nicht gleich gut konzentrieren oder ich habe Beschwerden – Wer kann Anpassungen vornehmen? 51 % haben uns gesagt, sie haben nie die Möglichkeit, an keinem Arbeitstag die Möglichkeit, Anpassungen vorzunehmen. Ihre Situation ist sozusagen fix in Bezug auf anwesend sein oder in Bezug auf die Tätigkeiten, die ausgeführt werden. 20 % haben gesagt, sie haben selten die Möglichkeit, 6 % haben gesagt, sie haben immer die Möglichkeit, etwas anzupassen, und 23 % haben gesagt, sie haben manchmal die Möglichkeit.
Und hier ist jetzt auch wichtig, wir haben nicht nach einzelnen Arbeitssektoren oder Berufsgruppen unterschieden. Das war aus Datenschutzgründen einfach eine heikle Frage. Aber was wir gefragt haben, war: Wie wird gearbeitet? Arbeitest du vorwiegend sitzend? Arbeitest du vorwiegend stehen? Arbeitest du abwechselnd sitzend und stehend oder bist du meistens in Bewegung? Und das gibt uns einen kleinen Hinweis, was das für eine Tätigkeit sein könnte. Und hier sehen wir schon einen Unterschied: Wer ist hier ein bisschen bevorteilt in Bezug auf Anpassungen am Arbeitsplatz? Wenn ich mich unwohl fühle wegen starken Menstruationsbeschwerden. Hier sehen wir, dass vor allem die Gruppe ganz links überwiegend sitzt. Also ich nehme mal an, einen Büroarbeitsplatz hat, eher Anpassungen vornehmen kann, also manchmal oder immer die Situation anpassen kann. Gegenüber allen anderen Gruppen, die eben viel eher angibt, selten oder sogar nie: Ich kann meinen Arbeitsplatz nie anpassen. Und hier ist auch noch ein wichtiges Detail-Ergebnis: Es gibt ja vorhandene Möglichkeiten bei der Stadt Zürich. Man kann sich krankmelden, es gibt die Möglichkeit im Homeoffice zu arbeiten etc. Aber wir haben gesehen, die werden von 61 % eben bei starken Menstruationsbeschwerden gar nicht in Anspruch genommen.
Und da stellt sich natürlich auch die Frage: Warum werden vorhandene Instrumente nicht unbedingt genutzt? Hier sehen wir noch einmal die Gruppe der vorwiegend sitzend arbeitenden Menschen der Stadt Zürich, die eben sagen immer oder auch manchmal können sie ihre Tätigkeit anpassen gegenüber allen anderen Gruppen, die eher stehen oder oft in Bewegung sind, die sehr hohe Anteile haben von: Ich kann eben meinen Arbeitsplatz nicht anpassen, wenn es mir nicht gut geht.
[Folie 19] Welche Massnahmen trifft jetzt die betroffene Person, um weiterarbeiten zu können? Wir haben gesehen, dass die meisten eben einfach arbeiten, wenn es ihnen nicht gut geht. 87 % der Befragten haben gesagt: Ich habe in den letzten zwölf Monaten Schmerzmittel oder krampflösende Medikamente eingenommen, um weiterhin arbeiten zu können. Das ist die dunkelblaue Säule, die ganz oben ausschwingt und 46 % der Befragten, und das sieht man in jeder Gruppe, also in der sitzenden Gruppe, in der alternierenden, in der vorwiegend stehenden und in der «bewegten Gruppen» sind diese Anteile. Also alle diese Gruppen konsumieren Medikamente, wenn sie starke Beschwerden haben, um weiterhin arbeiten zu können.
46 % der Befragten lindern ihre Schmerzen zusätzlich noch mit alternativen oder anderen Hilfsmitteln wie ein Wärmekissen. Und andere Möglichkeiten werden nur von wenigen genutzt. Alternative Möglichkeiten sieht man unten in den Kommentaren. Zum Beispiel: Ich gestalte meine Arbeitszeit flexibel, ich mache einmal längere Pausen oder mehr Pausen. Oder ich passe meine Aufgaben an diesem Tag. Die werden sowieso insgesamt wenig genutzt, also 7 bis 14 % im Durchschnitt ist eine tiefe Zahl und sie werden aber mehrheitlich, wenn sie genutzt werden, werden sie von den sitzenden Personen genutzt.
Hier noch ein Zitat: «Ich habe immer Angst, dass ich vielleicht eine Überdosis eingenommen habe, da ich nicht weiss, was die Menge der Tabletten ist, weil ich nicht anders arbeiten könnte.» Wir haben sehr viele Hinweise bekommen, auch auf sehr viele Tabletten, die konsumiert werden. Hier sehen wir noch dieses allgemeine Bild, dass eben Schmerzmittel eingenommen werden bei allen Gruppen. Und hier aber das Bild der sitzenden Personen, die eben auch ausweichen können oder Medikamente einnehmen in Kombination mit anderen Anpassungen, was die anderen Gruppen nicht machen können. Sehen Sie die Zahlen sind bei allen anderen Gruppen sehr tief.
[Folie 20] Jetzt kommen wir schon zum dritten Thema in Bezug auf den Handlungsbedarf. Das war das dritte Thema, das wir erfragt haben. Und da war das Hauptthema. Würde überhaupt so eine Menstruationsdispens, wenn es sie denn gäbe in der Stadt Zürich würde sie genutzt und wer würde sie nutzen wollen? Oder ebenso interessant: Warum nicht? Warum würde man sie nicht nutzen wollen?
52 % der befragten Mitarbeiterinnen würden eine Menstruationsdispens nutzen wollen, wenn es ein solches Instrument geben würde. 34 % haben gesagt, sie sind noch unsicher oder unentschieden, und 13 % haben gesagt: Nein, ich würde diese Möglichkeit nicht nutzen, wenn es dieses Instrument geben würde.
Und hier auch wieder ganz wichtig wir haben einen klaren Alterseffekt – wenn man das so sagen kann –erkannt: Jüngeren Mitarbeiterinnen würden die Dispens tatsächlich vermehrt nutzen. Wir sehen eine sehr hohe Zahl – oder eine sehr hohe Zustimmung oder auch Akzeptanz, könnte man sagen des Instruments – mit über 80 % bei den unter oder bis 20-jährigen Personen. Die tiefste Zahl haben hier die ab 40-jährigen erreicht mit 38,4 % Zustimmung und entsprechend ist der Nein-Anteil bei den über 40-jährigen auch am grössten mit 21,6 %. Etwas ausgeglichener ist die Unentschiedenheit – also die, die unentschieden geantwortet haben.
[Folie 21] Und hier nochmals die gleiche Frage: aber wie würde die Menstruationsdispens genutzt, je nach Tätigkeit sortiert? Ich glaube, das ist auch noch wichtig, das noch mal anzuschauen, dass hier die Personen, die überwiegend stehen und die Personen, die überwiegend in Bewegung arbeiten, die höchste Zustimmung haben, – also 53,6 % bei den stehenden und fast 60 % Zustimmung bei den Personen, die meistens in Bewegung sind in ihrem Beruf. Also hier denke ich, ist es einfach noch mal wichtig, dass wir das im Kopf haben, wem würde das eher entgegenkommen oder wer würde das eher befürworten aufgrund der Art der Tätigkeit, die ausgeführt wird?
[Folie 22] Was sind die Gründe, die uns genannt wurden für die Nutzung oder Nichtnutzung der Dispens? Genau das habe ich hier alles eingekreist. Bei den Unsicheren – das ist ein spannendes Ergebnis – hat mit 56 % die Befürchtung von negativen Reaktionen. Also das war hier der grösste Grund, nicht einfach, dass man sagt: Ich denke, es bringt mir nichts. Das war der grösste Grund bei denjenigen, die gesagt haben, ich möchte die Dispens nicht nutzen. Sie erinnern sich, das waren 13 %, die haben gesagt, ich möchte es gar nicht nutzen. Da überwiegt die Antwort: Ich glaube, es würde gar nichts ändern. Also die, die gesagt haben, ich würde die Dispens nicht nutzen, die hatten den Eindruck, es würde eh nichts verändern oder es ist ein überflüssiges Instrument. Bei den Personen, die gesagt haben, ich bin noch unsicher, ob ich es nutzen würde, die haben angegeben, also überwiegend: Ich denke, das würde zu negativen Reaktionen führen. Auch ein kleinerer Teil hat gesagt: Ich glaube, es würde nichts ändern.
Und die Personen, die gesagt haben, sie würden die Dispens gerne nutzen, die haben wir hier in den hellgrünen Bereichen – also: das würde dazu führen, dass ich mich ernst genommen fühle. Oder: Ich kann mich eben abmelden, wenn ich starke Beschwerden habe, rechtmässig abmelden, oder auch hier einen hohen Balken bei: es wäre ein wichtiges Zeichen für die Gleichstellung. Das wurde hier auch sehr oft angekreuzt. Ich glaube damit sind wir durch. In der knappst möglichen Version, durch die vielen Ergebnisse. Es waren sehr, sehr viele Zahlen. Und jetzt übergebe ich an dich, Christine, für die Abschlussdiskussion und Zusammenfassung.
Diskussion
Christine Bigler: [Folie 23] Gut, in der Diskussion schauen wir auf die Resultate, die wir jetzt haben, in dieser Studie und führen sie zusammen mit der Literatur, die ich vorhin gezeigt habe. Also wir sehen eine hohe Betroffenheit von regelmässigen und starken Menstruationsbeschwerden. Das sehen wir ja auch in der Literatur. Wir sehen auch, dass das Alter einen Einfluss hat auf die Betroffenheit. Das wird in der Literatur auch beschrieben. Also hier können wir sagen, diese Resultate sind gut abgestützt von der Literatur. Auch, dass die Menstruationsbeschwerden sich negativ auf die Arbeitsleistung auswirken können, das sieht man auch gut in der Literatur. Und eben diese Präsentismus widerspiegelt sich auch in diesen Daten. Und wenig Offenlegen des Grundes bei Krankmeldung: wenn man Menstruationsbeschwerden hat, dass man eben ein anderes Symptom angibt. Darum kann man auch hier sagen, dass es eben immer noch ein Thema ist, das tabuisiert wird.
[Folie 24] Die Schlussfolgerung: Wir sehen bei den Menschen, die wir befragt haben, dass es eben eine hohe Betroffenheit gibt von 63 % und vor allem bei jungen oder jüngeren Mitarbeiterinnen, dass die Betroffenheit von starken und regelmässigen Menstruationsbeschwerden hoch ist. Wir sehen auch, dass ein großer Teil arbeitet, trotz Menstruationsbeschwerden. Oftmals werden die bestehenden Regelungen nicht genutzt oder wenig genutzt. Viele können die Situation nicht anpassen und nehmen Schmerzmedikamente. Es gibt auch vor allem Mitarbeitende, die sitzen, die können ihre Situation anpassen. Häufig wird ein anderer Grund genannt, wenn man Menstruationsbeschwerden hat und nicht an den Arbeitsplatz kommt. Das ist ein Zeichen von der Tabuisierung des Themas. Man hat Angst, das offenzulegen, weil man Angst vor Stigmatisierung oder weil es antizipierte organisatorische Schwierigkeiten geben könnte.
Ungefähr 50 % würden die Mestruationsdispens nutzen, falls sie eingeführt werden. Vor allem eben Menschen, die in täglicher Arbeit sich bewegen oder stehen. Vor allem möchten sie es nutzen, weil man sich abmelden könnte und weil man Menstruationsbeschwerden hat, weil man offen sprechen konnte und man sich ernstgenommen fühlt dadurch.
[Folie 25] Eben wie bereits gesagt, die berufliche Tätigkeit und das Alter hat einen Einfluss, ob jemand eine Menstruationsdispens nutzen würde. Wir denken auch: es braucht wie eine Entstigmatisierung, eine Kulturveränderung. Es braucht verschiedene Massnahmen, um dieses Thema der Menstruation, Menstruationsgesundheit am Arbeitsplatz aufzunehmen. Es braucht aber zudem eben diesen menstruationsfreundlichen Arbeitsplatz mit möglichst selbstbestimmten Arbeitszeiten, flexibles Homeoffice und eben die Sensibilisierung. Was es auch braucht, würde man eine Menstruationsdispens einführen, braucht es ein Monitoring und eine Evaluation, weil wir ja bis jetzt nicht wissen aus der Forschung, wie so ein Menstruationsdispens wirkt. Wir wissen es nicht, weil es eben nie evaluiert worden ist nach einer Einführung.
Ich möchte nochmals auf die Grenzen unserer Studie zu sprechen kommen. Michèle hat es schon gesagt. Die Studie wurde in deutscher Sprache verschickt. Also es kann sein, dass Menschen vielleicht nicht teilgenommen haben, weil sie in deutscher Sprache verschickt wurde. Es wurden Menschen befragt, die im SAP als weiblich definiert wurden. Wir haben keine spezifische Analyse gemacht. Zum Beispiel zu Menschen mit Behinderung. Ob das ein anderes Bild gibt bezüglich zum Beispiel der Inanspruchnahme einer Menstruationsdispens und wir haben nicht nach spezifischen Berufsgruppen die Daten aufgeschlüsselt.
[Folie 26] Gut, das wäre die Präsentation gewesen. Besten Dank von unserer Seite fürs Zuhören.
Austausch mit dem Publikum
Mirjam Gasser: Ja, vielen herzlichen Dank für diese spannende Präsentation und diese spannenden Ergebnisse.
Frage zu den Ergebnissen der Studie
Mirjam Gasser Vielleicht als erste Frage an euch: Was hat euch am meisten überrascht an den anderen Ergebnissen?
Christine Bigler: Besten Dank. Wir waren schon überrascht, wie hoch die Zahl ist, weil wir wirklich sehr eng gefragt haben nach regelmässigen und starken Menstruationsbeschwerden. Dass trotzdem 63 % der Mitarbeitenden gesagt haben, doch, sie haben diese Beschwerden.
Michèle Amacker: Ja, vielleicht, in Ergänzung – also erstaunt, es hat uns eigentlich auch erfreut. Das klingt jetzt vielleicht falsch, aber wir haben ja, wie ich kurz erwähnt habe, sehr viele Personen haben die Möglichkeit genutzt, die offenen Kommentare auszufüllen. Das bedeutet viel Arbeit, weil es geht viel schneller, sich einfach mit 'Ja, Nein, Ja, Nein' durchzuklicken. Also es wurden wirklich lange Texte geschrieben, und sehr viele haben das genutzt. Und für uns war das auch ein Hinweis, neben dem sehr hohen Rücklauf von 50 %. Der hat uns auch erstaunt, weil Onlineumfragen haben oft viel tiefere Rückläufe, aber eben auch diese Kommentarfunktion, dass sie genutzt wurde. Dort haben wir einfach gemerkt, dass viele Personen das Thema als sehr relevant ansehen. Und es gibt auch ein grosses Mitteilungsbedürfnis. Weil es kamen keine Kommentare – oder äusserst selten – im Sinne von: Was befragt ihr hier für unrelevante Sachen? Sondern meistens war es so, dass man wirklich einmal beschreiben wollte: Wie fühlt sich das an? Oder was passiert eigentlich genau? Wie fühlt es sich an meinem Arbeitsplatz? Das waren sehr aufschlussreiche Kommentare.
Frage zum Präsentismus
Mirjam Gasser: Und wenn wir jetzt den Präsentismus sehen, dass eben diese, diese hohe Zahl an Betroffenen. die trotz Schmerzen dann weiterarbeiten: Wie beurteilt ihr das? Wie bewertet ihr das? Und warum werden vorhandene Instrumente nicht genutzt?
Christine Bigler: Also wir sehen ja diesen Zusammenhang auch mit der Tabuisierung. Also, dass es eben schwierig ist, darüber zu sprechen – überhaupt am Arbeitsplatz, zum Beispiel mit Vorgesetzten, aber auch mit Mitarbeitenden – heraustreten und sagen: «Ich habe wirklich Menstruationsbeschwerden und möchte darum vielleicht nach Hause oder kann nicht arbeiten». Dass es eben doch ein Thema ist, das es schwierig ist, darüber zu sprechen. Und dann bleibt man lieber am Arbeitsplatz und nimmt eben ein Schmerzmedikament und bleibt einfach bei der Arbeit. Wir haben auch sehr viele Kommentare zu diesem Thema bekommen: «Ja, ich bleibe halt am Arbeitsplatz und seuche mich durch bis am Abend». Aber ich denke, es ist ja nicht spezifisch jetzt für die Stadt Zürich, sondern es ist ja einfach ein Thema, das sowieso noch tabuisiert und stigmatisiert ist.
Michèle Amacker: Ja, also ich glaube, die Tabuisierung ist, wie du gesagt hast, Christine, der eine Pfeiler der Erklärung und wahrscheinlich der andere ist einfach so das Arbeitsethos insgesamt oder dass Personen – also das sieht man in den Daten deutlich – oder eben es gäbe Instrumente, aber das Pflichtgefühl oder auch das Verantwortungsbewusstsein spielt wahrscheinlich vieles hinein. Oder auch, so wie wir alle leistungsorientiert aufwachsen, oder das ist einfach auch, sich selber gegenüber zu sagen: «Ich glaube, heute brauche ich wirklich eine Pause oder mache ich einen halben Arbeitstag oder so». Sogar sich selber gegenüber kann man das nicht verantworten. Ich glaube, es spielt vieles zusammen, aber ich glaube das, was du gesagt hast, Christine, auf jeden Fall auch.
Frage zur Enttabuisierung
Mirjam Gasser: Und ihr habt es eben angesprochen, diese Frage der Enttabuisierung: Was müssen wir denn tun, damit wir dieses Thema enttabuisieren können? Also am Arbeitsplatz, aber auch ganz allgemein in der Gesellschaft. Was braucht es eurer Meinung nach?
Christine Bigler: Ja, also dass man eben über das Thema spricht. Ich meine, die Menstruation ist ein physiologischer Vorgang. Fast die Hälfte der Menschheit hat eine Menstruation. Ist auch nötig, um ein Kind zu bekommen, um sich zu reproduzieren. Und daher denke ich, man muss offen darüber sprechen können und es eben aus dieser Tabuisierung herausholen. Und ich denke schon, dass man jetzt diese Veranstaltung macht, zum Beispiel heute, ist eigentlich ein Schritt dazu, eben das Thema offen zu besprechen.
Michèle Amacker: Das reicht vielleicht schon. Ich glaube, wir fanden auch spannend, dass in der Literatur oder an verschiedenen Orten, dass es auch innovative Zugänge gibt, also, dass verschiedene Möglichkeiten genutzt werden, um überhaupt das Thema präsenter zu machen. Und auf unterschiedliche Bedürfnisse – ist ja eben auch nicht für alle gleich, was man sich wünscht, wie damit umgegangen wird, oder dass es eigentlich eine einen ganzen Strauss vielleicht braucht und nicht nur eine einzige Massnahme. Deshalb haben wir das im Bericht auch so festgehalten, dass wir das Gefühl haben, es braucht eher einen Bewusstseinswandel, aber insgesamt auch einen anderen Umgang.
Mirjam Gasser: Herzlichen Dank. Ich möchte die Diskussion gerne öffnen und Ihnen die Möglichkeit geben, auch Fragen zu stellen. An Michèle und Christine. Wir werden mit einem Mikrophon herumgehen. Ich bitte Sie, aufgrund der Aufnahme zu warten, bis Sie ein Mikrophon haben, bevor Sie Ihre Frage stellen.
Frage zur Einbeziehung von Männern in der Studie
Publikum 1: Vielen Dank für die Präsentation. Es ist wahnsinnig spannend und ich wünschte, das wäre vor vielen, vielen Jahren schon Thema gewesen. Aber lieber zu spät als nie. Und was mich brennend interessiert ist: Warum wurden denn die Männer ausgeschlossen? Also es ist keine Kritik, sondern weil ich sehr viel mit meinem Mann darüber rede. Also ich erziehe ihn sozusagen zu diesem Thema. Wäre das nicht auch eine Chance gewesen, die Männer darauf hinzuweisen oder zu sehen, was die für Erfahrungen haben mit ihren Partnerinnen und Schwestern, Tanten, Müttern usw.
Michèle Amacker: Vielen Dank für diese Frage. Ich glaube, hier ist noch einmal wichtig, dass wir betonen, dass es eben eine Auftragsstudie ist. Also, das heisst, wir sind ganz nahe – einfach zum ursprünglichen Auftrag zurück –, und das haben wir mit der Auftraggeberin auch so geklärt, dass es wichtig ist, dass die Idee dieses Forschungsauftrags war, eben wirklich nur in Anführungszeichen «betroffene Personen» zu befragen und nicht ein breiteres Stimmungsbild zu haben. Und da war einfach eine Einigung im Dialog – sag ich mal – mit der Auftraggeberin, dass man gesagt hat, man kommt am nächsten zu den Betroffenen, wenn man alle Personen erfasst, die im SAP als weiblich erfasst sind befragt und dann eben auch noch fragt: Wer hat denn regelmässig und starke Beschwerden? Das war ja auch noch einmal eine Eingrenzung. Es wurden ja auch nicht alle weiblich erfassten Personen generell befragt oder zu so einer Einstellung – also das war keine Einstellungsbefragung. Wie sieht man das mit dem Menstruieren oder wie wird in Teams damit umgegangen? Sondern wirklich Eine Befragung von Betroffenen. Es ging darum, das Ausmass genauer beziffern zu können. Also wie viele sind betroffen, in welchen Altersgruppen und wie wird dann damit umgegangen und was wünscht man sich? Welchen Bedarf sieht man? Oder reichen die vorhandenen Instrumente in der Stadt Zürich aus? Das war einfach so eine Einschränkung. Ich denke jetzt mal, das darf ich sagen, also wenn das nicht ein Auftrag gewesen wäre, denke ich, hätte man das breiter gefragt. Aber im Kontext von einer Auftragsstudie war das quasi die logische Folge der Auftragsstellung.
Livia Lardi: Und Fehlzeiten, also betroffen, Schmerzen und fehlen am Arbeitsplatz – weil das ist ja ein grosses Tabuthema. Man fehlt regelmässig. Wie gehe ich damit um? Wie erkläre ich das? Das war eigentlich dieser Dreischritt: Schmerzen, regelmässig und Fehlzeiten.
Daniel Leupi: Und wir wollten einfach die Betroffenen ins Zentrum stellen. Zuerst mal als ersten Schritt.
Mirjam Gasser: Haben wir weitere Fragen?
Frage zu zukünftiger Forschung
Frage 2: Vielen Dank für Ihre Arbeit und für die Resultate. Ich wollte fragen: Wenn ihr nur ein Wunsch hättet, was könnte man weiter forschen? Was wären die Fragen, die ihr nehmen würdet, wenn alles frei wäre – keine finanziellen Beschränkungen, nichts? Was würden Sie sich wünschen für zukünftige Forschungsfragen? Ich denke, es geht um die Gesundheit von Frauen, die unterforscht ist – das wissen wir. Also, das wäre für mich mehr: Wie kann man dieses Problem lösen? [...] Was wünschen Sie sich so, dass sich in 20 oder 30 Jahren etwas bewegt?
Christine Bigler: Ja, ich denke, es braucht, wie Sie gesagt haben, generell mehr Forschung, quasi mit einem Geschlechterfokus auf Gesundheit. Wir haben hier zwar jetzt schon das Instrument, der Schweizerische Nationalfonds, das nationale Forschungsprojekt zu Gendermedizin im Moment läuft. Aber ich denke, dort braucht es noch viel mehr. Weil vieles wissen wir schon, wissen wir gar nicht. Wenn wir jetzt auf das Thema Menstruation allgemein schauen, dann ist hier eine klare Forschungslücke. Also wir haben keine Zahlen, zum Beispiel ganz schweizerisch. Wie stark sind die Menstruationsbeschwerden? Wie viele Betroffene gibt es? Wie gehen die Menschen damit um, auch am Arbeitsplatz, auch zu Hause? Also, hier fehlen wirklich Daten, und ich denke, dort wäre es wirklich wichtig, auch weiter zu forschen, um zu zeigen, wie die Betroffenheit ist und was wir hier jetzt auch zum Beispiel nicht hatten. Wir haben ja bis zum Alter von 55 die Menschen befragt. Es wäre natürlich auch spannend, wenn wir gerade die Menopausen oder Perimenopausen Symptome auch mitfragen könnten – quasi, um ein grosses Bild zu haben.
Michèle Amacker: Also wir sind in Bezug auf Gesundheit und Geschlecht oder menstruelle Gesundheit und Geschlecht sind wir eben bescheiden, weil wir uns vor allem wünschen, dass es überhaupt weitergeht. Wir haben auch ein Forschungsprojekt beim Schweizerischen Nationalfonds eingegeben, damit wir schweizweit Daten sammeln können, weil eben systematische Daten einfach fehlen. Es gibt wirklich keine. Zürich hat jetzt einen einzigartigen Schatz an Daten hier. Also das gibt es sonst nicht. Das heisst, der Wunsch wäre schon, dass wir überhaupt weitergehen, auch wie Christine gesagt hat, im Bereich Geschlecht und Gesundheit. Also, wenn wir jetzt die Forschung mit Geldern vom Schweizerischen Nationalfonds schweizweit machen, würden wir sicher einige Begrenzungen, die wir hier hatten, noch versuchen aufzuheben, also mit einem nicht-binären Geschlechterbegriff arbeiten und verschiedene andere soziale Kategorien. Also ich, ich zum Beispiel forsche überwiegend auch im Tieflohnsektor, bin Arbeitssoziologin. Also ich denke, es wäre ganz, ganz wichtig, dass wir eben unterschiedliche Berufsgruppen ganz genau anschauen. Also wer hat wie die Möglichkeiten und kann es sich leisten, eben auch zu fehlen etc. oder Anpassungen zu machen? Wir haben das ja schon ein bisschen gesehen hier in der Zürcher Studie. Aber da könnte man noch weiter gehen usw. Einfach auch verschiedene Bedürfnisse noch genauer herausarbeiten.
Christine Bigler: Ich möchte noch ergänzend sagen, dass bräuchte natürlich, wenn man so eine Menstruationsdispens einführt, wirklich eine Evaluation, damit wir wirklich argumentieren können, was eine Dispens bringt oder eben nicht bringt. Das wäre sehr wichtig.
Hinweis zu neuem Verein
Publikum 2: Das ist genau, wie ich meine: Hier gibt es viele Frauen, alle interessiert an diesem Thema. Ich bin von einem neuen Verein Meno Swiss und wir fingen an, eine Studie über perimenopausale Frauen zwischen 40 und 50. So, wenn jemand Interesse hat, ich bin dann draussen. Vielen Dank.
Mirjam Gasser: Danke für den Hinweis. Wir haben weiter vorne noch eine Frage in der Mitte.
Frage zu negativen Reaktionen auf die Studie
Publikum 3: Vielen Dank für die spannende Präsentation. Ich war eine der Gemeinderätinnen, die dieses Postulat eigereicht haben. Und ich habe noch nie so viele positive Reaktionen auf einen politischen Vorstoss – oder irgendwie auf eine Aktion oder etwas – erhalten, das wir in den Medien gemacht haben. Es haben sich wirklich aus der ganzen Schweiz extrem viele Betroffene gemeldet, die froh waren, dass das Thema angegangen wird. Und gleichzeitig habe ich noch nie so viel Hass und Gewalt erhalten, per Mail und auch per Telefon. Also von Männern, die fanden, das ist das unnötigste Thema. Wie kann man es wagen, überhaupt dazu politisch etwas zu machen? Also das fand ich selbst ich – ich arbeite im Bereich geschlechtsspezifische Gewalt. Ich bin recht vertraut mit diesen Mechanismen. Selbst ich war überrascht über die Heftigkeit und die Ablehnung und den Hass, den dieses Thema auslöst. Also das fand ich wirklich, wirklich erstaunlich, wie viele vor allem Männer, dass das absolut letzte fanden und wie viel Wut das ausgelöst hat. Umso mehr zeigt es, dass es mega wichtig ist, dass wir darüber sprechen und dass es wirklich ein Thema ist, das extrem tabuisiert ist. Und ja, mega mega toll, dass es diese Studie gibt. Wie schon gesagt wurde, das ist so ein wichtiger Datensatz und eben auch so wichtig, gerade für Betroffene von starken Schmerzen, dass sie ernst genommen werden. Und hier noch meine Frage: Eben diese Überschneidung mit dem Sexismus – das wurde auch von den Medien teilweise dann auch aufgenommen – hat sich auch an diesen Reaktionen auf diesen politischen Vorstoss gezeigt. Könnt ihr da kurz noch etwas sagen? Ja, habt ihr das dann auch kategorisiert? In welche Richtungen von Sexismus – im Sinne von «nicht ernst nehmen» über bis hin zu irgendwelchen Stereotypen – habt ihr irgendwelche Kategorisierungen gemacht? Was für Formen von Sexismus sich da auch gezeigt haben?
Michèle Amacker: Nein, leider nicht. Das war nicht jetzt eben in der Fragestellung mit drin. Aber wir haben, das wurde auch in den Medien so aufgenommen. Wir haben dort vor allem Hinweise in den offenen Antworten gehabt. Viele Beispiele von Sexismus oder Diskriminierung in Zusammenhang – also teilweise sehr, sehr explizit – im Zusammenhang mit Menstruation. Aber wir hatten hier keinen Auftrag. Es war wahnsinnig viel Textmaterial, das könnte man aber kodieren und, genauso wie du gesagt hast, aufschlüsseln nach unterschiedlichen Formen von Diskriminierung oder Sexismus. Das haben wir aber im Rahmen dieser Studie nicht gemacht.
Mirjam Gasser: Haben wir weitere Fragen?
Frage zu zukünftigen Massnahmen
Publikum 4: Ja, danke. Mein Partner sagt immer, wenn wir solche Diskussionen führen: «Hätten Männer solche Schmerzen, wäre Problem schon längst gelöst, weil sie schon länger mehr Bildung hätten und schon viel mehr Gelder gesprochen würden für diese Forschungsmassnahmen.» Ich verfolge auch ein bisschen das Thema Endometriose, wo ja langsam auch so ein bisschen sich irgendwas tut. Ich habe so ein bisschen die Hoffnung, dass diese Resultate – die sprechen ja wahnsinnig stark für sich – ich meine 63 % muss man einfach so stehen lassen. Und ich habe mir auch überlegt: Die Schmerzmittel nehmen die Leute, die Frauen ja nicht – oder die menstruierenden Personen – ja nicht unbedingt, nur, weil sie arbeiten möchten, sondern weil sie auch den Tag überstehen möchten. Also hätte ich frei, nähme ich sie trotzdem. Aber zurück zu meiner Frage: Tut sich da was? Hoffentlich. Wissen Sie etwas darüber? Und können wir hoffen, dass diese Forschungszahlen vielleicht helfen? Dass sich da was tut. Also wirklich so die ganz offene Frage.
Mirjam Gasser: Aus Sicht der Stadt können wir dazu etwas sagen, was jetzt mit den Ergebnissen eben gemacht wurde oder was gemacht wird. Aber aus Forschungssicht, da würde ich wieder an euch übergeben, dass ihr vielleicht aus einer übergeordneten Perspektive noch etwas sagen könnt. Und dann möchte ich auch noch kurz Livia das Wort geben, um was Städtisches zu sagen?
Christine Bigler: Also ich kann vielleicht ein Beispiel geben, was gerade in Australien auch im politischen Prozess ist. Wir haben gesehen, dass eben diese Menstruationsdispens sehr unterschiedlich bewertet wird und dass man eben auch denkt, dass es zum Beispiel zu mehr Diskriminierung führen kann, wenn jetzt nur weibliche Personen eine solche Dispens beantragen könnten. Und in Australien ist gerade im Parlament – das heisst reproduktive Tage: zwölf Tage, die man nehmen kann, in Anspruch nehmen kann, für alle Geschlechter. Und hier geht es eben darum, dass es nicht nur auf die Menstruation gemünzt ist, sondern auch zur Vorsorgeuntersuchung, sei es zu einer Prostata- Vorsorgeuntersuchung oder zur Mammographie. Dass es eben über die ganze reproduktive Phase – also eben diese reproduktive Gesundheit von Männern und Frauen gleichsam – gestärkt wird. Und das ist eben nicht auf ein bestimmtes Geschlecht gemünzt wird. Das ist einmal ein Ansatz, der in Australien angegangen wird.
Mirjam Gasser: Spannend. Livia, darf ich dir noch kurz das Wort geben, dass du etwas sagen kannst, zu den städtischen Massnahmen jetzt aufgrund der Ergebnisse.
Livia Lardi: Kurz hast du gesagt, ja dann versuche ich es mal kurz zu halten. Uns ist es wichtig, dass wir auf ganz verschiedenen Ebenen Massnahmen formulieren. Und manchmal ist man erstaunt, dass es darum geht, dass Trampilot*innen beispielsweise den Zugang zu Toiletten zu sichern – also ein Menschenrecht. Ich muss doch auf die Toilette. Hygieneprodukte, Arbeitszeiten, längere Pausen, überhaupt darüber zu sprechen, Schulungen. Also wir versuchen wirklich auf verschiedenen Ebenen diesem Thema näher zu kommen. Und jede und jeder hat so ein bisschen, wie soll ich sagen, vielleicht auch ein bisschen Hemmungen oder wagt sich nicht so vor, dass wir da nicht so grob reingehen und wirklich eigentlich ganz viel Freiraum haben [...] Lange Rede, kurzer Sinn: Wir haben von anderen Arbeitgeberinnen gehört, die die Mensdispens einfach so eingeführt haben. Ich sage es mal ganz plakativ: Ohne diese Massnahmen – die kulturellen Massnahmen, mit darüber zu sprechen –, dass ganz wenig Gebrauch gemacht wird, weil Frauen, menstruierende Personen Angst haben, dass sie negativ konnotiert werden. Und was man auch nicht vergessen darf – das finde ich schon auch wichtig: Nicht jede Person möchte, dass die Arbeitgeberin verfolgen kann: Habe ich Mens? Habe ich sie nicht, wenn ich sie nicht mehr hab, bin ich schwanger, was auch immer. Das ist ein ganz sensibles Thema, vielschichtiges Thema, das wir auch versuchen mit verschiedenen Massnahmen anzugehen.
Daniel Leupi: Vielleicht noch eine kurze Ergänzung von meiner Seite: Wenn man sich jetzt sofort auf die Mensdispens konzentrieren würde, dann wäre die ganze Chance, die man jetzt hat, diese vielen Daten und diese Sensibilisierung – das Ansprechen der Vorgesetzten – wäre damit vertan. Dann konzentriert sich alles auf das – ich schliesse das nicht aus, dass man das irgendwann so macht. Wenn man dann sieht, dass die jungen Frauen ganz einen anderen Zugang haben zum ein Forschungsthema. Liegt das mehr an der biologischen Situation oder auch daran, dass die junge Generation ganz anders damit umgeht? – hat dann auch mit der Akzeptanz der Massnahme zu tun. Aber ich nehme das jetzt wahr als Datenschatz – dass man jetzt eine breite Diskussion lostreten kann und dann ist die Dispens eine Massnahme aber es braucht noch viel, viel mehr als das, weil die Dispens ist ja für die, – also aus meiner Wahrnehmung – für die, die besonders betroffen sind. Aber auch eben jederzeit Zeit Toiletten Zugang ist so oder so ein Thema, auch wenn eine Frau nicht so starke Schmerzen hat – und eben ganz breit fahren.
Mirjam Gasser: Herzlichen Dank für diese Einbettung. Haben wir noch weitere Fragen? Wir haben noch Platz für 1 bis 2 Fragen.
Frage zum Umgang mit Menstruationsbeschwerden
Frage 5: Ich weiss nicht, wie die anderen Frauen das erleben, aber ich habe seit 30 Jahren Menstruationsbeschwerden und ich hatte in allen Betrieben, wo ich gearbeitet habe, hatte ich mehr Tabuthemen mit den Frauen als mit den Männern. Also, wenn ich einen männlichen Chef angerufen habe und sage: «Ich bleibe zu Hause, ich habe sehr starke Schmerzen», dann kam: «Kein Problem. » Und bei den Frauen war: «Ich konnte auch arbeiten mit Schmerzen.» Und das finde ich... Jedes Mal so: «Ja, okay, du hast keine, schön für dich, aber wenn ich sie habe, dann verstehe ich, was ich verstehe. » Es gibt Männer, die es nicht verstehen. Aber in meinen 20 Jahren, wo ich arbeite, hatte ich mehr Mühe mit Frauen als mit Männern als Vorgesetzte. Also, sie haben das Verständnis – vielleicht haben Sie nicht Mitgefühl mit mir, aber Sie haben weniger Probleme gemacht. Also, wie steht ihr dazu? Was habt ihr davon erfahren?
Michèle Amacker: Also erforscht haben wir es nicht, genau diesen Mechanismus. Aber ich denke, aus der Geschlechterforschung generell könnte man vielleicht schon Hinweise finden auf dieses Phänomen: Also dass zum Beispiel – es hat vielleicht auch damit zu tun, mit dem, was ich vorher gesagt habe –,dass man, sage ich mal, als Frau oder als weiblich sozialisierte Person eben weiss, was hat das alles gebraucht, dass ich zum Beispiel Chefin wurde oder dass ich Professorin wurde. Und was habe ich mir alles nicht gegönnt? Oder wie wenig Pausen habe ich mir gegönnt? Und dann kommt jetzt eine jüngere Person und sagt mir – ich sage es jetzt einfach, es ist mir nie passiert, ist ein hypothetisches Beispiel –: «Ja, ich bleibe jetzt zwei Tage zu Hause, weil ich Bauchschmerzen habe». Könnte ich mir das so erklären. Oder dass man sich einfach, weil man so wahnsinnig kämpfen musste, auch für das, was man bekommt, sich quasi nichts geschenkt hat. Dass man dann in dieser Begegnung – oder dass da ein Mechanismus spielt –, dass man eben sich nicht einfühlen kann oder nicht einfühlen will und dass er fast bedrohlich ist, wenn das eine andere Person macht. Und der andere Mechanismus, dass eine männliche Person halt... Es wird häufiger nicht positiv aufgenommen, aber schön zu hören, dass es auch vorkommt. Aber da könnte ich jetzt, da spreche ich jetzt aber sehr auch aus eigenen Erfahrungen, dass es halt so etwas gibt wie ein Paternalismus oder ein von oben herab oder: «Du bist ja die schwache Person. Ja, ja, ruh dich mal aus». Eher mit dieser Geste. Oder das erlebt man zum Beispiel vielleicht auch, wenn man schwanger ist oder so, dass man aber einfach nicht so ganz ernst genommen wird: «Kannst schon Pause machen, aber vielleicht frag ich dich dann nicht für die Projektleitung». So in dem Sinne. Aber das hat ja nicht mit mir direkt etwas zu tun, wenn ich als männlich sozialisierte Person jetzt im Arbeitsalltag bin. Also, solche Mechanismen sind natürlich sehr komplex, aber das haben wir hier gar nicht untersucht. Ich kann nicht von dieser Studie sprechen, aber ich denke ja, das könnte ein Hinweis sein.
Christine Bigler: Und man sieht auch in der Literatur diese Normalisierung dieses Schmerzes, also dass der Menstruationsschmerz einfach normal wahrgenommen wird und es eben dann auch eigentlich abgesprochen wird, dass man sich ausruht oder frei machen muss.
Mirjam Gasser: Haben wir noch eine letzte Frage oder zwei?
Frage zum Kulturwandel in der Stadt Zürich
Publikum 6: Ja, geradezu zum Thema Kulturwandel habe ich das Gefühl, dass da noch einiges an Arbeit vor uns liegt. Hat die Stadt da schon Ideen angedacht? Denn ich denke, ohne die Sensibilisierung, egal ob männlich oder weiblich Vorgesetzte – scheint mir doch ein zentrales Thema hier, dass sich herauskristallisiert hat.
Livia Lardi: Ja, also, wir haben geschaut, was es alles schon gibt. Wir arbeiten viel mit Gefäßen. Also ein Beispiel. Die Chefinnenkonferenz. Als wenn man eigentlich schaut: Direktoren, Direktorinnen. Da haben wir gedacht, das ist ein guter Ansatz und top down mit einem Impulsreferat beispielsweise, dann auch in Schulungen, also dass wir Schulungen zur Verfügung stellen. Wir haben Leitfäden, Rückkehrgespräche. Also manchmal erlebe ich gewisse Vorgesetzte, die sind ein bisschen hilflos, weil sie nicht wissen: Wie soll ich es ansprechen? Das ist nicht mal böser Wille, die wissen nicht wie. Schulungen, Leitfäden, Sensibilisierungskampagnen – so denken wir, dass wir das ganz breit ausfahren und vom Konzept her gut überlegt, letztes Jar, dieses Jahr, nächstes Jahr gezielt mit gewissen Massnahmen die Stadt führt.
Mirjam Gasser: Genau, Daniel?
Daniel Leupi: Nur ein Beispiel: Für die Befragung haben wir sehr breit auch Plakate aufgehängt. Dem konnte man, glaube ich, gar nicht ausweichen, wo das der Fall war. Das hat man schon gezeigt, also hemmungslos zurzeit der Befragung und dass möglichst alle mitmachen. Und da konnten die Männer, glaube ich, was weiss ich, wo die alle hingen, aber man konnte dem nicht ausweichen.
Mirjam Gasser: Danke. Wir hatten noch eine Frage in der Mitte und dann vorne.
Frage zur altersbedingten Wahrnehmung von Menstruationsschmerzen
Publikum 7: Sie hatten erwähnt, dass es sowohl aus der Literatur klar ist, aber auch in dieser Studie, dass die Menstruationsbeschwerden und Schmerzen unterschiedlich wahrgenommen werden in verschiedenen Altersgruppen. Gibt es hier eine biologische Begründung dafür oder ist das, dass ältere Generationen diese Schmerzen eher akzeptieren?
Christine Bigler: Man sieht es wirklich, dass eben Jüngere verstärkt und unter Schmerzen leiden. Was genau der Grund ist, habe ich jetzt in der Literatur nicht gefunden. Das müsste man vielleicht noch mal spezifisch nachschauen, wieso das das so ist. Ich hatte gerade letzte Woche noch ein Gespräch mit einer Menopausen-Spezialistin, und sie hat mir gesagt, dass, wenn man jetzt sagt, dass 63 % haben starke und regelmässige Menstruationsbeschwerden, dass es eben auch eine Unterversorgung ist, eigentlich von diesen Menschen. Also, dass eben viele vielleicht auch noch in die Kategorie Endometriose gehören oder eben, dass auch Menstruationsbeschwerden erstens von der Person selbst normalisiert wird, aber auch in den gynäkologischen Praxen zum Teil einfach auch nicht wirklich wahrgenommen wird, auch nicht diskutiert wird und dass quasi die Person, die in die gynäkologische Praxis geht, das auch nicht anspricht, weil es eben normalisiert ist.
Michèle Amacker: Ja, ich glaube, das ist ganz wichtig, was du sagst. Christine Es gibt doch auch, ich muss mich korrigieren, wenn ich es nicht mehr richtig im Kopf habe. Aber ich glaube, Zahlen, die zeigen ab dem Moment, wo eine Person das aber als Problem für sich erkennt und etwas ändern möchte und zum Beispiel fachliche Hilfe bei einer Gynäkologin bei einem Gynäkologen sucht, wie lange es eigentlich bis zur Diagnosestellung geht, also wie komplex diese Prozesse sind. Das hat teilweise eben mit Unterversorgung oder mit ungenügender Forschung in gewissen Bereichen zu tun. Aber das es noch lange nicht heisst, dass nachher eine Lösung für das Problem da ist und dass die Komplexitäten eben teilweise sehr, sehr gross sind und dass man aber vielleicht da einen Effekt sieht, dass ab einem gewissen Alter vielleicht dann doch eine Besserung eintritt.
Christine Bigler: Also ich glaube, die Unterversorgung und das Nichtwissen sind sicher wichtige Hinweise. Plus die Normalisierung die du gesagt hast.
Frage zur Sensibilisierung
Publikum 8: Also, ich glaube, meine Frage schliesst sich da auch ein bisschen an. Wir reden über: Was können wir denn tun mit Mensdispens und abwesend sein? Und wir merken, wir nehmen Schmerzmittel. Aber am Fundament, an der Gesundheit, da fehlt es mir noch ein bisschen. Weil eigentlich ist das Ziel doch, dass es uns Frauen gut geht und dass wir gesund sind – und nicht, dass wenn wir leiden, dann geh einfach nach Hause und leide. Und da ist für mich so die Frage: Ist da auch irgendwas in Planung zum Sensibilisieren? Weil ich merke in meinem Umfeld, man weiss sehr wenig oder Frau weiss sehr wenig. Wie funktioniert überhaupt der Menstruationszyklus? Was passiert da? Und ich glaube, dass da auch ein ganz, ganz großer Hebel ist. Gerne, was eure Gedanken dazu sind – vielleicht auch aus der Forschung oder den offenen Fragen oder Antworten, die zurückgespiegelt kamen.
Christine Bigler: Ja, ich denke, da braucht es einfach noch sehr viel Gespräch und Aufklärung überhaupt über reproduktive Gesundheit. Und ich denke, wenn wir jetzt auch von der Geschlechtermedizin quasi herschauen, dann hat man wie der männliche Körper als die Norm genommen, und der weibliche Körper war eigentlich die Abnorm vom männlichen. Und man hat sehr viel Forschung an männlichen Zellen, männlichen Tieren gemacht und nicht an der Frau. Und dort hat man forschungsmässig schon ein Defizit, aber auch man hat weniger Forschung gemacht, auch bezüglich frauenspezifischer Erkrankungen. Also wir sind da wirklich einfach noch Jahre zurück und ich denke, es braucht erstens überhaupt verlässliche Daten, damit man dann überhaupt Massnahmen treffen kann. Und ich denke, dort muss einfach noch mehr Forschung geschehen, auch in der Prävention. Wir haben zum Beispiel fast keine geschlechtersensible Prävention in der Schweiz, und dort fehlen auch Daten. Wie macht man überhaupt eine geschlechtersensible Prävention oder geschlechtertransformative Prävention? Und ich glaube, dort braucht es wirklich noch sehr viel Arbeit.
Mirjam Gasser: Es gibt viel zu tun. Es wurde auch viel gesagt es ist ein grosser Schatz an Daten, die die Stadt jetzt hat. Und damit werden wir ganz bestimmt weiterarbeiten und dieses Thema auch weiter aufnehmen und bespielen. Ich danke ganz herzlich dem Stadtrat Daniel Leupi für die Begrüssung. Ich danke euch ganz herzlich für die Präsentation der spannenden Ergebnisse und ich danke Ihnen allen, dass Sie hier waren für Ihr Kommen und Ihr Interesse an diesem Thema. Und das Gespräch ist jetzt nicht beendet. Ich lade Sie nämlich gerne ein auf einen Apéro in der Galerie, um die Gespräche zu vertiefen. Und wenn Sie weiter informiert sein möchten darüber, was die Stadt, aber auch die Fachstelle für Gleichstellung tut, dann können Sie es dort hinten am Tisch oder online einschreiben für unsere Newsletter. Herzlichen Dank und weiterhin einen schönen Abend.